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Von Amnesty bis Bundeswehr

Bücherregal mit Verlagsveröffentlichungen. Foto: Alex Becker
Ohne Fachliteratur geht's nicht: Politikwissenschaftler sollten gerne lesen.
Foto: Alex Becker

Politikwissenschaftler

Von Amnesty bis Bundeswehr

Politikwissenschaftlern bietet sich aktuell ein guter Arbeitsmarkt mit vielen Einsatzmöglichkeiten. Ob in der Wissenschaft, bei Verbänden, Kommunen oder in einem Wirtschaftsunternehmen: Der Einstieg gelingt häufig über Praktika und Projekte.

Neu, recycelt, gebraucht? Während Konsumenten bei ihrer Kaufentscheidung etwa für eine Wandfarbe oft Gütesiegel für Nachhaltigkeit auf den Produkten finden, sind sie bei vielen technischen Produkten auf sich alleine gestellt. „Bei einem Smartphone finden sich selten Hinweise darauf, wie umweltverträglich das Handy ist oder welchen CO2-Fußabdruck es hinterlässt“, erzählt Jan Pollex. Der 27-Jährige ist nicht etwa Umweltingenieur oder IT-Experte, sondern Politikwissenschaftler. Er promoviert im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück, wo er unter anderem am Projekt „EcoInnovateIT“ mitarbeitet.

Was das mit Politik zu tun hat? „Wir schauen uns im Kern an, welche politischen Überlegungen hinter bestimmten Adressierungen an Konsumenten stehen“, erklärt er. Warum etwa gibt es harte Eingriffe in Form von Schockbildern auf Tabakwaren, mit denen eine Verhaltensänderung bewirkt werden soll? Auf anderen Produkten hingegen findet man nur „sanfte, positive“ Hinweise wie etwa das Gütesiegel „Blauer Engel“ auf einer Wandfarbe. Hier sollen Konsumenten zu umweltbewusstem Kaufen motiviert werden. „Dabei sind sowohl Umweltschutz als auch Gesundheit essentielle Themen unserer Zeit. Sie werden aber politisch anders bearbeitet“, weiß Jan Pollex.

Reizvolle Wissenschaft

Als Politikwissenschaftler formulieren er und seine Teamkollegen relevante Fragestellungen und stellen Hypothesen dazu auf. Anschließend recherchieren sie, führen Interviews, werten Daten aus. Die Ergebnisse veröffentlichen sie und präsentieren sie auf Konferenzen. Eine Studie kann dabei oft Jahre dauern.

Im aktuellen Projekt durchforstet Jan Pollex Datenbanken der EU für europäisches Recht, schaut sich den Verlauf vom ersten Gesetzesvorschlag bis zur Verabschiedung an, führt Interviews mit politischen Akteuren, etwa mit Verwaltungsbeamten der EU, und tauscht sich mit Teamkollegen aus. „Es ist ein selbstbestimmtes Arbeiten, bei dem ich mich mit Themen befasse, die mich wirklich interessieren. Das macht Wissenschaft so reizvoll“, schwärmt Jan Pollex.

Seinen Bachelor und Master in Politikwissenschaft absolvierte er an der Universität Leipzig, wobei er zunächst auf Lehramt studierte: „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mich politische Fragestellungen einfach mehr interessieren als englische Literatur“, sagt der 27-Jährige. Als Lehrer mit Kindern zu arbeiten, kann er sich momentan nicht vorstellen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Studierenden zu arbeiten, hingegen sehr gut. Der Zeit nach der Promotion sieht er entspannt entgegen: „Ich kenne viele Kommilitonen, die ganz unterschiedliche, aber spannende Jobs haben.“

Politologen „an Bedeutung gewonnen“

Wie Jan Pollex als Wissenschaftler zu arbeiten, ist nur eine Option von vielen. Politikwissenschaftler sind Generalisten (siehe Interview „Was macht Politikwissenschaftler für Arbeitgeber interessant?“) und kommen in ganz unterschiedlichen Bereichen unter: Bei Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International oder Greenpeace koordinieren sie Projekte, treten für die Positionen der NGOs ein, erarbeiten Petitionen und kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit. In den Verwaltungen von Städten, Kommunen und Ministerien, aber auch an Hochschulen besetzen sie Stabsstellen und treiben Projekte voran. Auch die Bundewehr, Museen oder Verlage kommen als Arbeitgeber in Frage.

„Absolventen der Politikwissenschaften haben, gemessen an der Entwicklung der Erwerbstätigen mit einem entsprechenden Studienabschluss, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen“, fasst Ralf Beckmann von der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit die Situation zusammen. Ein Blick in die Statistik: Laut Mikrozensus waren 2016 etwa 70.000 Politologen in Deutschland tätig. „Gegenüber 2007 ist das fast eine Verdoppelung“, sagt der Arbeitsmarktexperte.

Wenige Stellenangebote

Rund 1.800 Arbeitslose, die einen Abschluss der Politikwissenschaften vorweisen, suchten 2016 schwerpunktmäßig Aufgaben in Büro und Sekretariat, in der Öffentlichkeitsarbeit, im Journalismus, in der Unternehmensberatung oder in der Projektleitung. Hinzu kamen 800 Arbeitslose, die eine Tätigkeit explizit als Politologen anstrebten.

Verglichen mit anderen Akademikern fiel die Arbeitslosenquote bei den Politikwissenschaftlern mit 4,3 Prozent überdurchschnittlich hoch aus. „Zwar gab es mit 42 Prozent einen deutlichen Anstieg an gemeldeten Stellen, die sich gezielt an Politikwissenschaftler wandten, aber insgesamt war die Nachfrage nach wie vor gering“, sagt Ralf Beckmann. Bundesweit hatte die Bundesagentur für Arbeit 2016 und 2017 monatlich jeweils nur 40 einschlägige Arbeitsstellen im Angebot. Aus diesem Grund gelingt der Berufseinstieg häufig nur über Projektmitarbeit oder Praktika, die dann in eine längerfristige Anstellung münden können.

Beliebtes Studienfach

Ungeachtet der geringen Zahl an Stellenangeboten stößt das Studienfach Politikwissenschaft auf großes Interesse. So waren im Wintersemester 2015/16 fast 30.000 Studierende in diesem Fach eingeschrieben. Das waren etwas mehr als im Vorjahr (plus 0,5 Prozent) und gleichzeitig die höchste Einschreibungszahl im Fach Politik seit 2003. Die Zahl der Absolventen im Fach Politikwissenschaft fiel 2015 wiederholt etwas kleiner aus als im Vorjahr (minus 1 Prozent). Rund 4.700 Studierende legten erfolgreich eine Abschlussprüfung ab, davon gut jeder Zweite in einem Bachelorstudiengang.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter: Politik, Politologie).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter: Politik, Politologie).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen (Suchwörter: Politik, Politologie).
http://kursnet-finden.arbeitsagentur.de

BERUFETV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit
www.berufe.tv

Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft

www.dvpw.de

Deutsche Vereinigung für Politische Bildung

www.dvpb.de

Bundeszentrale für Politische Bildung

Website mit zahlreichen Beiträgen rund um Politik, Demokratie und politische Mitarbeit.
www.bpb.de

 

abi>> 18.01.2018