Zwischen den Zeilen

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Whiteboard. Foto: Christof Stache
Für die einen Buchstabensalat, für die anderen spannende Sprachen: Dolmetscher und Übersetzer verstehen meist, worum es geht.
Foto: Christof Stache

Dolmetscher und Übersetzer

Zwischen den Zeilen

Die meisten Übersetzer und Dolmetscher arbeiten freiberuflich. In einer exportorientierten Wirtschaft sind sie gefragt. Ihr Arbeitsalltag verlangt dabei weit mehr als Sprachkompetenzen.

„Als Konferenzdolmetscher ist man oft Generalist, weil man sich immer in neue Gebiete einarbeiten muss“, sagt Alexander Gansmeier. Der 29-Jährige arbeitet als Freiberufler und verfügt über besondere Kenntnisse in Medizin, Pharmazie sowie über die Automobilbranche. „Das habe ich mir im Rahmen meiner Aufträge erarbeitet“, erzählt er. Mit seinen Sprachkenntnissen sorgt er etwa bei medizinischen Kongressen dafür, dass es zu keinen Verständigungsproblemen zwischen den Teilnehmern kommt.

„Immer sehr sprachaffin“

Aufgewachsen ist Alexander Gansmeier mehr oder weniger zweisprachig: In seiner niederbayerischen Heimat hat er neben Hochdeutsch auch Bayerisch gesprochen, erzählt er mit einem Augenzwinkern. „Ich war immer sehr sprachaffin, Englisch und Französisch waren meine starken Fächer“, sagt er. Nach dem Abitur legte er am Fremdspracheninstitut in München die Staatsprüfung im Dolmetschen und Übersetzen ab und spezialisierte sich anschließend im Master an der University of Central Lancashire auf Konferenzdolmetschen.

Porträt von Alexander Gansmeier. Foto: Privat

Alexander Gansmeier

Foto: Privat

Dolmetschen und Übersetzen sind zwei verschiedene Berufe: „Übersetzer arbeiten mit schriftlichen Texten, feilen an Formulierungen und haben Zeit, den perfekten Ausdruck zu suchen. Dolmetschen ist mündlich, unmittelbar, die Übersetzung und die Entgegnung des Gegenübers erfolgen sofort“, beschreibt Alexander Gansmeier den Unterschied. Da er sehr kommunikativ ist und gerne direkt mit Kunden und Kollegen arbeitet, war von Beginn an klar, dass Dolmetschen besser zu ihm passt. Die Sprachkenntnisse bilden lediglich die Basis: „Im Studium bekommt die Sprache den Feinschliff, ansonsten geht es um spezielle Dolmetschtechniken und eine fachliche Prägung.“ Im Studium konnte er wählen zwischen Technik, Wirtschaft und Recht – er entschied sich für Wirtschaft.

„Man muss sich durchbeißen“

Die Auftragslage für Konferenzdolmetscher bezeichnet Alexander Gansmeier als gut bis sehr gut – je nach Sprache. Zugleich sei Dolmetschen eine sehr stressige und anspruchsvolle Tätigkeit. Beim Simultandolmetschen etwa arbeiten seine Kollegen und er aufgrund der enormen Belastung im Team und wechseln sich circa alle 30 Minuten ab.

Sich nach dem Abschluss zu etablieren, ist zudem nicht einfach: „Man muss sich durchbeißen. Konkurrenz ist natürlich vorhanden, aber Qualität setzt sich durch“, findet er. Er selbst ist in mehreren Berufsverbänden aktiv, arbeitete als Dozent, ist gut vernetzt: „Ich kann nur empfehlen, in Berufsverbänden, Nachwuchsprogrammen, sozialen Netzwerken und auf Fortbildungen aktiv zu sein und den Kontakt zu Kollegen zu suchen. Speziell in der Anfangszeit erhält man nicht nur Aufträge über Kollegen, sondern bekommt auch wertvolle Einblicke ins Branchengeschehen“, so der Tipp des 29-Jährigen.

Über 80 Prozent sind Freiberufler

Generelle Aussagen über den Arbeitsmarkt zu treffen, ist schwierig. Über 80 Prozent der Dolmetscher und Übersetzer arbeiten freiberuflich, so eine konservative Schätzung des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ). Der Verband allein zählt knapp 8.000 Mitglieder. Dolmetscher und Übersetzer sind aber keine geschützten Begriffe. Wer ab und zu als Gerichtsdolmetscher eine seltene Sprache übersetzt, kann sich ebenso zu der Gruppe zählen wie Konferenzdolmetscher oder professionelle Fachübersetzer. Allein knapp 23.800 juristische Dolmetscher und Übersetzer zählt die Datenbank der Landesjustizverwaltungen.

Die Bundesagentur für Arbeit wies 2016 insgesamt 8.862 sozialversicherungspflichtig Beschäftige in den Berufen Dolmetscher und Übersetzer aus. Rund zwei Drittel davon waren Frauen. Im Jahresdurchschnitt gab es 3.000 arbeitslos gemeldete Dolmetscher/Übersetzer. „Diese Zahl hat sich seit 2012 erhöht. Zugleich ist auch die Zahl der gemeldeten Stellen für Dolmetscher/Übersetzer gestiegen, wobei die Nachfrage mit 200 im Jahresdurchschnitt ‚bescheiden‘ ausfällt. Da die meisten jedoch freiberuflich tätig sind, geben diese Zahlen nur einen kleinen Ausschnitt wieder“, sagt Ilona Mirtschin vom Team Arbeitsmarktberichterstattung. Eine Beschäftigung finden Dolmetscher und Übersetzer zum Beispiel in Übersetzungsbüros, bei Dolmetscherdiensten, in EU-Institutionen und bei Behörden des Landes oder Bundes.

Stimmung laut Verband positiv

Der BDÜ, der regelmäßig Umfragen zur wirtschaftlichen Zufriedenheit unter seinen Mitgliedern durchführt, beschreibt die Stimmung positiv. Sorgen, dass die Serviceleistungen der Fremdsprachenspezialisten von Softwareprogrammen übernommen werden könnten, sieht man hier gelassen. Es gebe immer Bereiche, etwa Fachübersetzungen, Marketing und Literatur, aber auch vertrauliche Übersetzungen, wo Fachkräfte nicht ersetzt werden können. Gehe es hingegen um eine kurze, informative Übersicht einfacher Sachverhalte oder um simple Gebrauchsanweisungen, könnten diese auch maschinell erstellt werden, müssten dann aber allein aus rechtlichen Gründen noch überprüft werden.

 

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter: Dolmetscher, Übersetzer).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter: Dolmetschen, Fremdsprachen).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen (Suchwörter: Dolmetscher, Übersetzer).
kursnet-finden.arbeitsagentur.de

BERUFETV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit
www.berufe.tv

Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ)

www.bdue.de

Verband der Konferenzdolmetscher (VKD) im BDÜ e.V.

vkd.bdue.de

Verband der Übersetzungsbüros e. V.

www.vdue.de

ATICOM

Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher e. V.
www.aticom.de

Fachverband der Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland (FDÜD)

www.fdued.de

AIIC Deutschland

Internationaler Verband der Konferenzdolmetscher
www.aiic.de

Deutscher Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher e.V.

www.dvud.de

 

Dolmetscher und Übersetzer – Infografiken

Studium und Beschäftigung

Wie viele Studienanfänger gab es in den letzten Jahren bei den Dolmetschern und Übersetzern? Wie viele Studierende bestanden die Abschlussprüfungen? Und wie hoch sind die Arbeitslosenzahlen? Verschaffe dir mit den abi» Infografiken einen Überblick.

Infografik Dolmetscher und Übersetzer: Studienanfänger.

Infografik Dolmetscher und Übersetzer: Abschlussprüfungen

Infografik Dolmetscher und Übersetzer: Arbeitslose

Infografik Dolmetscher und Übersetzer: Stellen

 

Dolmetscher und Übersetzer – Interview

Mehr als nur Sprachkenntnisse

Welche beruflichen Chancen haben Dolmetscher und Übersetzer? Cornelia Groethuysen kennt die Antwort: Die Fachübersetzerin für Englisch ist auch Vizepräsidentin des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ). Dort betreut sie die Themen Aus- und Weiterbildung.

abi>> Frau Groethuysen, wie wird man eigentlich Übersetzer oder Dolmetscher?

Cornelia Groethuysen: Die Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt. Wer professionell tätig sein möchte, braucht aber weit mehr als nur Sprachkenntnisse. Man sollte unter anderem in einem Fachgebiet fit sein, interkulturelle Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit mitbringen und mit technischen Übersetzungstools umgehen können. Der gängige Weg führt über ein Studium. Im Bachelor erfolgt die Grundausbildung, im Master kann man sich spezialisieren, etwa auf Fachübersetzungen oder Konferenzdolmetschen. Eine ganz besondere Kategorie sind Literaturübersetzungen. Dafür gibt es kaum Studiengänge, weil hier noch ganz andere Kompetenzen ins Spiel kommen.

abi>> Gibt es Wege neben dem Studium?

Portrait von Cornelia Groethuysen. Foto: Privat

Cornelia Groethuysen

Foto: Privat

Cornelia Groethuysen: In einigen Bundesländern wird der Abschluss „Staatlich geprüfter Übersetzer” bzw. „Staatlich geprüfter Dolmetscher” angeboten – auch für Sprachen, für die es derzeit keinen Studiengang gibt. Häufig nutzen Quereinsteiger diese Option, um vor Gericht als Übersetzer oder Dolmetscher zugelassen zu werden. Diese Prüfung legt auch ab, wer in Bayern eine entsprechende Ausbildung an einer Fachakademie absolviert hat. Davon unterschieden werden muss der von manchen Industrie- und Handelskammern angebotene Weiterbildungsabschluss zum geprüften Übersetzer, dessen Fokus auf wirtschaftsbezogenen Kenntnissen liegt.

abi>> Zu was raten Sie?

Cornelia Groethuysen: Es ist ein sehr anspruchsvoller Beruf in einem internationalen Arbeitsumfeld. Eine Hochschulausbildung ist alleine schon deshalb sinnvoll, weil die Abschlüsse international vergleichbar sind.

abi>> Ist es schwierig, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen?

Cornelia Groethuysen: Die meisten Dolmetscher und Übersetzer arbeiten freiberuflich. Da man sich erst einmal etablieren muss, sollte man sich gut vermarkten können. Entsprechende Module sind Bestandteil der Hochschulausbildung, aber auch unser Verband bietet Existenzgründer- und Mentoringprogramme an. Neben den Unternehmen und Institutionen gibt es viele Agenturen und Büros, die Aufträge akquirieren und an Freiberufler vergeben. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn Unternehmen etwa große Kampagnen in mehrere Sprachen übersetzen lassen, bekommen Freiberufler selten den Zuschlag für solche Aufträge, weil eine Person allein einen solchen Umfang nicht abdecken kann, es sei denn, sie wäre Teil eines Netzwerks. Auf der anderen Seite verdienen Freiberufler weniger, wenn sie Aufträge über Agenturen annehmen. Generell kann man sagen, dass für viele die Arbeitsmarktlage immer dann gut ist, wenn es auch der Wirtschaft gut geht.

 

Übersetzerin

Sprache im Kontext verstehen

Ein Hauch Wall Street: Elena Zerlin (26) arbeitet in einem Übersetzungsbüro, das auf Themen rund um Finanzen spezialisiert ist. Bei ihrer Tätigkeit muss sie auf alle sprachlichen Feinheiten achten.

Arbitrage, Defizitkriterium, Euribor: Wer wie Elena Zerlin Fachtexte aus der Finanzwelt aus dem Englischen ins Deutsche und umgekehrt übersetzt, muss nicht nur beide Sprachen richtig gut beherrschen, sondern auch wissen, worum es eigentlich geht. „Ob Geschäfts- oder Finanzberichte, Börsenpräsentationen oder Pressemeldungen, die Welt der Finanzen hat eine fachspezifische Sprache“, erzählt die 26-Jährige. Selbst wenn man alle Wörter kennt, gibt es Bedeutungsebenen, die sich einem Laien nicht erschließen. „Ich muss im Kontext denken, um auch die Feinheiten richtig deuten zu können.“

Wichtig ist zudem eine sehr gute Recherchekompetenz: „Manche Texte sind schnell geschrieben und sprachlich nicht ganz ausgereift. Werden viele Abkürzungen verwendet, muss ich wissen, wo ich diese nachschlagen kann. Einfach eine Suchanfrage im Internet starten, reicht nicht aus“, so die Übersetzerin. Auch Teamwork ist gefragt. Schließlich müssen die Übersetzungen exakt und unmissverständlich sein. Um für eine möglichst hohe Qualitätssicherheit zu sorgen, arbeiten viele Übersetzer nach dem Vier-Augen-Prinzip.

IT-Affinität im Homeoffice

Portrait von Elena Zerlin. Foto: Privat

Elena Zerlin

Foto: Privat

Anders als die meisten Übersetzer arbeitet Elena Zerlin nicht freiberuflich, sondern ist festangestellt. Sie ist für ein kleines, auf Finanzen spezialisiertes Übersetzungsunternehmen mit Sitz in Frankfurt tätig, zu dessen Kunden unter anderem die Gruppe Deutsche Börse gehört. Doch statt in der Mainmetropole sitzt Elena Zerlin den Großteil ihrer Arbeitszeit an ihrem Schreibtisch in Würzburg. Das Kernteam trifft sich außerdem regelmäßig in Frankfurt, um Projekte zu besprechen: „Homeoffice ist sehr gut umsetzbar, weil die Kommunikation über spezielle, abgesicherte Plattformen gut funktioniert.“ Da viele Unterlagen vertraulich sind, ist auch Datenschutz ein wichtiges Thema.

Generell müssen Übersetzer eine Affinität zur IT mitbringen. Ausgefeilte Übersetzungsprogramme unterstützen die Arbeit: „Man kann in die Übersetzungstools sogenannte ‚Translation Memories‘, also Datenbanken vorheriger Übersetzungen, oder auch zwei- oder mehrsprachige Fachsprachendatenbanken einbinden, wodurch der Übersetzungsprozess effizienter wird.“

„Ohne Fachwissen geht es nicht“

Elena Zerlin hat sich in die Welt der Börsen und Unternehmensbilanzen erst einarbeiten müssen. Zumal ihr Schwerpunkt im Masterstudium Fachübersetzen an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt auf Technik und Life-Sciences lag. „Das Seminar einer Dozentin, die ich im Bachelorstudium kenngelernt habe, hat mir besonders gefallen. Ich habe sie angesprochen und daraus hat sich ein Praktikum und schließlich ein Stellenangebot bei meinem jetzigen Arbeitgeber ergeben“, erzählt die 26-Jährige.

Vor ihrem Masterstudium hat sie im Bachelor Sprach-, Kultur- und Translationswissenschaft an der Universität Mainz studiert. Aber auch andere Zugangswege in den Beruf sind möglich, wie der Geschäftsinhaber von Elena Zerlins Übersetzungsunternehmen beweist: Er war als Banker jahrelang in London für ein großes Bankhaus tätig und hat sich später auf Übersetzungen spezialisiert. Zwar darf sich in Deutschland jeder Übersetzer nennen, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Aber mit Sprachbegabung allein kann man diese Dienstleistung nicht erbringen: „Ohne Fachwissen geht es nicht“, betont die Sprachexpertin.


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Stand: 23.07.2019