Gute Jobaussichten für Philosophen

Ein Mann steht inmitten von Bücherregalen und liest in einem Buch
Das Lesen schwer verständlicher Texte zahlt sich nach dem Studium meist aus: Aufgrund ihres analytischen und logischen Denkens wird Philosophinnen und Philosophen eine hohe Problemlösekompetenz nachgesagt.
Foto: Axel Jusseit

Philosophie – Hintergrund

Gute Jobaussichten für Philosophen

Wer sind wir und wo gehen wir hin? Die großen Fragen der Menschheit behandeln, strukturiertes Denken lernen, Begriffe klar definieren – in der schnelllebigen Zeit des 21. Jahrhunderts ist Philosophie wichtiger denn je.

Wir Philosophen beschäftigen uns mit den Grundfragen der Menschheit“, sagt Matthias Warkus, Assistent der Geschäftsführung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie e.V. Philosophie ist gewissermaßen eine „Leitwissenschaft“ unter den Geisteswissenschaften. Üblicherweise gliedert sie sich in verschiedene Teilbereiche. In der praktischen Philosophie etwa geht es um die philosophische Erforschung der menschlichen Praxis, also wie wir handeln und mit der Welt interagieren. In der theoretischen Philosophie hingegen dreht sich alles um die Frage, wie die Welt ist. Und als dritter Bereich kommt die Geschichte der Philosophie dazu. „Studierende befassen sich zunächst mit allen drei Teilbereichen“, erklärt Matthias Warkus und betont: „Wer Philosophie studiert, kann sich ohne Probleme in andere Geisteswissenschaften reindenken.“ Ein Bachelor in Philosophie eignet sich daher für ein sich anschließendes Masterstudium zahlreicher Disziplinen.

Lesen ist Pflicht

Porträt von Matthias Warkus

Matthias Warkus

Foto: privat

Das Philosophiestudium sei vor allem für Menschen geeignet, die nicht auf alles eine Antwort haben und Fragen neu beantworten möchten, betont Matthias Warkus. Neugier, Unsicherheit, Zweifel, Dinge hinterfragen zu wollen, seien also gute Voraussetzungen. Etwa die Hälfte der Philosophiestudierenden studiert auf Lehramt, die andere Hälfte auf Bachelor oder Master. Im Studium selbst wird viel gelesen und diskutiert. Im Schnitt müsse man sich auf etwa zwei bis drei Stunden Lesezeit pro Tag einstellen – und zwar oft schwer verständliche philosophische Primärtexte von Platon, Hegel, Kant bis hin zu Karl Marx. Dazu komme eine mitunter durchaus schwierige Einführung in die Logik. In Seminaren werde dann viel diskutiert. „Wer vor anderen nicht gerne redet, wird auf Dauer im Philosophiestudium nicht glücklich.“ Das Schreiben von Hausarbeiten und Essays während der Semesterferien ist ebenfalls Teil des Studiums.

Und nach dem Studium?

Das Klischee vom taxifahrenden Philosophen hält sich zwar hartnäckig, doch Matthias Warkus weist dies klar zurück: „Unter Akademikern in Deutschland herrscht fast Vollbeschäftigung“. Das Problem sei eher, dass die meisten Unternehmen gar nicht genau wüssten, was Philosophen eigentlich können. Dabei ist die Palette an Einsatzfeldern groß. Sie reicht vom Ethik-Unterricht und der Erwachsenenbildung, über IT- und Unternehmensberatungen, Marketing-, Kommunikations- und PR-Abteilungen, Politik und Wissenschaft bis hin zu nahezu allen Beratungsberufen. „Philosophinnen und Philosophen verfügen über eine hohe Sprachkompetenz, können sich in neue, komplexe Themen gut einarbeiten und diese einfach erklären“, erläutert Mathias Warkus. Eine weitere Stärke von Absolventen eines Philosophiestudiums sei es, Schwachstellen oder Inkonsistenzen in Systemen zu erkennen.

Viele Möglichkeiten

„Man kann eigentlich fast alles werden, wenn man sich umschaut und sich parallel noch einige Fertigkeiten aneignet.“ Matthias Warkus rät Studierenden, im Lebenslauf klar zu zeigen, dass ihre Interessen deutlich über das Lesen der Klassiker hinausgehen. Warum keinen Programmierkurs machen, ein Grafik-Programm oder eine Fremdsprache lernen? Oder einen Kurs in doppelter Buchführung belegen? Und natürlich sollte man Praktika absolvieren.

Philosophie agiert häufig auch an Schnittstellen. Seit Jahrzehnten wird in der Philosophie das Thema des „Geistes und des Bewusstseins“ diskutiert. Was bedeutet es, wenn ein Mensch denkt? Hier arbeitet man auch eng mit den Neurowissenschaften zusammen. In der politischen Philosophie werden auch die aktuellen Themen wie Identität, Flucht und Migration diskutiert. Und in der Ethik bleibt das Thema der alternden Gesellschaft weiterhin aktuell. Welche ethischen Maßstäbe sollen künftig für Menschen mit Demenz gelten? Und überhaupt: Was ist eigentlich eine psychische Erkrankung?

 

Philosophie

Liebe und Begeisterung für Philosophie

Isabell Welle (27) studiert Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Durch das Studium erweitert sie vor allem ihre Fähigkeiten im logischen Denken und Argumentieren.

Der Studienort Jena war für Isabell Welle die erste Wahl, nicht zuletzt, weil eine Freundin bereits hier wohnte. Vor drei Jahren schrieb sie sich zunächst für das Hauptfach Politikwissenschaft auf Bachelor ein und belegte Philosophie im Nebenfach. Im Laufe des Studiums wurde ihr aber bald klar, dass Philosophie „ihr Ding“ ist. Deshalb entschied sie sich anschließend für den Master Philosophie, den sie derzeit im zweiten Semester studiert.

Den klassischen Philosophie-Studierenden gibt es nicht. Die einen belegen Philosophie im Rahmen ihres Lehramtsstudiums beziehungsweise im Nebenfach. Selten entscheiden sich Studierende ganz bewusst für das Fach Philosophie als Haupt- oder Kernfach.

 Logisches Denken wird trainiert

An der Universität Jena beginnt das Bachelorstudium mit Modulen wie „Logik und Argumentationslehre“ sowie „Einführung in die Philosophie“. Hier geht es um die Frage, was Philosophie eigentlich ist und welche Themen in dieser Disziplin behandelt werden. Wörtlich übersetzt bedeutet Philosophie so viel wie „Liebe zur Weisheit“. Welche Fragen werden in der Philosophie gestellt und mit welchen Argumenten werden diese beantwortet? Welche Prämissen müssen dabei akzeptiert werden und was für Konsequenzen folgen daraus? Isabell Welle war vom Modulangebot im weiteren Verlauf des Studiums begeistert. „Ich habe sogar mehr Vorlesungen und Seminare besucht, als ich eigentlich musste. Es wurden einfach zu viele interessante Veranstaltungen angeboten“, berichtet sie.

Quellen im Original lesen

 Im Unterschied zum Master, in dem man einen individuellen Schwerpunkt wählt, ist das Bachelorstudium mit Philosophie im Kernfach allgemeiner gehalten. Neben Logik und Argumentationslehre müssen im weiteren Studienverlauf sowohl die Praktische als auch die Theoretische Philosophie belegt werden. Auf dem Bachelorstundenplan finden sich Veranstaltungen wie „Einführung in die Argumentationsanalyse“, „Philosophie des Skeptizismus“, „Ethik und Ästhetik“ oder „Was ist Existenz?“.

Porträt von Isabell Welle

Isabell Welle

Foto: Sebastian Fachet

Grundsätzlich ist das Philosophiestudium mit viel Lesezeit verbunden. Vor allem Primärliteratur, also philosophische Quellen, müssen sehr genau gelesen werden. Pro Seminar und Woche kommen die Studierenden im Schnitt auf etwa 20 Seiten Literatur. In einem Seminar von Isabell Welle ging es zum Beispiel um die Frage: Was ist Aufklärung? Dazu wurden dann im Original verschiedene Texte von Moses Mendelssohn, Immanuel Kant, Michel Foucault, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Chakravorty Gayatri Spivak gelesen. Außerdem steht pro Semester in der Regel das Schreiben von zwei bis drei Hausarbeiten an.

Leidenschaft für Gremienarbeit

Neben dem reinen Studium engagiert Isabell Welle sich im Fachschaftsrat Philosophie sowie im Instituts- und im Fakultätsrat. Ihr Ziel in den Gremien ist es, die Interessen der Studierenden im Fach Philosophie zu vertreten und die Studienbedingungen laufend zu verbessern. Außerdem arbeitet die Philosophiestudentin als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Praktische Philosophie.

Nächstes Jahr wird Isabell Welle ihren Master abschließen. Und sie ist sich sicher, dass sie einen guten Job finden wird. Da sie sich an der Universität sehr wohl fühlt, schließt sie auch einen Verbleib über den Master hinaus nicht aus. „Ich würde am liebsten hier am Institut bleiben und noch meinen Doktor machen“, überlegt sie. Vorstellen könnte sie sich aber auch, in die Politik zu gehen oder bei einer größeren Organisation zu arbeiten.

 

Philosoph

Wissenschaft im Dialog

Nach seinem Studium der Philosophie an der Universität Marburg fand Michael Siegel (31) eine Stelle als Volontär im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Initiative „Wissenschaft im Dialog“ in Berlin.

Die gemeinnützige Organisation hat sich die Stärkung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zur Aufgabe gemacht. In der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verfasst der 31-Jährige Pressemitteilungen, Newsletter und Flyertexte. Er formuliert Headlines für Plakate und bespielt diverse digitale Kanäle. Außerdem organisiert er Veranstaltungen rund um die Themen Forschung und Wissenschaft. Bei seinem Volontariat handelt es sich um eine Art Trainee-Programm, das angelehnt ist an die klassischen Zeitungsvolontariate. „Ich besuche auch Volontärskurse an Journalistenschulen. Dort lernen wir alle Arten von Texten kennen, von Bericht bis Reportage, und üben diese auch ein. Dazu kommen Foto- und Interviewtrainings“, berichtet der Philosoph.

Forschung für die Öffentlichkeit

„Das Thema Wissenschaftskommunikation hat mich schon während des Studiums gereizt“, sagt Michael Siegel. Für „Wissenschaft im Dialog“ fährt er zu Kongressen oder Tagungen, stellt dort Projekte vor oder nimmt an Diskussionen teil. „Wir wollen nicht nur über wissenschaftliche Themen informieren, sondern mit Menschen in Dialog treten – auch verstärkt mit Gruppen, die auf den ersten Blick keinen direkten Bezug zur Forschung haben“, erklärt er. An seinem Job gefällt ihm, dass er dabei mit vielen verschiedenen Projekten in Berührung kommt.

Nebenberuflich promovieren

Die Entscheidung für sein Philosophie-Studium traf Michael Siegel ganz bewusst: „Man studiert Philosophie nicht, um später einen bestimmten Beruf auszuüben. Das war bei mir echtes Interesse am Fach“, sagt er. „In der Schule hatte ich Philosophie noch nicht. Aber ich hatte eine Affinität zu den Fächern Deutsch und Religion.“ Auch war er schon immer fasziniert von der Arbeit mit Texten und dem konsequenten Durchdenken eines Sachverhalts. „Klar liest man auch Klassiker von Platon bis Kant, aber es geht nicht darum, später seinen Kant ‚runterzubeten‘, sondern darum, das Begründen und Argumentieren zu lernen“, erklärt er.

Porträt von Michael Siegel

Michael Siegel

Foto: Thuy-Anh Nguyen

Aufgrund einer Neuregelung der Promotionsordnung an der Philipps-Universität Marburg wurde Michael Siegel bereits nach seinem Bachelorabschluss zur Promotion zugelassen. Neben seinem Job arbeitet er daher nun an seiner Promotion. Er forscht zum Thema Normen in der Psychiatrie und zur Frage, wie man zwischen krankem und gesundem Verhalten unterscheiden kann.

Die Augen offen halten

Für die Karriereplanung legt Michael Siegel angehenden Philosophen ans Herz, die Augen offen zu halten und Dinge auszuprobieren. Er selbst arbeitete während seines Studiums als Studentische Hilfskraft, Lehrbeauftragter und in der Pressestelle der Uni. Diese Erfahrungen halfen ihm vermutlich auch bei der Suche nach einer ersten Arbeitsstelle nach seinem Bachelorabschluss. Nachdem er sich bei „Wissenschaft im Dialog“ beworben hatte, wurde er zum Vorstellungsgespräch und anschließend zum Probearbeiten eingeladen. Auf die Zusage packte der Philosoph seine Sachen und zog von Marburg nach Berlin.

Der Wechsel auf seine erste Vollzeitstelle mit Arbeitszeiten von 9 bis 18 Uhr war natürlich mit einer gewissen Umstellung verbunden. „Da treten dann so banale Fragen auf wie: Wann gehe ich zur Post, wenn die um 18 Uhr zumacht?“, erinnert sich Michael Siegel. Ein klarer Vorteil des geregelten Berufslebens liegt für ihn aber darin, dass er abends und am Wochenende nun wirklich frei hat: „Wenn man während des Studiums Hausarbeiten schreibt, hat man theoretisch nie frei.“ Derzeit ist der Doktorand und Volontär sehr zufrieden mit seiner Stelle. Durch seine Promotion öffnen sich ihm weitere Türen an Hochschulen. In den nächsten Jahren sieht er sich dennoch eher im Bereich Kommunikation. „Die Pressestellen in Deutschland werden derzeit nicht kleiner, auch an Universitäten nicht“, beobachtet er.


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Stand: 18.09.2019