Kaufleute verstehen etwas von Zahlen – und noch mehr von Menschen. Denn in den rund 50 Berufen, die mit einer kaufmännischen Ausbildung erlernt werden können, ist der Kontakt zu Kunden und Lieferanten tägliche Übung. Anika van Ewijk liebt ihren Beruf genau deshalb. Sie ist im dritten Lehrjahr zur Kauffrau im Gesundheitswesen und wird bei der Techniker Krankenkasse in Berlin ausgebildet. Heute wird sie Familienversichertenbögen prüfen: Stimmen die Angaben noch? Können die Kinder weiter mitversichert bleiben? Dann wird sie E-Mails bearbeiten und im Interessentenpool aktuelle Anfragen beantworten. „Das ist sehr abwechslungsreich, meine Erwartungen sind übertroffen worden“, sagt die 21-Jährige.
Nach dem Abitur wollte sie „lieber etwas Handfestes“ lernen als zu studieren. Sie sah eine Anzeige, bewarb sich und fing bei der TK an. In den vergangenen beiden Jahren hat sie das Bestandsgeschäft kennengelernt, externe Praktika in Apotheke und Krankenhaus gemacht, war in verschiedene Dienststellen abgeordnet und hat auch in der Kündiger-Rückgewinnung gearbeitet. Papierkram? Den gilt es natürlich auch zu erledigen, vor allem aber gibt es viel Kundenkontakt: übers Telefon, wenn sie im Innendienst arbeitet, und ganz persönlich, wenn sie im Außendienst Familien, Firmen und Hochschulen besucht und neue Kunden wirbt. Anika van Ewijk, die jeden Tag aus Oranienburg nach Berlin pendelt, möchte nach der dreijährigen Ausbildung gern bei der Krankenkasse bleiben. „Die Arbeitsstelle hat oberste Priorität“, sagt sie. Weiterbildung oder Studium sind bisher noch nicht geplant.
Solide Grundlage, gute Chancen
Dabei steht die Ausbildung in einem der kaufmännischen Berufe gerade auch wegen der guten Weiterbildungsmöglichkeiten – etwa in den Bereichen Logistik, Handel, Touristik oder Immobilien – bei Abiturienten so hoch im Kurs. Denn wer sich nach der Ausbildung zum Fachwirt weiterbildet, erreicht Betriebswirt-Ebene, und wer ein betriebswirtschaftliches Studium dranhängt, startet auf solider Grundlage.
Jeder fünfte Auszubildende startet nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK mit Allgemeiner oder Fachhochschulreife in eine kaufmännische Ausbildung. Besonders beliebt sind die Industrie-, Bank- und Versicherungskaufleute sowie Kaufleute im Groß- und Außenhandel, hier beträgt der Abiturientenanteil über 50 Prozent. Woran das liegt? Für die Abiturienten hat eine solche Ausbildung zahlreiche Vorteile: Sie können die Lehre je nach Arbeitgeber bei guten Leistungen verkürzen, verdienen schon Geld, lernen ihren Arbeitgeber kennen und können auf gute Übernahmechancen hoffen.
Die Anforderungen steigen
Doch der hohe Abiturientenanteil hat noch einen weiteren Grund: die große Nachfrage seitens der Unternehmen aufgrund gestiegener Anforderungen. Der technische und gesellschaftliche Wandel, die wachsende Bedeutung von Medien und Informationsverarbeitung haben auch einen Einfluss auf die Aufgabenfelder in den kaufmännischen Berufen, wie Rainer Brötz, Experte beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB), bestätigt: „Zunächst einmal beobachten wir, dass zunehmend kommunikative und soziale Fähigkeiten von den Kaufleuten erwartet werden – sei es im Gespräch mit Kunden oder in der Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern, den Beschäftigten und Vorgesetzten. Zu den gestiegenen Anforderungen gehört außerdem, dass die Auszubildenden verstärkt selbstständig handeln und eigenverantwortlich Entscheidungen im Rahmen der Unternehmensziele treffen müssen.“ Auch Datenverarbeitung und IT seien aus dem kaufmännischen Arbeitsprozess nicht mehr wegzudenken – ein sicherer Umgang mit Datenbanken, Word, Excel und Powerpoint sowie Kenntnisse im Bereich Internetrecherche bildeten daher eine weitere Schlüsselqualifikation. „Technikeinsatz und kommunikative Fähigkeiten stehen im engen Zusammenhang mit den fachlichen Kompetenzen, der Kenntnis der Unternehmensabläufe und -strukturen sowie der Fähigkeit, die Produkte und Dienstleistungen zu vermarkten und zu vertreiben“, erläutert Rainer Brötz die Ergebnisse verschiedener BiBB-Studien.
Gefragt sind eine schnelle Auffassungsgabe, gute Umgangsformen und meist fortgeschrittenes Englisch. Deshalb suchten die Arbeitgeber gezielt nach Abiturienten, sagt auch Simon Grupe, Referatsleiter für kaufmännische und Dienstleistungsberufe beim DIHK: „Der Kampf um die Guten ist entbrannt.“
Nach den eigenen Interessen entscheiden
Was man mitbringen muss, um zu den „Guten“ zu gehören, zählt Daisy Gärtner, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur in Dresden, auf: intellektuelle und zeitliche Flexibilität, ein selbstbewusstes Auftreten und ein umgängliches Wesen sowie die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten. Aber sie mahnt: „Für die Interessenten ist wichtig, dass sie sich an ihren Interessen und Fähigkeiten orientieren.“
Weil die Bandbreite der kaufmännischen Ausbildungen so groß ist, sollte das keinem schwer fallen: Über altbekannte Berufe – wie etwa Büro-, Versicherungs- und Hotelkaufleute – hinaus hat sich das Feld in den vergangenen Jahren differenziert. Da gibt es unter anderem Veranstaltungskaufleute, die für Messen, Catering-Unternehmen oder auch das Jugendamt vielfältige Events organisieren, oder Sport- und Fitnesskaufleute, die in Vereinen, Fitnessstudios oder Sportschulen arbeiten, während Medienkaufleute Digital und Print in Medienhäusern und im Großhandel mit Büchern und Zeitschriften eine Aufgabe finden. Und der Einzelhandel bietet Abiturienten sogar Sonderausbildungen an, an deren Ende die Absolventen mit doppeltem Abschluss gleich auf mittlerer Führungsebene starten und etwa eine Discounterfiliale leiten.
Wer solche Fähigkeiten besitzt, ist gefragt. Im wirtschaftlichen Aufschwung der Jahre 2010/2011 ist die Nachfrage nach Kaufleuten wieder deutlich gestiegen, sagt Judith Wüllerich vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. Insbesondere die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Werbefachleute, Speditionskaufleute, Groß- und Einzelhandelskaufleute sowie Bürokaufleute habe zugenommen. Zurückgegangen ist dagegen die Beschäftigtenzahl in Bankberufen, Tourismusberufen sowie der Verlagskaufleute. „Auch die kaufmännischen Berufe sind konjunkturabhängig“, erklärt die Arbeitsmarktexpertin. Dennoch sollten sich Interessierte nicht sorgen: Die Gesamtzahl der Beschäftigungsverhältnisse ist groß, die Arbeitslosigkeit vergleichsweise niedrig, und außerdem können Kaufleute „relativ gut wechseln und ihre Grundkompetenz in einer anderen Branche einbringen.“





