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„Keine Angst vor Verantwortung“

Zwei Stoffe werden mit einer Nähmaschine aneinander genäht.
Ökologisch, sozial und fair produziert: Auch in der Modebranche gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung.
Foto: Julien Fertl

Berufe in der Mode: Interview

„Keine Angst vor Verantwortung“

Mit Manomama hat Sina Trinkwalder ein Unternehmen gegründet, das inzwischen 140 Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung beschäftigt. Im Interview spricht sie über die Herausforderung der sozialen und ökologischen Kleidungsproduktion.

abi>> Frau Trinkwalder, was unterscheidet Ihr Unternehmen von anderen Modeherstellern?

Porträt von Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder

Foto: privat

Sina Trinkwalder: Andere lassen herstellen, wir stellen selbst her: Die gesamte Produktion – vom Garn bis zur Naht – findet in Deutschland statt. Außerdem habe ich Manomama nicht gegründet, um möglichst viel Profit einzufahren, sondern um Menschen Arbeit zu geben, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben.

abi>> Zu Beginn stand also eher der soziale Aspekt im Vordergrund?

Sina Trinkwalder: Genau. Der ökologische Gedanke kam aber bald danach auf, weil ich mich gefragt habe: Wie muss ein Arbeitsplatz beschaffen sein, der Zukunft hat? So sind wir radikal ökologisch geworden.

abi>> Wie kamen Sie überhaupt dazu, ein Unternehmen zu gründen?

Sina Trinkwalder: Ich habe zunächst Politik, dann Betriebswirtschaftslehre studiert und währenddessen eine Werbeagentur gegründet. Die lief sehr schnell sehr erfolgreich, und so habe ich beide Studiengänge abgebrochen. Was ich wissen musste, habe ich mir selbst beigebracht. Irgendwann aber wollte ich ein Unternehmen gründen, das relevant für die Gesellschaft ist – eines, in dem die Arbeitsschritte so aufgeteilt werden können, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, dort zu arbeiten. Die Wahl fiel auf die Modebranche, weil mein Wohnort Augsburg im Mittelalter Textilhauptstadt war. Ich hatte keine Ahnung von der Branche, aber ich dachte mir: Was ich nicht weiß, kann ich lernen.

abi>> Welchen Herausforderungen mussten Sie sich stellen?

Sina Trinkwalder: Die ganzen Wertschöpfungsstufen mussten aufgebaut werden. Ich musste nicht nur Schäfer finden, die mir gute Wolle liefern, sondern auch jemanden, der sie verarbeitet. All das hat viel Kraft gekostet. Und dann ist es leider so, dass viele Konsumenten noch nicht bereit sind, den Weg mitzugehen – also mehr Geld für fair produzierte Kleidung auszugeben.

abi>>  Gibt es nicht einen Trend hin zu ökologisch und fair produzierter Mode?

Sina Trinkwalder: Die Nachfrage steigt minimal. Es wird noch ein langer Weg sein, bis die Nachhaltigkeit als Grundvoraussetzung in den Köpfen angekommen ist. Unser Unternehmen ist erfolgreich, weil wir uns dafür jeden Tag von früh bis spät abrackern. Für eine Bilanz wie unsere würden andere nicht arbeiten. Aber mir ist eben nicht der Gewinn wichtig, sondern dass Manomama 140 Menschen Arbeit gibt. Die bekommen übrigens alle 10 Euro Stundenlohn – ob das nun die Geschäftsleitung ist oder jemand, der Helfertätigkeiten ausübt. Und jeder kann sich in die Gemeinschaft einbringen und so Prämien und Boni bekommen.

abi>> Welche Anforderungen bringt Ihr Beruf als Unternehmerin mit sich?

Sina Trinkwalder: Selbstständigkeit kann man lernen. Unternehmer ist man – oder man ist es nicht. Man braucht einen gehörigen Dickschädel, großen Mut und eine robuste Natur. Und man darf keine Angst haben vor Verantwortung gegenüber den Angestellten. Man schläft jeden Abend ein mit dem Gedanken an seine Mitarbeiter, das darf man nicht unterschätzen. Wer ein Unternehmen gründen will, sollte hundertprozentig dahinter stehen.

abi>> Welche Aufgaben erfüllen Sie als Geschäftsführerin?

Sina Trinkwalder: Weil bei uns die meisten Menschen an der Nähmaschine arbeiten und nur wenige in den Büros, mache ich vieles selbst: Forschung und Entwicklung, das Design, unsere Webseite, das gesamte Marketing. Ich nähe aber auch mal mit, wenn Not am Mann ist.

abi>> Gibt es auch etwas, das Sie nicht können und andere machen lassen?

Sina Trinkwalder: Es gibt nichts, was ich nicht lernen könnte – aber es gibt durchaus Aufgaben, die ich nicht machen will. Buchhaltung zum Beispiel. Das lass‘ ich lieber Menschen machen, die dabei auch noch Spaß haben.

Über Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder, Jahrgang 1978, ist Gründerin des Unternehmens Manomama, das sich auf die faire und ökologische Produktion von Kleidung, Stoffen und Accessoires spezialisiert hat. Ihr Ziel ist es, Menschen Arbeit zu geben, die sonst kaum einen Job finden würden. Mit ihrer innovativen Strategie hilft sie ihnen, ihren eigenen Erwerb zu erwirtschaften und damit wieder an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

abi>> 29.03.2017

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