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Augen auf bei der Partnerwahl!

Junger Mann als Erzieher.
Spielplatz statt Büroalltag? Elternzeit kann auch für Männer eine Option sein.
Foto: Martina Striegl

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Augen auf bei der Partnerwahl!

„Was junge Frauen wollen“ – das hat Professor Carsten Wippermann von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München in einer Studie untersucht. Ein Ergebnis: Sie wünschen sich Gleichberechtigung, Kinder und Karriere. Vor allem bei der Gleichberechtigung hakt es aber noch etwas. Warum das so ist und was beide Geschlechter für mehr Chancengleichheit tun können, darüber sprach der Soziologie-Professor mit abi>>.

abi>> Herr Wippermann, mal ehrlich: Kinder plus Karriere, ist das überhaupt möglich?

Carsten Wippermann: Ja, selbstverständlich ist das möglich! Es gibt eine Reihe von Frauen mit kleinen Kindern in verantwortungsvollen Jobs, auch in Teilzeit. Allerdings sind die Rahmenbedingungen nicht so wie sie sein sollten, damit das einfach ist.

abi>> Wie müssten diese denn sein?

Ein Porträt-Foto von Prof. Carsten Wippermann

Prof. Carsten Wippermann

Foto: privat

Carsten Wippermann: Es müsste sich beispielsweise in der Kinderbetreuung etwas ändern. Das Selbstverständnis einer Kita sollte sein, die Erwerbstätigkeit von Müttern und Vätern zu ermöglichen. Dafür brauchen wir flexible Öffnungszeiten. Eltern werden ihre Kinder ja nicht 24 Stunden täglich in die Kita geben, aber was machen Eltern, die im Schichtdienst oder am Wochenende arbeiten müssen? Da müssten sich die Kitas als Dienstleister für die Eltern verstehen.

abi>> In Ihrer Studie wird deutlich: In der Regel sind es die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren, sobald Kinder da sind. Warum nicht die Männer?

Carsten Wippermann: Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen wollen die Frauen natürlich gerne Zeit mit ihrem Kind verbringen. Außerdem steigt mit einem Kind der Finanzierungsbedarf, es muss eine Person mehr im Haushalt versorgt werden. In Deutschland kommt dann bei den meisten gleich der Reflex auf, dass der Mann die Familie versorgen muss.

abi>> Männer haben häufig auch das höhere Gehalt …

Carsten Wippermann: Ja, das ist ein Problem. Wenn der Mann zu Hause bei den Kindern bleiben würde, gäbe es unter Umständen finanzielle Engpässe. Unter den Strukturen leiden also auch diejenigen Männer, die eigentlich gerne weniger arbeiten würden, es aber aus finanziellen Gründen nicht können.
Ein weiterer Grund, warum meistens Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren oder eine Zeitlang komplett aus dem Beruf aussteigen, hängt mit dem seltsamen Wort „Rabenmutter“ zusammen, das es in anderen Sprachen gar nicht gibt. Viele Frauen haben Angst als „Rabenmutter“ zu gelten, wenn sie trotz Kind zu früh oder zu viel arbeiten. In Skandinavien oder Frankreich dagegen ist das überhaupt kein Thema.

abi>> Eigentlich wollen Frauen also mehr arbeiten, trauen sich nur nicht?

Carsten Wippermann: Sie genießen es, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, aber später merken sie, dass sie nicht mehr die Einkommensperspektive haben, die sie gemäß ihrer Qualifikation eigentlich verdient hätten. Während der Verdienst des Mannes in der Regel weiterhin steigt und er vielleicht Karriere macht, wird das Gehalt der Frau in den seltensten Fällen analog zum Gehalt des Mannes steigen. Männer erhalten im Durchschnitt 21 Prozent mehr Stundenlohn als Frauen. Im Sinne der Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist Lohngleichheit aber entscheidend.

abi>> Es herrscht also keine Chancengleichheit im Berufsleben?

Carsten Wippermann: Rechtlich schon, faktisch aber nicht. Mütter werden beispielsweise in Vorstellungsgesprächen häufig gefragt, wie sie die Position mit ihren Kindern vereinbaren können. Bei Vätern dagegen ist das komischerweise selten ein Thema.

abi>> Aber es geht ja nicht nur um den Beruf: In Ihrer Studie haben Sie auch festgestellt, dass spätestens nach der Geburt des ersten Kindes Frauen und Männer auch zuhause in traditionelle Rollenmuster fallen …

Carsten Wippermann: Ja, wenn ein Paar frisch zusammenzieht, sind Mann und Frau in der Regel „auf Augenhöhe“. Sie teilen sich die Hausarbeit. Später kippt das häufig, Männer delegieren den Haushalt oft reflexhaft an ihre Frauen: Über 70 Prozent der Frauen machen die Wäsche, kochen und putzen. Dabei wollen Frauen eigentlich Gleichberechtigung. Sie sind selbstbewusst und glauben, sie schaffen das. Irgendwann scheitern sie dann aber an den Strukturen.

abi>> Warum?

Carsten Wippermann: Das sind sozial gelernte Rollenmuster, in die man auch unfreiwillig reinrutschen kann. Nur 5 bis 10 Prozent der Paare sehen sich als komplett gleichberechtigt. Noch fehlen einfach Vorbilder.

abi>> Was können Frauen und Männer selbst für mehr Gleichberechtigung tun?

Carsten Wippermann: Die Muster hinterfragen. Warum sollen nach der Geburt eines Kindes nicht beide Elternteile ihre Arbeitszeit reduzieren und die Hausarbeit weiterhin gleichmäßig untereinander aufteilen? Oder warum soll nicht der Mann einen Großteil der Elternzeit in Anspruch nehmen, wenn er sich gerne intensiv um das Kind kümmern möchte? Frauen brauchen außerdem mehr Egoismus. Momentan ist es häufig so: Wenn sie die Chance auf eine Führungsposition bekommt, dann fragt sich eine Frau: Passt das zur Berufstätigkeit meines Partners? Männer dagegen gehen oft einfach davon aus, dass ihre Frau ihnen den Rücken freihält und ergreifen die Chance. Aber warum sollte nicht mal der Mann zugunsten der Frau auf eine Führungsposition verzichten?
Die Folgen der getroffenen Entscheidungen spüren die Paare oft erst nach 20 bis 30 Jahren. Wichtig ist jedoch für beide, dass sie im Alter von der eigenen Rente, von den eigenen Rücklagen leben können.

abi>> Von der Rente sind unsere Leserinnen und Leser noch weit entfernt. Aber was raten Sie Abiturientinnen und Abiturienten, die jetzt gerade vor dem Eintritt ins Berufsleben stehen?

Carsten Wippermann: Augen auf bei der Partnerwahl! Und bei Entscheidungen immer schauen: Was bedeutet das für mich und meinen Partner – auch langfristig? Außerdem: Bitte nicht denken, dass ihr euch zwischen Familie und Karriere entscheiden müsst. Es geht definitiv beides, aber man muss es gemeinsam stemmen!

abi>> 02.03.2017