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Mit Haut und Haaren ausgeliefert

Zwei Frauen unterhalten sich in Gebärdensprache
Gebärdendolmetscher erleichtern Gehörlosen oder Hörbehinderten den Gang zu Ämtern sowie Arztbesuchen.
Foto: Helge Gerischer

Gebärdensprachdolmetscherin

Mit Haut und Haaren ausgeliefert

Die Nürnbergerin Lina Bauch (35) hat in ihrem Berufsalltag mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Als Gebärdensprachdolmetscherin begleitet sie Gehörlose und Hörbehinderte zum Arzt, zu Bewerbungsgesprächen, Behörden und Ämtern, um dort eine Kommunikation zu ermöglichen.

Absolute Verschwiegenheit ist in Lina Bauchs Beruf das höchste Gebot. Ihre Augen, ihre Ohren sehen und hören Dinge, die nicht für Dritte bestimmt sind. „Beim Arzt und auf den Ämtern geht es oft um Persönliches. Das sind sehr intime Situationen. Die Gehörlosen wissen, dass sie sich auf mich verlassen können. Sie kennen solche Situationen ja bereits ihr ganzes Leben lang. Für die Hörenden ist die Situation dagegen meist neu“, erklärt die studierte Gebärdensprachdolmetscherin, die als Freiberuflerin in Nürnberg arbeitet.

Ein Porträt-Foto von Lina Bauch.

Lina Bauch

Foto: Annette Link

Beide Seiten seien ihr aber mit Haut und Haaren ausgeliefert. „Das ist eine riesige Verantwortung, deshalb ist es wichtig, ganz konzentriert zu sein. Es darf mir nichts entgehen, keine Emotion, kein Subtext“, erklärt die 35-Jährige. Länger als eine Stunde am Stück könne das kaum jemand leisten, sagt sie. Bei großen Veranstaltungen arbeitet sie deshalb mit Kollegen zusammen. „Dann wechseln wir uns alle zehn Minuten ab.“

Ein kleines Flüstermännlein auf der Schulter

In einer Zweier-Konstellation positioniert sie sich am liebsten so, dass sie an der Seite des Hörenden ist und den Gehörlosen gut im Blick hat. „Den Hörenden muss ich nicht anschauen, seine Stimme und alles was dabei mitschwingt, nehme ich akustisch wahr. Den Gehörlosen muss ich aber genau sehen, genauso wie er mich“, erklärt die Gebärdensprachdolmetscherin. „Mich als Person blenden die Gesprächspartner im Idealfall aus. Ich bin nur das kleine Männlein auf der Schulter des Hörenden.“

Lina Bauch übersetzt das Gesprochene in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und anders herum. DGS ist seit 2002 eine anerkannte eigenständige Sprache, die sich grundlegend von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Sie kombiniert Gebärden, Mimik, Lippenbewegungen und Körperhaltung. „Wir arbeiten auch mit Klassifikatoren. Das heißt, die Hand symbolisiert dann einen Gegenstand oder eine Person, wie in einem Puppentheaterstück. Ich definiere vorher, dass meine rechte Hand die Katze ist und die linke ein Auto. Dann zeige ich, wie die rechte auf die linke Hand hüpft. Schon habe ich den Satz ‚Die Katze springt auf das Auto‘ übersetzt.“

Physische und psychische Eignung als Voraussetzung

Sehr ausdrucksstark sei sie schon immer gewesen, erzählt Lina Bauch. „Ich hatte in einer Unizeitschrift über Gebärdensprachdolmetscher gelesen und mir überlegt, ob das auch was für mich wäre. Meine Freunde fanden das eine super Idee. Sie sagten, dass ich ja sowieso immer mit großen Gesten reden würde“, sagt sie schmunzelnd. Also bewarb sie sich für den Diplomstudiengang Gebärdensprachdolmetschen an der Westsächsischen Hochschule Zwickau.

Gebärden kannte sie zu diesem Zeitpunkt nur wenige, das war für die Eignungsprüfung aber nicht zwingend erforderlich. Getestet wurden in erster Linie ihre Sprach-, Sprech-, Seh- und Hörfähigkeiten sowie ihre psychologische Eignung. „Konzentrationsfähigkeit, Offenheit, Einfühlungsvermögen – ohne das geht’s nicht“, betont sie. Auch Fingerfertigkeit und Interesse an vielen Themen sollte man für den Beruf mitbringen, sagt die Nürnbergerin. „An einem Tag übersetze ich für einen Elektroniker, am nächsten Tag bin ich mit einer schwangeren Frau beim Arzt, dann wieder bei einem Kongress für Führungskräfte. Die jeweiligen Fachgebärden muss man dann drauf haben. Man muss sich also ständig weiterbilden.“

Die Grundlagen dafür bringt Lina Bauch aus ihrem Studium mit. Neben Gebärden setzte sie sich in den vier Jahren auch mit Psychologie und der sozialen Situation von Gehörlosen auseinander. Auf dem Stundenplan standen Berufsethik, Rhetorik und Dolmetsch-Techniken. Auch heute schließt das Studium in Zwickau mit dem Diplom ab, andere Hochschulen in Magdeburg, Hamburg, Berlin oder Landau haben auf Bachelor und Master umgestellt.

Das Recht auf einen Gebärdensprachdolmetscher

Viele Aufträge erhält die Freiberuflerin über die zentrale Vermittlungsstelle des Gehörlosenverbands. Denn jeder Gehörlose hat das Recht, in zentralen Lebensbereichen einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuzuziehen. Staatliche Stellen übernehmen dann die Kosten. Je nach Einsatzbereich rechnet Lina Bauch zum Beispiel mit der Krankenkasse, der Arbeitsagentur oder der Rentenversicherungen direkt ab. „Die gesetzlich geregelten Stundensätze sind in Ordnung. Ich kann gut davon leben. Allerdings ist die Kostenaufschlüsselung auf verschiedene Träger manchmal ganz schön komplex“, merkt sie an.

Lina Bauch war immer klar, dass sie später freiberuflich arbeiten würde. Festangestellte Kollegen kennt sie so gut wie keine. Und auch wenn Finanzen und Selbstorganisation manchmal schwierig seien – das satte Leben, das sie täglich in ihrer Arbeit erleben dürfe, wögen alle Widrigkeiten wieder auf.

abi>> 05.03.2018