Auch etwas für Landratten

Ein verschlungenes Seil am Hafen
Die maritime Wirtschaft ist vielfältig und findet nicht nur auf dem Wasser statt.
Foto: Sonja Brüggemann

Maritime Wirtschaft – Hintergrund

Auch etwas für Landratten

Die maritime Wirtschaft ist ein weites Feld: Neben Schifffahrt und Schiffbau gehören beispielsweise auch Offshore-Windanlagen und verschiedene Zuliefererbranchen dazu. Kein Wunder, dass sie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland ist – mit vielen Chancen für Berufseinsteiger.

Windräder, die im offenen Meer stehen und Windenergie erzeugen, sind an der Nordsee und anderen Küstenregionen Europas mittlerweile ein vertrauter Anblick. Auf solche Offshore-Windparks ist Dr. Anne Bechtel spezialisiert. Die 34-jährige Bauingenieurin ist als Abteilungsleiterin bei der „wpd offshore solutions GmbH“ in Bremen zuständig für die Gründungsstrukturen – also die Konstruktionen im Meer, die die Offshore-Anlagen sicher im Boden halten.

„Jede Umgebung ist anders, deswegen müssen wir uns zuerst anschauen, wie der Boden beschaffen ist und welche Wind- und Wellenbedingungen es gibt“, erklärt die Fachfrau, die an der Leibniz Universität Hannover Bauingenieurwesen studierte. Nachdem sie diese Daten eingeholt haben, überlegen sich Anne Bechtel und ihr Team, welche Gründungskonstruktion mit welchen Materialien und Maßen gut passen könnte.

Derzeit planen sie beispielsweise ein Projekt in Taiwan, wo auch Erdbeben und Taifune berücksichtigt werden müssen. Erst wenn alle Genehmigungsverfahren, Finanzierung, Untersuchungen und Berechnungen abgeschlossen sind sowie Forschungen und Tests beendet wurden, kann ein Windrad errichtet werden. Die Turbinen und der Turm kommen dabei von spezialisierten Herstellern. „Ich begleite den gesamten Prozess – von der Entwicklung über die Fertigung bis zur Errichtung der Gründungskonstruktionen. Mich faszinieren die technischen Herausforderungen“, sagt Anne Bechtel. Der Berufseinstieg gelang ihr nach vielen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen und der Promotion im Bereich Offshore-Windenergieanlagen reibungslos. „Auf dem Gebiet der Offshore-Windenergieanlagen gibt es gar keine bis nur bedingt standardisierte Lösungen. Das ist ein relativ neues Feld im Bereich der Bauwerke, da kann noch viel geforscht und entwickelt werden.“

Mehr als Schiffe und Häfen

Ein Porträt-Foto von Dr. Anne Bechtel

Dr. Anne Bechtel

Foto: privat

So wie Anne Bechtel arbeiten zahlreiche Menschen in der maritimen Wirtschaft. Immerhin ist dies ein vielfältiger Bereich, wie Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, erklärt. „Klassischerweise werden die Schifffahrt, der Schiffbau, die Hafenwirtschaft und Offshore-Windanlagen mit maritimer Wirtschaft in Verbindung gebracht.“ Die Palette reiche jedoch viel weiter: Auch die Meerestechnik, die Technologien zur Nutzung der Meere als Energie-, Rohstoff- und Nahrungsquelle erforscht, zählen dazu, ebenso wie die Zulieferunternehmen für den Bau von Schiffen sowie die Offshore-Industrie mit der Gewinnung von Öl und Gas aus der See.

Die maritime Wirtschaft ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Deutschlands. „Schätzungen zufolge erwirtschaftet die Branche jährlich circa 50 Milliarden Euro. Etwa 400.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der maritimen Wirtschaft ab“, sagt Norbert Brackmann. „Die Branche steht also gut da und ist sehr bedeutend für unseren Wirtschaftsstandort.“ Besonders boome beispielsweise der Kreuzfahrtmarkt, was sich positiv auf die maritime Wirtschaft auswirke. „Die Auftragsbücher der großen Werften sind bis ins Jahr 2021 gefüllt. Davon profitieren auch die maritimen Zulieferunternehmen.“

Nicht nur an der Küste

Dabei ist die Branche längst nicht nur an den Küsten und entlang der Binnenwasserstraßen vertreten. „Die maritime Wirtschaft ist über ganz Deutschland verteilt“, berichtet der Koordinator der Bundesregierung. Viele Zulieferunternehmen haben ihren Sitz in Mittel- und Süddeutschland. Auch hier ist die Bandbreite groß: Sie können aus den Bereichen Anlagenbau, Elektrotechnik und aus dem Dienstleistungssektor kommen. Wie der Experte außerdem hervorhebt, sind die Zulieferunternehmen meist nicht nur in der maritimen Wirtschaft aktiv. „Durch den Einsatz alternativer Kraftstoffe wie des Flüssigerdgases LNG treten ganz neue Unternehmen in den Kreis der maritimen Wirtschaft ein. Ein Beispiel: Ein Teil der speziellen Pumpen des ersten in Deutschland gebauten LNG-Kreuzfahrtschiffes ‚AIDAnova‘ stammt von einem Unternehmen aus Baden-Württemberg, das sonst Spezialpumpen für Medizingeräte herstellt.“

Insgesamt sieht Norbert Brackmann für die deutsche maritime Wirtschaft eine „hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit“. „Deutschland ist bekannt für seine hochinnovativen Produktlösungen für maritime Anwendungen, deren Entwicklung ein großes maritimes Know-how erfordern.“ Die weltweite Nachfrage nach diesen hochwertigen Produkten sei über die Jahre gestiegen.

Klimaschutz spielt wichtige Rolle

In den vergangenen Jahren sind Klima(schutz)fragen immer mehr in den Fokus gerückt. Der Seeverkehr müsse seinen Beitrag zu den Pariser Klimaschutzzielen leisten, betont Norbert Brackmann. Damit beschäftigt sich auch der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). „In Zukunft wird es globale Emissionsgrenzwerte geben“, erklärt VSM-Sprecherin Kathrin Ehlert-Larsen. „So rückt die Absenkung der Schwefelemissionsgrenzwerte in internationalen Gewässern ab 2020 schnell näher.“ Der im April 2018 von der internationalen Seeschifffahrtsorganisation (International Maritime Organization – IMO) verabschiedete Klimaschutzfahrplan sehe außerdem vor, dass die Schifffahrt bis 2050 ihre globalen Treibhausgasemissionen um 50 Prozent verglichen mit 2008 reduziert.

„Die strengeren Umweltauflagen sorgen für neue Impulse im Markt“, sagt die VSM-Expertin. Die deutsche maritime Industrie trage mit der Entwicklung technologischer und betrieblicher Innovationen zu einer umweltfreundlicheren Schifffahrt bei. Auch Experte Norbert Brackmann sieht dies als Chance: „Für die maritimen Zulieferunternehmen bedeutet eine strengere Regulierung auch, dass sie umweltschonendere Produkte entwickeln und diese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verkaufen können.“

Doch nicht nur der Klimaschutz wird die Entwicklung der Branche entscheidend beeinflussen. Die Digitalisierung verändert die maritime Wirtschaft ebenfalls. „Die Berufsbilder werden sich höchstwahrscheinlich dahingehend verändern, dass neben dem maritimen Fachwissen verstärkt das Verständnis für Datenverarbeitung und eine hohe Problemlösekompetenz benötigt werden sowie die Fähigkeit, in interdisziplinären Teams konstruktiv zusammenzuarbeiten“, sagt er.

„Gute Köpfe händeringend gesucht“

Wie sieht es mit den beruflichen Chancen in der maritimen Wirtschaft aus? Da hierzu viele unterschiedliche Branchen gehören, ist eine allgemeingültige Aussage nur schwer möglich, wie Claudia Suttner vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit betont. Betrachtet man aber etwa die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Schiffbau und Bootsbau, zeigt sich, dass die Beschäftigung zwischen 2014 und 2018 um 13 Prozent gestiegen ist. Auch in der Hafenwirtschaft war das Beschäftigungswachstum mit einem Plus von 23 Prozent überdurchschnittlich. In der Schifffahrt hingegen ging die Zahl der Angestellten von 2014 bis 2018 um 14 Prozent zurück.

Auch einzelne Berufe fallen auf. So stieg die Zahl der angestellten Schiffsmechaniker im Jahr 2018 deutlich – im Vorjahresvergleich um 25 Prozent. „Attraktiv für Abiturientinnen und Abiturienten ist die Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann“, sagt die Arbeitsmarkt-Expertin. „Zumindest wurden 89 Prozent der 2017 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum Schifffahrtskaufmann von Abiturienten geschlossen.“
Fachmann Norbert Brackmann hat keine Zukunftssorgen. Die Berufschancen in der maritimen Wirtschaft seien sehr gut, sagt er. „Übrigens: Auch Landratten können in der maritimen Wirtschaft eine tolle Karriere hinlegen und einen Beitrag für die Entwicklung und den Einsatz umweltschonender Zukunftstechnologien leisten. Sowohl an Land als auch an Bord werden gute Köpfe händeringend gesucht. Und das nicht nur in Deutschland.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwörter z. B. Maritim, Meer, Schiff, Boot, Nautik).
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen (Suchwörter z. B. Maritim, Meer, Schiff, Boot, Nautik).
www.studienwahl.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

Zentrale Heuerstelle Hamburg der Agentur für Arbeit

Die Heuerstelle der Agentur für Arbeit vermittelt Jobs und Ausbildungsplätze in der See- und Küstenschifffahrt sowie Hochseefischerei im In- und Ausland.
www.arbeitsagentur.de/vor-ort/hamburg/zentrale-heuerstelle-hamburg+

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Weitere Informationen findest du etwa im Teilberufsfeld „Schiff und Schifffahrt“.
berufsfeld-info.de/planet-beruf/tbf/schiff-schifffahrt

Verband für Schiffbau und Meerestechnik

Viele Infos zur Branche und zu den Verbandsmitgliedern
www.vsm.de

Deutsches Maritimes Zentrum

Das Deutsche Maritime Zentrum versteht sich als branchenübergreifender Thinktank zur maritimen Wirtschaft.
www.deutsches-maritimes-zentrum.de

Maritime Wirtschaft beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/maritime-wirtschaft.html

 

Maschinenbauingenieur

Der Schnittstellen-Koordinator

Auf Kreuzfahrt gehen kann fast jeder. Aber das dafür erforderliche Schiff bauen – das ist eine ganz andere Nummer. Einer, der dabei Verantwortung übernimmt, ist Christian Hansen. Der 25-jährige Maschinenbauingenieur arbeitet bei den MV WERFTEN in Mecklenburg-Vorpommern.

Reisen mit Kreuzfahrtschiffen boomen. Deswegen werden immer mehr der großen Dampfer gebaut – was wiederum für viele Ingenieure und andere Fachleute die Chance ist, sich an einem dieser Mammutprojekte zu beteiligen. Dazu gehört auch der Maschinenbauer Christian Hansen. Der 25-Jährige entdeckte schon als Kind seine Leidenschaft für große Schiffe. „Mein Vater hat früher auf einer Werft in Lübeck gearbeitet und mich immer mal mitgenommen“, erinnert er sich. „Ich konnte durch einen Maschinenraum laufen und auf einer Schiffsbrücke Knöpfe drücken – das hat mich wahnsinnig fasziniert und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Portrait von Christian Hansen. Foto: MV WERFTEN

Christian Hansen

Foto: MV WERFTEN

Tatsächlich musste er dann nicht lange überlegen, als er sich konkrete Gedanken über seinen Berufswunsch machte. Noch während der Schulzeit in Lübeck bewarb er sich bei einem Schiffbauunternehmen und begann dort direkt nach dem Abitur 2013 ein duales Studium, bei dem er gleichzeitig eine Ausbildung sowie ein Bachelorstudium absolvierte: Die MV WERFTEN hat auf den drei Werften in Wismar, Rostock und Stralsund rund 2.900 Angestellte, die Kreuzfahrtschiffe für Flüsse und Meere planen und bauen. Auch zwei AIDA-Schiffe entstanden bereits auf der Wismarer Werft.

Bachelor, Innovationspreis, Master

Für Christian Hansen stand im ersten Jahr der praktische Teil seiner Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker für Stahl- und Metallbau auf dem Programm. In dieser Zeit arbeitete er auf der Werft in Wismar mit und ging zur Berufsschule. Ab Herbst 2014 begann er dann an der Hochschule Wismar den Bachelorstudiengang zum Maschinenbauingenieur. Neben Grundlagen in Mathematik und Physik standen in den Vorlesungen und Seminaren etwa Mechanik, Werkstoffkunde und Konstruktionslehre auf dem Lehrplan, häufig gab es konkrete Bezüge zur maritimen Wirtschaft.

In den Semesterferien lernte er bei den MV WERFTEN außerdem verschiedene Abteilungen wie Einkauf und Konstruktion kennen und schrieb 2018 seine Bachelorarbeit zum Thema „Entwicklung eines auf LNG basierenden Antriebskonzeptes für ein Kreuzfahrtschiff“ – seine Überlegungen zu verflüssigtem Erdgas als Kraftstoff wurden mit dem Innovationspreis 2018 des Förderkreises der Hochschule Wismar ausgezeichnet. Christian Hansen hängte noch ein Masterstudium Maschinenbau an derselben Hochschule an und arbeitete parallel weiter bei MV WERFTEN.

Viele verschiedene Wünsche erfüllen

„Ich habe schon viel praktisch gearbeitet und weiß, dass hier kein Tag wie der andere ist“, erzählt der 25-Jährige. „Als Ingenieur ist man an Schnittstellen tätig: Man muss zum einen die Wünsche der Auftraggeber erfüllen, was Aussehen und technische Details der Schiffe angeht. Zum anderen muss man Regularien der Behörden berücksichtigen, die zum Beispiel Sicherheitsstandards regeln.“ Ingenieure betreuen ein Schiff von der Planung bis zur Fertigstellung und müssen sich mit so unterschiedlichen Aspekten wie dem Maschinenraum, den Kabinen, den Restaurants, der Gestaltung des Außenbereichs sowie der Verlegung der Elektronik und Wasserrohre beschäftigen.

„Zu den einzelnen Schritten gebe ich Informationen an die entsprechenden Lieferanten weiter, nehme später deren Produkte ab und überprüfe, ob beim Schiff alles wie geplant gebaut wird.“ Kommunikation spielt dabei eine große Rolle, mit dem eigenen Team und externen Ansprechpartnern. „Man muss versuchen, alle Wünsche der unterschiedlichen Parteien zu erfüllen.“ Das duale Studium mit der Ausbildung sei für all das wichtig gewesen. „So habe ich nicht nur viele Kollegen und Ansprechpartner persönlich kennengelernt, sondern auch die handwerkliche Seite, weswegen ich nun einzelne Arbeitsschritte besser planen und einschätzen kann.“

Verbunden mit Kreuzfahrtschiffen

Der Bau von Kreuzfahrtschiffen ist für den 25-Jährigen eine ganz besondere Aufgabe. „Wenn man Schiffe für bis zu 9.500 Passagiere und 2.000 Crewmitglieder baut, fühlt man eine enorme persönliche Verbundenheit damit“, sagt er. Es sei zwar auch eine große Herausforderung und Verantwortung, weswegen er dem Job mit Respekt begegnet. „Für mich ist es aber vor allem eine einmalige Arbeit – ich weiß, dass diese Schiffe 30 bis 40 Jahre im Einsatz sein werden und vielen Menschen große Freude bereiten werden.“

Seine berufliche Zukunft sieht Christian Hansen bei den MV WERFTEN. „Als erstes erhoffe ich mir, dass ich Systemverantwortung bekomme und dann zum Beispiel für das Trinkwasser- oder Motorensystem an Bord eines Schiffes verantwortlich bin.“ Auch darüber hinaus schaut er optimistisch auf die nächsten Jahre. „Die MV WERFTEN sind enorm gewachsen, ich bin mir sicher, dass ich hier meinen Platz finden werde.“

 

Maritime Wirtschaft – Interview

„Die Zukunft ist vernetzt und grün“

Welche Themen treiben die Branche der maritimen Wirtschaft um? Und wie gelingt der Berufseinstieg? Dr. Wolfgang Sichermann, Schiffbauingenieur und Geschäftsführer des Deutschen Maritimen Zentrums, kennt Antworten. Im abi>> Interview gibt er Einblicke in einen spannenden Wirtschaftszweig.

abi>> Herr Dr. Sichermann, was sind derzeit die aktuellen Themen und Trends der Branche?

Wolfgang Sichermann: Klimawandel, Digitalisierung, Demografie und Automatisation sind die zentralen Themen. Die Ozeane sind die größte und bedeutendste Ressource unseres Planeten, die müssen wir schützen, auch um sie ökonomisch nutzen zu können. Die Veränderung des Meeresspiegels und die Zunahme extremer Wetterereignisse erfordern erhebliche Investitionen in den Küstenschutz sowie bei Hafenzufahrten und Hafenanlagen. Wir müssen beispielsweise im Verkehrsbereich zu Land und zu Wasser sehr rasch CO2-neutrale alternative Kraftstoffe entwickeln und zum Einsatz bringen. Automation und Digitalisierung werden helfen, ungeliebte, teure, aber auch gefährliche Arbeiten auf See zu reduzieren.

abi>> Was glauben Sie: Wie wird die Zukunft der maritimen Wirtschaft aussehen? Welche Themen werden eine Rolle spielen, welches Know-how und welche Fachbereiche gefragt sein?

Ein Porträt-Foto von Wolfgang Sichermann

Wolfgang Sichermann

Foto:privat

Wolfgang Sichermann: Die Zukunft der maritimen Wirtschaft ist vernetzt und grün. Hier ist vor allem IT-Know-how gefragt. Wenn mehr Tätigkeiten von der See an Land verlagert werden, entstehen dort ganz neue Arbeitsfelder. Die Menschen brauchen zukünftig andere Qualifikationen, um zum Beispiel hochautomatisierte Schiffe, wie ein Kreuzfahrtschiff, das in seinem Energieversorgungssystem einer mittleren Kleinstadt gleicht, konzipieren, bauen, warten und aus der Ferne überwachen zu können. Es geht auch darum, die großen Zusammenhänge zu verstehen und verschiedene Blickwinkel einnehmen zu können.

abi>> Inwiefern könnten moderne Technologien die Branche verändern?

Wolfgang Sichermann: Ich glaube, dass die Umwandlung von auf See gewonnener Elektrizität in synthetische Kraftstoffe entscheidend sein wird für den Übergang in eine CO2-neutrale maritime Wirtschaft. Um autonome Schiffe zu betreiben, brauchen wir kostengünstigere Kommunikationstechnologien zwischen See und Land mit deutlich höheren Bandbreiten, als wir sie heute haben.
Das „Internet der Dinge“ macht auch vor der maritimen Branche nicht halt. Die Informationen, die zum Beispiel bei der Konzeption und beim Bau eines Schiffs oder eines Offshore-Windparks entstehen, werden über den gesamten Lebenszyklus gesammelt, fortgeschrieben und aktualisiert. Dieser Datenfundus ermöglicht es, neue Ansätze für den sicheren und effizienten Betrieb solcher Anlagen zu entwickeln.

abi>> Über welche Studienbereiche kann Abiturienten der Einstieg in die Branche gelingen?

Wolfgang Sichermann: Neben den klassischen maritimen Studiengängen wie Schiffs- und Meerestechnik oder Nautik findet man mit einem Studium der Ingenieurswissenschaften oder der Informatik viele spannende Tätigkeiten im Bereich Forschung und Entwicklung, Konstruktion, Einkauf, Produktion. Gleiches gilt im Bereich Schifffahrt, sei es an Bord, auf See oder beim Flottenmanagement an Land. Aber auch Ökonomen, Juristen und Verkehrswissenschaftler finden anspruchsvolle Betätigungsfelder in der maritimen Branche.

abi>> Wie schätzen Sie die Karrieremöglichkeiten für Abiturienten und Akademiker ein?

Wolfgang Sichermann: Fachkräfte in den genannten Bereichen werden dringend gesucht. Und das auch langfristig. Viele Unternehmen der maritimen Branche bieten duale Studiengänge an. So besteht die Möglichkeit, gleich zu Beginn eines Studiums mit späteren Arbeitsgebieten in Berührung zu kommen. Ich sehe also sehr gute Karrierechancen, auch viele Möglichkeiten international tätig zu sein. Mir gefallen die vielen maritimen Start-ups, die sich zum Beispiel Gedanken machen über digitale Logbücher und webbasierte Dienste zur Routenplanung für Schiffe.

 

Maritime Wirtschaft – Berufs- und Arbeitsfelder

Berufe mit Meer – und mehr

Die Jobmöglichkeiten in der maritimen Wirtschaft sind groß. Neben Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten gibt es auch verschiedene Weiterbildungen. abi>> stellt einige Beispiele vor.

Ausbildungsberufe:

Bootsbauer/in (Fachrichtung Technik)

Aufgaben:
Elektronische und andere technische Einrichtungen in Boote einbauen, reparieren und warten

Mögliche Arbeitgeber:
Bootswerften, handwerkliche Bootsbau- und Reparaturwerkstätten, Zulieferbetriebe, die technische Bauteile und Einrichtungen für den Bootsbau herstellen

Fachkraft – Hafenlogistik

Aufgaben:
Warenumschlag für Hafenbetriebe erledigen, ein- und ausgehende Ladungen kontrollieren und deren Weitertransport oder Lagerung steuern, Frachtpapiere bearbeiten und Frachtberechnungen durchführen

Mögliche Arbeitgeber:
Betriebe des Warenumschlags in See- oder Binnenhäfen, Reedereien, Betriebe der Warenkontrolle

Konstruktionsmechaniker/in

Aufgaben:
Stahl- und Metallbaukonstruktionen herstellen, mithilfe manueller und maschineller Verfahren einzelne Bauteile fertigen, zum Beispiel aus Blechen, Profilen oder Rohren, und diese montieren

Mögliche Arbeitgeber:
Unternehmen des Stahl- und Metallbaus, Unternehmen des Maschinenbaus, Unternehmen des Schiff-, Fahrzeug- oder Schienenfahrzeugbaus

Schifffahrtskaufmann/-frau – Linienfahrt

Aufgaben:
Transport von Gütern planen und organisieren, dafür sorgen, dass Schiffe optimal ausgelastet sind, Fracht akquirieren, Frachtraum buchen, Schiffsabfertigung im Haben abwickeln

Mögliche Arbeitgeber:
Linienreedereien und Linienagenten, Schiffs-/Befrachtungsmakler, Seehafenspeditionen

Schiffsmechaniker/in

Aufgaben:
Maschinen und technische Anlagen an Bord eines Schiffes bedienen, reparieren und warten, Instandhaltungsarbeiten an Deck durchführen

Mögliche Arbeitgeber:
Reedereien in allen Bereichen der Küsten- und Seeschifffahrt, im Güter- und Passagierverkehr, in Hafenbetrieben, bei Unternehmen der Bugsier- und Bergungsschifffahrt, außerdem in der Meeresfischerei, bei der Bundesmarine, der Küstenwache (Bundespolizei) und Wasserwirtschafts- und Schifffahrtsämtern

Ingenieur/in – Schiffbau und Meerestechnik

Aufgaben:
Fluss- und Seeschiffe aller Art entwerfen und konstruieren, Fertigungs- und Montageabläufe für Neuanfertigungen und Umbau-, Überhol- oder Reparaturarbeiten planen und überwachen

Mögliche Arbeitgeber:
Schiffbaubetriebe, Schiffswerften, Zulieferindustrie, Offshore-Unternehmen, Ingenieurbüros für technische Fachplanung, Wasser- und Schifffahrtsämter, Forschungseinrichtungen (zum Beispiel Schiffbauversuchsanstalten)

Meeresbiologe/-in

Aufgaben:
Strukturen und Vorgänge bei Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen in maritimen Lebensräumen analysieren und erforschen, Gutachten erstellen

Mögliche Arbeitgeber:
Hochschulen und meereskundliche Forschungsinstitute, Umweltbehörden und -verbände, Forschungsanstalten der Fischerei

Nautiker/in

Aufgaben:
Im Rahmen ihrer Befugnisse Tätigkeiten in den Bereichen Schiffsführung, Ladungsbetrieb und Schiffsbetrieb im nautischen Dienst auf Handelsschiffen übernehmen

Mögliche Arbeitgeber:
In der See- und Küstenschifffahrt sowie der Schifffahrtsverwaltung

Weiterbildungsberufe:

Boots-/Schiffbauermeister/in

Aufgaben:
Arbeitsprozesse bei Neu- oder Umbau, Innenausbau, Instandhaltung und Modernisierung von Segel-, Motorbooten und -schiffen steuern und koordinieren, selbst praktisch mitarbeiten, Qualität der ausgeführten Arbeiten sicherstellen, kaufmännische Aufgaben wahrnehmen, Auszubildende ausbilden und Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten betreuen

Mögliche Arbeitgeber:
Boots- und Schiffswerften, Handwerksbetriebe, die Boote und Jachten bauen und reparieren, Zulieferbetriebe für Bootsteile sowie in Bootsverleihen und Bootshäusern

Kapitän/in

Aufgaben:
Container- und andere Frachtschiffe, Behördenschiffe sowie Fähr- und Passagierschiffe führen, Durchführung aller durch Gesetze und sonstige Rechtsvorschriften übertragenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten als Schiffsführer/innen, zum Beispiel die Gewährleistung der Sicherheit der Besatzung und die Verhütung von Unfällen, von Meeresverschmutzungen und sonstigen Belastungen der Meeresumwelt

Mögliche Arbeitgeber:
In der See- und Küstenschifffahrt und der Schifffahrtsverwaltung

Techniker/in – Schiffbautechnik

Aufgaben:
Bei Entwurf und Herstellung von Maschinen sowie Stahl- und Ausrüstungskonstruktionen für Schiffe mitwirken, Aufgaben in der technischen Überwachung, Instandsetzung, Aus- und Umrüstung sowie im Vertrieb wahrnehmen

Mögliche Arbeitgeber:
Schiffswerften und Maschinenfabriken, Ingenieurbüros für die bautechnische Gesamtplanung 

 

 

Branchenumfrage

Einstellungspraxis: Maritime Wirtschaft

Folgende Firmen haben sich an unserer Branchenumfrage beteiligt und zu ihrer Einstellungspraxis Angaben gemacht:

Sartori & Berger GmbH & Co.KG

Kontakt

Kontakt: Arne Liemann

www.sartori-berger.de

Mitarbeiter / davon mit Hochschulabschluss

220 / ca, 85

Einstellungsbedarf an Mitarbeitern / Hochschulabsolventen pro Jahr

ca sechs bis acht

Geschäftsfelder mit dem größten Einstellungsbedarf

Klarierung

Gesuchte Absolventen (Berufsausbildung, Studienfachrichtungen)

Abiturienten, Fachhochschule, Mittlere Reife

Einstellungskriterien / geforderte Spezialkenntnisse 

Englischkenntnisse, Bereitschaft zur Schichtarbeit (teilweise)

Angebotene Ausbildungen für Abiturienten / Duale Studiengänge / andere Einstiegsmöglichkeiten für Abiturienten 

Duale Ausbildungen im kaufmännischen Bereich

Abschlussarbeiten möglich?

Nein

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Hapag-Lloyd AG

 Kontakt

Kontakt: Nils Haupt (Konzernkommunikation)

www.hapag-lloyd.com

Mitarbeiter / davon mit Hochschulabschluss 

12.500 weltweit,
davon 1.500 in Deutschland / k. A.

Einstellungsbedarf an Mitarbeitern / Hochschulabsolventen pro Jahr

25 in Deutschland, davon ca. 20 mit Hochschulabschluss

Geschäftsfelder mit dem größten Einstellungsbedarf

Vertrieb

Gesuchte Absolventen (Berufsausbildung, Studienfachrichtungen)

Je nach Bedarf, z. B. Betriebswirtschaft, Logistik

Einstellungskriterien / geforderte Spezialkenntnisse

Englisch unabdingbar, Kenntnisse der Logistikbranche bevorzugt

Angebotene Ausbildungen für Abiturienten / Duale Studiengänge / andere Einstiegsmöglichkeiten für Abiturienten

Kaufmännische Ausbildung
duales Studium
duales Studium für ITler
Duale Ausbildung zum/zur Schiffsmechaniker/in

Abschlussarbeiten möglich?

Ja

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Flensburger Schiffbaugesellschaft mbH & Co. KG

Kontakt

Kontakt: Sabrina Petersen

www.fsg-ship.de

Mitarbeiter / davon mit Hochschulabschluss

K, A.

Einstellungsbedarf an Mitarbeitern / Hochschulabsolventen pro Jahr

Etwa 40 Einstellungen pro Jahr mit Hochschulabschluss in allen Bereichen:
- Engineering
- Kaufmännisch
- Planung
- Qualität
- Produktion

Geschäftsfelder mit dem größten Einstellungsbedarf

Engineering

Gesuchte Absolventen (Berufsausbildung, Studienfachrichtungen)

Bachelor/Master:
Ingenieurwissenschaften, insbesondere: Schiffbau, Schiffbetriebstechnik, Maschinenbau

Wirtschaftswissenschaften

Informationstechnologie

Ausbildung:
Kaufmännisch und technisch

Einstellungskriterien / geforderte Spezialkenntnisse

Für Abiturienten, die Interesse am dualen Studium oder einer Ausbildung haben, sind keine gesonderten “Spezialkenntnisse” gefordert.

Als generell vorteilhaft gilt jedoch:
- Praktika im Bereich Schiffbau / Werft
- Großes Interesse an Schiffen / Booten
- Relevante Ferienjobs
- Ehrenämter

Gute Noten im Abitur (insbesondere für das duale Studium + kaufm. Ausbildung)

Angebotene Ausbildungen für Abiturienten / Duale Studiengänge / andere Einstiegsmöglichkeiten für Abiturienten

Duales Studium im Bereich Schiffbau und Maritime Technik an der FH Kiel. (sowohl Bachelor- als auch Masterstudierende)

Duale Ausbildungen:
• Industriekaufmann/-frau
• Tech. Produktdesigner/in
• Industrie- und Konstruktionsmechaniker/in

Abschlussarbeiten möglich?

Ja

Zusätzlich in allen Bereichen:
Schulpraktika, Vorpraktika für ein Studium, Fachpraktika im Studium, Werkstudierendentätigkeit

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thyssenkrupp Marine Systems GmbH

Kontakt

https://karriere.thyssenkrupp.com

Mitarbeiter / davon mit Hochschulabschluss

Mitarbeiter insgesamt: 3.600

Einstellungsbedarf an Mitarbeitern / Hochschulabsolventen pro Jahr

K.A.

Geschäftsfelder mit dem größten Einstellungsbedarf

Production,
Engineering

Gesuchte Absolventen (Berufsausbildung, Studienfachrichtungen)

MINT
(Mathematik, Informatik, Naturwissen-schaft und Technik)

Einstellungskriterien / geforderte Spezialkenntnisse

K. A.

Angebotene Ausbildungen für Abiturienten / Duale Studiengänge / andere Einstiegsmöglichkeiten für Abiturienten

Duale Studiengänge:
• Wirtschaftsingenieurwesen
• Wirtschaftsinformatik
• Maschinenbau
• Schiffbau
• Elektrotechnik
• Mechatronik
• Internationales Vertriebs- und Einkaufsingenieurwesen

Duale Ausbildungen:
• Anlagenmechaniker/in Rohrsystemtechnik
• Elektroniker/in Betriebstechnik
• Industriemechaniker/in Maschinen- und Anlagebau
• Konstruktionsmechaniker/in in den Fachrichtungen:
• Metall- und Schiffbautechnik
• Schweißtechnik
• Ausrüstungstechnik
• Technische/r Produktdesigner/in
• Zerspanungsmechaniker/in in den Fachrichtungen:
- Drehtechnik
- Frästechnik
• Fachinformatiker/in den Fachrichtungen:
- Anwendungsentwicklung
- Systemintegration
• Industriekaufmann/frau
Kaufmann/frau für Büromanagement

Abschlussarbeiten möglich?

Ja

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MV WERFTEN Holdings GmbH

Kontakt

Direktor Personal: Björn Cleven

www.mv-werften.com

Mitarbeiter / davon mit Hochschulabschluss

2.835 /
635

(Stand: 31.03.19)

Einstellungsbedarf an Mitarbeitern / Hochschulabsolventen pro Jahr

415 /
ca. 120 (in 2019)

Geschäftsfelder mit dem größten Einstellungsbedarf

derzeit: Konstruktion/Projektierung, Materialwirtschaft, Produktion

Gesuchte Absolventen (Berufsausbildung, Studienfachrichtungen)

je nach Bedarf, z. B.:

Duale Ausbildung:
Konstruktionsmechaniker/in (Schiffbau, Schweißtechnik, Elektrik)

Studium:
Maschinenbau, Schiffbau, Wirtschaftsingenieurwesen, BWL

Einstellungskriterien / geforderte Spezialkenntnisse

je nach Einsatzgebiet:

Erfahrung im Schiffbau/Ingenieurwesen bzw. in Technik,
EDV-Kenntnisse, Englischkenntnisse

Angebotene Ausbildungen für Abiturienten / Duale Studiengänge / andere Einstiegsmöglichkeiten für Abiturienten

Duale Ausbildungen:
• Elektroniker/in für Betriebstechnik
• Fachkraft für Lagerlogistik
• Fertigungsmechaniker/in
• Industriekaufmann/-frau
• Industriemechaniker/in
• Konstruktionsmechaniker/in
• Technische/r Produktdesigner/in

Duales Studium:
• Maschinenbau (B. Eng.)

Abschlussarbeiten möglich?

Ja

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Stand: 21.09.2019