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Auf der Jagd nach Talenten

Auf dem Foto ist ein Computerbildschirm zu sehen. Ein InDesign-Dokument ist geöffnet: Text und Fotos.
Auszubildende im Verlagswesen arbeite überwiegend am Computer.
Foto: WillmyCC

Trends in der Ausbildung

Auf der Jagd nach Talenten

Die demographische Entwicklung ist schuld: Bis 2020 soll die Zahl der Schulabgänger um elf Prozent sinken. Folglich wird es künftig auch weniger Auszubildende geben. Unternehmen müssen sich also etwas einfallen lassen, um qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen. Und das tun sie schon heute.

Das Verlagshaus Gruner + Jahr in Hamburg bietet potenziellen Azubis beispielsweise die Möglichkeit, mit einem Online-Self-Assessment unterschiedliche Bereiche des Unternehmens kennenzulernen. So erfährt man, wie festgelegt wird, ob eine Idee für ein Magazin wirklich markttauglich ist, kann ein eigenes Titelbild gestalten und überlegen, mit welchen Abo-Beigaben man die Zahl der Abonnenten erhöhen könnte. Interessierte Schulabgänger können so einen ersten Einblick in das Verlagsgeschäft und die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten dort bekommen.

Madlen Golla hat inzwischen mehr als nur einen ersten Einblick in das Verlagshaus. Die 22-Jährige ist im dritten Ausbildungsjahr zur Medienkauffrau und hat sich ganz bewusst für Gruner + Jahr entschieden. Dass ihr der kreative Schub fürs Schreiben fehlt, konnte sie schon während eines Schülerpraktikums bei der Zeitung feststellen. Aber die Branche und der kaufmännische Teil interessierten sie und so hat sie sich – nach einem Praktikum bei einem Radio-Vermarktungsunternehmen in Kiel – bei dem Hamburger Medienhaus beworben. Gruner + Jahr gibt unter anderen die Zeitschriften Neon, Stern, Geo, Gala, Eltern und Brigitte heraus. „Ich dachte, das muss ja spannend sein, mit 500 Titeln und 15.000 Mitarbeitern in 30 Ländern“, erinnert sich die Auszubildende.

Jährlich gehen über 1.000 Bewerbungen bei Gruner + Jahr ein, gern gesehen sind Online-Bewerbungen. Madlen Golla hatte Glück: Sie wurde zum Assessmentcenter nach Hamburg eingeladen und hat Gespräch, Test, Fallstudie und Gruppendiskussion erfolgreich gemeistert. „Es war mein erstes Vorstellungsgespräch und es hat gleich geklappt“, freut sie sich. Ihre Ausbildung wird sie im Januar 2012 abschließen. „Ich will dann gerne ein halbes Jahr arbeiten und hätte aber auch noch Lust zu studieren“, sagt sie. Medienwirtschaft zum Beispiel – denn der Anzeigen-Bereich hat es ihr angetan. Sie wird den Kontakt zu Gruner + Jahr aber auf jeden Fall halten und kann sich gut vorstellen, wieder zurückzukehren.

Abiturienten sind gefragt

Und genau das ist es, was Unternehmen wollen: „Das duale System hat Interesse daran, gerade seinen Führungsnachwuchs aus dem Kreis studienberechtigter Schulabgänger zu rekrutieren“, sagt Dr. Joachim Ulrich, Ausbildungsmarktexperte am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Die Betriebe schätzen Eigenschaften wie Eigenständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Zielstrebigkeit oder ganz schlicht den Führerschein, den die etwas Älteren mitbringen.

Um Abiturienten zu rekrutieren, tun Unternehmen einiges. Beispiel Einzelhandelskaufleute: Manche Unternehmen, wie beispielsweise die Rewe Markt GmbH, Ikea und Karstadt, haben eigene Abiturientenprogramme, in denen sich die Azubis mit Abitur neben der Ausbildung gleich zum Marktmanager beziehungsweise zum Handelsfachwirt weiterqualifizieren können. Andere Unternehmen rechnen damit, dass „ihre“ Azubis nach der abgeschlossenen Ausbildung noch studieren wollen – und setzen darauf, dass die jungen Frauen und Männer als Bachelor und Master zu ihnen zurückkehren. Unterstützung erhalten die ehemaligen Azubis auch vom Bund: Besonders leistungsfähige Absolventen einer dualen Berufsausbildung werden in die Begabtenförderung berufliche Bildung aufgenommen und drei Jahre lang mit insgesamt bis zu 5.100 Euro bei einer Weiterbildung oder einem berufsbegleitenden Studium unterstützt. 2009 haben mehr als 6.100 Berufstätige ein solches Weiterbildungsstipendium erhalten. Rund 47 Prozent der Stipendiaten hatten die Hochschulreife.

„Hinter all diesen Maßnahmen steckt die Frage: Wie kriege ich die besten Leute?“, meint Dieter Romann aus der Abteilung Berufsorientierung der Bundesagentur für Arbeit. Ein wichtiges Thema, denn „der Zuwachs des Ausbildungsplatzangebotes wird größer ausfallen als der Zuwachs der Ausbildungsplatznachfrage“, heißt es im Berufsbildungsbericht 2011 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Und weiter: „Damit werden sich die Ausbildungschancen der Jugendlichen insgesamt weiter verbessern.“ Positive Aussichten also für alle zukünftigen Abiturienten.

Das hat demographische Gründe: Es gibt immer weniger junge Menschen. Die Zahl der 18-Jährigen wird bis 2020 insgesamt um 18 Prozent zurückgehen, das Bundesministerium für Bildung und Forschung prognostiziert einen Rückgang der Schulabgänger mit Fach- oder Hochschulreife von 281.000 im Jahr 2010 auf 264.000 im Jahr 2020. Bei Real- und Hauptschulen zeigt sich das noch deutlicher.

„Wir raten unseren Betrieben, die Chance zu nutzen und sich jetzt mit Bewerbern mit Abitur einzudecken“, sagt Udo Göttemann, der bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken für die Berufsausbildung zuständig ist. Möglicherweise ist es die letzte Chance für die Betriebe, um einem drohenden Fachkräftemangel zu entgehen. „Die Betriebe tun sich künftig schwerer, passgenaue Bewerber zu finden oder ihre Lehrstellen überhaupt zu besetzen“, berichtet der Ausbildungsexperte.

2009 hatten laut Berufsbildungsbericht rund 20 Prozent der Neu-Azubis Abitur. Die meisten Abiturienten wählen eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Hoch im Kurs stehen die Industrie- und Bankkaufleute sowie Kaufleute im Groß- und Außenhandel. Unter den Top Ten finden sich außerdem Fachinformatiker und Steuerfachangestellte mit Azubi-Anteilen mit Studienberechtigung von jeweils über 50 Prozent sowie die Ausbildung zum Hotelfachmann bzw. zur -fachfrau mit rund einem Viertel.

Innovative Recruiting-Methoden

Abiturienten richten ihre Wahl stark am Image von Berufen aus, erklärt Joachim Ulrich vom BIBB. Die neuen, anspruchsvollen Dienstleistungsberufe – Stichwort Medienberufe und IT – sind sehr beliebt, während das Handwerk oft vergebens sucht. Dabei verlangt eine spätere Meisterqualifikation nach Köpfchen und bietet zudem den Reiz der Selbstständigkeit.

Diesen neuen Herausforderungen begegnen Unternehmen auf unterschiedliche Weise: Sie präsentieren sich bei Azubi-Messen, öffnen ihre Türen bei Infotagen oder veranstalten ein Speed-Dating mit künftigen Azubis. Auch das Internet wird ausgiebig genutzt: Ikea beispielsweise hat eine eigene Azubi-Webseite. Darauf erzählen Auszubildende in Blogs und Podcasts von ihrer Ausbildung, beantworten Fragen von Interessenten in einem Azubi-Chat oder berichten in kleinen Videoclips, wie ihr Arbeitsalltag abläuft. Auch Klein- und Mittelbetriebe pflegen inzwischen Kontakte zu Schulen, senden ihre Fachleute in den Unterricht und bieten Praktikumsplätze an.

Zunehmend wird auch die Kombination von Ausbildung und Studium in Form von dualen Studiengängen gesucht – und angeboten. 2010 gab es insgesamt 776 duale Studiengänge und 50.732 dual Studierende. Zum Vergleich: 2004 waren es 512 Studiengänge und 40.982 Studierende. Der Vorteil einer solchen Kombination aus Theorie an der Hochschule und Praxis im Unternehmen: „Die studierenden Auszubildenden verdienen und haben so schon anderthalb Beine im Unternehmen“, sagt Dieter Romann von der Bundesagentur für Arbeit. Die Betriebe wiederum nutzen die Chance, leistungsstarke Kräfte an sich zu binden.

abi>> 08.08.2011