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„Wir machen Geschichte für andere zugänglich“

Frau nimmt Gegenstände aus Archivschrank
Das Landesarchiv Berlin bewahrt Unterlagen der vergangenen Jahrhunderte auf.
Foto: Julia Hendrysiak

Beamtin im gehobenen Archivdienst

„Wir machen Geschichte für andere zugänglich“

Von Abiturzeugnissen bis zu Wandergewerbescheinen: Als Archivarin erschließt Anne Rothschenk (33) verschiedene Quellen, die für die Geschichte Berlins eine Bedeutung haben. Darüber hinaus betreut sie regelmäßig Schülergruppen, die im Landesarchiv Berlin „Geschichte zum Anfassen“ erleben können.

Anne Rothschenks Arbeitsplatz ist sozusagen das Gedächtnis der Stadt. Denn das Landesarchiv Berlin bewahrt Unterlagen auf, die in den vergangenen Jahrhunderten bei der Berliner Verwaltung oder den Vorgängerbehörden, bei Gerichten, in Schulen oder Krankenhäusern, aber auch bei Privatpersonen entstanden sind. Dazu gehören nicht nur Akten, sondern beispielsweise auch Bücher, Zeitungen, Fotos, Stadtpläne oder Filmaufnahmen.

Ein Porträt-Foto von Anne Rothschenk

Anne Rothschenk

Foto: Thomas Platow

„Viele meiner Kollegen sind bei den Behörden und Einrichtungen vor Ort, um zu entscheiden, welches Material archivwürdig ist. Meine Arbeit beginnt, wenn die Unterlagen bei uns im Haus sind“, erklärt die Wahl-Berlinerin. So erschließt sie etwa das umfangreiche Aktenmaterial von Berliner Schulen: von der Korrespondenz einer Schulleitung mit Bezirksämtern bis hin zu Prüfungsunterlagen oder Schülerakten. Dafür erfasst sie in einer Datenbank die jeweils relevanten Eckdaten wie zum Beispiel den Namen und das Geburtsdatum, schreibt eine kurze Inhaltsangabe und weist dem Dokument eine Signatur zu. „Ich bereite das Material so auf, dass spätere Nutzer wissen, wie die Akte aufgebaut ist und welches Material sie erwarten können“, beschreibt Anne Rothschenk.

Viel Kontakt zu Menschen

Täglich beantwortet die 33-Jährige schriftliche Anfragen von Studierenden, Wissenschaftlern, aber auch Privatpersonen, die zu ganz unterschiedlichen Themen recherchieren: „Manche sind ihren familiären Wurzeln oder der Geschichte ihres Hauses auf der Spur, andere wollen etwas über die Schicksale von NS-Opfern wissen, um die Verlegung von Stolpersteinen zu beantragen.“ Sind entsprechende Quellen vorhanden, informiert sie die Interessenten zu den Benutzungsmodalitäten.

Insgesamt neun Wochen im Jahr hat sie außerdem Beratungsdienst im Lesesaal, wo die Nutzer das Archivmaterial einsehen können. Dass Archivare keineswegs nur allein im stillen Kämmerlein sitzen, zeigt auch ihr intensiver Einsatz für das Projekt „Schule trifft Archiv“, für das sie sich seit neun Jahren engagiert. „Schulklassen können bei uns spannende Projektarbeiten machen und dafür selbstständig Archivalien sichten, auswerten und kritisch diskutieren. Mit echten Quellen zu arbeiten und in vergangene Lebensläufe einzutauchen, ist für die meisten sehr eindrucksvoll. Außerdem bekommen die Schüler eine Vorstellung davon, dass Geschichte sehr unterschiedlich geschrieben werden kann“, schildert Anne Rothschenk.

Keine historische Forschung ohne Archiv

Als Beamtin im gehobenen Archivdienst hat sie den theoretischen Teil ihres Diplomstudiums an der Archivschule Marburg absolviert und den praktischen Teil am Landesarchiv Berlin, von dem sie danach auch unmittelbar übernommen wurde. Auch in allen anderen Bundesländern findet das behördeninterne Studium in einem der Ausbildungsarchive sowie an der Archivschule in Marburg statt, außer in Bayern: Dort besuchen Anwärter die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in München. Wer keine Beamtenlaufbahn anstrebt, kann Archivwissenschaften aber auch an einer öffentlichen Hochschule studieren.

Eine Herausforderung sieht Anne Rohschenk heute immer noch darin, anderen die Bedeutung von Archiven bewusst zu machen: „Archivare machen historisches Material überhaupt erst verfügbar, damit es jemand anderes finden kann. Wir haben den ersten Zugriff auf Geschichte, bevor sie in die Forschung geht.“ Momentan erwirbt die Archivarin berufsbegleitend noch einen Masterabschluss in Archivwissenschaft, um ihre beruflichen Möglichkeiten zu erweitern.

abi>> 29.12.2015