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Ein Plädoyer fürs Riechen

Die Betriebswirtin mit den neusten Proben der Duftöle,die sie von den Produzenten zugeschickt bekommen hatte.Mit einen Duftstreifen kann sie die einzelnen Öle testen.
Wusstest du, dass man Personen im wahrsten Sinne des Wortes "riechen" kann?
Foto: Frank Pieth

Berufe mit allen Sinnen - Interview

Ein Plädoyer fürs Riechen

Die deutsche Sprache wusste es schon immer: Wir beschnuppern uns, wenn wir uns kennenlernen, können uns dann gut oder gar nicht riechen und wenn es uns dann doch irgendwann gewaltig stinkt, dann verduften wir lieber, bevor Böses in der Luft liegt. Dennoch: Der Geruchssinn scheint in unserem modernen Alltag kaum eine Rolle zu spielen – oder doch? abi» hat beim Geruchsforscher Professor Hanns Hatt der Ruhr-Universität Bochum nachgefragt.

abi>>Für jemanden, der schlecht hören oder sehen kann, gibt es technische Hilfsmittel, die dies kompensieren. Warum gibt es so etwas nicht für jemanden, der schlecht riechen kann? Ist der Geruchssinn so viel weniger wichtig?

Hanns Hatt: Im Gegenteil: Der Geruchssinn ist immens wichtig. Allerdings ist der Geruchsinn der komplexeste von allen Sinnen. Deshalb hat es in der Wissenschaft auch so lange gedauert, ihn zu entschlüsseln. Wir können abertausende von verschiedenen Düften wahrnehmen mit 350 unterschiedlichen Rezeptoren und 30 Millionen Riechzellen. Man müsste jeden einzelnen dieser Rezeptoren künstlich herstellen und in die Nase einbauen. So etwas ist viel zu aufwendig. Zum Vergleich: Wir haben gerade mal vier Rezeptoren, um das gesamte Sehspektrum abzudecken. Für das Hören ist das ähnlich.

abi>> Haben Sie ein Beispiel dafür, wie und in welchen Situationen uns Düfte beeinflussen?

Ein Porträt-Foto von Hanns Hatt.

Hanns Hatt

Foto: Marquard

Hanns Hatt: Immer und überall. In jeder Situation. Das Riechen ist der direkte Draht in die Zentren für Erinnerung und Emotionen. Hunger, Partnerwahl, Trieb, jegliche soziale Interaktion, jede Entscheidung wird über den Geruchssinn beeinflusst. Wenn ich einen Raum betrete, dann nehme ich sofort einen Duft wahr. Kenne ich den Duft, werden die im Gehirn abgespeicherten Informationen dazu abgerufen und meine Stimmung verändert sich. Ich fühle mich wohl oder ich werde nervös. Dadurch verändert sich auch mein Verhalten. Diese chemische Maschinerie, diesen Prozess können wir nicht abstellen, denn solange wir atmen, riechen wir. 24 Stunden, Tag und Nacht. Mit jedem einzelnen Atemzug werden die Duftmoleküle ans Gehirn gesendet und dort interpretiert.

abi>> Warum ist das so? Warum haben wir diese Fähigkeit entwickelt?

Hanns Hatt: Das Riechen ist unser ältester Sinn. In der Dunkelheit des Urmeers haben die Lebewesen sich allein darüber zurechtgefunden und nicht nur Feinde und Nahrung aufgespürt, sondern sich auch ausgetauscht. Es war, wenn man so will, die erste Form der Kommunikation. Diese wiederum hat die Gehirnstrukturen im Laufe der Evolution verändert und zu einem hochkomplexen Netzwerk werden lassen. All das und die Bedeutung des Riechens haben wir uns lange Zeit nicht bewusst gemacht. Nun, mittlerweile ist das anders.

abi>> Inwiefern?

Hanns Hatt: Adidas beduftet seine Produkte, diverse Automarken tun das und wir Menschen machen es auch! Es ist ein Versuch, Entscheidungen zu beeinflussen. So einfach ist das aber nicht. Denn jeder Duft ist in seiner Bewertung einmalig. Jeder einzelne verbindet etwas anderes mit einem bestimmten Geruch. Kulturell bedingt gibt es aber schon bevorzugte Muster. Denken Sie an Deos, Shampoos, Parfüms. Wir vermarkten uns also selber mit Düften. Im vorletzten Jahrhundert haben sich reiche Leute mit Parfüms eingenebelt, um sich im wahnsinnigen Gestank des Alltags hervorzutun. Es gab ja noch kein fließend Wasser, keine Duschen. Es war also ein Zeichen von Wohlstand, wenn man seinen natürlichen Körpergeruch überdeckt hat. Gut zu riechen, gilt immer noch als attraktiv.

abi>> Ein guter Geruch ist also ein wertvolles Produkt, jemand mit einem guten Geruchsinn in bestimmten Branchen also besonders gefragt?

Hanns Hatt: Über das Duftmarketing haben wir ja gerade schon gesprochen. Auch in allen Branchen, die etwas mit Essen und Trinken zu tun haben, ist der Geruchsinn entscheidend. Das betrifft beispielsweise Köche, Parfümeure und Sommeliers. Das Wort „Abschmecken“ ist ja eigentlich falsch. Vielmehr geht es ums „Abriechen“. Unsere Zunge kann nur wahrnehmen, ob etwas salzig, süß, sauer oder bitter ist. Fertig. Über die Nase können wir aber viele tausende unterschiedliche Düfte wahrnehmen. Das Gehirn setzt diese Informationen dann zu einem Aroma zusammen. Ein guter Koch, ein Sommelier hat also seinen Riechsinn trainiert, nicht seine Zunge.

abi>> Heißt das, jeder kann theoretisch Sommelier werden, jeder kann seinen Geruchsinn trainieren?

Hanns Hatt: Genau. Wir alle sollten wieder lernen, bewusst zu riechen. Je mehr ich mich damit beschäftige, je mehr ich meine Aufmerksamkeit auf die Düfte lenke, umso einfacher fällt es mir, Duftmuster voneinander zu unterscheiden. Das ist ein Lernprozess. Je häufiger ich das mache, umso einfacher ist es, kleine Unterschiede wahrzunehmen. Allerdings: Es gibt auch Menschen, die sozusagen ein besonderes Talent haben, wie wir es auch von Musikern oder Malern kennen. Außerdem können eine krumme Nase, Polypen, Allergien oder Erkältungen verhindern, dass der Duft die Riechzellen erreicht und somit den Geruchssinn einschränken. Die häufigste Ursache ist übrigens das Alter.

abi>> 05.03.2018

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