Von der Vergangenheit für die Zukunft inspirieren lassen

Terrakotta-Krieger aus China
Kunstwerke wie die Terrakotta-Armee in China sind beste Lehrmeister der Geschichte und Kultur. Die Deutsche Unesco-Kommision setzt sich für den Erhalt und Schutz der deutschen Welterbestätten ein.
Foto: Martin Rehm

Welterbe- und Denkmalschutz

Von der Vergangenheit für die Zukunft inspirieren lassen

Was sind die Aufgaben der Unesco-Kommission in Deutschland und welche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten sich für jene, die Welterbe schützen möchten? abi>> sprach mit Kerstin Manz, Leiterin des Fachbereichs Welterbe bei der Deutschen Unesco-Kommission.

abi>> Frau Manz, was ist das zentrale Ziel der Unesco-Welterbe-Kommission in Deutschland?

Kerstin Manz: Das Ziel der internationalen Organisation sowie der nationalen Kommissionen ist es, das Welterbe zu schützen. Dazu zählen sowohl Kulturstätten als auch Landschaften, Industriedenkmäler und Naturerbestätten, die auf Basis der internationalen Konvention als Welterbe anerkannt sind.

abi>> Warum ist es so wichtig, Kulturerbe und Naturerbe zu schützen?

Ein Porträtbild Kerstin Manz

Kerstin Manz

Foto: Deutsche Unesco-Kommision

Kerstin Manz: Die Mitgliedsstaaten der Unesco haben in einem Übereinkommen entschieden, dass ausgewählte Kultur- und Naturerbestätten einen außergewöhnlichen Wert für die Menschheit haben. Sie erklären etwas über die Menschheit und unser Leben, sie helfen uns, unsere lange Menschheitsgeschichte besser zu verstehen und unsere gemeinsamen Wurzeln über Grenzen hinweg zu erkennen. Von dieser Vergangenheit können wir uns für die Zukunft inspirieren lassen und durch das gemeinsame Handeln im Sinne dieses Erbes den Frieden bewahren.

abi>> Was sind typische Aufgaben der Mitarbeiter in der deutschen Kommission?

Kerstin Manz: Die Organisation von Fortbildungsveranstaltungen für alle Institutionen, die die deutschen Welterbestätten aktuell verwalten, ist ein Beispiel. In diesen Veranstaltungen kann es etwa darum gehen, wie Informationen über die Stätten der Öffentlichkeit vermittelt oder wie Info- und Besucherzentren eingerichtet werden können. Ein aktuelles Projekt ist die Vernetzung deutscher Welterbe-Manager mit Welterbestätten im Ausland. Eine weitere Aufgabe ist das Recherchieren von Hintergrundinformationen und das Schreiben von Reden für die Präsidentin der Kommission.

abi>> Müssen Ihre Mitarbeiter viel reisen?

Kerstin Manz: Ja, in Deutschland sind sie wegen der genannten Aufgaben häufig unterwegs. Teilweise reisen sie auch, um sich mit ausländischen Partnern zu vernetzen. Ich bin als Leiterin des Fachbereichs viel in Deutschland und im Ausland unterwegs, in jedem Fall reise ich immer zur jährlichen Sitzung des Welterbekomitees, bei der unter anderem neue Welterbestätten aufgenommen werden.

abi>> Welche Studiengänge bereiten auf Tätigkeiten in diesem Berufsbereich vor?

Kerstin Manz: Die Absolventen, die bei der Deutschen Unesco-Kommission anfangen, kommen aus den unterschiedlichsten Studiengängen. Der Studiengang World Heritage Studies bereitet sie gezielt vor, viele haben aber auch Geografie, Kunstgeschichte oder Archäologie studiert. Wir haben zudem Mitarbeiter aus den Rechts- und Politikwissenschaften.

abi>> Welche beruflichen Perspektiven haben Absolventen, die sich für den Schutz von Kultur- und Naturerbe interessieren?

Kerstin Manz: Sie können in vielfältigen Bereichen tätig werden, etwa bei der Unesco selbst, bei beratenden Organisationen wie den für Denkmalschutz zuständigen ICOMOS oder ICCROM sowie der Weltnaturschutzorganisation IUCN. Auch bei den Institutionen, die Welterbe in Deutschland managen, also in Landesdenkmalämtern, Naturschutzbehörden, in Museen, bei Städten oder in Stiftungen, die sich um Schlösser und Gärten kümmern, finden sie Anstellung. Die Vielfalt der Tätigkeiten ist groß – vom praktischen Denkmalschutz über beratende Tätigkeiten und Projektmanagement bis hin zur Vermittlung von Wissen über die Kultur- oder Naturgüter. Direkt nach dem Abitur bietet sich zunächst das Freiwillige Soziale oder Ökologische Jahr an, das viele dieser Institutionen anbieten.

abi>> Ist eine Promotion notwendig?

Kerstin Manz: In manchen Fällen hilft eine Promotion, insbesondere wenn mit der Tätigkeit viel Recherche einhergeht. Bei uns ist sie aber kein Muss. Wichtiger ist es, flexibel arbeiten zu können, Dinge pragmatisch anzugehen und einen breiten internationalen Horizont zu haben. Man muss zum Beispiel verstehen, dass in anderen Kulturen anders gearbeitet wird. Ich kann daher empfehlen, Praktika im Ausland zu machen. Für Abiturienten bieten wir hierfür beispielsweise den Freiwilligendienst „kulturweit“ an, über den jährlich rund 500 junge Menschen ins Ausland gehen.

abi>> Welche persönlichen Interessen und Fähigkeiten sind für eine Tätigkeit bei der Unesco von Vorteil?

Kerstin Manz: Sprachkenntnisse sind wichtig – mindestens in Englisch, aber da Französisch auch eine Arbeitssprache der Unesco ist, sind Kenntnisse darin ebenso von Vorteil. Eine weitere Sprache, zum Beispiel Arabisch oder Spanisch, ist hilfreich. Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich für den Schutz von Kultur- und Naturstätten begeistert und Enthusiasmus für seine Arbeit mitbringt. Es ist kein Beruf, in dem man schnell viel Geld verdient, sondern der in der Erfüllung von gemeinsamen Werten seinen Sinn findet.

Mehr Infos

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchwort: z.B. Denkmalpflege)

www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. (Suchworte: z.B. World Heritage, Denkmalpflege)

www.studienwahl.de

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Informationen zu passenden Studiengängen und -berufen findest du im Teilberufsfeld „Museen, Restaurierung und Denkmalschutz“.

www.berufsfeld-info.de/abi

Deutsche Unesco-Kommission

Bietet Informationen zur Arbeit der Kommission und zu deutschen Natur- und Kulturerbestätten

www.unesco.de

ICOMOS

Nimmt Aufgaben als Berater-Organisation der UNESCO gemäß der Welterbekonvention von 1972 wahr

www.icomos.de

ICCROM

Nichtregierungsorganisation, die sich der Denkmalpflege von Weltkulturerbestätten widmet

www.iccrom.org

IUCN

Weltnaturschutzunion, die etwa die Liste der gefährdeten Tiere und Pflanze führt

www.iucn.org

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Größte private Initiative für Denkmalpflege in Deutschland

www.denkmalschutz.de

Vereinigung der Landesdenkmalpfleger

www.vdl-denkmalpflege.de

 

Denkmalpfleger

Das Gesicht einer Stadt bewahren

Jens Kotte ist mit Leib und Seele Denkmalpfleger. Der 35-Jährige arbeitet im Denkmalschutzamt Hamburg und ist dafür zuständig, in einer stetig wachsenden Großstadt historische Gebäude zu bewahren.

Seit gut zwei Jahren ist Jens Kotte als Gebietsreferent in der Bau- und Kunstdenkmalpflege tätig und für bestimmte Hamburger Stadtteile zuständig. „Ich bin zu 50 Prozent im Büro und zu 50 Prozent im Außendienst tätig“, sagt er. „Ich treffe mich häufig mit Architekten und Hauseigentümern und spreche mit ihnen über den Erhalt, die Sanierung, den Umbau oder über neue Nutzungskonzepte von Baudenkmälern.“

Sowohl für die Außenfassaden als auch für das Innere eines Denkmals muss der Eigentümer geplante Veränderungen genehmigen lassen. „Er darf zum Beispiel nicht einfach die Fassade abbeizen und dann nach Belieben streichen. Diese muss zuvor ein Diplomrestaurator untersuchen, die ursprüngliche Farbigkeit dokumentieren und die Farbbefunde sichern“, erläutert Jens Kotte.

Kompromisse finden

Ein Porträtbild von Jens Kotte

Jens Kotte

Foto: privat

Seine Arbeit ist vielseitig und anspruchsvoll: „Die Sanierung der Krugkoppelbrücke in Hamburg etwa, die in den 1920er Jahren gebaut wurde, war sehr komplex.“ In der Stahlbetonbogenbrücke wurden Beton, Klinker und Terrakotten verbaut, die unterschiedlich thermisch reagieren. Im Zusammenspiel mit einer ungenügenden Ableitung des Regenwassers führte dies zu einer Reihe von Schäden. Hinzu kamen Graffiti. „Um die Brücke dauerhaft zu sichern, mussten zuerst die Schadensursachen genau erforscht werden“, erzählt er.

Bei vielen Restaurierungen und Umbauten müssen Kompromisse gefunden oder Interessen abgewogen werden. „Hamburg ist eine begehrte Stadt, die unter dem Druck steht, sich ständig weiterzuentwickeln und Lebensraum für immer mehr Menschen zu bieten. Wenn Wohnraum dringend benötigt wird, müssen wir zum Beispiel überlegen, ob das Dachgeschoss eines denkmalgeschützten Gebäudes zu Wohnungen umgebaut werden darf.“ Weil sein Herz für die alten Bauwerke schlägt, sind diese Kompromisse manchmal schmerzlich für ihn. „Dem gegenüber steht jedoch die Freude über viele gelungene Erhaltungsprojekte“, betont er.

Auf Umwegen zum Wunschberuf

Zu seinem jetzigen Beruf kam Jens Kotte über Umwege: Nach einer Ausbildung zum Forstwirt studierte er zunächst Arboristik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Mit einem Magisterstudium in Ur- und Frühgeschichte, in Europäischer Volkskunde sowie in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Uni Kiel folgte er dann jedoch seinem geschichtlichem Interesse. Zusätzlich besuchte er Kunstgeschichtsseminare.

Bei einem Studienaufenthalt an der Universität Köln, wo der heute 35-Jährige ein Gastsemester absolvierte, war Jens Kotte neben dem Studium am Dendrochronologischen Institut und bei archäologischen Grabungen beschäftigt. Bei dendrochonologischen Untersuchungen wird das verbaute Holz analysiert, um Rückschlüsse auf das Alter des Gebäudes zu treffen. „Ich habe bald gemerkt, dass ich im Herzen Bauforscher bin“, erinnert sich der 35-Jährige. Diese untersuchen die konstruktive oder die künstlerisch-architektonische Baugeschichte von Einzelbauwerken wie Kirchen und Wohnhäusern oder von städtebaulichen Ensembles.

Karriere bis zum Landeskonservator möglich

Bei einem Architekten und Bauforscher in Lübeck war Jens Kotte nach dem Studium vier Jahre lang freiberuflich tätig, bevor er ein Volontariat im Denkmalschutzamt in Hamburg begann – ein notwendiger Schritt, um in der Behörde zu arbeiten. Die Volontäre erhalten Einblicke in alle Abteilungen und Arbeitsbereiche des Denkmalamtes. Dazu gehören in Hamburg das Referat Inventarisation, wo Denkmäler erfasst und bewertet werden, sowie das Referat Bau- und Kunstdenkmalpflege, das Sanierungs- und Restaurierungskonzepte erarbeitet, Bauanfragen prüft und deren Umsetzungen begleitet. Auch die Sachgebiete Gartendenkmalpflege und Restaurierung hat Jens Kotte durchlaufen.

Teilweise wird eine Promotion für den Berufseinstieg vorausgesetzt, in der Hamburger Behörde jedoch nicht. Weitere Karriereschritte innerhalb des öffentlichen Dienstes wären für den Bauforscher der Aufstieg zum Referatsleiter und zum Landeskonservator.

Jens Kotte hat seinen Wunschberuf gefunden, der es ihm ermöglicht, historische Bauten bewahren zu helfen. „Die Menschen identifizieren sich mit dem Bild ihrer Stadt, mit den alten Gebäuden. Das ist ihre Heimat. Es ist wichtig, das zu schützen“, findet er.

 

World Heritage Studies

Welterbe schützen lernen

Was schätzen die Menschen an alten Gebäuden, Kunst und Gebräuchen? Wie müssen wir mit unserem deutschen Kulturerbe und den Kunstschätzen anderer Länder umgehen? Diesen Fragen geht Fanny Steckel (26) in ihrem Studium „World Heritage Studies“ an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg auf den Grund.

Pyramiden, Klöster und Altstädte einerseits, einmalige Landschaften wie das norddeutsche Wattenmeer oder das Great Barrier Reef vor Australien andererseits – das alles und noch viel mehr findet sich unter den 1.092 Unesco-Welterbestätten, die es derzeit in 167 Ländern weltweit gibt. Ihnen widmet sich der englischsprachige Masterstudiengang World Heritage Studies. Er wurde 1999 an der BTU Cottbus eingeführt und war der erste, der sein Programm speziell auf die Unesco-Konvention zum Schutz der kulturellen und natürlichen Vielfalt abstimmte.

Eine der Studierenden ist Fanny Steckel. Die 26-Jährige lernt kulturelles Erbe und Naturerbe zu identifizieren, zu schützen, zu managen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da sie zu den Besten ihres Jahrgangs zählt, hat sie außerdem die Möglichkeit, sowohl an der BTU als auch an der Deakin University im australischen Melbourne je einen Masterabschluss zu erlangen.

Elemente aus mehreren Disziplinen

Ein Porträtbild von Fanny Steckel

Fanny Steckel

Foto: privat

Bereits vor ihrem jetzigen Studium sammelte Fanny Steckel interkulturelle Erfahrung: Nach dem Abitur in Berlin studierte sie zunächst Kunstgeschichte an der University of Reading in England, anschließend machte sie einen Master in Global Arts in London. „Schon in der Schule hat mich Kunstgeschichte interessiert. Nachdem ich mich mit Kunst in seinen unterschiedlichen Ausprägungen sowie mit seinen sozialen Aspekten befasst habe, interessierte mich – auch durch ein Praktikum bei einer Kunstzeitschrift – immer mehr die Frage des Kulturerbes. Außerdem hat mich die Interdisziplinarität des Studiengangs in Cottbus sehr gereizt.“

In dem Masterprogramm kooperieren nämlich mehrere Fakultäten der BTU, sodass Elemente der Geisteswissenschaften, der Architektur, der Konservierung, der Ökologie, der kulturellen Geographie, des Managements und Tourismus sowie des Marketings und der PR einfließen. Pflichtkurse im ersten Semester vermitteln Grundwissen zur Geschichte und dem Aufbau der Unesco, der Entwicklung der Welterbekonvention und den Schutzmaßnahmen der Organisation. Später können die Studierenden eigene Schwerpunkte setzen. „Mich interessiert eine akademische Laufbahn, deshalb habe ich einen theoretischen Schwerpunkt zum Diskurs der Kulturen gewählt“, sagt Fanny Steckel.

Wichtiger Bestandteil des Studiums sind zudem Studienprojekte und Praktika. „In Studienprojekten habe ich beispielsweise Denkmäler in Berlin erfasst und Ausstellungsmaterial erarbeitet. Manche Kommilitonen sind in die ehemalige Königsstadt Bagan in Myanmar geflogen und haben für die dortigen Kulturstätten an einem Konzept für einen unschädlichen Tourismus gearbeitet. In einem weiteren Studienprojekt nimmt eine Gruppe Studierender jedes Jahr an der jährlichen Sitzung des Welterbekommittees teil“, zählt sie die Möglichkeiten auf, Einblicke in die Arbeit mit Kultur- und Naturdenkmälern zu erhalten.

Kunstraub aus der Kolonialzeit aufarbeiten

Mit ihrem Master qualifiziert sich Fanny Steckel für Tätigkeiten rund um den Globus. Sie könnte bei der Unesco, deren nationalen Kommissionen oder im Management von Welterbestätten tätig werden, außerdem in Museen, Organisationen oder an Universitäten, die sich mit dem Schutz von Kultur- und Naturgütern befassen. Sie selbst strebt eine Tätigkeit im kuratorischen Bereich eines Museums an. Besonders interessiert sie die Rückführung von kolonialen Artefakten, die in deutschen oder europäischen Museen ausgestellt werden – Kunstschätze also, die während der Kolonisation von Deutschen oder anderen besetzenden Nationen beispielsweise in Afrika erworben oder erbeutet wurden.

Zu diesem Thema wird sie voraussichtlich ihre Masterarbeit im kommenden fünften Semester schreiben: „Durch meinen Hintergrund in Kunststudien mit einem besonderen Fokus auf Erinnerungsstudien – Schwerpunkte, die ich auch im Master World Heritage Studies verfolgt habe – interessiert mich sehr, warum wir mit der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit auch im Museumsbereich zurückliegen. Mich faszinieren Museen und Galerien als Orte für menschlichen Austausch – da gibt es viel Potenzial.“


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Stand: 17.07.2019