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Ein notwendiger Luxus

Ein Lehrer steht vor einer Tafel.
Wer sich für den Beruf des Sonderpädagogen entscheidet, braucht Geduld, Humor – und eine ordentliche Portion Realismus.
Foto: Martin Rehm

Förderschullehrerin

Ein notwendiger Luxus

Die Schüler, die Claudia Mertz als verbeamtete Förderschullehrerin unterrichtet, kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und sind selbst verhaltensauffällig. Aufgabe der 31-Jährigen ist es, ihnen Bruchrechnen & Co. beizubringen – und Perspektiven aufzuzeigen.

Maximal neun Schüler pro Klasse, betreut von einem Lehrer und einer pädagogischen Fachkraft, Praxisphasen, Hausaufgabenhilfe, AGs – das klingt nach luxuriösen Schulbedingungen. Ein „dringend notwendiger Luxus“ für die Kinder und Jugendlichen, die die Valdocco-Schule in Rheinland-Pfalz besuchen, betont Claudia Mertz. Seit 2012 ist die 31-Jährige an der Grund-, Haupt- und Förderschule des Jugendhilfezentrums Don Bosco Helenenberg tätig.

Besonders betreuungsbedürftige Schüler

Ein Porträtfoto von Claudia Mertz

Claudia Mertz

Foto: privat

Es ist eine Schule mit dem Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung. Diese Fachrichtung hat Claudia Mertz während ihres Studiums „Lehramt an Förderschulen“ an der Uni Gießen unter anderem belegt. Vor allem die Praxisphasen im Studium, das sie mit dem Staatsexamen abschloss, hätten sie gut auf den Berufsalltag vorbereitet: das Schulpraktikum sowie Seminare, in denen sie die Theorie wöchentlich in einer Klasse umsetzen konnte. Entschieden hat sie sich für den Beruf, da sie gern mit Kindern arbeitet und das Umfeld Förderschule als Tochter eines Rektors einer solchen Einrichtung gut kennt.

An der Valdocco-Schule hat sie gerade eine neunte Klasse mit vier Schülern, die sie in fast allen Fächern unterrichtet und in den Praxisphasen in den hausinternen Werkstätten begleitet. Bruchrechnen, Gedichtinterpretation und Fotosynthese stehen auf dem Lehrplan. Sie hat es mit besonders betreuungsbedürftigen Schülern zu tun. Derzeit besuchen nur Jungen die Schule. Die meisten leben in von Erziehern betreuten Wohngruppen der Einrichtung und haben bereits einen steinigen Weg hinter sich: Sie kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, manche mussten beispielsweise Erfahrungen mit häuslicher Gewalt und Drogenmissbrauch machen.

„… und dann sitzt da ein Häufchen Elend“

„Er hat sich geprügelt, die Schule geschwänzt, erschien betrunken zum Unterricht, akzeptierte keine Autoritäten“ – Neuzugänge würden ihnen immer wieder mit „monströsen Bildern“ angekündigt, berichtet die Sonderpädagogin. „Und wenn ich dann in die Klasse komme sitzt da ein Häufchen Elend.“ Sie hat es mit Jungen zu tun, die in einer frühkindlichen Entwicklungsstufe steckengeblieben sind, die wenig Selbstvertrauen haben, kaum Wertschätzung erfahren, aber auch keine Grenzen gesetzt bekommen haben. „Man kann sich nicht vorstellen, was sie teilweise erlebt haben. Trotzdem stehen sie morgens auf, kommen in die Schule und sind freundlich. Das ist Wahnsinn!“ Doch trotz der problematischen Hintergründe müsse sie sich immer bewusst machen: „Ich bin kein Familienersatz, sondern Lehrerin.“ Professionell und gleichzeitig authentisch und ehrlich sein – eine Gratwanderung.

Ausdauer und Geduld

Da die Schule so klein ist, kennt jeder jeden Schüler. In wöchentlichen Konferenzen tauschen sich die Mitarbeiter aus. Auch das Erstellen von individuellen Förderplänen in Absprache mit den Kollegen gehört zu Claudia Mertz' Aufgaben. Ziel ist es, dass die Jungen den Hauptschulabschluss erlangen. Anschließend können sie am Helenenberg eine Ausbildung machen. „Doch das geht nur, wenn sie mitmachen. Du kannst noch so tolle pädagogische Arbeit leisten, versuchen, sie mit unterschiedlichen Ansprachen zu erreichen, ihnen Wertschätzung vermitteln und Rückhalt geben: Wenn die Jungs nicht wollen, hast du keine Chance.“ Ausdauer und Geduld seien wichtig – und die Akzeptanz, dass sie als Lehrerin auch mal an ihre Grenzen stößt. Doch es gibt ebenso motivierende Erfolgsgeschichten. Etwa, wenn ein Ehemaliger zu Besuch kommt und stolz berichtet, dass er einen guten Job gefunden und eine eigene Familie gegründet hat.

abi>> 27.01.2017