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Gemeinsam Hindernisse bewältigen

Mit einer Brailletastatur ist es auch Menschen mit Sehbinderungen möglich, am Computer zu arbeiten.
Foto: Martin Rehm

Ausbildung mit Behinderung – Reportage

Gemeinsam Hindernisse bewältigen

Atiye Büyüknarci (26) hat erfolgreich ihre Ausbildung bei der Stadt Bonn absolviert. Für abi>> schildert die blinde junge Frau, welche Unterstützungsmöglichkeiten sie in Anspruch genommen hat und wie sie sich im Ausbildungsbetrieb zurechtgefunden hat.

Freundlich und geduldig berät Atiye Büyüknarci Anrufer, die sich mit Bürgeranliegen bei der Stadt Bonn melden – zum Beispiel, weil sie Fragen zur Erneuerung ihres Personalausweises oder zur Ummeldung nach einem Umzug haben. Vor rund einem Jahr hat die blinde junge Frau ihre Ausbildung im mittleren Dienst abgeschlossen und arbeitet seither im Call-Center der Stadtverwaltung. Als technische Hilfsmittel nutzt sie ein Headset, eine Braillezeile (ein Computer-Ausgabegerät für blinde Menschen, das Zeichen in Blindenschrift darstellt) und ein Computersystem, das Texte in eine akustische Sprachausgabe umwandelt.

„Nach meinem Abitur habe ich zuerst ein Jurastudium begonnen, aber leider war das nichts für mich – wir mussten uns mit unglaublich viel Literatur befassen, was für eine blinde Person natürlich nicht einfach ist“, schildert Atiye Büyüknarci. Also traf sie für sich die Entscheidung, das Studium abzubrechen und eine Ausbildung zu beginnen. Da sie schon vor ihrem Studium ein Praktikum im Verwaltungs- und Landgericht Bonn absolviert hatte, wusste sie, dass Verwaltungsaufgaben spannend sein können. Deshalb traf sie sich mit dem damaligen Ausbildungsleiter der Stadt Bonn zu einem Gespräch. „Der Ausbildungsleiter riet mir zu einer Laufbahn im mittleren Dienst“, sagt die 26-Jährige.

Mobilitätstrainer beschreibt Wege

Ein Porträt-Foto von Atiye Büyüknarci

Atiye Büyüknarci

Foto: privat

Während ihrer Ausbildung von September 2014 bis Juli 2016 durchlief sie das Organisationsamt, ein Bürgeramt, eine Bezirksverwaltungsstelle sowie das Amt für Soziales und Wohnen. Um sich in den großen Verwaltungsgebäuden im Bonner Stadtzentrum und anderen Stadtteilen zurechtzufinden, erhielt sie Unterstützung von einem speziell ausgebildeten Mobilitätstrainer. „Er selbst prüfte die Wege zu den Haltestellen und innerhalb der Gebäude und übte sie mit mir: Dabei hat er mir alles genau beschrieben und mich auf Hindernisse wie etwa Säulen, Mülleimer oder Stufen hingewiesen“, schildert Atiye Büyüknarci. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Ausbildungsabschnitt begann und somit neue Strecken kennenlernte, musste sie diese mit ihrem Blindenstock üben. „Der Mobilitätstrainer sagte mir auch, wie ich mich am Bodenbelag oder an der Akustik orientieren kann.“ Als öffentliche Einrichtung ist das Stadthaus möglichst barrierefrei gestaltet – unter anderem weist ein Blindenleitsystem am Boden den Weg, außerdem gibt es an den Aufzügen ein Sprachausgabesystem. Startete ein neuer Ausbildungsabschnitt, musste Atiye Büyüknarci auch dafür sorgen, dass ihr eigens eingerichteter Computer rechtzeitig zu ihrem neuen Arbeitsplatz gebracht wurde.

Arbeitsassistenz

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) finanzierte ihr zusätzlich eine Arbeitsassistenz: „Ich brauchte jemanden, der mir die benötigten Dokumente bringt und sie am Computer für mich umwandelt.“ Die Berufsschule in Köln erreichte sie mithilfe eines Kollegen, der sie mit dem Auto mitnahm. „Normalerweise hätte ich einen Fahrdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Anspruch nehmen können, allerdings geht dieser nur bis zur Stadtgrenze“, berichtet die Angestellte. Auch in der Berufsschule erhielt sie Unterstützung. Zum Beispiel wurde ihr Kurs extra ins Erdgeschoss verlegt.

Nun, ein Jahr nach Ende ihrer Ausbildung, möchte Atiye Büyüknarci erst einmal im Call-Center weiterarbeiten. „Die Arbeit macht mir Spaß, weil ich den Anrufern meistens erfolgreich weiterhelfen kann. Später möchte ich mich weiterbilden und in den gehobenen Dienst aufsteigen.“

abi>> 18.08.2017