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Vom Reiz des Sinnlichen

Eine Frau massiert Hände und Arme eines Bewohners.
Dorothea Schmidt ist Ergotherapeutin und trifft auf unterschiedlichste Menschen.
Foto: Axel Jusseit

Berufe mit allen Sinnen

Vom Reiz des Sinnlichen

Unsere Sinne sind unser Tor zur Welt. Über sie nehmen wir unsere Umgebung wahr. Weil wir hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken, können wir agieren, auf andere reagieren und miteinander kommunizieren. Kein Wunder, dass es eine Vielzahl an spannenden Berufen gibt, die mit allen Sinnen arbeiten oder helfen, sie zu schulen, wiederzuerlangen oder auszugleichen.

„Wenn ich meine Umwelt nicht richtig wahrnehmen kann, dann ist es schwierig mich angemessen zu verhalten und gezielt Handlungen auszuführen“, erklärt Dorothea Schmidt. Die 32-Jährige ist Ergotherapeutin im nordrhein-westfälischen Delbrück und arbeitet mit Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich im Alltag zurechtzufinden.

„Über ganz unterschiedliche Sinne sammelt ein Mensch die Informationen zusammen, die er zum Beispiel benötigt, um ein Glas in die Hand zu nehmen und zum Mund zu führen. Wo genau steht das Glas? Wie stark kann oder muss ich zupacken? Ist es heiß oder kalt, schwer oder leicht?“, erläutert sie und macht damit deutlich, dass es dabei nicht „nur“ ums bewusste Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen geht, sondern auch um Gleichgewichts- und Temperatursinn und das gesamte Schmerz- und Körperempfinden.

Mehr als nur fünf Sinne

Ein Poträt-Foto von Dorothea Schmidt.

Dorothea Schmidt

Foto: privat

„Überempfindliche oder unterempfindliche Menschen haben Probleme im Alltag. Zum Beispiel ein Kind, das sich immer ekelt, wenn es etwas Flauschiges anfasst, oder eines, das andere schlägt obwohl es eigentlich streicheln wollte“, erklärt Dorothea Schmidt. Aber es kann auch Erwachsene treffen, die sich beispielsweise beim Kaffeetrinken ständig verbrennen. In all diesen Fällen scheint dann in der Sinneswahrnehmung etwas nicht zu stimmen. „Wir Ergotherapeuten vermitteln dann konkrete Strategien, wie es trotzdem gelingen kann, diese alltäglichen Dinge zu meistern. Dabei geht es in der Regel weniger um die Verbesserung eines einzelnen Sinns. Uns interessiert das Zusammenspiel der Sinne, und das trainieren wir anhand ganz konkreter Handlungen, etwa ‚Ein Glas Wasser selbstständig trinken können‘.“

Reizverarbeitung als Sinneserfahrung

Bei entwicklungsverzögerten Kindern liegt oft eine Störung der sogenannten sensorischen Integration vor, das heißt sie können die unterschiedlichen Reize nicht zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Damit haben auch Schlaganfallpatienten zu kämpfen, wenn bestimmte Regionen im Gehirn beschädigt wurden. „Der Mensch kommt in der Regel mit allen Sinnen auf die Welt. In den ersten Lebensjahren schulen wir diese Sinne, wir lernen die Reize zu verarbeiten. Mit Übungen oder einer Sensibilitätsschulung können wir dieses Lernen aktiv fördern“, erklärt die Ergotherapeutin, die ihren Beruf vor zehn Jahren im Rahmen einer schulischen Ausbildung erlernt hat.

„Ergotherapeuten müssen dabei selbst geschulte Sinne haben. Wir ertasten zum Beispiel, ob sich ein Muskel zu sehr anspannt. Wir spüren nach, wo die Bewegung noch Unterstützung braucht. Wir beobachten aufmerksam, etwa bei der Stimulation eines Wachkomapatienten: Wie reagiert er auf Berührungen, auf Gerüche, auf eine Lageänderung? Was tut ihm gut?“, schildert sie ihren Berufsalltag.

Kompensation von Defiziten

Ob Unfall, Krankheit, angeborene Beeinträchtigung oder Alter – bevor Ergotherapeuten wie Dorothea Schmidt oder Physiotherapeuten und Logopäden aktiv werden, diagnostizieren Fachärzte wie Kinderärzte, Neurologen, HNO- oder Augenärzte, ob eine Störung der Sinneswahrnehmung vorliegt. Daraufhin entscheiden sie über die entsprechende Therapie oder die benötigten technischen Hilfsmittel zur Korrektur.

„Neben den therapeutischen Berufen gibt es auch die Berufe im technisch-handwerklichen Bereich, die das Ziel haben, einen beeinträchtigten Sinn, nämlich das Hören oder Sehen, zu korrigieren“, erklärt Jörg Bauer, Berufs- und Studienberater der Agentur für Arbeit Würzburg. „Ingenieure für Hörtechnik und Audiologie entwickeln Hörgeräte, Hörakustiker passen diese individuell an, genauso wie Augenoptiker die Brillen oder Kontaktlinsen anpassen. Weniger bekannt ist der Beruf des Orthoptisten, eine Fachkraft in der Augenheilkunde, die bei der Prävention, Untersuchung und Behandlung von Sehstörungen mitwirkt.“ (siehe die Berufsreportage über einen Augenoptiker „Sehen und gesehen werden“).

Guter Arbeitsmarkt für medizinisch-therapeutische Berufe

Unterstützung im alltäglichen Leben geben auch Gebärdensprachdolmetscher oder Heil- und Sonderpädagogen (siehe die Berufsreportage über eine Gebärdensprachedolmetscherin „Mit Haut und Haaren ausgeliefert“). „Berufe, die sich mit dem Kompensieren oder Beheben von Sinnesstörungen befassen, sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Darauf deuten sowohl die Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Berufen wie zum Beispiel dem Hörgeräteakustiker oder dem Augenarzt hin, als auch die Entwicklung der angebotenen Stellen. Nur wenige Arbeitslose mit entsprechenden Qualifikationen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung“, erläutert Claudia Suttner, Arbeitsmarktexpertin bei der Bundesagentur für Arbeit.

Auch brächten der medizinische Fortschritt und die zunehmende Zahl älterer Menschen häufigere und aufwändigere Behandlungen mit sich. Damit steige der Bedarf an Hilfsmitteln wie beispielsweise Brillen oder Hörgeräten. „Obwohl die Zahl der Ärzte und der Fachkräfte in diesem Bereich ständig zunimmt, ist hier zumindest in ländlichen Regionen ein erhöhter Bedarf an Fachkräften deutlich zu spüren“, weiß Claudia Suttner.

Produktentwicklung ganz nach Geschmack

Es gibt aber auch die Berufe, die sich nicht um die Kompensation von Defiziten kümmern, sondern darauf abzielen, ganz bestimmte Sinne anzusprechen. „Produkt-, Sound-, Medien- und Grafikdesigner sowie Lebensmitteltechnologen, aber auch Köche, Konditoren, Bäcker und andere entwickeln Produkte, die den Geschmack der jeweiligen Kunden treffen sollen“, nennt Jörg Bauer eine ganze Reihe an Beispielen. In diesen Berufen müsse man dann die entsprechenden Sinneskompetenzen mitbringen und laufend trainieren (siehe die Berufsreportage über eine Lebensmitteltechnologin „Expertin mit Geschmack“).

Wie die Sinne funktionieren, untersuchen andererseits Neurowissenschaftler, Biologen, Mediziner und Psychologen. Ingenieure für Automatisierungssysteme, Robotik oder Medizintechnik arbeiten wiederum daran, die Sinneswahrnehmung technisch nachzubilden. „Die Liste kann schier unendlich fortgesetzt werden“, sagt Jörg Bauer, auch mit Blick auf alle künstlerischen Berufe, in denen die Sinne ebenfalls eine große Rolle spielen.

Unterschiedliche Zugangswege

Neben den klassischen Studienberufen – darunter gibt es mittlerweile auch Angebote in fast allen medizinisch-therapeutischen Berufe – und den technisch-handwerklichen Ausbildungsberufen gibt es auch spannende Tätigkeiten, für die es in Deutschland aktuell keine einheitlichen Zugangswege gibt: „Dazu gehören zum Beispiel Sensoriker, Parfümeure, Sommeliers oder Affineure, also Menschen, die sich um die Veredelung von Käsen kümmern. Das sind Berufe, in denen Produkte verfeinert oder sinnlich bewertet werden“, erklärt der Berufsberater.

Jedem, der sich für so einen Beruf interessiert, empfiehlt er, dranzubleiben und sich von Zukunftsängsten nicht abschrecken zu lassen. „Wer ein sehr großes, leidenschaftliches Interesse an einem Thema hat, der wird seinen Weg gehen“, ist er sich sicher. Mit allen Sinnen zu arbeiten, sei in jedem Fall aufregend.

Info

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchwort zum Beispiel: Ingenieur/in – Lebensmitteltechnologie, Ergotherapeut/in, Augenoptiker/in, Gebärdensprachdolmetscher/in)

www.berufenet.arbeitsagentur.de

KURSNET

Datenbank für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit.

kursnet-finden.arbeitsagentur.de

 studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im finder nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland

www.bed-ev.de

Deutscher Verband der Ergotherapeuten

www.dve.info

Akademie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)

Die Akademie bietet Weiterbildungen zum Thema Sensorik in der Lebensmittelherstellung an.

www.dlg-akademie.de

Lehrstuhl für Zellphysiologie an der Uni Bochum

Hier gibt es viel Interessantes rund um den menschlichen Geruchssinn.
www.cphys.ruhr-uni-bochum.de

Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen

www.zva.de

Bundesverband der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschlands (BGSD)

www.bgsd.de

abi>> 05.03.2018

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