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Auch etwas für Landratten

Ein verschlungenes Seil am Hafen
Die maritime Wirtschaft ist vielfältig und findet nicht nur auf dem Wasser statt.
Foto: Sonja Brüggemann

Maritime Wirtschaft – Hintergrund

Auch etwas für Landratten

Die maritime Wirtschaft ist ein weites Feld: Neben Schifffahrt und Schiffbau gehören beispielsweise auch Offshore-Windanlagen und verschiedene Zuliefererbranchen dazu. Kein Wunder, dass sie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland ist – mit vielen Chancen für Berufseinsteiger.

Windräder, die im offenen Meer stehen und Windenergie erzeugen, sind an der Nordsee und anderen Küstenregionen Europas mittlerweile ein vertrauter Anblick. Auf solche Offshore-Windparks ist Dr. Anne Bechtel spezialisiert. Die 34-jährige Bauingenieurin ist als Abteilungsleiterin bei der „wpd offshore solutions GmbH“ in Bremen zuständig für die Gründungsstrukturen – also die Konstruktionen im Meer, die die Offshore-Anlagen sicher im Boden halten.

„Jede Umgebung ist anders, deswegen müssen wir uns zuerst anschauen, wie der Boden beschaffen ist und welche Wind- und Wellenbedingungen es gibt“, erklärt die Fachfrau, die an der Leibniz Universität Hannover Bauingenieurwesen studierte. Nachdem sie diese Daten eingeholt haben, überlegen sich Anne Bechtel und ihr Team, welche Gründungskonstruktion mit welchen Materialien und Maßen gut passen könnte.

Derzeit planen sie beispielsweise ein Projekt in Taiwan, wo auch Erdbeben und Taifune berücksichtigt werden müssen. Erst wenn alle Genehmigungsverfahren, Finanzierung, Untersuchungen und Berechnungen abgeschlossen sind sowie Forschungen und Tests beendet wurden, kann ein Windrad errichtet werden. Die Turbinen und der Turm kommen dabei von spezialisierten Herstellern. „Ich begleite den gesamten Prozess – von der Entwicklung über die Fertigung bis zur Errichtung der Gründungskonstruktionen. Mich faszinieren die technischen Herausforderungen“, sagt Anne Bechtel. Der Berufseinstieg gelang ihr nach vielen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen und der Promotion im Bereich Offshore-Windenergieanlagen reibungslos. „Auf dem Gebiet der Offshore-Windenergieanlagen gibt es gar keine bis nur bedingt standardisierte Lösungen. Das ist ein relativ neues Feld im Bereich der Bauwerke, da kann noch viel geforscht und entwickelt werden.“

Mehr als Schiffe und Häfen

Ein Porträt-Foto von Dr. Anne Bechtel

Dr. Anne Bechtel

Foto: privat

So wie Anne Bechtel arbeiten zahlreiche Menschen in der maritimen Wirtschaft. Immerhin ist dies ein vielfältiger Bereich, wie Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, erklärt. „Klassischerweise werden die Schifffahrt, der Schiffbau, die Hafenwirtschaft und Offshore-Windanlagen mit maritimer Wirtschaft in Verbindung gebracht.“ Die Palette reiche jedoch viel weiter: Auch die Meerestechnik, die Technologien zur Nutzung der Meere als Energie-, Rohstoff- und Nahrungsquelle erforscht, zählen dazu, ebenso wie die Zulieferunternehmen für den Bau von Schiffen sowie die Offshore-Industrie mit der Gewinnung von Öl und Gas aus der See.

Die maritime Wirtschaft ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands. „Schätzungen zufolge erwirtschaftet die Branche jährlich circa 50 Milliarden Euro. Etwa 400.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der maritimen Wirtschaft ab“, sagt Norbert Brackmann. „Die Branche steht also gut da und ist sehr bedeutend für unseren Wirtschaftsstandort.“ Besonders boome beispielsweise der Kreuzfahrtmarkt, was sich positiv auf die maritime Wirtschaft auswirke. „Die Auftragsbücher der großen Werften sind bis ins Jahr 2021 gefüllt. Davon profitieren auch die maritimen Zulieferunternehmen.“

Nicht nur an der Küste

Dabei ist die Branche längst nicht nur an den Küsten und entlang der Binnenwasserstraßen vertreten. „Die maritime Wirtschaft ist über ganz Deutschland verteilt“, berichtet der Koordinator der Bundesregierung. Viele Zulieferunternehmen haben ihren Sitz in Mittel- und Süddeutschland. Auch hier ist die Bandbreite groß: Sie können aus den Bereichen Anlagenbau, Elektrotechnik und aus dem Dienstleistungssektor kommen. Wie der Experte außerdem hervorhebt, sind die Zulieferunternehmen meist nicht nur in der maritimen Wirtschaft aktiv. „Durch den Einsatz alternativer Kraftstoffe wie des Flüssigerdgases LNG treten ganz neue Unternehmen in den Kreis der maritimen Wirtschaft ein. Ein Beispiel: Ein Teil der speziellen Pumpen des ersten in Deutschland gebauten LNG-Kreuzfahrtschiffes ‚AIDAnova‘ stammt von einem Unternehmen aus Baden-Württemberg, das sonst Spezialpumpen für Medizingeräte herstellt.“

Insgesamt sieht Norbert Brackmann für die deutsche maritime Wirtschaft eine „hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit“. „Deutschland ist bekannt für seine hochinnovativen Produktlösungen für maritime Anwendungen, deren Entwicklung ein großes maritimes Know-how erfordern.“ Die weltweite Nachfrage nach diesen hochwertigen Produkten sei über die Jahre gestiegen.

Klimaschutz spielt wichtige Rolle

In den vergangenen Jahren sind Klima(schutz)fragen immer mehr in den Fokus gerückt. Der Seeverkehr müsse seinen Beitrag zu den Pariser Klimaschutzzielen leisten, betont Norbert Brackmann. Damit beschäftigt sich auch der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). „In Zukunft wird es globale Emissionsgrenzwerte geben“, erklärt VSM-Sprecherin Kathrin Ehlert-Larsen. „So rückt die Absenkung der Schwefelemissionsgrenzwerte in internationalen Gewässern ab 2020 schnell näher.“ Der im April 2018 von der internationalen Seeschifffahrtsorganisation (International Maritime Organization – IMO) verabschiedete Klimaschutzfahrplan sehe außerdem vor, dass die Schifffahrt bis 2050 ihre globalen Treibhausgasemissionen um 50 Prozent verglichen mit 2008 reduziert.

„Die strengeren Umweltauflagen sorgen für neue Impulse im Markt“, sagt die VSM-Expertin. Die deutsche maritime Industrie trage mit der Entwicklung technologischer und betrieblicher Innovationen zu einer umweltfreundlicheren Schifffahrt bei. Auch Experte Norbert Brackmann sieht dies als Chance: „Für die maritimen Zulieferunternehmen bedeutet eine strengere Regulierung auch, dass sie umweltschonendere Produkte entwickeln und diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verkaufen können.“

Doch nicht nur der Klimaschutz wird die Entwicklung der Branche entscheidend beeinflussen. Die Digitalisierung verändert die maritime Wirtschaft ebenfalls. „Die Berufsbilder werden sich höchstwahrscheinlich dahingehend verändern, dass neben dem maritimen Fachwissen verstärkt das Verständnis für Datenverarbeitung und eine hohe Problemlösekompetenz benötigt werden sowie die Fähigkeit, in interdisziplinären Teams konstruktiv zusammenzuarbeiten“, sagt er.

„Gute Köpfe händeringend gesucht“

Wie sieht es mit den beruflichen Chancen in der maritimen Wirtschaft aus? Da hierzu viele unterschiedliche Branchen gehören, ist eine allgemeingültige Aussage nur schwer möglich, wie Claudia Suttner vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit betont. Betrachtet man aber etwa die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Schiffbau und Bootsbau, zeigt sich, dass die Beschäftigung zwischen 2014 und 2018 um 13 Prozent gestiegen ist. Auch in der Hafenwirtschaft war das Beschäftigungswachstum mit einem Plus von 23 Prozent überdurchschnittlich. In der Schifffahrt hingegen ging die Zahl der Angestellten von 2014 bis 2018 um 14 Prozent zurück.

Auch einzelne Berufe fallen auf. So stieg die Zahl der angestellten Schiffsmechaniker im Jahr 2018 deutlich – im Vorjahresvergleich um 25 Prozent. „Attraktiv für Abiturientinnen und Abiturienten ist die Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann“, sagt die Arbeitsmarkt-Expertin. „Zumindest wurden 89 Prozent der 2017 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum Schifffahrtskaufmann von Abiturienten geschlossen.“
Fachmann Norbert Brackmann hat keine Zukunftssorgen. Die Berufschancen in der maritimen Wirtschaft seien sehr gut, sagt er. „Übrigens: Auch Landratten können in der maritimen Wirtschaft eine tolle Karriere hinlegen und einen Beitrag für die Entwicklung und den Einsatz umweltschonender Zukunftstechnologien leisten. Sowohl an Land als auch an Bord werden gute Köpfe händeringend gesucht. Und das nicht nur in Deutschland.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter z. B. Maritim, Meer, Schiff, Boot, Nautik).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter z. B. Maritim, Meer, Schiff, Boot, Nautik).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

Zentrale Heuerstelle Hamburg der Agentur für Arbeit

Die Heuerstelle der Agentur für Arbeit vermittelt Jobs und Ausbildungsplätze in der See- und Küstenschifffahrt sowie Hochseefischerei im In- und Ausland.
www.arbeitsagentur.de/vor-ort/hamburg/zentrale-heuerstelle-hamburg+

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Weitere Informationen findest du etwa im Teilberufsfeld „Schiff und Schifffahrt“.
berufsfeld-info.de/planet-beruf/tbf/schiff-schifffahrt

Verband für Schiffbau und Meerestechnik

Viele Infos zur Branche und zu den Verbandsmitgliedern
www.vsm.de

Deutsches Maritimes Zentrum

Das Deutsche Maritime Zentrum versteht sich als branchenübergreifender Thinktank zur maritimen Wirtschaft.
www.deutsches-maritimes-zentrum.de

Maritime Wirtschaft beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/maritime-wirtschaft.html

abi>> 05.06.2019

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