Auf zu neuen Ufern

Eine alte Ruine in Mexiko
Auch nach der Arbeit gibt es in Mexiko viel zu erkunden.
Foto: David Fiedler

Arbeiten in einem Schwellenland

Auf zu neuen Ufern

Internationale Luft schnuppern, die Arbeitspraktiken in einem anderen Land kennenlernen, die eigene Karriere vorantreiben: Es gibt genügend Gründe, warum deutsche Arbeitnehmer Berufserfahrung im Ausland sammeln wollen. Aber nicht jeden zieht es nach Westeuropa oder Nordamerika. Viele finden es reizvoll, in einem Schwellenland zu arbeiten und zu leben.

Einer von ihnen ist Stefan Böhm. Der junge Elektrotechnikingenieur ist seit 2017 für Bosch in Mexiko und erhofft sich durch seinen Aufenthalt einen Karrieresprung nach vorne. „So eine Chance bietet sich nur einmal und muss ergriffen werden!“, sagt Stefan Böhm voller Überzeugung. Seit Mai 2017 arbeitet er in einem Produktionswerk der Robert Bosch GmbH in San Luis Potosí im nördlichen Zentralmexiko. Es ist nicht sein erster beruflicher Auslandsaufenthalt, für Bosch hat er bereits in China, Südkorea und mehrmals in Mexiko gearbeitet. Nur nie so lange: Vier Jahre wird der 28-Jährige insgesamt in dem Schwellenland sein.

Ein Porträt-Foto von Stefan Böhm

Stefan Böhm

Foto: Jacqueline Böhm

„Ein Auslandsaufenthalt ist bei Bosch ein wichtiger Karrierebaustein, Internationalität hat dort einen hohen Stellenwert“, sagt der Elektrotechnikingenieur, der auch sein duales Studium bei dem Unternehmen absolviert hat. Entsprechend gut ist er von Bosch mit Seminaren, einem Sicherheitstraining und einem Sprachkurs vorbereitet worden. Zudem wurde ihm bei organisatorischen Fragen geholfen und eine einwöchige Reise zur Wohnungssuche ermöglicht. Auch wenn es Schattenseiten gebe, etwa weil man Familie und Freunde zurücklassen muss, bereut Stefan Böhm seine Entscheidung nicht – zumal seine Frau, die mit Unterstützung von Bosch ein Fernstudium beginnen wird, ihn begleitet. „Land und Leute begeistern mich immer wieder, die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen ist einmalig“, schwärmt er. Und obwohl der Lebensstandard nicht auf demselben Niveau wie in Deutschland sei, seien die Menschen stets zuvorkommend und positiv eingestellt.

Wirtschaftsstruktur im Umbruch

Mexiko steht zusammen mit 217 weiteren Staaten auf der Liste der sogenannten „Middle-income economies (MICs)“ der Weltbank. Darunter Südafrika, Brasilien, Indien aber auch Russland, Polen und Portugal. 73 Prozent der Armen in der Welt leben in MICs, gleichzeitig sind die Volkswirtschaften dieser Länder ein wichtiger Motor des globalen Wachstums. Der Internationale Währungsfonds bezeichnet rund 150 Staaten als Schwellen- und Entwicklungsländer.

„Eine allgemeingültige Definition, wann ein Land als Schwellenland gilt, gibt es nicht“, sagt Anna Westenberger, Senior Manager Asien/Pazifik bei Germany Trade & Invest (GTAI), der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Grundsätzlich könne man aber sagen, es handle sich um Länder, die sich auf dem Weg zu einer Industrienation befinden. „Die Wirtschaftsstruktur ist im Umbruch und wandelt sich in der Regel von einer Agrarwirtschaft hin zu mehr Industrie oder Dienstleistung“, definiert sie. Wobei sich nicht alle Wirtschaftszweige und Gegenden gleich schnell entwickeln, weshalb die Schere zwischen Arm und Reich oft groß sei.

Für deutsche Unternehmen sind solche Länder aufgrund ihres oft hohen Wachstums interessant. „Zudem sind sie noch weit davon entfernt, alles was sie benötigen, selbst zu produzieren“, erläutert Anna Westenberger. Eine gute Gelegenheit also für ausländische Firmen, Maschinen, Vorprodukte, Konsumgüter und anderes in solche Länder zu liefern oder vor Ort herzustellen. Auch Dienstleistungen etwa im Bereich Infrastruktur werden in vielen Schwellenländern benötigt.

Expats als Repräsentanten

Ein Poträt-Foto von Anna Westenberger

Anna Westenberger

Foto: GTAI/Illing & Vossbeck Fotografie

Als Expatriate, kurz Expat, hat man die Möglichkeit, die deutschen Geschäfte im Land mitzugestalten. Das Wort bezeichnet Mitarbeiter, die von Firmen für eine befristete Zeit in eine ausländische Niederlassung entsendet werden. Zum Beispiel, um in einem Schwellenland ein Projekt zu koordinieren oder eine neue Abteilung mit aufzubauen. „So eine Aufgabe kann einen Karrieresprung vorbereiten. Man kann sich in einer verantwortungsvollen Position beweisen“, sagt Anna Westenberger. Ein Expat sei oft Mittler zwischen der Zentrale und dem jeweiligen Standort. „Er ist Repräsentant des deutschen Unternehmens“, ergänzt sie. In der Regel bleibe ein Expat mindestens zwei Jahre im Ausland.

Ganz wichtig dafür ist eine gute Vorbereitung, betont die Expertin. Wie intensiv das entsendende Unternehmen Expats unterstütze, sei allerdings sehr unterschiedlich: „Es gibt Arbeitgeber, die Sprachkurse und Trainings bieten. Bei manchen ist es auch möglich, vorab in das Land zu reisen, um sich einen Eindruck zu verschaffen.“ Es komme jedoch ebenfalls vor, dass Expats ins kalte Wasser geworfen würden. Dann sei es notwendig, sich selbst möglichst umfassend beispielsweise über kulturelle und religiöse Besonderheiten zu informieren. Die GTAI bietet zu vielen Ländern ausführliche Infos, etwa zur Geschäfts- und Verhandlungspraxis (siehe auch das Interview Es gibt viele Fettnäpfchen").

Auf eigene Faust

Frühzeitig und intensiv sollte man sich mit Einreise- und Aufenthaltsregelungen sowie arbeits-, steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen beschäftigen. Die Regelungen sind je nach Land und Beschäftigungsverhältnis verschieden. Zu einigen Staaten bietet die Bundesstelle für Auswanderer und Auslandstätige Infos und Links; und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit berät auslandsinteressierte Arbeitnehmer.

Natürlich ist es auch möglich, auf eigene Faust eine Stelle in einem Schwellenland zu finden. Als Arbeitgeber kommt quasi jeder in Frage – von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen bis hin zu Entwicklungshilfe-Organisationen. Ingenieure können ebenso Arbeit finden wie Ärzte, Unternehmensberater oder Marketingexperten. „Man muss ganz individuell recherchieren“, rät Anna Westenberger und verweist auf die Möglichkeit einer Initiativbewerbung. Unterstützung bei der Stellensuche können auch die Auslandshandelskammern sowie die ZAV bieten.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Wort und Bild.

www.berufenet.arbeitsagentur.de

Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)

Der Internationale Personalservice der ZAV berät auslandsinteressierte Arbeitnehmer, Ausbildungssuchende und Studierende, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben und sich für einen lang- oder kurzfristigen Aufenthalt im Ausland interessieren.

https://www3.arbeitsagentur.de/web/content/DE/service/
Ueberuns/WeitereDienststellen/ZentraleAuslandsund
Fachvermittlung/index.htm

Bundesstelle für Auswanderer und Auslandstätige

Die Stelle ist angesiedelt beim Bundesverwaltungsamt und bietet weiterführende Links und Informationen zu verschiedenen Ländern, darunter Einreise-, Aufenthalts- und Zollbestimmungen sowie arbeits-, steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Regelungen.

www.bva.bund.de/DE/Themen/BuergerVerbaende/
Auswanderer/0_BAA_node.html

Germany Trade & Invest (GTAI)

GTAI ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Mit über 50 Standorten weltweit und einem Partnernetzwerk unterstützt GTAI deutsche Unternehmen bei ihrem Weg ins Ausland, wirbt für den Standort Deutschland und begleitet ausländische Unternehmen bei der Ansiedlung in Deutschland.

www.gtai.de

Deutsche Auslandshandelskammern (AHK)

Die AHKs beraten, betreuen und vertreten weltweit deutsche Unternehmen, die ihr Auslandsgeschäft auf- oder ausbauen wollen. AHKs sind Institutionen der deutschen Außenwirtschaftsförderung. Sie helfen zudem qualifizierten Bewerbern bei der Suche nach passenden Stellen im Ausland. Zahlreiche AHKs arbeiten mit einem professionellen Bewerbermanagementsystem, in dem man sich registrieren kann.

www.ahk.de

Auswärtiges Amt

Das Auswärtige Amt vertritt die Interessen Deutschlands in der Welt, es fördert den internationalen Austausch und bietet Deutschen im Ausland Schutz und Hilfe. Im Internet bietet es ausführliche Länderinformationen wie Reise- und Sicherheitshinweise.
www.auswaertiges-amt.de

Rausvonzuhaus

Informationen rund um das Thema Auslandsaufenthalte und internationale Begegnungen für junge Leute inklusive Länderinformationen
www.rausvonzuhaus.de

Infoportal „Wege ins Ausland”

Auf der Website informieren zehn verschiedene Institutionen über Wege ins Ausland. Angesprochen sind Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende und Berufstätige sowie alle anderen, die sich gezielt über die unterschiedlichen Möglichkeiten eines Auslandsaufenthaltes informieren möchten.

www.wege-ins-ausland.org

Verein Deutsche im Ausland (DIA)

Ziel des Vereins ist die Bereitstellung von Informationen, Adressen und Links zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Deutschen im Ausland.
www.deutsche-im-ausland.org

 

Arbeiten in Brasilien

In Brasilien beim Helfen helfen

Viele Deutsche gehen im Zuge einer Entwicklungszusammenarbeit in Schwellenländer. Eine von ihnen ist Julia Hildmann. Sie unterstützt im Nordosten Brasiliens die Bildungsbewegung PRECE. Für abi» schildert die 28-jährige Soziologin die Herausforderungen, Chancen und Ziele ihres Einsatzes.

In Brasilien unterhalte ich mich für die Dauer einer Busfahrt mit mehr Menschen als in Deutschland in einer Woche“, sagt Julia Hildmann und lacht. Im Mai ist die 28-Jährige in der 2,6-Millionenstadt Fortaleza angekommen. Es ist ihr sechster Brasilien-Aufenthalt. Ein freiwilliges Jahr führte sie das erste Mal in den südamerikanischen Staat.

Damals entdeckte sie ihr Faible für das Land, lernte brasilianisches Portugiesisch und forschte dort für die Bachelorarbeit ihres Soziologiestudiums, das sie schließlich mit dem Schwerpunkt Organisations- und Personalentwicklung an der Uni Heidelberg im Master abschloss. Ihre Masterarbeit beschäftigte sich mit unternehmerisch handelnden sozialen Initiativen. So lernte sie die Bildungsbewegung PRECE kennen, eine Abkürzung für Programa de Estímulo à Cooperação na Escola, was so viel bedeutet wie „Programm zur Förderung von kooperativem Lernen in der Schule“.

Kennenlernen, verstehen, unterstützen

Ein Porträt-Foto von Julia Hildmann

Julia Hildmann

Foto: Heather White

Seit 24 Jahren setzt sich die Non-Profit-Organisation für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Bisher hat sie unter anderem 13 kooperative Basis- und eine öffentliche Modellschule gegründet. „Die Bewegung hat viel Potenzial, sie verändert das System von innen“, erklärt die Soziologin. Die ersten drei Monate wird sie mitlaufen, um alle Projekte kennenzulernen, zu verstehen, wer die Mitarbeiter – allesamt Brasilianer – sind und welche Ziele sie haben.

In ihrer Freizeit liebt sie die lockere, spontane Lebensart. Bei der Arbeit sei sie manchmal hinderlich, etwa, wenn Termine nicht eingehalten werden. „Es ist viel geplant, aber wenig konkretisiert. Es fehlt eine Arbeitsstruktur“, sagt sie. Das hat sie auch bei der Vorbereitung gemerkt: Für das zwei Jahre gültige Visum für Sozialarbeit, das sie beim brasilianischen Generalkonsulat beantragt hat, benötigte sie Unterlagen wie Einladungsschreiben und Statuten von der Initiative. Bis sie die beisammen hatte, verging viel Zeit. „Schließlich musste ich das polizeiliche Führungszeugnis, das für das Visum nötig ist, neu beantragen, da es nur drei Monate gültig ist“, merkt sie an. Eingereist ist sie nun mit einem Touristenvisum, für das andere muss sie noch einmal zurück nach Deutschland.

Bitterarm und superreich

Finanziert wird Julia Hildmann derzeit über eine Crowdfunding-Kampagne, die sie selbst ins Leben gerufen hat. Ihr Ziel ist es, bei PRECE eine Stelle für sich zu schaffen. Das werde sicherlich Zeit brauchen, meint sie, und fügt lachend hinzu: „Ich möchte aber nicht den Inhalt meiner Stelle darauf reduzieren, diese zu schaffen.“ Auch ihre Aufgaben sind noch nicht spezifiziert. „Es geht mir nicht darum, das, was schon da ist zu strukturieren, oder meine eigenen Ideen zu verwirklichen. Ich möchte mit den Menschen zusammen Neues aufziehen.“ So will sie der Initiative, die zum Großteil vom Staat finanziert wird, helfen, von diesem unabhängig zu werden. Ein weiteres Projekt: In einem Dorf im riesigen Trockengebiet Sertão im Landesinneren soll ein Multiplikationszentrum für kooperatives Lernen entstehen.

So lernt die Soziologin verschiedene Seiten Brasiliens kennen: Sie arbeitet im Sertão, einer der ärmsten Regionen des Landes, und wohnt in der Großstadt Fortaleza. Dort ist die Kriminalitätsrate sehr hoch, erzählt sie. Dennoch sei die Stadt in vielem, etwa bei Freizeitoptionen, vergleichbar mit Berlin. „Als Europäerin und gerade als Deutsche, die hier sehr beliebt sind, hat man Zugang zu den Extremen“, sagt sie. Julia Hildmann kommt mit allen in Kontakt: dem reichen Bekannten, der in einem Luxus-Condominio lebt, einer Art abgeriegelten Stadt in der Stadt mit Villen, Supermarkt und Schwimmbad. Und mit den armen Kindern und Jugendlichen im Sertão. Ihnen will sie mit PRECE eine neue Perspektive geben.

 

Arbeiten in einem Schwellenland – Interview

„Es gibt viele Fettnäpfchen“

Von Dos und Don'ts, Sprachkenntnissen und der Rückkehr in die Heimat: Anna Westenberger, Senior Manager Asien/Pazifik bei der Germany Trade & Invest (GTAI), gibt Tipps fürs Arbeiten und Leben in einem Schwellenland.

abi>> Was muss ich beachten, wenn ich in einem Schwellenland lebe?

Anna Westenberger: Es gibt viele Fettnäpfchen! Im Vorfeld muss man sich über Dos und Don'ts schlaumachen: Wie kleide ich mich richtig? Wann wird was gegessen? Wie begrüßt man sich? Wie überreicht man eine Visitenkarte? Kommunikation ist ein wichtiger Bereich: Wir Deutschen kommunizieren sehr direkt, das kommt zum Beispiel in Asien nicht immer gut an. Auch Sicherheit spielt eine Rolle: Kann man nachts unbesorgt allein unterwegs sein? Und natürlich die Religion. So sollte man einen strenggläubigen Muslim besser nicht zu einem Feierabendbier einladen.

abi>> Muss ich die Landessprache lernen?

Ein Poträt-Foto von Anna Westenberger

Anna Westenberger

Foto: GTAI/Illing & Vossbeck Fotografie

Anna Westenberger: Das kommt auf das Land und die Arbeit an. Nicht immer sprechen alle Mitarbeiter Englisch. Die Landessprache zumindest ansatzweise zu beherrschen, ist ein Zeichen des Respekts, zeigt, dass man sich für die Menschen und ihr Land interessiert, und öffnet viele Türen – beruflich wie privat. Und es erleichtert den Alltag, etwa beim Einkaufen oder wenn man einen Handwerker benötigt. Manche Expats stellen für solche Dinge aber auch eine Englisch sprechende Haushaltshilfe an.

abi>> Wie gelingt es, anzukommen und Fuß zu fassen?

Anna Westenberger: Wenig schlafen! (lacht) So war es bei mir am Anfang in Delhi, Indien, wo ich vier Jahre für die GTAI gearbeitet habe. Man muss im neuen Job Vollgas geben und gleichzeitig so viel rausgehen wie möglich, ein Gefühl für Land und Leute bekommen, berufliche und private Kontakte knüpfen. Die deutschen Botschaften und die Auslandshandelskammern bieten oft interessante Veranstaltungen, die beim Ankommen helfen.

abi>> Was bringt mir ein solcher Aufenthalt?

Anna Westenberger: Er erweitert den Horizont. Ich habe beispielsweise gelernt, flexibler zu sein. Der Aufenthalt kann auch einen Karrieresprung vorbereiten. Außerdem gewinnt man neue Kontakte für sein berufliches Netzwerk. Wenn man von einem Unternehmen entsendet wurde, ist es wichtig, stets Kontakt zur Zentrale zu halten und die Rückkehr frühzeitig vorzubereiten. Neben der Familie sollte man unbedingt auch zu seinem Freundeskreis möglichst engen Kontakt halten, um sein soziales Netzwerk nicht zu verlieren. Wenn man auf eigene Faust unterwegs ist, sollte man sich frühzeitig wieder bewerben. Ein sehr langer Auslandsaufenthalt kann aber auch problematisch sein. Dann stellen sich Arbeitgeber eventuell die Frage, wie integrierbar man noch ist, etwa, wenn man auf dem Auslandsposten sehr selbstbestimmt gearbeitet hat und sich nun wieder in rigidere Strukturen einfügen muss.

 

Arbeiten in Indien

In Indien das Improvisieren lernen

Mehr als zwei Jahre hat Stefan Weiler in Mumbai für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet – und dabei Land, Leute und vor allem eine andere Arbeitsmentalität kennengelernt. Eine spannende Zeit, die ihn beruflich und persönlich vorangebracht hat, resümiert der 30-jährige Betriebswirt für abi>>.

Jugaad“ – eine wirklich passende Übersetzung für dieses Wort aus der Hindi-Sprache gibt es nicht. „Es beschreibt das Konzept der indischen Improvisationskunst, das in allen Lebenslagen angewendet wird“, erklärt Stefan Weiler. Und Improvisation war manchmal auch im Arbeitsalltag notwendig, denn dieser ist in Indien oft schwer vorhersehbar. „Vieles wird kurzfristiger angesetzt, entschieden und durchgeführt – vor allem im Vergleich zu Deutschland“, ergänzt er. Flexibilität und Offenheit sollte man also mitbringen, wenn man in Indien arbeiten möchte – und eben die Fähigkeit zu „Jugaad“.

Ein bisschen etwas davon hat Stefan Weiler aus seiner Zeit in Indien mitgebracht. Der Betriebswirt ist gerade aus Mumbai zurückgekehrt. Von Januar 2016 bis Mai 2018 war er dort und hat für eine internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet. Seine Aufgabe war es, als Senior Relationship Manager einen sogenannten „German Desk“ mit aufzubauen. Das Beratungsangebot richtet sich an deutschsprachige Mandanten der Gesellschaft – vorwiegend Großkonzerne und mittelständische Unternehmen – die bereits in Indien aktiv sind, sowie an solche, die Interesse an einer Markterschließung haben.

Metropole mit 20 Millionen Menschen

Ein Porträt-Foto von Stefan Weiler

Stefan Weiler

Foto: privat

Bevor er mit der Arbeit begann, war er schon zweimal nach Mumbai gereist, um einen Eindruck von der Metropolregion zu bekommen, in der geschätzt mehr als 20 Millionen Menschen leben. Dort könne man alles machen wie in den meisten anderen Metropolen auch, meint der 30-Jährige und erzählt von guten Restaurants, Bars, Clubs und vom Segeln in der Bucht. Es sei jedoch sinnvoll, sich den lokalen Gepflogenheiten etwas anzupassen. „Westliche Lebensmittel etwa sind teilweise sehr teuer“, merkt er an. Anfangs sei es schwer gewesen, sich zurechtzufinden und sich an die „unglaubliche Energie, die Vielzahl der Menschen und vor allem den Verkehr“ zu gewöhnen. Spannend und zugleich anspruchsvoll fand er es, eine neue Kultur kennenzulernen und sich in das neue Arbeitsumfeld einzugewöhnen.

Genau das hatte Stefan Weiler gereizt. „Ich wollte schon immer die Welt sehen, nicht nur für eine Woche als Tourist ein Land besuchen, sondern in andere Kulturen eintauchen und den Alltag miterleben.“ Bereits nach dem Abi zog es ihn ins Ausland: An der englischen Oxford Brookes University studierte er Internationale Betriebswirtschaftslehre und absolvierte am King´s College London den Masterstudiengang Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Politik und Ökonomie des Nahen Ostens und Schwellenländer.

Berufseinstieg in Saudi-Arabien

Dass er die Gelegenheit zu einem Bewerbungsgespräch bei einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften erhielt, verdankt er dem Netzwerk, das er sich während seiner vorherigen Anstellung aufgebaut hat. Seinen Berufseinstieg machte er bei der Auslandshandelskammer (AHK) in Riad, Saudi-Arabien. Zweieinhalb Jahre war er dort unter anderem als stellvertretender Delegierter der deutschen Wirtschaft für die Markteinstiegsberatung in Saudi-Arabien, Bahrain und den Jemen verantwortlich.

„Junge, ungebundene Berufseinsteiger können über das Netz der AHKs neben Praktika und Trainee-Stellen auch Festanstellungen im Ausland finden, die viel Abwechslung bieten“, sagt er. Denn gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern böten sich spannende Möglichkeiten auch für Leute mit wenig Berufserfahrung. „Man kann sich einbringen, weil es in vielen Bereichen Entwicklungsbedarf gibt.“ Wie in Indien: Die Gelegenheit, einen „German Desk“ in einem so großen und wirtschaftlich stark wachsenden Land mit aufzubauen, war für Stefan Weiler einer Riesenchance. „So kann man schon früh wichtige Berufserfahrung sammeln, was einen wiederum in der Karriere voranbringt.“

 

Arbeiten in Südafrika

„Can do“-Mentalität in Südafrika

Ein typisch deutsches Produkt auf dem südafrikanischen Markt platzieren – das ist Judith Oseis Aufgabe. Drei Jahre lang wird die Marketingexpertin dafür im südafrikanischen Durban arbeiten und leben. „Gewöhnungsbedürftig und spannend“, berichtet die 34-Jährige von ihren ersten beruflichen und privaten Erfahrungen.

Eine Zeit lang in Südafrika zu leben und zu arbeiten ist eine komplett neue Herausforderung“, sagt Judith Osei. Seit September 2017 lebt die 34-Jährige in Umhlanga Rocks, einem Vorort von Durban, an der Ostküste Südafrikas. Hier ist sie für eine Tochtergesellschaft des Hamburger Konsumgüterkonzerns Beiersdorf tätig. Ihre bekannteste Marke: Nivea. Als Senior Brand Manager passt sie die globalen Strategien für das Marketing der Körperpflegeprodukte an die Anforderungen in Südafrika an. Dazu gehört die Entwicklung von lokalen Marketingkampagnen. So kreiert sie zum Beispiel TV-Spots mit Botschaften, die bei Südafrikanern gut ankommen.

„Nach meiner Arbeit in einem gesättigten Markt wie Deutschland kann ich hier in Südafrika andere Marktdynamiken und Konsumenten kennenlernen“, erklärt die Marketingexpertin. „Ich finde es spannend, die Markenpositionierung in einem Land voranzutreiben, in dem Nivea keine 100-jährige Historie hat und noch enormes Wachstumspotential besitzt.“ Mindestens drei Jahre wird die 34-Jährige, die im niederländischen Maastricht ihren Bachelor und Master in Strategic Marketing absolviert hat, in dem Schwellenland bleiben. Ihr deutscher Vertrag ruht während dieser Zeit.

Unterstützung bei der Vorbereitung

Ein Porträt-Foto von Judith Osei

Judith Osei

Foto: privat

Bei der Vorbereitung auf ihren Auslandsaufenthalt wurde Judith Osei intensiv von Beiersdorf unterstützt, etwa mit einem interkulturellen und einem Sicherheitstraining sowie einem Orientierungstrip nach Südafrika, um das Land schon im Vorfeld etwas kennenzulernen. Auch beim Umzug hat das Unternehmen geholfen. „Die Unterstützung durch die entsendende Firma ist für Expats extrem wichtig und vorteilhaft, da der Schritt ins Ausland einiges an Organisation bedarf“, sagt sie.

Gleichzeitig sei aber auch eine gute Eigenorganisation und Geduld in der Planungsphase vonnöten. Die Beantragung des Visums mit medizinischen Tests, Auskünften zur persönlichen finanziellen Situationen und polizeilichem Führungszeugnis etwa war sehr aufwendig, erinnert sie sich und ergänzt: „Man muss sich sehr gut organisieren und alle To-dos pünktlich angehen – zum Beispiel die Wohnung in Deutschland kündigen, die Krankenversicherung informieren und sich bei den relevanten Ämtern abmelden.“

Leben in einer Zweiklassengesellschaft

Die erste Zeit nach ihrer Ankunft in Südafrika war schwierig für Judith Osei. Sie musste sich erst einmal an die Zweiklassengesellschaft mit sehr reichen und sehr armen Südafrikanern gewöhnen: „Die sogenannte ‚Rainbow Nation' ist für mich hier in Südafrika nicht so sichtbar, wie ich es erwartet hatte. Die Trennung der verschiedenen ‚Kulturen‘ ist selbst 25 Jahre nach der Apartheid noch spürbar“, berichtet sie. Gewöhnungsbedürftig seien auch die Sicherheitsrestriktionen gewesen. Sie wohnt in einer bewachten Wohnanlage mit 24-Stunden-Security. Das sei dort die Norm. Wenn sie unterwegs ist, dann fast immer mit dem Auto. Zu Fuß zu gehen sei schon allein aus Mangel an Bürgersteigen nicht leicht.

„Mittlerweile kenne ich aber die lokalen Regeln, fühle mich wirklich sicher und genieße es sehr, hier zu sein“, betont die 34-Jährige. Hilfreich fand sie es, dass sie von ihrem Team toll aufgenommen wurde. Im Arbeitsalltag vermisst sie manchmal trotzdem deutsche Prozesse und Effizienz, schätzt jedoch die einzigartige Mentalität und die positive „Can do“-Attitude der Südafrikaner.

Auch außerhalb der Arbeit unternimmt sie viel mit ihren Kollegen, genießt das tolle Essen, den guten Wein, die Landschaft und das Freizeitangebot mit Wochenendtrips, Safaris und Surfen. Und das alles bei wunderbarem Wetter: „Es ist wirklich toll, fast jeden Tag mit der Sonne aufzustehen – besonders, wenn man zuvor in Hamburg gewohnt hat.“


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Stand: 21.09.2019