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„Landwirte müssen heute mehr denn je Unternehmer sein“

Freilaufende Ferkel auf dem Gelaende eines Bauernhofes.
Ackerbau, Milchviehaltung oder Schweineproduktion – in der Landwirtschaft geht der Trend immer mehr zur Spezialisierung.
Foto: Johannes Simon

Berufe in der Landwirtschaft: Interview

„Landwirte müssen heute mehr denn je Unternehmer sein“

abi>> sprach mit Dr. Michael Welling, Pressesprecher beim Thünen-Institut in Braunschweig, über Trends und neue Herausforderungen in der Landwirtschaft. Die Arbeit des Bundesforschungsinstituts hat zum Ziel, die Agrar-, Forst- und Holzwirtschaft sowie die Fischerei nachhaltig weiterzuentwickeln.

abi>> Herr Dr. Welling, welche Trends sind gegenwärtig in der Landwirtschaft zu beobachten?

Dr. Michael Welling: Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird weitergehen. Damit ist gemeint: Die Anzahl der Betriebe geht zurück, wobei die zu bewirtschaftende Fläche annähernd gleich geblieben ist. Oder anders gesagt: Wir haben in Deutschland immer weniger Betriebe, die aber auf immer größeren Flächen landwirtschaftliche Erzeugnisse produzieren, weil das schlichtweg effizienter ist. Vor allem im konventionellen Bereich wird auch die Spezialisierung weiter zunehmen. Landwirte müssen sich heute entscheiden, ob sie etwa auf Ackerbau, Milchviehhaltung oder Schweineproduktion setzen, und selbst da haben wir Arbeitsteilung: Es gibt zum Beispiel Betriebe, die ausschließlich Ferkel erzeugen, andere wiederum haben sich auf die Aufzucht von Ferkeln und wieder andere auf die anschließende Schweinemast spezialisiert. Das bringt natürlich auch höhere Anforderungen an die Qualifikation mit sich.

abi>> Wie schätzen Sie insbesondere die Situation des Ökolandbaus ein?

Ein Porträt-Foto von Dr. Michael Welling

Dr. Michael Welling

Foto: Karin Tamoschat

Dr. Michael Welling: Die Nachfrage der Verbraucher nach Bioprodukten ist deutlich gestiegen. In den letzten Jahren hatten wir Zuwächse von circa fünf bis neun Prozent. Die ökologisch bewirtschafteten Flächen in Deutschland haben damit nicht Schritt gehalten. Ziel der Bundesregierung ist deshalb schon seit einigen Jahren, diesen Anteil auf 20 Prozent zu erhöhen, allerdings mittlerweile ohne zeitliche Vorgaben. Real werden für den Ökolandbau gegenwärtig nur 6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche genutzt. Deutschland importiert viele Bioprodukte aus dem Ausland. „Bio“ ist bei uns nicht immer gleichbedeutend mit „regional“; nicht zuletzt hier haben die Verbraucher mit ihren individuellen Kaufentscheidungen eine Marktmacht.

abi>> Als Öko-Bauer tätig zu sein, ist ja nicht nur eine grundsätzliche Entscheidung, es muss sich auch unternehmerisch rechnen.

Dr. Michael Welling: Auf jeden Fall. Landwirte müssen sich heute generell mehr als Unternehmer verstehen. Schließlich ist der Markt für landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Milch oder Fleisch ein Weltmarkt geworden. Das heißt, unsere Landwirtschaft wird durch internationale Entwicklungen stark beeinflusst. Ob man in einem Jahr Mais, Kartoffeln oder Getreide anbaut, kann für den Jahresumsatz weitreichende Konsequenzen haben. Landwirte müssen also viel mehr als früher ökonomisches Wissen einbringen und für ihre Betriebe weitsichtige unternehmerische Entscheidungen treffen.

abi>> Die globalen Einflüsse lassen sich aktuell bei der Milchkrise gut beobachten.

Dr. Michael Welling: Die Situation vieler Milchbauern ist derzeit sehr prekär. Das hat mehrere Gründe. Als der Milchmarkt noch florierte, haben viele Milchviehbetriebe ihre Kapazitäten aufgestockt, was eine Zeitlang gut funktioniert hat. Heute haben wir ein Überangebot, vor allem wegen des russischen EU-Embargos und eines stark rückläufigen Absatzes in China. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich der Markt wieder austarieren wird. Die Politik versucht ja gerade, die Talsohle zu überbrücken und die Folgen für die Milchbauern abzufedern.

abi>> Landwirtschaft ist auch immer mehr durch Technisierung und Digitalisierung geprägt. Inwieweit hat das die Arbeit der Landwirte verändert?

Dr. Michael Welling: Ganz klar, die Landwirtschaft ist zu einem Hightech-Bereich geworden. Wer Melkroboter oder GPS-gesteuerte Traktoren einsetzt, braucht mehr als einen Führerschein, da ist ständige Weiterbildung gefragt.

abi>> Wo und wie können Abiturienten in die Landwirtschaft einsteigen?

Dr. Michael Welling: Zuerst einmal stellt sich natürlich die Frage nach den äußeren Bedingungen. Wer den familieneigenen Hof oder Gartenbaubetrieb übernehmen will, ist mit einem Studium im Bereich Agrarwissenschaften, Gartenbau oder Forstwirtschaft sicherlich gut beraten, um auch das betriebswirtschaftliche und technische Know-how zu erlernen. Es gibt aber auch interessante Berufsmöglichkeiten außerhalb des landwirtschaftlichen Betriebes, zum Beispiel in Verbänden, Landwirtschaftskammern oder in Forschungseinrichtungen.

abi>> 18.07.2016

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