Zwischen Klinik und Praxis

Junge Frau arbeitet an einem Mikrokop.
In der Medizin ist es sehr wichtig, über ein breites Grundlagenwissen zu verfügen.
Foto: Nicole Schwab

Humanmediziner – Hintergrund

Zwischen Klinik und Praxis

Von der Landarztpraxis bis zum Universitätsklinikum, von der Augenheilkunde bis zur Urologie – der Arztberuf bietet vielfältige Karrierechancen.

Derzeit arbeite ich auf der HNO-Kinderstation. Dort werden geplante Eingriffe wie zum Beispiel an den Rachenmandeln vorbereitet, die dann am nächsten Tag im OP-Saal stattfinden. Ich darf diese Operationen auch selbstständig unter Aufsicht eines Facharztes durchführen“, erklärt Dr. Anke Mertens.

Die 33-jährige Assistenzärztin absolviert seit 2012 in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie des Universitätsklinikums Magdeburg das fünfte Jahr ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Hals-, Nasen und Ohrenheilkunde (HNO) – unterbrochen von zwei Elternzeiten. Ihr Arbeitstag beginnt meist um 7 Uhr mit der Frühbesprechung: „Es folgt die Visite, bevor ich entweder im OP stehe oder die Patienten auf der Station behandle.“

Abwechslung und Vielfalt

Ein Porträt-Foto von Anke Mertens

Dr. Anke Mertens

Foto: Elisabeth Mertens

Ihre Arbeitstage verlaufen meist sehr abwechslungsreich: „Ich nehme zum Beispiel neue Patienten auf, untersuche sie per Ultraschall und schreibe Entlassbriefe. An manchen Tagen arbeite ich in der Klinikambulanz.“ Gegen 16 Uhr endet ihr Dienst. „Überdies bin ich jeden Monat für bis zu sechs Bereitschaftsdienste mit je 24 Stunden Dauer eingeteilt. Nach 16 Uhr und an den Wochenenden werden hier vor allem Notfälle versorgt“, ergänzt sie. Zur HNO kam sie erst im Praktischen Jahr, das im letzten Jahr des Medizinstudiums stattfindet. An diesem Bereich gefiel ihr besonders die Vielfältigkeit.

Breites Grundlagenwissen ist wichtig

„Ich wollte schon immer Medizin studieren und klinisch arbeiten“, erinnert sich Anke Mertens. Ihr Humanmedizinstudium in Magdeburg begann sie 2005 und schloss es Ende 2011 mit der Approbation ab. Während des Studiums famulierte sie in Magdeburg und in der Schweiz, das heißt, sie absolvierte dort das für angehende Ärzte vorgeschriebene Praktikum. 2013 promovierte sie im Fach Mikrobiologie. „Mein Studium vermittelte mir das für meine Arbeit unabdingbare medizinische Grundlagenwissen über alle Fachrichtungen. Heute aktualisiere ich es kontinuierlich mit Fortbildungen.“

Entscheidend für ihren Beruf sind für sie: „Kommunikations- und Teamfähigkeit sowie eine rasche Auffassungsgabe. Dazu kommt eine hohe körperliche Belastbarkeit – auch für die regelmäßigen Nachtdienste. Außerdem gilt es, sich einerseits empathisch auf unterschiedliche Patienten einzulassen und sich gleichzeitig von ihrem Schicksal abzugrenzen.“ Ihre Facharztausbildung wird sie voraussichtlich 2020 abschließen.

Vollbeschäftigung trotz Anstiegs der Arbeitslosen

Wie Dr. Anke Mertens arbeiteten laut Mikrozensus 2017 insgesamt rund 381.000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Sozialversicherungspflichtig angestellt waren laut Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2018 rund 253.000 Ärzte. Die Zahl der arbeitslosen Ärzte stieg 2018 gegenüber dem Vorjahr um 300 oder sieben Prozent an – bei einem Jahresdurchschnitt von 4.800 Arbeitslosen. „Dabei gibt es in den Großstädten vergleichsweise viele arbeitslose Humanmediziner, während zahlreiche Stellenangebote im ländlichen Raum unbesetzt bleiben. Zugleich bewegt sich die Arbeitslosenquote allerdings mit rund einem Prozent auf Vollbeschäftigungsniveau. Die Mehrheit beendet innerhalb von weniger als drei Monaten die Arbeitslosigkeit“, erläutert Claudia Suttner, Arbeitsmarktexpertin bei der BA. „Wie im Vorjahr wurden 2018 der BA 5.000 neue Stellenangebote gemeldet. Der monatsdurchschnittliche Stellenbestand belief sich auf 2.000 Angebote.“

Im Trend: Arbeiten als angestellter Arzt

Immer mehr Ärzte arbeiten als Angestellte – auch im ambulanten Bereich. „Die Zahl der Angestellten wächst in den letzten Jahren deutlich stärker als die Zahl der Ärzte insgesamt, zuletzt um drei Prozent“, bestätigt Arbeitsmarktexpertin Claudia Suttner. Nach der Ärztestatistik 2018 der Bundesärztekammer (BÄK) waren 39.816 der 157.288 ambulant tätigen Ärzte angestellt – über 25 Prozent. 2013 betrug dieser Anteil lediglich 15,3 Prozent – rund 22.300 von knapp 146.000 Ärzten in der ambulanten Versorgung. Eine Anstellung ist demnach besonders für ambulant tätige Frauen im Arztberuf eine Option. Denn 2018 waren laut BÄK fast 35 Prozent der 71.876 Ärztinnen in ambulanten Praxen angestellt.

Der Arztberuf im Generationenwechsel

Zugleich nimmt die Teilzeitarbeit unter den angestellten Ärzten zu: 2018 war es jede vierte angestellte ärztliche Fachkraft – vor zehn Jahren nur jede sechste. „Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist heute nicht ausschließlich für weibliche, sondern auch für immer mehr männliche Ärzte wichtig“, stellt Dr. Andreas Botzlar klar. Er ist zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes e. V., dem Berufsverband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte.

Die jüngste Mitgliederbefragung des Marburger Bundes – der MB-Monitor 2017 – bestätigte, dass eine Arbeitszeitreduktion bis zu 75 Prozent einer Vollzeitbeschäftigung auch für Männer infrage kommt. Und: „Wir stehen mitten in einem tiefgreifenden Generationenwechsel in der Ärzteschaft“, bringt es Dr. Andreas Botzlar auf den Punkt.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter: Arzt, Medizin).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwort: Medizin).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen (Suchwort: Medizin).
kursnet-finden.arbeitsagentur.de

Berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Informationen zu medizinischen Berufen findest du beispeilsweise im Teilberufsfeld „Humanmedizin“.
berufsfeld-info.de

Bundesärztekammer, Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern

www.bundesaerztekammer.de

Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd)

www.bvmd.de

Deutscher Ärztinnenbund e.V.

www.aerztinnenbund.de

Hartmannbund e. V.

www.hartmannbund.de

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) KdöR

www.kbv.de

Marburger Bund e.V.

www.marburger-bund.de

NAV-Virchow-Bund, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.

www.nav-virchowbund.de

Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands e.V.

www.vlk-online.de

 

Arzt für Allgemeinmedizin

Lotse im Gesundheitssystem

Moderne Medizin für Patienten im ländlichen Raum zugänglich machen – mit dieser Motivation hat sich Dr. Johannes Guggenmos (43) als Allgemeinarzt in der Ärztegemeinschaft Au niedergelassen – mitten im bayerischen Hopfen-Eldorado Hallertau.

Mein Arbeitstag beginnt schon am Vorabend“, erklärt Dr. Johannes Guggenmos, „Dann bereite ich mich auf die Patiententermine des nächsten Tages vor.“ Je nach Dienstplan beginnt seine Sprechstunde gleich um 8 Uhr, manchmal aber auch erst gegen Mittag. „Wir haben das Prinzip der Terminsprechstunde eingeführt. So haben wir genug Zeit für jeden Patienten und niemand muss länger als 15 Minuten warten. Zwischen den festen Terminen behandle ich Akutfälle, die sich morgens gemeldet haben. Dazu kommt eine tägliche Telefonsprechstunde, um beispielsweise Laborbefunde zu erklären.“

Eine durchdachte Praxisorganisation ist alles

Ein Porträt-Foto von Dr. Johannes Guggenmos

Dr. Johannes Guggenmos

Foto: Reinke Foto

Etwa 20 Prozent seiner Arbeitszeit entfallen auf organisatorische Aufgaben, die er sich mit den vier anderen ärztlichen Mitinhabern der Ärztegemeinschaft teilt: „Ich bin für die Praxisorganisation, Personalthemen und unsere Website zuständig, während sich ein Kollege beispielweise mit Abrechnungsfragen befasst.“ Dafür bespricht sich der 43-Jährige regelmäßig mit einer Mitarbeiterin zur Dienstplanung oder zu den Praxisabläufen. „Bei einer Praxis unserer Größe und Ausstattung ist eine durchdachte Organisation besonders wichtig“, stellt er klar. In Au arbeitet er seit Januar 2018 – zunächst als angestellter Arzt: „Seit 1. Juli 2018 bin ich Mitgesellschafter mit eigener Krankenkassenzulassung, einem Arztsitz und an meinem beruflichen Ziel angekommen – zumal wir als Akademische Lehrpraxis der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München auch ärztlichen Nachwuchs ausbilden.“

Auf Umwegen zum Hausarzt

Dabei kam er auf Umwegen zum Hausarztberuf. Nach seinem Humanmedizinstudium an der LMU München und der Approbation absolvierte er ab 2004 eine sechsjährige Weiterbildung zum Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit Stationen in Deutschland und im Universitätsklinikum in Jerusalem. „Ich war schon im Studium in Israel und habe dort 2001 mein Praktisches Jahr verbracht“, erinnert er sich. 2010 kehrte er als Klinikarzt nach Deutschland zurück: „Dort wurde mir klar, dass das umfängliche Erfassen des ganzen Patienten meine große Stärke ist. Als Plastischer Chirurg hätte ich diese Vorstellung nur eingeschränkt leben können.“ So nutzte er 2014 die neu geschaffene Quereinstiegsmöglichkeit der Bayerischen Landesärztekammer. Dabei können Ärzte mit einer abgeschlossenen Facharztausbildung in zwei Jahren den Facharzt für Allgemeinmedizin erwerben.

Zugang zur modernen Medizin eröffnen

„Nach einer Hospitanz in einer Münchner Praxis entschied ich mich für diesen Weg“, erklärt er, „In meiner Weiterbildungszeit war ich immer in Kontakt zu einem Niederlassungsberater der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und erfuhr so vom freien Arztsitz in Au, wo der damalige Praxisinhaber einen Nachfolger suchte.“ Schließlich beschloss er, sich dort als Hausarzt niederzulassen: „Mit ausschlaggebend dafür war, dass Patienten auf dem Land eher zögern, hochspezialisierte medizinische Fachabteilungen zu nutzen. Als Allgemeinmediziner sichere ich die primäre Versorgung meiner Patienten und stelle dank meines Netzwerks zudem die entscheidenden Weichen für ihre Weiterversorgung im Gesundheitssystem.“ Für seinen beruflichen Neustart erhielt er staatliche Fördermittel für die Niederlassung im ländlichen Raum.

Fachliche Expertise und Organisationstalent

Drei Fähigkeiten sind für ihn entscheidend, um als Allgemeinarzt erfolgreich zu sein: „An erster Stelle steht medizinisches Können, um jederzeit sicher kritische Entscheidungen zu treffen. Dazu kommen Stressresistenz und Multi-Tasking-Fähigkeiten für die sich ständig ändernden Anforderungen. Schließlich ist ein ausgeprägtes Organisationstalent ein Muss. Alle drei Faktoren sind wichtig, um Patienten die angemessene Wertschätzung entgegenzubringen – und damit nicht nur Mediziner, sondern ein guter Arzt zu sein.“

 

Facharzt für Augenheilkunde

Medizin auf Augenhöhe

Die Beschwerden der Patienten, die Christian Theinert (34) als niedergelassener Augenarzt in Leipzig behandelt, sind vielfältig. Dazu gehören auch Fehlsichtigkeiten und trockene Augen.

Bevor sich die Patienten bei mir vorstellen, führen die medizinischen Fachangestellten (MFA) Voruntersuchungen durch. Sie prüfen beispielsweise die Sehschärfe oder geben Augentropfen zur Pupillenerweiterung“, beschreibt Christian Theinert einen typischen Behandlungsablauf. „Viele Beschwerden machen beispielsweise die erste Brille nötig oder basieren auf Schwierigkeiten mit Kontaktlinsen, wozu ich die Patienten dann berate“, erklärt der Augenarzt.

Mit der Spaltlampe Augenstrukturen erkennen

Ein Porträt-Foto von Christian Theinert

Christian Theinert

Foto: privat

Für seine Untersuchungen nutzt er unter anderem die Spaltlampe: „Dabei handelt es sich um ein Mikroskop, mit dem ich Augenstrukturen wie die Horn- und Bindehaut inspiziere.“ Sein Arbeitstag beginnt um 8 Uhr: „Bis um 9 Uhr bieten wir eine Sprechstunde für Akutfälle ohne Termin an.“ Dringende Notfälle, wie zum Beispiel Verletzungen, werden aber während der gesamten Sprechstunde eingeschoben. „Montagnachmittags findet unsere Kindersprechstunde statt. Oft geht es bei den jungen Patienten um eine beginnende Kurzsichtigkeit. Heute gibt es einige Möglichkeiten, das Voranschreiten dieser Fehlsichtigkeit zu verlangsamen“, weiß er. Als Augenarzt arbeitet er auch mit anderen Berufs- und Fachgruppen zusammen: „Dazu gehören zum Beispiel Diabetologen, wenn es um die durch Diabetes verursachte Netzhauterkrankung geht.“

Sprechstunde und Bereitschaftsdienst

An drei Wochentagen dauert seine Sprechstunde bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 13 Uhr. „Hinzu kommt der augenärztliche Bereitschaftsdienst, den ich als niedergelassener Arzt etwa einmal im Monat entweder wochentags nach dem Ende der Sprechzeit bis 23 Uhr oder am Wochenende zwischen 8 Uhr und 20 Uhr leiste.“ Christian Theinert arbeitet seit Dezember 2016 als angestellter Facharzt für Augenheilkunde in einer Leipziger Gemeinschaftspraxis mit mehreren Standorten und insgesamt sieben Augenärzten. Zum Praxisteam gehören MFA sowie eine Orthoptistin, die sich auf die Entwicklung des Sehens bei Kindern sowie Krankheiten im Zusammenhang mit Augenbewegungen, umgangssprachlich als Schielen bezeichnet, spezialisiert hat. „In einer Praxis unserer Größe sind die meisten administrativen Aufgaben zentralisiert. So kann ich mich auf meine ärztliche Tätigkeit konzentrieren und bereite lediglich die Abrechnung vor“, ergänzt er.

Mehr Lebensqualität mit einfachen Mitteln

Zur Augenheilkunde kam er im Lauf seines Humanmedizinstudiums von 2004 bis 2010 an der Technischen Universität (TU) Dresden: „Mir war es einerseits wichtig, dass mir mit meinem Fachgebiet später die Möglichkeit einer Niederlassung offenstand. Andererseits gefiel mir das vielseitige und sich dynamisch entwickelnde Fach, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mit relativ einfachen Mitteln wie einer Brille meinen Patienten zu mehr Lebensqualität verhelfen kann.“ So verbrachte er zwei Monate seines Praktischen Jahres in der Augenklinik des Universitätsklinikums Dresden beziehungsweise in einer Universitätsklinik in Perth, Australien. „Die Augenheilkunde ist ein sehr spezialisiertes und beliebtes Fach. Daher ist es wichtig, bereits im Studium entsprechende praktische Erfahrungen zu sammeln, wenn man diese Facharztrichtung einschlagen möchte“, stellt er klar. Für seine Facharztausbildung ging er an die Augenklinik des Universitätsklinikums Leipzig, die er im Oktober 2016 abschloss. Zudem absolvierte er 2016 die Europäische Facharztprüfung „Fellow of European Board of Ophthalmology (FEBO)“.

Rasche Auffassungsgabe und Einfühlungsvermögen

„Wichtig für den Augenarztberuf ist eine rasche Auffassungsgabe, damit ich sicher und schnell ein Erkrankungsbild einschätzen und eine Therapieentscheidung treffen kann. Dazu kommt viel Einfühlungsvermögen, um als gut Sehender die Anliegen von schlecht sehenden Patienten nachzuvollziehen“, erklärt er, „Fundiertes fachliches Know-how einschließlich des physikalischen Verständnisses der am Sehvorgang beteiligten Strukturen versteht sich von selbst.“ Zu seinen weiteren beruflichen Zielen gehört unter anderem: „Ich möchte meine Expertise im Bereich trockenes Auge und Hornhauterkrankungen vertiefen. Hier eröffnen sich gerade spannende neue Behandlungsmöglichkeiten.“

 

Humanmediziner – Interview

Arztberuf als Spiegel der Gesellschaft

Was muss man für den Arztberuf mitbringen? Und wie wird sich dieser in Zukunft entwickeln? abi>> sprach mit Dr. med. Andreas Botzlar. Der Mediziner ist zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes.

abi>> Herr Dr. Botzlar, welche persönlichen Voraussetzungen sind für den Arztberuf entscheidend?

Andreas Botzlar: Aufgrund der Verschiedenheit der ärztlichen Fachgruppen bestehen jeweils ganz unterschiedliche Anforderungen. Generell ist es wichtig, naturwissenschaftliches Verständnis sowie vor allem ein gewisses Maß an Empathie und Interesse am Menschen als Ganzes mitzubringen. Dazu kommt Aufgeschlossenheit für gesellschaftliche Entwicklungen. Eine große Rolle spielen überdies Resilienzfaktoren, denn ein Drittel der Medizinstudierenden berichtet bereits zum Physikum über Überlastungssymptome. Umso wichtiger ist es, frühzeitig persönliche Strategien zum Umgang mit dem hohen Leistungsdruck zu entwickeln.

abi>> Welche Weichenstellungen während der Ausbildung sind für den Berufseinstieg relevant?

Ein Porträt-Foto von Dr. Andreas Botzlar

Dr. Andreas Botzlar

Foto: Marburger Bund

Andreas Botzlar: Insgesamt dauern Medizinstudium und Weiterbildung zum Facharzt rund zwölf Jahre. Daher ist es schwierig, von der heutigen Situation auf zukünftige Karriereaussichten zu schließen. Um später beruflich erfolgreich zu sein, empfiehlt es sich, eine Fachrichtung zu wählen, die den eigenen Vorlieben entspricht – statt sich allein am aktuellen Bedarf zu orientieren. Dabei kann es vielleicht eine Rolle spielen, ob man sich später niederlassen möchte, was für einen Allgemeinarzt beispielsweise einfacher ist als für einen Neurochirurgen.

abi>> Was ist für eine erfolgreiche Karriere als Arzt ausschlaggebend?

Andreas Botzlar: Neben Engagement und fachlichem Können sind es eine Vielzahl wenig selbstbestimmbarer Einflüsse. Entscheidend ist daher erneut das persönliche Interesse: Nur was jemand gerne macht, macht er auch gut und erfolgreich.

abi>> Welche Entwicklungen beeinflussen heute und künftig die ärztliche Tätigkeit?

Andreas Botzlar: Zum einen zeichnet sich ein Spezialisierungstrend ab, der auch von den Patienten eingefordert wird. Zum anderen verändert sich gerade die Rolle nichtärztlicher Heilberufe, was sich auf die künftige Aufgabenteilung in der Patientenversorgung auswirken kann. Das Trendwort Telemedizin (Anm. d. Red.: etwa Patientengespräche via Videochat) betrifft absehbar einen eher kleinen Teil der Ärzteschaft. Viel mehr verändern neue wissenschaftlich-technische Erkenntnisse die ärztliche Arbeit. Sie können neuartige Diagnose- und Therapiemöglichkeiten eröffnen und so Tätigkeitschwerpunkte verschieben. Auch mit dem Faktor Wirtschaftlichkeit werden Ärzte bei ihrer Arbeit konfrontiert. Im Sinne einer guten Medizin ist es für die Ärzteschaft elementar, hier eine entschiedene ethische Haltung zu vertreten und die ärztliche Unabhängigkeit zu betonen.

 

Humanmediziner – Personalerstatements

Beste Karriereaussichten im Arztberuf

Was erwarten Personalverantwortliche von Humanmedizinern? Dazu drei Antworten aus dem Klinikbereich.

Edeltraud Bernhard, Vorständin bei der Medical Park AG:

Ein Porträt-Foto von Edeltraud Bernhard

Edeltraud Bernhard

Foto: privat

In unseren 13 Rehabilitationskliniken und drei ambulanten Gesundheitszentren beschäftigen wir derzeit rund 270 Ärztinnen und Ärzte. Sie arbeiten in der Patientenversorgung in allen unseren Fachgebieten – von der Orthopädie, Sportmedizin und Neurologie über die Innere Medizin mit Kardiologie und Onkologie bis hin zur Psychosomatik. Derzeit suchen wir für alle Bereiche Humanmediziner – insbesondere für unsere Schwerpunktindikationen Orthopädie und Neurologie. Unser Bedarf hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund unseres starken Unternehmenswachstums deutlich erhöht. Je nach persönlichen Voraussetzungen bieten wir eine klinische Karriere vom Assistenzarzt in der Facharztweiterbildung über den Oberarzt bis zum Chefarzt. Als Premium-Reha-Anbieter ist es unser Anspruch, unsere Patienten optimal zu betreuen und ihre Gesundheit zu stärken. Daher erwarten wir von Humanmedizinern neben den unabdingbaren fachlichen Qualifikationen eine Reihe weiterer Fähigkeiten. Dazu zählen Empathie genauso wie Einsatzfreude und Kommunikationsstärke. Wichtig ist uns Teamfähigkeit, da am erfolgreichen Rehabilitationsprozess viele Heilberufe beteiligt sind. Die Ärzte stehen heute zudem vor der Aufgabe, immer ältere Patienten zu versorgen, die immer früher aus Akutkliniken in die Rehabilitation entlassen werden. Daher schätzen wir wissenschaftliche und organisatorische Kompetenzen, um neue Therapiekonzepte mitzuentwickeln.

Jan Hauke, Geschäftsbereichsleiter Personal beim Universitätsklinikum Magdeburg:

Ein Porträt-Foto von Jan Hauke

Jan Hauke

Foto: Lindner

In unserer Universitätsmedizin mit 1.100 Betten und 27 Kliniken sowie 28 Instituten beziehungsweise zugeordneten Bereichen arbeiten knapp 4.300 Beschäftigte – darunter 400 von 500 Ärztinnen und Ärzte direkt in der Patientenversorgung. Neben der typischen ärztlichen Tätigkeit übernehmen Humanmediziner bei uns auch organisatorische Verantwortungsbereiche. Dazu zählen beispielsweise das OP-Management und Medizin-Controlling, die Hygiene oder das medizinische Risiko-Management. Ein erhöhter Bedarf besteht derzeit generell bei ausgebildeten Fachärzten sowie in einigen internistischen Fächern wie der Nephrologie, Pneumologie und Gastroenterologie genauso wie in der Labormedizin und Radiologie. Als Personalverantwortliche achten wir besonders auf die formellen Qualifikationsanforderungen – das heißt, Nachweise für die Approbation und Facharztprüfungen. Dazu kommen fachliche und persönliche Kriterien, die spezifisch für die jeweils einstellende Klinik sind. In der Universitätsmedizin ist zum einen eine klassische klinische Karriere möglich: vom Assistenzarzt in der Weiterbildung über den Facharzt, den Oberarzt, den Stellvertreter der ärztlichen Leitung und den Chefarzt bis schließlich zum Ärztlichen Direktor. Daneben steht bei uns eine wissenschaftliche Karriere in der medizinischen Forschung und Lehre mit einer Habilitation.

Dr. Zineb Miriam Nouns, Leiterin Zentraler Dienst Akademie & Talentmanagement bei der Helios Kliniken GmbH und Geschäftsführerin der Helios Bildungszentrum Berlin GmbH:

Ein Porträt-Foto von Dr. Zineb Miriam Nouns

Dr. Zineb Miriam Nouns

Foto: privat

Als privater Krankenhausbetreiber mit 86 Kliniken, 126 Medizinischen Versorgungszentren und zehn Präventionszentren beschäftigt Helios rund 12.000 Humanmediziner. Sie arbeiten bei uns sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Verwaltung – etwa im Medizin-Controlling – oder im Management. Wir suchen derzeit nach Humanmedizinern auf allen Karrierestufen und in allen Fachgebieten. Besonders hoch ist der Bedarf in der Chirurgie und Psychiatrie wie auch in der Gynäkologie und der Pädiatrie. Neben den obligatorischen fachlichen Qualifikationen, wie der Approbation oder später der Facharztqualifikation, sind uns persönliche Kompetenzen wichtig. Dazu zählen Teamfähigkeit, Führungsqualitäten sowie eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit, um beispielsweise dem zunehmend informierten Patienten adäquat zu begegnen. Angesichts der Dynamik im Gesundheitswesen ist ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft und Flexibilität einschließlich eines Bewusstseins für wirtschaftlich-rechtliche Rahmenbedingungen wichtig für eine erfolgreiche Karriere als Mediziner. Wir bieten unseren jungen Ärzten begleitende Entwicklungsprogramme für klinische Karrieren bis hin zum ärztlichen Klinikdirektor. Interessierte haben außerdem die Möglichkeit, in Managementpositionen einzusteigen, die bis zum ärztlichen Regionalgeschäftsführer oder zum Geschäftsführer Medizin führen können.

 

Infografiken

Arbeitsmarkt Humanmediziner

Wie viele Studienanfänger gab es in den letzten Jahren bei den Humanmedizinern? Wie viele Studierende bestanden die Abschlussprüfungen? Und wie hoch sind die Arbeitslosenzahlen? Verschaffe dir mit den abi>> Infografiken einen Überblick.

 

 


Diese Beiträge im abi-Portal könnten dich auch interessieren:

  • Medizin auf Augenhöhe

  • Arztberuf als Spiegel der Gesellschaft

  • Beste Karriereaussichten im Arztberuf

  • Lotse im Gesundheitssystem

Logo Bundesagentur f�r Arbeit
Stand: 21.09.2019