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„Trend zum Home-Office vor allem bei Bürotätigkeiten“

In einem Kalender ist "Homeoffice" handschriftlich eingetragen.
Wer von zu Hause aus arbeitet, muss sich gut organisieren und motivieren können.
Foto: Martin Rehm

Interview

„Trend zum Home-Office vor allem bei Bürotätigkeiten“

abi>> sprach mit Karl Brenke, Arbeitsmarkt- und Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über die neue, flexiblere Arbeitswelt, in der Heimarbeit und geteilte Stellen nach wie vor dennoch die Ausnahmen sind.

abi>> Herr Brenke, inwieweit hat sich die Arbeitswelt durch Modelle wie Home-Office oder Jobsharing verändert?

Karl Brenke: Eigentlich gar nicht, zumindest nicht gravierend. In Deutschland geht die Zahl der abhängig Beschäftigten, die häufig oder gelegentlich im Home-Office arbeiten, eher zurück. Je nachdem, welche Statistik man hinzuzieht, sind derzeit acht bis zwölf Prozent der Angestellten auch als Heimarbeiter tätig. Über Jobsharing weiß man hingegen nur wenig, für den deutschen Arbeitsmarkt ist es praktisch nicht relevant.

abi>> Warum nicht?

Ein Porträt-Foto von Karl Brenke

Karl Brenke

Foto: Anna Blancke

Karl Brenke: Es gibt einfach viele Nachteile für den Arbeitnehmer im Vergleich zu einer regulären Beschäftigung. Zum Beispiel ist kein urlaubs- oder krankheitsbedingter Ausfall vorgesehen, bei Teilzeitstellen schon. Wenn sich zwei Personen eine Stelle teilen, wird erwartet, dass immer einer da ist. Dafür muss man häufig auch flexibel reagieren und kann die abgesprochenen Arbeitszeiten vielleicht nicht immer einhalten. Also ganz konkret: Wenn der andere mal krank ist, springt man automatisch als Vertretung ein und muss eventuell länger bleiben oder zu anderen Zeiten kommen. Gerade für Arbeitnehmer mit Kindern kann das problematisch sein, wenn sie plötzlich den ganzen Tag im Büro sein sollen, aber eigentlich ihr Kind aus der Kita abholen müssten.

abi>> In welchen Branchen und Berufen sind flexible Arbeitszeitmodelle denn am meisten verbreitet?

Karl Brenke: Einen Trend zum Home-Office gibt es vor allem bei Bürotätigkeiten. Arbeitsplätze in der Industrie oder in der Baubranche eignen sich hingegen weniger für Heimarbeit. Generell lässt sich sagen, je höher die Arbeitnehmer qualifiziert sind, desto höher ist der Anteil derjenigen, die auch zu Hause arbeiten. Die Klassiker sind Lehrer, Richter oder Psychologen. Bei vielen einfachen Jobs ist das aufgrund der Arbeitsbedingungen gar nicht möglich. Verkäufer haben eben im Laden zu sein.

abi>> Und wie beurteilen Sie die Chancen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer?

Karl Brenke: Für Angestellte bieten flexible Arbeitszeiten und insbesondere die Heimarbeit vor allem zwei Vorteile. Erstens können sie sich den Arbeitstag freier einteilen. Und viele sparen sich die mitunter recht langen Wege zum Arbeitsplatz, was gesamtwirtschaftlich gesehen auch eine Verminderung der Verkehrsbelastung vor allem in großen Städten bedeutet. Arbeitgeber können möglicherweise Kosten einsparen, weil sie weniger Büroarbeitsplätze bereithalten müssen. Aber vor allem zählt bei der Entlohnung nicht mehr nur die Anwesenheit, sondern auch die Leistung der Mitarbeiter. Viele Chefs achten immer noch sehr darauf, wie lange ihre Mitarbeiter im Büro sind. Wenn Leistung wichtiger wird, ist das viel effizienter für die Arbeitgeber. Heißt aber auch, sie müssen sich bei der Kontrolle ihrer Mitarbeiter umorientieren, was in der Anfangsphase einen gewissen Aufwand bedeutet.

abi>> Damit wären wir auch gleich bei den Risiken.

Karl Brenke: Für Arbeitnehmer ist Heimarbeit eine zwiespältige Geschichte. Sie müssen ziemlich viel Disziplin zeigen, um ihre Leistung während einer entsprechenden Zeit zu erbringen. Das erfordert eine ganz andere Arbeitsorganisation und kann auch zur Stressfalle werden. Deshalb sollte man Home-Office und Büro-Tage auch immer im Wechsel machen.

abi>> Diese Disziplin müssen Freiberufler jeden Tag aufbringen. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie insbesondere für diese Gruppe?

Karl Brenke: Generell ist bei den Alleinunternehmern und Freischaffenden die Zahl derjenigen, die zu Hause arbeiten viel größer als bei den Angestellten. Die Kostenersparnis ist dabei natürlich ein großer Vorteil. Ein Risiko ist aus meiner Sicht die Gefahr der Vereinzelung, was aber eher selten vorkommt. Bei vielen Jobs sind die sozialen Kontakte ja automatisch da. Wer zum Beispiel in der Werbung arbeitet, wird viel mit Kunden oder Auftraggebern zu tun haben.

abi>> 13.06.2016

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