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„Nah dran am Leben“

Porträt von Marian Schreier
Im Jahr 2015 zog Marian Schreier von Berlin nach Tengen, um Bürgermeister der baden-württembergischen Stadt zu werden.
Foto: privat

Arbeitgeber Rathaus – Interview

„Nah dran am Leben“

Marian Schreier (27) ist seit 2015 Bürgermeister von Tengen, einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg nahe der schweizerischen Grenze mit gut 4.500 Einwohnern. Im Gespräch mit abi>> berichtet er, wie die Digitalisierung die Arbeit im Rathaus verändert und was der Reiz seines Berufs ist.

abi>> Sie haben Politik- und Verwaltungswissenschaften in Konstanz studiert. Hatten Sie zu Beginn des Studiums ein bestimmtes berufliches Ziel vor Augen?

Marian Schreier: Nein, ich konnte mir gut vorstellen im politischen Bereich zu arbeiten, war aber nicht konkret festgelegt. Ich habe mich bewusst für diesen Studiengang in Konstanz entschieden, weil er zum einen einen hohen Praxisbezug aufweist. Zum anderen wollte ich mich mit der Kombination Politik- und Verwaltungswissenschaften breiter aufstellen und mich nicht ausschließlich auf den Politikbetrieb festlegen.

abi>> Sie haben im Berliner Bundestagsbüro des SPD-Politikers Peer Steinbrück gearbeitet und sind dann in Tengen zur Wahl des Bürgermeisters angetreten. Wie kam es dazu?

Marian Schreier: Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in Tengen das Amt des Bürgermeisters nach 42 Jahren frei wird. Ich bin dann dorthin gefahren, habe mir den Ort angeschaut und konnte mir das gut vorstellen. Über Gespräche vor Ort ist dann nach und nach der Entschluss gereift, zu kandidieren.

abi>> Mit 25 Jahren von Berlin nach Tengen, vom Bundestagsbüro in ein kleines Rathaus – das ist eine komplett andere Welt. Was hat Sie gereizt?

Marian Schreier: Die Arbeit in Berlin hat viel Spaß gemacht. In Tengen kann ich allerdings selbst Schwerpunkte setzen. Vor allem zwei Dinge machen den Reiz der Kommunalpolitik aus: einerseits die Bandbreite an Themen, die die Arbeit sehr abwechslungsreich macht – Wirtschaftsförderung, Unterbringung von Flüchtlingen, Tourismus; mit all diesen Themen hat die Gemeinde zu tun. Andererseits der persönliche Kontakt. Anders als auf Landes- und Bundesebene bekommt man sehr schnell Rückmeldung von den Bürgern: Was läuft gut, was kommt nicht gut an? Man sieht das Ergebnis seiner Arbeit und ist nah dran an allen Lebensbereichen.

abi>> Ihr Vorgänger hat das Amt 42 Jahre lang inne gehabt. Was machen Sie anders?

Marian Schreier: Das möchte ich weniger in der Abgrenzung zur Person festmachen. Es ist vielmehr eine Frage der Generationen. Ich nutze zum Beispiel digitale Medien in der Kommunikation und wir sind dabei, die Digitalisierung auch in der Verwaltung voranzutreiben. Das betrifft einzelne Verwaltungsdienstleistungen sowie neue Angebote, etwa unser digitales Anregungs- und Beschwerdemanagement. Bürger können dieses nutzen, um unkompliziert auf Mängel wie etwa Schlaglöcher aufmerksam zu machen und ganz allgemein ihre Anregungen in die Kommunalpolitik einzuspeisen.
Mir persönlich ist es zudem wichtig, die Bürger stärker in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Deshalb haben wir jüngst mit breiter Bürgerbeteiligung ein Leitbild entwickelt, wie die Stadt Tengen im Jahr 2030 aussehen soll.

abi>> Wird die Digitalisierung die Arbeitswelt in den Kommunen verändern?

Marian Schreier: Ja, ganz grundlegend. Manche Vorgänge lassen sich leicht standardisieren. Zum Beispiel können einfache Meldebescheinigungen via Internet erledigt werden. Die Zeit, die dafür in der Verwaltung frei wird, kann für die Lösung komplexerer Sachverhalte genutzt werden. Was in Zukunft eine viel stärkere Rolle spielen wird, ist die Flexibilität: Verwaltungen müssen agiler werden, um mit dem hohen Veränderungstempo umgehen zu können. Mitarbeiter werden nicht mehr über einen so langen Zeitraum an einer Stelle die gleiche Tätigkeit ausüben. Dafür brauchen sie neue Kompetenzen. Das betrifft nicht nur den Umgang mit digitalen Medien, sondern auch die Bereitschaft, sich weiterzubilden, sich auf Neues einzulassen.

abi>> Wie haben sich die Aufgaben in der Kommunalverwaltung außerdem gewandelt?

Marian Schreier: Ich glaube, es gibt drei grundsätzliche Veränderungen: Auf der einen Seite sind neue Aufgabenfelder dazugekommen. Auf der anderen Seite sind bestehende Aufgaben umfangreicher und komplexer geworden, beispielsweise die Kinderbetreuung. Und schließlich steigen die rechtlichen Anforderungen und damit die Abhängigkeit von Entscheidungen auf Landes-, Bundeseben und Europaebene. Wir müssen stärker mit dem umgehen, was dort passiert.

abi>> Für wen ist ein Arbeitsplatz in der Kommunalverwaltung interessant?

Marian Schreier: Wer heimatverbunden ist, das Gemeindeleben mitgestalten möchte und den persönlichen Kontakt schätzt, ist hier gut aufgehoben. Welche fachliche Ausbildung jemand mitbringt, spielt dabei weniger eine Rolle, denn die Kommunalverwaltung berührt alle wesentlichen Aspekte des Lebens und hat viele nachgeordnete Bereiche, in denen ganz unterschiedliche Fachkräfte gefragt sind: vom Schulsozialarbeiter über den Ingenieur in den Stadtwerken bis hin zum Techniker beim Vermessungsamt.

abi>> 16.10.2017

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