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Arbeiten wird anspruchsvoller

Mann und Frau arbeiten in einem Coworking-Space an einem Notebook.
Die wenigsten wollen bei der Arbeit komplett auf zwischenmenschlichen Austausch verzichten.
Foto: Martin Rehm

Interview

Arbeiten wird anspruchsvoller

Im Gespräch mit abi>> erläutert der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx, welche Fertigkeiten zukünftig besonders gefragt sind und warum wir weiterhin Büros brauchen.

abi>> Werden wir künftig zum Arbeiten überhaupt noch die Wohnung verlassen oder kommt vielleicht sogar die Fabrik zu uns nach Hause?

Ein Porträt-Foto von Matthias Horx

Matthias Horx

Foto: Privat

Matthias Horx: Nun ja, wie soll man dann zum Beispiel in einem Altersheim arbeiten, wenn man die Wohnung nicht verlässt? Oder in einem tollen Ladengeschäft? Es wird, so lange es die Menschheit gibt, immer Orte geben, an denen man arbeitet, und auch der 3-D-Drucker kommt nicht in jeden Haushalt. Nicht jeder hat Lust, sich die eigenen Hosenknöpfe selbst auszudrucken. Außerdem wissen wir aus vielen Erfahrungen, dass es auch künftig so etwas wie ein Büro geben wird. Einfach einen Ort, an dem sich Menschen treffen, um sich gegenseitig zu inspirieren. Dafür brauchen wir körperliche Nähe.

abi>> Welche Chancen und Risiken sind mit zunehmender Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen verbunden?

Matthias Horx: Die Chance, dass wir Arbeit endlich an unterschiedliche Lebenssituationen und Arbeitsstile anpassen können, als immer nur die gleichen acht Stunden lang im Büro zu sitzen. Das ist ja absurd: Wir wissen, dass unser Leben sich immer mehr individualisiert und flexibilisiert, aber unsere Arbeitswelt ist noch wie im 19. Jahrhundert. Wenn wir kleine Kinder haben, brauchen wir mehr Zeit für die Familie, und wenn die Kinder aus dem Haus sind, können wir wieder mehr arbeiten, selbst mit 65 noch. Die Arbeit an die Menschen anzupassen anstatt umgekehrt – das wäre eine Großleistung der Kultur. Die richtige Strategie ist Flexicurity, eine Kombination aus den englischen Begriffen „flexibility“ und „security“ (Anm. d. Redaktion: Flexibilität und Sicherheit).

abi>> Wie sehen Arbeitnehmer der Zukunft aus, welche Fähigkeiten müssen sie mitbringen?

Matthias Horx: Es wird sehr viele verschiedene Anforderungen geben. In einer Fabrik der Industrie 4.0 müssen die Mitarbeiter hohe technische Disziplin mitbringen, in kreativen Berufen müssen sie eher frei denken und im Netzwerk kommunizieren können.

In Wahrheit ist der Begriff „Arbeitnehmer“ schon das Problem. Wer nimmt und wer gibt da eigentlich? In der Zukunft wird derjenige einen guten Job kriegen, der ein guter Selbst-Unternehmer ist. Die begehrten Leute sind dann die, die nicht auf Anweisungen warten, die selbstständig handeln und entscheiden können. Es geht immer mehr um Fertigkeiten wie Kommunikationsfähigkeit, Emotionale Intelligenz und Digitale Kompetenz.

abi>> Aber werden wir nicht auch überflüssiger, weil Computer und Maschinen immer mehr die Arbeit für uns übernehmen?

Matthias Horx: Dieser Unsinn wird seit ungefähr 300 Jahren erzählt. Immer wenn der Automatisierungsgrad steigt, entstehen gleichzeitig tausend neue Berufe und Tätigkeiten, mit denen man sein Geld verdienen kann – auf einer komplexeren und kreativeren Ebene. Von Computern und Maschinen übernommen werden immer nur die monotonen Arbeiten, die schon maschinell erledigt werden können. Das kann natürlich in Zukunft auch auf Buchhalter zutreffen, aber ich glaube nicht, dass man Ärzte durch Computer ersetzen kann, denn Arzt ist ein Heilberuf und hat viel mit dem Zwischenmenschlichen zu tun. Mit der Digitalisierung einher geht natürlich, dass das Bildungsniveau der Menschen weiter steigen muss – eben auch in den sogenannten weichen Fähigkeiten, die Maschinen so schnell nicht draufhaben werden. Aber keine Angst: Noch nie waren so viele Menschen berufstätig wie heute und wir haben ja schon viele Rationalisierungswellen hinter uns. Das wird auch in Zukunft so sein.

abi>> 13.06.2016

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