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„Jede Anhörung ist ein individuelles Gespräch“

Frau mit Kopftuch schreibt Freiheit an eine Tafel.
Die Entscheider beim BAMF tragen viel Verantwortung. Denn ob ein Asylantrag genehmigt oder abgelehnt wird, liegt in ihrem Ermessen.
Foto: Martin Rehm

Entscheider beim BAMF

„Jede Anhörung ist ein individuelles Gespräch“

Jeden Tag hört Alexander May die Geschichten Geflüchteter – und muss darüber entscheiden, ob ihnen in Deutschland Asyl gewährt wird. Der 34-Jährige arbeitet als Entscheider beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Augsburg. Ein Job mit viel Verantwortung.

60 Millionen Menschen sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR weltweit auf der Flucht. Die meisten von ihnen fliehen vor Krieg und Verfolgung. 2015 wurden in Deutschland so viele Asylanträge wie nie zuvor gestellt. Alexander May ist einer derjenigen, die darüber entscheiden, ob ein Asylantrag bewilligt wird – oder ob der Antragsteller das Land wieder verlassen muss.

Von der Anhörung bis zur Entscheidung ist er in das gesamte Asylverfahren involviert. Derzeit ist der 34-Jährige zuständig für Antragsteller aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Pakistan, Somalia, Nigeria und der Türkei. Außerdem kümmert er sich um Fälle von minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten nach Deutschland gekommen sind. Jeden Tag führt er bis zu fünf Anhörungen durch. Bei jeder Anhörung ist ein Dolmetscher dabei, damit sich der Antragsteller in seiner Muttersprache äußern kann.

Individuelle Gespräche führen

Ein Porträt-Foto von Alexander May

Alexander May

Foto: Privat

„Zunächst gehe ich gemeinsam mit dem Antragsteller dessen Personalien durch. Anschließend erhält derjenige eine Belehrung bezüglich seiner Rechte und Pflichten im Antragsverfahren. Dann stelle ich ihm Fragen zu seinem Reiseweg und zu seiner wirtschaftlichen Situation in seinem Heimatland“, beschreibt der Entscheider den Ablauf. Im Anschluss hat jeder Geflüchtete Zeit, seine Geschichte zu erzählen. Und zwar so ausführlich, wie er möchte. „Eine Anhörung ist kein Verhör – im Gegenteil. Sie ist immer ein individuelles Gespräch. Derjenige trägt die Gründe für seine Flucht frei vor, es ist kein Frage-und-Antwort-Spiel. Es ist meine Aufgabe, ihm oder ihr in allen Punkten Gehör zu schenken.“ Aus diesem Grund gibt es auch keinen zeitlichen Rahmen für das Gespräch.

Der Entscheider hält alle Aussagen schriftlich fest und fragt bei Unklarheiten nach. Als schutzbedürftig gilt in der Regel, wer in seinem Heimatland verfolgt wird – sei es von Seiten des Staates, von Kriegsparteien oder Rebellengruppen.

Die richtigen Fragen stellen

Nach der Anhörung versucht der Entscheider, den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu prüfen und alle Fakten zu recherchieren, die er für die Entscheidung braucht. Dazu kann er auf eine umfassende Datenbank des BAMF zurückgreifen, außerdem hat er Zugang zu polizeilichen Informationen. Anhand dessen bewertet er die Situation und schreibt anschließend einen Bescheid, der den Asylbewerber darüber informiert, ob er in Deutschland bleiben darf oder nicht und welchen Status er erhält. Reiseunfähige Personen werden zum Beispiel zunächst geduldet. Ein Bescheid umfasst in der Regel zwischen fünf und 17 Seiten.

„Die größte Herausforderung für mich ist, den Überblick zu behalten,“ erklärt Alexander May. „Ich höre am Tag viele Geschichten, sehe viele Menschen und muss mich in jeden Fall reindenken, um immer angemessen reagieren zu können. Es ist wichtig, dass ich in einer konzentrierten Situation wie der Anhörung die richtigen Fragen stelle. Das ist nicht immer einfach, aber ich weiß mittlerweile damit umzugehen.“

Start im Qualifizierungszentrum

Als Alexander May im Oktober 2015 zum BAMF kam, wurde er zunächst im Qualifizierungszentrum in Nürnberg eingearbeitet. Dort hat er anhand echter Fällen verschiedene Anhörungstechniken, das Erstellen von Bescheiden und die juristischen Hintergründe kennengelernt. Anschließend kam er in die Außenstelle in Augsburg, wo er seit 2016 eigenständig Anhörungen durchführt. „Ich habe weiterhin die Möglichkeit, jederzeit die erfahreneren Kollegen um Rat zu fragen. Außerdem erhalte ich kontinuierlich Weiterbildungen.“ Von den 53 Mitarbeitern in der Außenstelle in Augsburg sind derzeit rund die Hälfte Entscheider.

Beworben hat sich Alexander May online über die Webseite bund.de. „Mit meiner beruflichen Vorerfahrung habe ich gut auf die ausgeschriebene Stelle gepasst“, sagt der 34-Jährige, der Staats- und Sozialwissenschaften auf Diplom an der Universität der Bundeswehr in München studiert und anschließend zwölf Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet hat, unter anderem als Logistik- und Presseoffizier. Im Studium lag sein Schwerpunkt auf Islamwissenschaften und dem Nahen Osten. Durch seine Arbeit bei der Bundeswehr kennt er sich mit vielen der Herkunftsländer, aus denen die Geflüchteten kommen, gut aus (Weitere Informationen zu Zugangsvoraussetzungen gibt es im Interview „Soziale Kompetenz und Empathie“).

Professionalität und Menschlichkeit

„Zwar leisten wir Entscheider in der gegenwärtigen Situation auch Überstunden, aber das ist nachvollziehbar und im Rahmen. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Vorgesetzten und mit einer möglichen Verbeamtung auch eine interessante Berufsperspektive“, sagt Alexander May über seine Entscheidung für den Job. Aktuell ist er Beamter auf Probe, anschließend hofft er auf eine Verbeamtung, die dann auf Lebenszeit gilt. Die Probezeit beläuft sich auf drei Jahre. Aufgrund seiner Berufserfahrung bei der Bundeswehr kann er sie um ein Jahr verkürzen.

Den hohen Anforderungen des Berufs fühlt er sich gewachsen. „Natürlich braucht man Professionalität und Souveränität, aber auch Menschlichkeit. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand mir gegenüber aggressiv wird. Es kommt aber vor, dass mein Gegenüber sehr emotional reagiert.“ Dann versucht Alexander May, behutsam auf denjenigen einzugehen und zu trösten. „Ich habe sehr großes Verständnis für die Einzelfälle. Es ist aber wichtig, dass ich nicht jede Geschichte ‚mit nach Hause‘ nehme. Es hilft, sich bei den Kollegen das Erlebte von der Seele zu reden.“

Seiner Aufgabe und ihrer Tragweite ist sich der Entscheider bewusst. „Ich tue was ich kann, damit die Menschen ihr Recht bekommen“, sagt er. Das kann aber umgekehrt auch bedeuten, dass er einen Antrag ablehnen muss. Wer aus rein wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommt, um hier beispielsweise mehr Geld zu verdienen, dessen Antrag muss er sogar ablehnen. „Auch wenn ich die Gründe persönlich nachvollziehen kann.“

abi>> 03.08.2016