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Wie soll ich mich verhalten?

Frau läuft einen Bürogang entlang.
Ob Urlaub, Arbeitszeiten oder Krankmeldung – jeder Auszubildende hat Rechten und Pflichten, die er kennen sollte.
Foto: Martin Rehm

Rechte und Pflichten in der Ausbildung

Wie soll ich mich verhalten?

Während einer Ausbildung werden junge Menschen immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Dabei ist oft nicht ganz klar, welches Verhalten angebracht ist. Florian Kelch ist Ausbildungsberater bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken. Anhand fiktiver Szenarien erklärt er, welche Rechte und Pflichten Auszubildende haben.

1. Szenario: Angemessene Arbeiten

Vor acht Monaten hat Stefan (19) seine Ausbildung als Kaufmann für Tourismus und Freizeit in einem Reisebüro begonnen. Im Vorstellungsgespräch hatte ihm sein zukünftiger Chef vielseitige und spannende Aufgaben versprochen. Der Abiturient hatte sich deshalb sehr auf den Ausbildungsbeginn gefreut. Die Realität sieht jedoch anders aus: Stefan ist hauptsächlich dafür zuständig, Kaffee zu kochen und Kopien anzufertigen. Frustriert hat er beschlossen, sich beim Chef zu beschweren. Doch wie stellt er das am besten an? Und hat er überhaupt ein Recht darauf, seinem Frust freien Lauf zu lassen?

Das sagt der Ausbildungsberater:

Ein Porträt-Foto von Florian Kelch

Florian Kelch

Foto: IHK Nürnberg

Wenn Stefan mit der Ausbildung unzufrieden ist, sollte er in jedem Fall mit seinem Chef darüber sprechen. Der Chef hat somit die Chance, Stellung zu nehmen und sich zu erklären. Sicher würde Stefan das auch erwarten, wenn sein Chef mit ihm unzufrieden wäre. Seinem Frust sollte er im Gespräch aber nicht freien Lauf lassen, sondern die einzelnen Punkte lieber sachlich ansprechen. Selbstverständlich hat Stefan grundsätzlich die Pflicht, die Anweisungen des Chefs zu befolgen. Diese müssen allerdings dem Ausbildungszweck dienen. Gelegentliches Kaffeekochen und Kopieren gehört dazu, aber wenn er seit acht Monaten fast nichts anderes macht, ist das sicher nicht zulässig. Kommt er mit seinem Chef zu keiner Einigung, kann er sich auch an die Ausbildungsberater der für ihn zuständigen Industrie- und Handelskammer wenden, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

2. Szenario: Krankmeldung

Seit einigen Wochen macht die 17-jährige Nathalie eine Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin. Als sie eines Montagmorgens aufwacht, hat sie Fieber und schlimme Halsschmerzen. Nathalie möchte nun so schnell wie möglich zum Arzt gehen. Da sie aber noch keinen Führerschein hat, ist sie auf ihre Eltern angewiesen. Ihre Mutter bietet der Auszubildenden an, sie am Nachmittag zum Arzt zu fahren. Nathalie beschließt, sich wieder ins Bett zu legen und ihre Chefin erst anzurufen, wenn sie weiß, wann sie wieder zur Arbeit kommen kann. Ob das so klug ist?

Das sagt der Ausbildungsberater:

Nathalie könnte wegen dieser Entscheidung richtig Ärger mit ihrer Chefin bekommen, denn Azubis haben die Pflicht, ihren Ausbildungsbetrieb unverzüglich zu benachrichtigen, wenn sie krank sind und nicht zur Arbeit kommen können. Das macht man am besten telefonisch. Vielleicht bestehen auch firmeninterne Regelungen, wie man sich im Krankheitsfall zu verhalten hat. Wenn Nathalie unentschuldigt fehlt, wird sich ihre Chefin zudem Sorgen machen, ob ihr etwas passiert ist. Wenn sie noch nicht weiß, wie lange sie krank sein wird, ist das kein Problem. Diese Information liefert sie ihrer Chefin nach dem Arztbesuch einfach nach.

3. Szenario: Urlaubsplanung

Felix (20) hat schon immer davon geträumt, in die USA zu fliegen. Das Geld für diese Reise hat der angehende Bankkaufmann nun fast zusammen: Seine Oma hat sich angesichts seines erfolgreichen Abiturs sehr großzügig gezeigt, und zwischen Abitur und Ausbildungsbeginn hat er vier Monate lang in einem Supermarkt gejobbt. Wenn nun das erste Gehalt auf Felix‘ Konto landet, reicht es endlich für die lang ersehnte Reise. Zwei Wochen nach Ausbildungsbeginn beschließt er, Nägel mit Köpfen zu machen, die Reise zu buchen und sich gleich in den Urlaubskalender in seinem Betrieb einzutragen. Mit seinem Chef oder seinen Kollegen spricht Felix nicht über seine Urlaubspläne – schließlich stehen ihm ja laut Ausbildungsvertrag 30 Tage Urlaub zu. Ist sein Verhalten so korrekt?

Das sagt der Ausbildungsberater:

Felix‘ Chef und seine Kollegen werden sicher nicht erfreut sein, wenn er ohne Absprache seinen Urlaub festlegt. Wenn es richtig schlecht läuft, muss er die gebuchte Reise vielleicht sogar stornieren. Während der Probezeit und an Berufsschultagen darf er im Normalfall gar keinen Urlaub nehmen. Der Urlaubszeitpunkt wird in erster Linie vom Ausbildungsbetrieb festgelegt, wobei aber natürlich die Wünsche des Azubis berücksichtigt werden müssen. In der Regel wird dem Urlaubswunsch auch entsprochen, außer dringende betriebliche Belange sprechen dagegen oder andere Kollegen haben, zum Beispiel aus familiären Gründen, Vorrang.

4. Szenario: Arbeitszeugnis

Bald hat Julia (23) einen Meilenstein geschafft: Sie steht kurz vor den Abschlussprüfungen zur Industriemechanikerin. Ihr Ausbildungsbetrieb hat ihr zwar eine Übernahme in Aussicht gestellt, aber Julia möchte sich trotzdem lieber bei anderen Unternehmen bewerben. Schon drei Mal hat sie ihren Chef und die Personalabteilung gebeten, ihr ein Arbeitszeugnis auszustellen. Bis jetzt kam aber nichts bei ihr an. Julia ist mittlerweile ziemlich verärgert. Sie glaubt, dass ihr absichtlich kein Zeugnis ausgestellt wird, damit sie sich in keinem anderen Betrieb bewirbt. Wie kann sie sich verhalten?

Das sagt der Ausbildungsberater:

Das ist eine knifflige Situation für Julia. Das Ausbildungszeugnis kann nämlich auch erst am letzten Tag der Ausbildung ausgehändigt werden. Schließlich ist vom Zeitpunkt der Abschlussprüfung bis Ausbildungsende noch etwas Zeit, die das Unternehmen für die Einschätzung der Leistung benötigt. Allerdings ist Julias Lage auch verständlich. Bei Bewerbungen ist es immer besser, ein Arbeitszeugnis mitzuschicken. Ratsam wäre es, bei Personalabteilung und Chef nochmal nachzufragen, warum bisher kein Zeugnis ausgehändigt wurde. Wenn der Betrieb bisher keine Zeit hatte ein Zeugnis auszustellen, sollte sie nochmal auf den Grund der Dringlichkeit hinweisen. Grundsätzlich haben Unternehmen auf jeden Fall die Pflicht, zu Beendigung des Berufsausbildungsverhältnisses ein Zeugnis auszustellen.

5. Szenario: Überstunden

Timo (19) macht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Die Aufgaben machen ihm großen Spaß, die Kollegen sind nett und auch mit seinem Chef versteht er sich super. Kurz vor den Sommerferien herrscht in der Werkstatt Hochbetrieb, denn die Kunden möchten ihr Auto durchchecken lassen, bevor sie in den Urlaub fahren. An einem Dienstagnachmittag nimmt die Arbeit kein Ende. Es gibt noch so viel zu tun, dass der Chef Timo bittet, länger zu bleiben. Aber ausgerechnet an diesem Tag hat Timo eigentlich keine Zeit. Er wollte mit seinen Kumpels am Baggersee grillen. Er fragt sich, ob er verpflichtet ist, Überstunden zu machen. Oder kann er seinen Chef nun einfach im Stich lassen?

Das sagt der Ausbildungsberater:

Timo steckt in einer Zwickmühle, denn eine Pflicht zur Leistung von Überstunden besteht grundsätzlich nicht. Lediglich wenn im Arbeitsvertrag, in einer Betriebsvereinbarung oder im Tarifvertrag ausdrücklich etwas anderes geregelt ist, kann eine Pflicht bestehen. Bei Notfällen muss aber jeder volljährige Arbeitnehmer Überstunden leisten. Das gilt auch für Azubis wie Timo. Hohes Arbeitsaufkommen ist aber nicht zwingend ein Notfall. Andererseits gibt es im vorliegenden Beispiel ja einen guten Grund für die kurzfristigen Überstunden. Timos Chef und seine Kollegen wären sicher heilfroh, wenn er etwas länger bleibt.

abi>> 19.10.2016