Alles, was Recht ist

Beruf: Wirtschaftsjurist; Matthias Weisbrich sitzt mit Unterlagen an seinem Arbeitsplatz; aufgenommen am Donnerstag (17.10.13) bei BMW Financial Services, Heidemannstrasse Muenchen
Immer mehr Juristen sind außerhalb von Kanzleien tätig. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist gut.
Foto:Jörg Koch

Juristen

Alles, was Recht ist

Juristen können nicht nur als Richter, Staatsanwälte oder Rechtsanwälte arbeiten, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Ausschlaggebend ist oft die Examensnote.

Eigentlich wollte Sören Pruß Richter werden und entschied sich deswegen für das Jurastudium an der Universität Marburg. Dort lernte er in seinem Schwerpunkt jedoch das Unternehmensrecht intensiv kennen – und fand Gefallen daran. „Nach meinem Referendariat, in dem ich auch in der freien Wirtschaft arbeitete, war für mich klar, dass ich als Unternehmensjurist arbeiten wollte“, erinnert sich der 33-Jährige.

Kaufen, verkaufen, fusionieren

Ein Porträt-Foto von Sören Pruß

Sören Pruß

Foto: Sabine Olschner

Nach einigen Jahren in einer internationalen Großkanzlei, in der er sich auch mit Gesellschaftsrecht befasste, wechselte er zum Versicherungskonzern Talanx in Hannover. „Ich bin in der Abteilung ‚Mergers & Acquisitions‘ und befasse mich mit ähnlichen Aufgaben wie in der Kanzlei: mit Unternehmenstransaktionen. Jetzt begleite ich allerdings den gesamten Prozess statt nur einen Teil.“ Unternehmenstransaktionen? Vereinfacht heißt das, Sören Pruß ist dabei, wenn internationale Tochterunternehmen des Versicherers gekauft, verkauft oder zusammengeschlossen werden. Er verhandelt mit Investmentbanken, Anwaltskanzleien in den entsprechenden Ländern und der Gegenseite. Außerdem entwirft er Verträge und berät sich mit dem Management der betroffenen Unternehmen.

„Alle ein bis zwei Monate bin ich für meine Arbeit auf Reisen. Englisch ist bei meiner täglichen Arbeit Pflicht“, erzählt er. Seine Praktika und die wissenschaftliche Mitarbeit in einer Kanzlei nach dem ersten Staatsexamen haben ihn gut auf seine Aufgaben in einem Wirtschaftsunternehmen vorbereitet. „Und natürlich muss man als Unternehmensjurist auch sehr gute Rechtskenntnisse in Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht haben“, betont der 33-Jährige.

Zahl der Stellenangebote auf Rekordniveau

Immer mehr Juristen sind wie Sören Pruß außerhalb von Kanzleien und Behörden tätig. „Insgesamt ist die Zahl erwerbstätiger Juristen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen“, berichtet Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit. Die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem sehr geringen Niveau und ging 2016 weiter leicht zurück. „Gleichzeitig stieg die Zahl der gemeldeten Stellenangebote auf Rekordniveau. Das dürfte vor allem mit dem gestiegenen Personalbedarf bei der Bearbeitung von Asylanträgen zusammenhängen“, vermutet der Experte. Rund 339.000 Erwerbstätige mit einem Jura-Abschluss waren laut Angaben des Statistischen Bundesamtes 2015 in Deutschland tätig – fast ein Viertel mehr als zehn Jahre zuvor. „Allerdings sind nur zwei von drei Personen, die einmal Jura studiert haben, aktuell mit juristischen Aufgabenstellungen betraut“, sagt Ralf Beckmann.

Examensnoten spielen (noch) sehr große Rolle

Johanna Eyser, Mitglied im Vorstand der Rechtsanwaltskammer Berlin und dort für die Juristenausbildung zuständig, nennt als Einsatzgebiete neben dem Staatsdienst – also als Richter oder Staatsanwalt – Anwaltskanzleien, Unternehmen, Behörden und die Politik. Auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder Steuerberatungskanzleien greifen gerne auf Juristen zurück, ebenso Unternehmen der freien Wirtschaft.

„Hier unterscheidet man zwischen Unternehmensjuristen und sogenannten Syndikus-Rechtsanwälten“, erklärt die Kammersprecherin. Nur Letztere dürfen für das Unternehmen als Rechtsanwalt vor Gericht auftreten. Unternehmensjuristen haben in der Regel keine Anwaltszulassung und bearbeiten daher nur intern Rechtsfragen. Hier werden häufig auch – wie auch in der Verwaltung – Bachelor- und Masterabsolventen eingestellt, während Anwälte, Richter, Staatsanwälte und eben Syndikus-Rechtsanwälte zwingend zwei Staatsexamina nachweisen müssen. Das Besondere bei den Volljuristen, die das zweite Staatsexamen bestanden haben: Die Examensnoten spielen beim Berufseinstieg eine sehr große Rolle. Um im Staatsdienst oder bei Großkanzleien zu arbeiten, werden in der Regel „Prädikatsexamen“ vorausgesetzt – was in den meisten Bundesländern in der Regel mindestens neun von maximal 18 möglichen Punkten in den Staatsexamen entspricht. Man spricht dann häufig auch von „vollbefriedigend“. Dies erreichen jedoch nur 15 Prozent aller Absolventen. „Langsam ändern sich allerdings die hohen Ansprüche an die Noten“, weiß Johanna Eyser. „Denn derzeit gibt es einfach zu wenige Juristen, um den Bedarf des Marktes zu decken.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit für Berufe mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter: Jura, Recht).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter: Jura, Recht).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Ausbildungen suchen (Suchwörter: Jura, Recht).
http://kursnet-finden.arbeitsagentur.de

BERUFETV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit

www.berufe.tv

Bundesrechtsanwaltskammer

www.brak.de

Deutscher Richterbund e.V. (DRB)

www.drb.de

Deutscher Anwaltverein e.V.

www.anwaltverein.de

VDA – Verband Deutscher Anwälte e.V.

www.verband-deutscher-anwaelte.de

 

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Juristen – Personalerstatements

Gute Noten entscheidend?

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Hedwig Kaschube, Leiterin Personalreferat bei der Bundesnetzagentur

Ein Porträt-Foto von Hedwig Kaschube

Hedwig Kaschube

Foto: Bundesagentur für Arbeit

Wir beschäftigen Juristen zum einen im Justiziariat, das die Bundesnetzagentur vor Gericht vertritt, zum anderen in fast allen Organisationseinheiten, wo sie zum Beispiel Regulierungsfragen oder Fragen zum Netzausbau bearbeiten. In der Mehrzahl stellen wir Volljuristen ein, also Juristen mit dem zweiten Staatsexamen, da diese breiter einsetzbar sind. In den Organisationseinheiten arbeiten aber auch Bachelor- und Masterabsolventen. Unsere Mitarbeiter können im Laufe der Jahre die Bereiche wechseln, daher legen wir bei allen die gleichen Auswahlkriterien an: Sie müssen teamfähig und offen dafür sein, interdisziplinär zu arbeiten. Sehr gute Noten spielen bei uns weniger eine Rolle, aber die beiden Staatsexamen müssen mit mindestens einem Befriedigend abgeschlossen sein. Wir trauen auch jungen Menschen schon verantwortungsvolle Aufgaben zu.

Thorsten Ashoff, Europa-Personalchef bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells

Ein Porträt-Foto von Thorsten Ashoff

Thorsten Ashoff

Foto: Corporate Communications

Wir beraten in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts und suchen für alle Praxisgruppen nach geeigneten Kandidaten. Wir stellen vornehmlich Anwälte ein, die ihr Jurastudium mit zwei Prädikatsexamen abgeschlossen haben (siehe Hintergrund „Alles, was Recht ist“) und außerdem fließend Englisch sprechen. Gern gesehen sind ein LL.M.-Abschluss (Anm. d. Red.: ein Postgraduiertenabschluss, der meist an Hochschulen in englischsprachigen Ländern erworben wird) oder eine Promotion sowie weitere Fremdsprachenkenntnisse. Nur wenige Bewerber erfüllen diese Kriterien – zugleich konkurrieren wir mit anderen internationalen Kanzleien, Unternehmen und der Justiz um die besten Talente. Unsere Anwälte arbeiten vom ersten Tag mit Kollegen an spannenden Mandaten für weltweit tätige Unternehmen mit. Viele werden nach wenigen Jahren zum sogenannten Senior Associate und später zum Counsel befördert. Besonders leistungsbereiten Anwälten winkt die Aufnahme in die internationale Partnerschaft.

Maximilian Löchter, Pressereferent bei der Stadt Dortmund

Ein Porträt-Foto von Maximilian Löchter

Maximilian Löchter

Foto: Stadt Dortmund

Bei Bewerbern mit Jurastudium sind uns vor allem gute Abschlussnoten wichtig. Die Juristen sollten sich bereits mit dem Öffentlichen Recht beschäftigt haben, teamfähig sein und Durchsetzungsvermögen mitbringen. Voraussetzung für eine Einstellung als Jurist bei der Stadt Dortmund ist das zweite Staatsexamen. Einsteiger können im Laufe der Jahre bis in den höheren Verwaltungsdienst bis zur Position des Dezernenten oder der Dezernentin aufsteigen, eine Art Abteilungsleiter. 

 

Staatsanwältin

Im Büro, bei Gericht und bei der Polizei

Im Referendariat hat Jana Birrer das Strafrecht als praktische Tätigkeit am besten gefallen. Die Konsequenz: Die 28-Jährige entschied sich nach ihrem Jurastudium für einen Einstieg in die Staatsanwaltschaft.

Seit fast zwei Jahren ist Jana Birrer nun als Staatsanwältin in München tätig. In der dortigen allgemeinen Abteilung befasst sie sich unter anderem mit Betrugsdelikten, Körperverletzungen, Diebstahl oder Beleidigungen. Andere Berufseinsteiger in der Staatsanwaltschaft München I beginnen in der Verkehrsabteilung. Nach zwei Jahren geht es für sie alle in der Regel in eine Spezialabteilung. „Ich werde mich demnächst mit Betäubungsmittelkriminalität beschäftigen“, weiß Jana Birrer schon jetzt. Eine Besonderheit in Bayern ist zudem: Wer sich für die Tätigkeit als Staatsanwalt entscheidet, wechselt innerhalb einiger Jahre als Richter an ein Gericht.

Viel Büro, meist geregelte Arbeitstage

Die meiste Zeit bearbeitet die Juristin Akten im Büro. „Ich entscheide, welche Ermittlungen durchgeführt werden und erwirke bei Gericht Beschlüsse – zum Beispiel zur Überwachung von Telekommunikation, zu Durchsuchungen oder DNA-Analysen“, nennt sie einige Beispiele.

Ein- bis zweimal pro Woche nimmt sie den Sitzungsdienst wahr. Dabei vertritt sie die Anklage vor Gericht. Alle paar Wochen hat sie zudem in München Dienst im Polizeipräsidium. „Dort muss ich über die Haftfrage für die in den vergangenen 24 Stunden festgenommenen Personen entscheiden – also ob ich beim Ermittlungsrichter einen Haftbefehlsantrag stelle.“ Außerdem nimmt sie an Durchsuchungen teil und führt Zeugen- und Beschuldigtenvernehmungen durch. „In den Wochen, in denen wir Rufbereitschaft haben, kann es sein, dass wir auch mal zu ungewöhnlichen Arbeitszeiten raus müssen. Ansonsten habe ich einen recht geregelten Arbeitstag“, erklärt sie.

„Als Staatsanwältin arbeitet man relativ selbstständig, weil man seine eigenen Fälle betreut. Trotzdem findet ein reger Austausch mit den Kollegen und eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei statt“, erklärt sie. Gereizt hat sie auch, dass die Justiz einen sicheren Arbeitsplatz bietet – nach einer Probezeit werden Staatsanwälte Beamte auf Lebenszeit. Also bewarb sie sich beim Justizministerium, wurde zu einem Gespräch eingeladen und erhielt sogar Angebote für zwei Stellen: eine Richterstelle im Zivilrecht und die Stelle bei der Staatsanwaltschaft München I – sie entschied sich für Letztere.

Selbstbewusst entscheiden und argumentieren

Ihr Studium hat sie gut auf ihre Aufgaben in der Staatsanwaltschaft vorbereitet: „Wenn mir ein Verfahren vorgelegt wird, prüfe ich den Sachverhalt rechtlich. Hierzu brauche ich das im Studium erworbene Wissen zum materiellen Strafrecht“, erläutert die Juristin. „Im Rahmen des Verfahrens und auch bezüglich der Beweisbarkeit der Tatvorwürfe benötige ich vor allem die im Referendariat angeeigneten Kenntnisse zum Prozessrecht.“ Außerdem hat sie in ihrer juristischen Ausbildung gelernt, sich schnell in fremde Sachverhalte einzuarbeiten. Staatsanwälte müssen zudem entscheidungsfreudig sein, vor allem im Sitzungsdienst vor Gericht schlüssig argumentieren können und eine gewisse Portion Selbstbewusstsein haben. „Das braucht man, um sich durchzusetzen, insbesondere, wenn man vor Gericht die Anklage vertritt.“

Doch woher kommt bei Jana Birrer die Begeisterung für die Juristerei? „Ich habe mir ein Studium gewünscht, bei dem es ein konkretes Berufsbild gibt, man aber trotzdem noch nicht komplett festgelegt ist. Da hat sich Jura angeboten“, erinnert sie sich an ihre Studienwahl. Nach ihrem ersten Staatsexamen an der Ludwig-Maximilians-Universität München lernte sie im Referendariat die Arbeit in einer Staatsanwaltschaft kennen. „Besonders der Sitzungsdienst hat mir gefallen, also die Vertretung der Anklage vor Gericht“, sagt die 28-Jährige.


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Stand: 19.09.2019