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Ein Jahr leben wie auf dem Mars

Christiane Heinicke außerhalb der Forschungsstation, wie sie mit einem Raumanzug einen Hügel hinauf geht.
Christiane Heinicke lebte gemeinsam mit fünf Kollegen in einer Forschungsstation auf Hawaii, die den Mars simulieren sollte.
Foto: Verseux

Geophysikerin

Ein Jahr leben wie auf dem Mars

Was macht es mit dem Menschen, wenn er ohne schnellen Ausweg auf einem fernen Planeten und auf engem Raum mit einigen wenigen Kollegen wohnt und arbeitet? Die Geophysikerin Christiane Heinicke machte mit fünf weiteren Wissenschaftlern den Test in einer abgeschirmten Station auf Hawaii. Für abi>> berichtet sie von ihrer Zeit dort sowie ihrem neuen Projekt.

Die Marssimulation, an der ich teilgenommen habe, war eine psychologische Studie. Sie sollte bestimmen, welche Faktoren die Gruppendynamik auf zukünftigen Marsmissionen beeinflussen können. Fünf weitere Wissenschaftler und ich lebten dafür ein Jahr lang auf der Station HI-SEAS (Hawaii Space Exploration Analog and Simulation), die isoliert auf halber Höhe des Vulkans Mauna Loa auf Hawaii steht, inmitten von kargem, rötlich-grauem Lavagestein. Sie wird von der University of Hawaii betrieben und von der US-amerikanischen Weltraumbehörde NASA finanziert.

„Meine“ Simulation war die vierte und längste in einer Reihe von Simulationen. Als ich von dem Projekt hörte, fand ich die Herausforderung faszinierend – mit nur fünf anderen Leuten auf engem Raum leben, abgeschnitten vom Rest der Welt, auf uns allein gestellt. Ich bewarb mich, wurde angenommen und wohnte von August 2015 bis August 2016 in der Station. Zur Vorbereitung waren wir gemeinsam in den Rocky Mountains trekken und haben diverse Trainings zum Umgang mit Stress und Konflikten durchlaufen. Aber auch das beste Training macht aus einem Narzissten keinen Teamplayer. Dementsprechend wurde bei unserer Auswahl neben der fachlichen Qualifikation auch auf die psychologische Eignung geachtet.

Wasser aus Lavagestein gewinnen

Ein Porträt-Foto von Christiane Heinicke.

Christiane Heinicke

Foto: Verseux

In der Station habe ich als Chief Scientific Officer die Experimente und wissenschaftlichen Projekte der Crew sowie der Studienleiter koordiniert. Die meiste Zeit verbrachte ich aber mit eigenen Projekten, etwa mit der Gewinnung von Wasser aus trockenem Lavagestein. Das Gestein des Mauna Loa ist vergleichbar mit dem auf dem Mars, sowohl was den Wassergehalt als auch die chemische Zusammensetzung betrifft. In den Projekten meiner Kollegen, die ich gelegentlich unterstützte, ging es unter anderem um Geologie und Fernerkundung, unseren Wasserverbrauch, unser Schlafverhalten sowie Probleme, die mit Pflanzenwachstum auf Marsboden zusammenhängen.

Jeder lebte im Wesentlichen nach seinem eigenen Zeitplan. Die einzigen vorgegebenen Strukturen waren die Fragebögen und Experimente, die wir zu bestimmten Zeiten durchführen mussten, das tägliche Abendessen sowie die gemeinsame Vorbereitung der wöchentlichen Außeneinsätze, für die wir mit Raumanzügen ausgestattet raus auf die Lavafelder gingen. Außerdem war unser Tagesablauf stark von der Sonne beeinflusst: Wir bezogen unseren Strom aus Solarpaneelen und konnten elektrische Geräte daher vor allem tagsüber betreiben.

Not macht erfinderisch

Sechs Menschen für lange Zeit auf so engem Raum – das führt zwangsläufig zu Konflikten. Auch scheinbar banale Dinge können zu Frustration führen, etwa Kaffeetassen, die ständig im Weg herumstehen. Unsere Herausforderung war daher, auch solche Kleinigkeiten früh zur Sprache zu bringen, bevor sie eskalieren konnten.

Außerdem hatten wir diverse technische Probleme, die wir meist gemeinschaftlich lösten, da jeder von uns unterschiedliche Erfahrungen einbringen konnte. Durch unsere stark eingeschränkten Ressourcen mussten wir selbst für einfache Reparaturen erst mehrere kleine Probleme lösen. Als einmal unsere Toiletten kaputt gingen, bauten wir übergangsweise eine Destille, um unseren Urin zu entsorgen. Für den Bau hatten wir zwar ausreichend Material, aber keine geeignete Werkstatt. Soll heißen: Wenn man nicht zum nächstgelegenen Baumarkt fahren kann, muss man sein Werkzeug auch mal selbst herstellen.

Halb Physikerin, halb Ingenieurin

Es war eine Menge Zufall im Spiel, dass ich überhaupt auf der Station HI-SEAS gelandet bin. In der Schule fand ich Physik spannend und entschied mich daher nach dem Abitur, an der Technischen Universität Ilmenau im Bachelor „Technische Physik“ zu studieren. Anschließend wechselte ich für den Master in Geophysik nach Uppsala in Schweden. Das blieb nicht meine einzige Auslandserfahrung: Meine Masterarbeit über Strömungen im Erdmantel verfasste ich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich; zuvor verbrachte ich ein Semester am Massachusetts Institute of Technology in den USA, wo ich Experimente zu Luftströmungen durchgeführt hatte.

Für meine Promotion kehrte ich nach Ilmenau zurück und habe mich an der Fakultät für Maschinenbau mit Magnetohydrodynamik beschäftigt. Bevor ich auf „dem Mars“ gelandet bin, machte ich einen Abstecher in die „Ice Mechanics Group“ der Aalto University in Finnland, die das Meereis erforscht.

Dank meines Studiums bin ich keine reine Physikerin, sondern auch halbe Ingenieurin. Außerdem faszinieren mich Orte, die bisher gar nicht oder nur sehr oberflächlich erkundet sind, etwa große Teile der Arktis, die Tiefsee – oder eben fremde Planeten.

Habitat für Mond oder Mars entwerfen

Nach der Marssimulation habe ich eine Zeitlang freiberuflich gearbeitet und reiste viel. Seit Oktober 2017 bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) der Universität Bremen tätig. Hier arbeite ich an meinem Projekt MaMBA, kurz für „Moon and Mars Base Analog“. Ziel ist es, ein Habitat zu entwerfen und zu bauen, welches als Lebens- und Arbeitsraum auf dem Mond oder Mars eingesetzt werden kann.

abi>> 28.05.2018