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Mit Pinsel, Bleistift und Aquarellfarbe

Eine Skizze einer jungen Frau
Charakteristische Merkmale sowie den Gesichtsausdruck der Angeklagten festhalten – das ist die Aufgabe von Gerichtszeichnern.
Foto: Claudia Costanza

Gerichtszeichner

Mit Pinsel, Bleistift und Aquarellfarbe

Mit wenigen Strichen eine Situation im Gerichtssaal detailliert wiederzugeben – das ist Martin Burkhardts Aufgabe. Der 35-jährige Mannheimer ist selbstständiger Illustrator und arbeitet nebenberuflich als Gerichtszeichner.

Der Richter berät sich stirnrunzelnd mit seinen Kollegen. Die Angeklagte neigt immer wieder den Kopf zu ihrem Anwalt. Die selbstbewusste Miene des Staatsanwalts signalisiert Siegesgewissheit. Solche Details, die für die Zuschauer von Gerichtsprozessen oft fast genauso interessant sind wie das Urteil, hält Martin Burkhardt fest.

Wenn abzusehen ist, dass sich die Öffentlichkeit sehr für einen Prozess interessiert, klingelt oft das Handy des 35-Jährigen. „Die Journalisten rufen meist am Tag vor der Verhandlung an und fragen, ob ich am nächsten Tag kurz vor neun Uhr im Gerichtssaal sein kann, um für ihren Beitrag zu zeichnen. Das ist kurzfristig, aber häufig erläutern sie mir gleich am Telefon, worum es im Prozess geht – oder ich lese mir vorab die Pressemitteilung dazu durch“, erzählt der routinierte Illustrator. Mehr Vorbereitung braucht er nicht. Am Prozesstag sucht er sich mit Pinsel, Aquarellfarben, Bleistift, Fineliner und A3-Papier einen Platz im Saal, von dem aus er viel sehen kann: „Möglichst weit vorn und außen, damit ich auch die Personen im Zeugenstand gut erkenne. Die sitzen meist mit dem Rücken zu den Zuschauern.“

Das Unverwechselbare darstellen

Ein Porträtfoto von Martin Burkhardt

Martin Burkhardt

Foto: Elisa Sept

Martin Burkhardt weiß zu Verhandlungsbeginn, ob der Auftraggeber ein großes Panorama der wichtigen Personen möchte – oder ob er sich zum Beispiel auf den Richter oder die Zeugen konzentrieren soll. „Ich zeichne zuerst mit schnellen Bleistiftstrichen vor, fülle dann die Flächen mit Aquarellfarbe und ziehe die wichtigsten Linien mit Fineliner nach. Mein Papier ist auf Pappe aufgezogen. So habe ich eine stabile Unterlage, wenn ich auf meinem Schoß zeichne. Oft kann ich aber an einem Schreibtisch arbeiten“, berichtet er.

Martin Burkhardt schafft bei seiner Arbeit einen Spagat: Er muss einzigartige Merkmale der Personen herausarbeiten, das Unverwechselbare, Gesten und Mimik erfassen und möglichst sogar die Stimmung im Saal wiedergeben. Und er muss flott und sicher zeichnen. Denn zur ersten Verhandlungspause möchten seine Auftraggeber sein Werk meist schon haben. Dann wird es abfotografiert und später in einer Nachrichtensendung gezeigt. „Ich finde es schön, dass so viele Menschen meine Zeichnung sehen können“, sagt er.

Durchbruch beim Harry-Wörz-Prozess

Martin Burkhardts Karriere als Gerichtszeichner begann, als das Rhein-Neckar-Fernsehen im Jahr 2004 auf der Suche nach einem Zeichner die Hochschule Mannheim kontaktierte. Damals war er dort im Diplomstudiengang Kommunikationsdesign eingeschrieben. Neben Layouten und Typografie beschäftigte er sich auch mit dem Zeichnen per Hand, belegte das Fach sogar als Vertiefungsrichtung im Hauptstudium. Er meldete sich für den Nebenjob beim Rhein-Neckar-Fernsehen, zeichnete einmal erfolgreich Probe – und war im Geschäft.

Sein Durchbruch kam, als er 2005 im Harry-Wörz-Prozess Zeichnungen für das ZDF anfertigte. Es handelte sich dabei um ein wiederaufgenommenes Verfahren wegen Totschlags, an dessen Ende der zunächst Verurteilte freigesprochen wurde. Seitdem erreichen Martin Burkhardt immer wieder Aufträge, weil er unter Journalisten weiterempfohlen wird oder die Auftraggeber im Internet auf seine Bilder aufmerksam werden. Dass Interviews mit ihm bei renommierten Onlineportalen zu lesen waren, erhöhte noch seinen Bekanntheitsgrad. Vor Kurzem zeichnete er in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim während eines Prozesses gegen einen Flüchtling, dem vorgeworfen wurde, in Syrien Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Unbeständige Auftragslage

Doch die Aufträge kommen unregelmäßig: manchmal zwei pro Woche, dann wieder monatelang nichts. Deshalb kann Martin Burkhardt vom Gerichtszeichnen allein nicht leben – ein Schicksal, das er seines Wissens mit den meisten seiner Kollegen teilt. „Gerichtszeichnen gehört zu meiner Tätigkeit als selbstständiger Illustrator. Daneben habe ich seit 2015 mit zwei Freunden eine Werkstatt, in der wir limitierte Poster von Bands gestalten und von Hand drucken. Das würde ich gerne in Zukunft noch ausbauen“, erzählt der Gerichtszeichner. Dabei kann er seine künstlerische Seite ausleben, während er sich im Gerichtssaal eher als Dienstleister sieht.

abi>> 16.12.2016