Menschen mit Behinderungen unterstützen und begleiten

Blindenschrift
Menschen mit Behinderungen müssen in ihrem Alltag besondere Techniken erlernen.
Foto: Nicole Schwab

Berufe in der Behindertenhilfe

Menschen mit Behinderungen unterstützen und begleiten

Sei es in Kindergärten und Schulen, im häuslichen Alltag oder bei Freizeitaktivitäten – in verschiedenen Berufen geht es darum, Menschen, die eine körperliche oder geistige Behinderung haben, eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Wie kann ich in einen Bus ein- und aussteigen? Wie zentriere ich einen Kochtopf auf dem Herd und wie merke ich, wann das Wasser kocht? Und wie schneide ich eine Gurke auf, ohne mich dabei zu verletzen? Für alltägliche Dinge wie diese müssen blinde oder sehbehinderte Menschen besondere Techniken erlernen. Dabei werden sie von einer Fachkraft für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation unterstützt – bald auch von Laura Beyer*.

Die 26-Jährige absolviert die entsprechende Weiterbildung bei der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (blista) in Marburg und schätzt den hohen Praxisanteil: „Wir machen sehr viele eigene Erfahrungen, indem wir uns mit Augenbinden oder Simulationsbrillen in die Lage von Menschen versetzen, die erblindet sind oder Sehbehinderungen haben. Dabei geht es darum, Merkmale wahrzunehmen, die diesen Menschen helfen, sich in ihrer Umgebung selbst zu orientieren“, berichtet sie und nennt ein Beispiel: „Unterwegs kann etwa die Bodenbeschaffenheit oder die Akustik Aufschluss darüber geben, wo man sich gerade befindet.“

Den Umgang mit Hilfsmittel beibringen

Während der ersten Hälfte der Weiterbildung erlernen die Teilnehmer selbst die Techniken und Kompetenzen, die sie später anderen beibringen. „Nach dieser Phase arbeiten wir – angeleitet von unseren Ausbildern – mit blinden oder sehbehinderten Menschen“, sagt Laura Beyer*, die diesen Teil nun beginnen wird. „Dann zeigen wir ihnen zum Beispiel, wie man mit den verschiedenen Hilfsmitteln wie dem Langstock umgeht.“ Eine Herausforderung ist, dass bei jedem die Behinderung anders ausgeprägt ist. „Darauf muss man eingehen können, Ideen entwickeln und sich immer überlegen: Wie kann ich das vermitteln, damit es auch verstanden wird?“

Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), das die junge Frau nach dem Abitur in einer Schule für blinde und sehbehinderte sowie mehrfachbehinderte Kinder absolvierte, war für sie wegweisend. Weil unter anderem eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem passenden Bereich Voraussetzung für die Weiterbildung ist, erlernte sie zunächst den Beruf der Erzieherin. „Ich bin sehr froh darüber, dass ich diese Weiterbildung nun machen kann, auch weil es sehr praxisnah ist und wir in kleinen Gruppen arbeiten“, betont sie.

Schulische und duale Ausbildungsmöglichkeiten

Ein Porträt-Foto von Constanze Lanz

Constanze Lanz

Foto: privat

Dies ist nur eines von vielen Beispielen, wie man beruflich Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen dabei unterstützen kann, im Alltag zurechtzukommen und am gemeinschaftlichen Leben teilzuhaben. Einen Überblick verschafft Constanze Lanz, Berufsberaterin für Abiturienten und Studierende bei der Agentur für Arbeit Berlin Steglitz-Zehlendorf. Sie nennt Ausbildungsberufe, die auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ausgerichtet sind: „Orthopädietechnik-Mechaniker etwa versorgen Patienten mit orthopädietechnischen Hilfsmitteln wie Prothesen. Hierbei handelt es sich um eine duale Ausbildung im Handwerk.“

Auch die schulische Ausbildung zum Heilerziehungspfleger bereitet auf eine Tätigkeit vor: „In einigen Bundesländern ist zudem die schulische Ausbildung zur Fachkraft für Pflegeassistenz möglich“, ergänzt die Expertin.

Spezielle Studiengänge

Darüber hinaus führt eine ganze Reihe von Studiengängen in den Bereich der Behindertenhilfe: „Zu den Absolventen gehören etwa Gebärdensprachdolmetscher, Heilpädagogen, Ingenieure für Medizintechnik, Orthopädie- und Rehatechnik oder Lehrer für Sonder- und Förderschulen“, zählt Constanze Lanz auf. (Siehe auch die Reportage „Individuelle Stärken fördern“.) Speziell bei den Agenturen für Arbeit und in Jobcentern ist nach einem entsprechenden Bachelorstudium eine Tätigkeit als Berater für Bildung, Beruf und Beschäftigung mit dem Schwerpunkt „Teilhabe am Arbeitsleben“ möglich.

In einigen Bundesländern werden auch duale Studiengänge angeboten, etwa die dualen Bachelorstudiengänge „Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) oder „Soziale Sicherung, Inklusion, Verwaltung“ an der Hochschule Fulda.

Als Therapeut spezialisieren

Therapeuten können sich ebenfalls ganz oder teilweise auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen spezialisieren, beispielsweise Logopäden, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten oder Kunsttherapeuten. Hierbei handelt es sich in der Regel um schulische Ausbildungen, teilweise ist aber auch ein Studium in dem Bereich möglich. Hinzu kommen verschiedene Weiterbildungen, etwa zur Fachkraft für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation oder zum Hippotherapeuten (siehe die Reportage „Hoch zu Ross“).

Aber auch in nicht speziell auf die Behindertenhilfe ausgerichteten Ausbildungs- und Studienberufen gehört der Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben, dazu. Dazu zählen Gesundheits- und Krankenpfleger, Mediziner, Psychologen und Hörgeräteakustiker.

Um in diesem Bereich arbeiten zu können, sollte man entsprechende Voraussetzungen mitbringen: „Gefragt sind beispielsweise eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz sowie emotionale Stabilität, Teamfähigkeit, Empathie und Geduld“, betont Constanze Lanz. Je nach konkretem Aufgabenbereich sind die Bereitschaft zur Schichtarbeit, körperliche Fitness und keine Scheu vor Körperkontakt wesentlich. „Eine gute Idee ist es, sich vorher in einem Praktikum oder einem Freiwilligen Sozialen Jahr auszuprobieren“, rät die Beraterin.

Gute Arbeitsmarktchancen in allen Bereichen

„Für Berufe, die konkret auf die Hilfe für Menschen mit Behinderung ausgerichtet sind, gibt es eindeutig einen Bedarf“, versichert Claudia Suttner vom Team Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. Dies gilt nach ihrer Einschätzung sowohl für eher technisch ausgerichtete Berufe, für Berufe der Therapie und Heilkunde als auch für Berufe im sozialen Bereich.

„Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die Nachfrage sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen“, sagt die Expertin zusammenfassend. „Die Arbeitslosigkeit ist stark gesunken und die Arbeitslosenquote liegt bei diesen Berufen unter zwei Prozent. Im Zuge der allgemeinen Entwicklung im medizinischen Bereich und im Hinblick auf die Tatsache, dass mit der älter werdenden Gesellschaft auch die Zahl der Menschen mit Behinderungen zunimmt, wird die Nachfrage nach Fachkräften in diesem Berufsfeld auf allen Anforderungsniveaus weiterhin hoch bleiben.“

*Der Name wurde auf Wunsch der Protagonistin von der Redaktion geändert.

Weitere Informationen

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Weitere Informationen zu Berufen in der Behindertehnhilfe findest du zum Beispiel in dem Berufsfeldern „Sozialarbeit und Betreuung“ und „Pflege, Therapie, medizinische Assistenz“ sowie in den Berufswelten Studium und Ausbildung.
www.berufsfeld-info.de

BERUFNET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchworte z.B. Sozialarbeiter, Sozialpädagoge)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)

www.blista.de

Deutsche Hippotherapie-Ausbildung e.V.

www.dha-ev.de

Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V.

www.diakonie-portal.de/freiwilligendienste

Lebenshilfe Gießen

www.lebenshilfe-giessen.de

 

FSJ bei der Diakonie

Herausfinden, ob es passt

Anna Clara Neumann (19) absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einer Einrichtung des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. Für abi>> berichtet sie von ihren Erfahrungen.

In meiner Schulzeit hatte ich erstmals Kontakt zu Kindern mit körperlichen und geistigen Behinderungen, etwa im Werkunterricht. Durch diese Erfahrung kam ich auf die Idee, nach dem Abitur beruflich etwas mit Menschen mit Behinderungen zu machen. Um Einblick in diesen Bereich zu bekommen, habe ich mich nach dem Abitur für ein FSJ entschieden.

Nach meiner Bewerbung bei der Diakonie, die als Träger Freiwillige an Einsatzstellen vermittelt, wurde ich zu einem Gespräch eingeladen. Mir wurden einige Stellen genannt, die zu meinen Vorstellungen passen würden und am Ende konnte ich mir sogar eine Einrichtung aussuchen. Meine Wahl fiel auf das Tiele-Winkler-Haus, eine Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen, weil es hier besonders familiär zugeht. Es gibt nur drei Wohngruppen mit jeweils sechs Personen – die gemütliche Atmosphäre hat mir gleich gefallen.

Herausforderungen und Erfolgserlebnisse

Porträt-Foto von Anna Clara Neumann

Anna Clara Neumann

Foto: privat

In meiner Wohngruppe leben Menschen mit geistigen Behinderungen wie dem Downsyndrom; einige sind zugleich körperlich eingeschränkt und zum Beispiel auf einen Rollstuhl angewiesen. Anfangs war ich etwas überfordert mit der Situation: Nach der Schulzeit plötzlich jeden Tag acht Stunden zu arbeiten, war eine große Umstellung. Außerdem gab es viele neue Eindrücke, die ich verarbeiten musste. Einige Bewohner haben zu Beginn getestet, wie weit sie bei mir gehen können. Einer hat zum Beispiel versucht, sich drei Tassen Kaffee zu nehmen statt der einen, die aufgrund des Ernährungsplans erlaubt war – auch solche vermeintlichen Kleinigkeiten sind hier klar geregelt und müssen beachtet werden.

Hinzu kommt, dass die Bewohner deutlich älter sind als ich und einige von ihnen nicht akzeptieren wollen, dass sie auf jemanden hören sollen, der so jung ist wie ich. Aber zum Glück bin ich dort ja nicht alleine, sondern arbeite in einem netten Team, das überwiegend aus Heilerziehungspflegern besteht. In der besagten Situation stand mir eine Kollegin zur Seite und hat klargestellt, dass ich trotz meines jungen Alters als Betreuerin ernstgenommen werden muss.

Es gab aber auch sehr schöne Situationen und Erfolgserlebnisse. Eine ältere Dame hat zum Beispiel einen Monat gebraucht, bis sie sich meinem Namen merken konnte. Als es dann geklappt hat, haben wir uns gemeinsam gefreut.

Ausflüge mit Bewohnern begleiten

Zu meinen Aufgaben gehören neben der Unterstützung bei den Mahlzeiten und beim Küchendienst auch Ausflüge mit den Bewohnern. Einmal habe ich einen Bewohner, der im Rollstuhl sitzt, zu einer Ernährungsmesse begleitet, weil er so gerne dahin geht. Mit einem anderen Bewohner gehe ich alle zwei Wochen in den Grunewald zum therapeutischen Reiten – das ist immer sehr schön. Auch bei einer Musikgruppe, die Studentinnen einer Musikhochschule für unsere Bewohner angeleitet haben, habe ich mitgeholfen.

Übrigens bekomme ich für meinen Freiwilligendienst ein Taschengeld in Höhe von 300 Euro pro Monat. Weil ich schon alleine wohne, werde ich außerdem von meinen Eltern unterstützt.

Insgesamt gefällt mir das FSJ so gut, dass ich mich nun entschieden habe, auch beruflich in diese Richtung zu gehen. Konkret habe ich mich für die Studiengänge Rehabilitationspädagogik und Heilpädagogik beworben.

Mehr Infos

Im Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. gibt es die Möglichkeit, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) zu leisten.
www.diakonie-portal.de/freiwilligendienste

 

Sonderpädagogik

Individuelle Stärken fördern

Paul Kammann studiert Lehramt für Sonderpädagogik mit der Fachrichtung Körperbehindertenpädagogik mit Mittelschuldidaktik an der Universität Würzburg. Persönliche Erfahrungen mit einem Familienmitglied haben den 22-Jährigen bei seiner Studienwahl beeinflusst.

Die Landesgartenschau hier in Würzburg, das wäre doch eine schöne Exkursion im Rahmen des Sachkundeunterrichts – doch können wir das mit unseren Schülergruppen umsetzen? Mit Fragen wie diesen setzt sich Paul Kammann bei Vorlesungen und Seminaren auseinander, außerschulische Lernorte schauen wir uns zunächst an und diskutieren im Seminar, inwieweit das entsprechende Thema als Unterrichtseinheit für unsere künftigen Schüler, die eine Behinderung haben, geeignet ist“, erklärt der Student.

Reger Austausch und viele Praktika

Ein Porträt-Foto von Paul Kammann

Paul Kammann

Foto: privat

Der 22-Jährige befindet sich im vierten Semester des Lehramtsstudiengangs. Bei der Bewerbung hat er sich für den Schwerpunkt Körperbehindertenpädagogik sowie die Ausrichtung Mittelschuldidaktik entschieden. „Daher habe ich noch die drei Didaktikfächer Deutsch, Geschichte und Musik. Alternative Schwerpunkte sind in Würzburg Geistigbehindertenpädagogik, Pädagogik für Verhaltensstörungen, Sprachheilpädagogik oder Lernbehindertenpädagogik.“

Zu den Theorieanteilen des Studiums gehören Vorlesungen und Seminare in Pädagogik, Psychologie, Didaktik, Soziologie, Pflege- und Therapiesituationen, medizinische und geschichtliche Hintergründe sowie Moralethik. „Wir diskutieren dabei unter anderem philosophische Fragen und reflektieren eigene Haltungen“, sagt Paul Kammann. „Das ist es, was das Studium so besonders macht – es führt nicht nur hin zu dem Beruf des Sonderpädagogen, sondern trägt auch zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung bei.“ Auch die in Würzburg hohen Praxisanteile sagen ihm zu. „Während des Studiums sind sechs Praktika im schulischen Bereich Pflicht. Die Lehrstühle unterstützen uns dabei sehr und begleiten diese Praktika mit entsprechenden Veranstaltungen.“

Wegweisende Vorerfahrungen

Ein vierwöchiges Orientierungspraktikum sollte bereits vor Studienbeginn abgeschlossen werden. Paul Kammann konnte sich dabei ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) anrechnen lassen, dass er nach dem Abitur in einer Förderschule für Kinder mit Körperbehinderungen gemacht hatte. „Außerdem habe ich vor dem Studium als Integrationsassistent gearbeitet, also als Freizeitbegleitung für Menschen mit Behinderungen.“

Diese Erfahrungen waren mit ausschlaggebend für seine Studienwahl, insbesondere aber sein persönlicher familiärer Hintergrund. „Meine ältere Schwester ist körperbehindert, weshalb ich schon früh miterlebt habe, wie wichtig Förderung und Therapie ist. Trotz ihrer starken Beeinträchtigung lebt sie jetzt sehr mobil und selbstbestimmt. Zu wissen, was möglich ist, motiviert mich.“

Anspruchsvoller Beruf mit vielen Möglichkeiten

Für Paul Kammann steht fest, dass seine Entscheidung richtig war: „Es macht mir Freude, die individuellen Stärken und Potenziale der Schüler zu erkennen und sie dabei zu unterstützen, dass sie am Ende selbstständig in der Gesellschaft leben können“, erzählt der 22-Jährige und betont: „Sonderpädagoge ist ein sehr anspruchsvoller Beruf. Man muss sich ständig über das eigene Vorgehen Gedanken machen, um das Bestmögliche für die Schüler zu erreichen.“ Essentiell ist nach seiner Einschätzung, eine Beziehung zu Menschen aufbauen und auf sie eingehen zu können, ebenso ein hohes Maß an Flexibilität und Belastbarkeit: „Man wird mit schwierigen Situationen konfrontiert, auch mit so manchen persönlichen Schicksalen. Damit muss man umgehen können.“

In seine berufliche Zukunft blickt Paul Kammann optimistisch: „Es gibt viele Möglichkeiten für Sonderpädagogen. Wichtig wäre mir, dass die Rahmenbedingungen für Lehrkräfte stimmen und die Inklusion sinnvoll umgesetzt wird.“

 

Hippotherapeutin

Therapie hoch zu Ross

Alexandra Möck (28) setzt bei ihren Patienten auf eine besondere Form der Therapie: Sie führt Hippotherapie bei Menschen mit Behinderungen auf speziell ausgebildeten Pferden durch.

Routiniert begleitet Alexandra Möck den Mann, der seit einem Unfall vom Bauch abwärts querschnittsgelähmt ist, zur Rampe. Über diese kann er mit seinem Rollstuhl in passender Höhe neben die schon bereit stehende Islandstute fahren. Die Hippotherapeutin hilft ihm beim Aufsitzen. Nach einigen erklärenden Worten setzt sich das Pferd in Bewegung. Es wird von einer jungen, entsprechend ausgebildeten Reiterin geführt, die die Arbeit der Therapeutin unterstützt. „Sie bringt uns das Pferd, führt es während der Therapie und kümmert sich darum, dass es das entsprechende Tempo hält“, erklärt Alexandra Möck und ergänzt: „Dieses ist angepasst an den menschliche Gangrhythmus, weil dabei die Bewegungsübertragung am besten funktioniert.“

Das Becken mobilisieren

Ein Porträt-Foto von Alexandra Möck

Alexandra Möck

Foto: Ralf Just

Die Drei bewegen sich mit der Stute in den Wald hinein und folgen einer festgelegten Strecke, die sie bei jeder Therapieeinheit zurücklegen. Alexandra Möck geht nebenher und unterstützt die Bewegungsübertragung des Pferderückens auf den Patienten. „So kann ich ihm dabei helfen, bestimmte gleichmäßige Bewegungen durchzuführen, je nachdem, welche Defizite vorhanden sind“, erläutert sie den Therapieeffekt. „Das Pferd überträgt zum Gehen erforderliche Bewegungen auf das menschliche Becken und den Rumpf. Dadurch können wir zum Beispiel bei einer Querschnittslähmung das Becken mobilisieren und den Rumpf stabil halten. Unterstützt wird es noch durch den positiven Effekt, dass die Patienten sich darüber freuen, auf dem Pferd zu sitzen und draußen in der Natur zu sein. Das alles zusammen ist es, was mir an dieser Tätigkeit so gut gefällt.“

Es kommen Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen zu der 28-jährigen und ihren Kolleginnen in die Hippotherapie. „Hauptsächlich sind sie bedingt durch neurologische Erkrankungen Multiple Sklerose oder einen Schlaganfall. Doch wir behandeln zum Beispiel auch Kinder mit körperlich-geistigen Behinderungen.“ Meistens sitzen ihre Patienten selbständig auf dem Pferd. „Wenn jemand stark eingeschränkt ist und sich zum Beispiel nicht festhalten kann, sitzen wir Therapeuten hinten mit drauf.“

Neben Empathie für den Patienten ist bei der Hippotherapie auch Feingefühl für das Pferd erforderlich. „Man muss wissen, mit welchem Pferd man zusammenarbeitet und wie es in welchem Moment reagieren kann. Weil es große Tiere sind, sind einige Patienten auch etwas ängstlich, was ebenfalls besonderes Einfühlungsvermögen erfordert.“ Jahrelange Reiterfahrungen musste Alexandra Möck aber nicht mitbringen. „Es wird erwartet, dass man auf dem Pferd sitzen kann und mit seinen Gangarten vertraut ist. Zu der insgesamt zweiwöchigen Weiterbildung, die ich absolviert habe, gehört deshalb auch ein Reitkurs.“ Die Kosten für den Lehrgang lagen bei insgesamt rund 1.400 Euro.

Umgang mit Pferden und Patienten

Mit ihrer abgeschlossenen Ausbildung zur Physiotherapeutin hatte Alexandra Möck die Voraussetzung für die Weiterbildung zur Hippotherapeutin erfüllt. Obendrein schloss sie zuvor noch das Bachelorstudium „Health Care Science“ an der Hamburger Fernhochschule ab, das auf Aufgaben als Kinderphysiotherapeutin vorbereitet.

Zur Hippotherapie kam sie über die Praxis Lamprecht für Physiotherapie und Neurorehabilitation in Kirchheim/Teck, bei der die Weiterbildung in Kooperation mit dem Verein Deutsche Hippotherapie-Ausbildung angeboten wird. „Schon während meiner Berufsausbildung hatte ich einen Vortrag über Hippotherapie gehört und fand den Gedanken spannend, Tiere in die Physiotherapie mit einzubeziehen. Daher hatte ich mich später zu den Möglichkeiten umgehört.“ Der Beruf bietet verschiedene Perspektiven: „Denkbar wäre zum Beispiel, die Spezialisierung auf Kinder im Rahmen einer Fortbildung weiter auszubauen.“

 

Berufe in der Behindertenhilfe – Statements

Langweilig wird es nie

Was wird von jungen Menschen erwartet, die in der Behindertenhilfe arbeiten möchten? Wie können Interessierte sich orientieren und wie gelingt der Berufseinstieg? abi>> hat Personalverantwortliche aus Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen betreut werden, befragt.

Stefan Bolz, Leiter des Kompetenzzentrums berufliche Bildung der Lebenshilfe Gießen e.V. in Pohlheim:

Ein Porträt-Foto von Stefan Bolz

Stefan Bolz

Foto: privat

„In unserer Einrichtung erfahren Menschen mit Behinderungen eine berufliche Orientierung und Qualifizierung. Hauptvoraussetzung für unsere Mitarbeiter ist die Bereitschaft, mit Menschen mit Behinderungen arbeiten zu wollen und die dafür erforderliche Persönlichkeit einzubringen. Ich empfehle Interessierten, nach dem Schulabschluss zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Behindertenhilfe abzuleisten. Junge Menschen stellen dabei sehr schnell fest, ob sie später in diesem Bereich arbeiten möchten oder nicht.
Wir haben derzeit mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Dabei bietet der soziale Bereich vielfältige berufliche Perspektiven. Auch wenn man im Vergleich zu anderen Berufsfeldern eine geringere Entlohnung in Kauf nehmen muss, erlebt man hier einen wertschätzenden Umgang. Diese Form des Miteinanders bereichert beide Seiten.“

Helena Scherer, Regionalleiterin der Tiele-Winckler-Haus GmbH in Berlin:

Ein Porträt-Foto von Helena Scherer

Helena Scherer

Foto: privat

„Wir freuen uns über alle, die sich für die schönen und abwechslungsreichen Aufgaben in unserer Einrichtung interessieren. Der Fachkräftemangel macht sich auch bei uns bemerkbar, daher gibt es für gut ausgebildete Menschen viele Möglichkeiten. Zu unseren Mitarbeitern gehören vor allem Heilerziehungspfleger, aber auch Altenpfleger, Erzieher und Sozialpädagogen. Zunächst einmal Reinschnuppern ist wichtig. Wir bieten Praktika an, zudem ist es bei uns möglich, als Aushilfe zu arbeiten oder berufsbegleitend eine Ausbildung zu machen.
Von Bewerbern und Bewerberinnen erwarten wir, dass sie Lust haben, sich auf Menschen mit geistiger Behinderung einzulassen. Sie müssen offen kommunizieren und reflektieren können, kreativ und zuverlässig sein. Auch auf Gelassenheit und Geduld kommt es an, denn Entwicklungen erfolgen hier meist in kleinen Schritten. Aber man kann sehr viel von unseren Bewohnern lernen, wenn man sich auf sie einlässt und erkennt, dass auch sie ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind.“

Jürgen Nagel, Stellvertretender Direktor Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista) in Marburg:

Ein Porträt-Foto von Jürgen Nagel

Jürgen Nagel

Foto: privat

„In der Rehabilitation von und für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen ist die Qualifizierung von Fachkräften eine große Herausforderung. Von jungen Menschen, die in diesem speziellen Aufgabengebiet arbeiten möchten, erwarten wir vor allem persönliches Engagement, eine gute Selbstorganisation im Lernen und Arbeiten, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Auch Flexibilität – gedanklich, zeitlich und räumlich – sowie Neugierde und Lust am lebenslangen Lernen bringen einen in diesem Bereich weiter.
Interessierte Abiturienten sollten vor einer grundlegenden Berufsausbildung, die für die Weiterbildung vorausgesetzt wird, ein Freiwilliges Soziales Jahr, einen Bundesfreiwilligendienst, Praktika oder ehrenamtliches Engagement nutzen, um sich mit dem besonderen Arbeitsfeld vertraut zu machen. Erwarten darf man vielfältige Arbeitsgebiete – sei es angestellt in einer Spezialeinrichtung oder bei einer freiberuflichen Tätigkeit. Das Berufsfeld bietet Interdisziplinarität und abwechslungsreiche Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen und vor allem ein hohes Maß an persönlicher Zufriedenheit mit einer pädagogischen Arbeit, die sich als Einzelunterricht an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Klienten orientiert.“


Diese Beiträge im abi-Portal könnten dich auch interessieren:

  • Individuelle Stärken fördern

  • Therapie hoch zu Ross

  • Langweilig wird es nie

  • Herausfinden, ob es passt

Logo Bundesagentur f�r Arbeit
Stand: 17.06.2019