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Von Menschen und Maschinen

Junger Mann arbeitet an einer Herz-Lungen-Maschine
Bildschirm statt OP-Tisch: Moderne Roboter präzisieren die Arbeit von Chirurgen bei verschiedenen Operationsvorgängen.
Foto: Jessica Braun

Nehmen Roboter mir den Job weg? – Hintergrund

Von Menschen und Maschinen

Fabriken, die sich selbst erneuern. Software, die Alzheimer frühzeitig diagnostiziert. Und Online-Plattformen, die auf Knopfdruck Texte schreiben. Das alles ist keine Zukunftsvision mehr, sondern technisch machbar. Was heißt das für uns? Wenn immer mehr Tätigkeiten von Robotern übernommen werden, braucht man dann überhaupt noch menschliche Arbeitskräfte? abi>> hat sich umgehört.

Konzentriert schaut der Chirurg auf die Prostata des Patienten. Sie ist von Krebs befallen und muss komplett entfernt werden. Der Patient liegt in Vollnarkose auf dem Operationstisch, Alexander Fichte (32) reicht die Instrumente – aber nicht dem Chirurgen, sondern einem Roboter. „Der DaVinci-Roboter ist quasi der verlängerte Arm des Operateurs. Er sitzt nicht mehr am OP-Tisch, sondern in einer Ecke des Saals, hat sein Gesicht in eine Konsole gesteckt und blickt auf ein 3-D-Bild. Seine Hände sind in zwei Schlaufen eingefädelt. Mit diesen steuert er die Roboterarme“, erklärt der junge Arzt, der an der Uniklinik Erlangen arbeitet.

Vier Arme für die Operation

Ein Porträt-Foto von Alexander Fichte

Alexander Fichte

Foto: Uniklinik Erlangen

Der Roboter darf nur von sehr erfahrenen Oberärzten bedient werden. Als Assistenzarzt kennt der 32-Jährige aber die Abläufe gut. „Man sitzt bequem, kann seine Hände ablegen, das System rechnet das Zittern der Hand heraus. So können wir länger operieren“, sagt er. „Ich hebe meine rechte Hand und zeitgleich hebt der Roboter seine Hand. Diese ist so gelenkig wie die menschliche Hand und führt die Instrumente wie Schere oder Nadel. Was auch gut ist: Der Roboter hat immer eine zusätzliche Hand frei. Ein Arm hält die Kamera, aber die anderen drei kann der Operateur nutzen. Chirurgen müssen permanent etwas weg- oder aufhalten, dann ist ein dritter Arm sehr hilfreich.“

Der Roboter lässt sich intuitiv bedienen, zusätzliches Technik- oder IT-Wissen ist nicht erforderlich. „Klar, man braucht so etwas wie einen Führerschein, aber da geht es eher um das Einstudieren von Handbewegungen und wie sich diese auf den Roboterarm übertragen. Im Prinzip ist das also nichts anderes, als einen Bewegungsablauf zu verinnerlichen“, sagt Alexander Fichte. Das Know-how im Operationssaal habe sich deshalb nicht verändert, allein die Krankenschwestern müssten mehr vorbereiten. „Nicht nur die Instrumente, sondern der ganze Roboter muss komplett steril sein. Das dauert in der Vorbereitung schon länger“, räumt der Arzt ein.

Was Maschinen schon können

Alexander Fichte kann sich nicht vorstellen, dass Roboter in Zukunft völlig autark operieren: „Der DaVinci-Roboter ist für uns ein Hilfsmittel, er kann nicht den Operateur ersetzen. Schließlich kann er nicht wie wir schnell auf ganz unterschiedliche, vollkommen neue Begebenheiten reagieren.“ Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gibt dem jungen Arzt Recht. „Wir arbeiten an Systemen, die den Menschen bei ganz konkreten Aufgaben unterstützen. Wir nennen das schwache künstliche Intelligenz. Die komplette Bandbreite menschlicher Fähigkeiten in einem künstlichen Menschlein, dem Homunkulus, ist pure Science Fiction“, sagt der KI-Forscher. „Klar, wir könnten viele schwache KI-Systeme in Reihe schalten und so eine Art ‚Terminator‘ erschaffen. Ihm würde trotzdem das Wichtigste fehlen: Das Bewusstsein, die ordnende Instanz. Da sind wir noch vollkommen blank.“

Nichtsdestotrotz können Maschinen heute schon, was noch vor 20 Jahren undenkbar war. Sie ersetzen längst nicht mehr nur die menschliche Muskelkraft, sondern übernehmen auch kognitive Aufgaben. Sie durchforsten Gerichtsfälle, analysieren Aktienkurse, werten Reiseangebote aus, diagnostizieren Krankheiten, erfassen, übersetzen und schreiben Texte – und das viel schneller und besser als der Mensch. „Große Datenmengen sammeln und analysieren, darin sind uns Maschinen überlegen. Auch was die sensormotorischen Fähigkeiten betrifft, sind Roboter schon weit. Mikrofone, Kameras, Sensoren: Sie erkennen Objekte, Bilder, Schrift, Gesichter und Sprache immer besser. Allerdings kombiniert ein Mensch all das zu einer gesamtsinnlichen Wahrnehmung. Das können Maschinen noch nicht.“

Was Software aber schon gelingt: kontinuierlich lernen. „Durch die Digitalisierung liegen in Echtzeit riesige Datenmengen vor, anhand derer sich die Systeme selber optimieren. Das kommt Erfahrungen gleich, die der Mensch sammelt und auf dessen Grundlage er intuitiv handelt“, erklärt Reinhard Karger.

Jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet?

Also wird er uns doch bald ersetzen, der Kollege Roboter? Für Aufregung sorgte in diesem Zusammenhang eine Studie aus Oxford: Carl Frey und Michael Osborne analysierten 2013 den amerikanischen Arbeitsmarkt. Insgesamt haben sie Tätigkeitsbeschreibungen von 702 Berufen erstellt und mit Robotik- und Computerforschern darüber diskutiert, wie viele Tätigkeiten automatisierbar wären. Ihr Ergebnis: 47 Prozent der Beschäftigungen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, automatisiert zu werden.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW) hat die Studie auf Deutschland übertragen und errechnet: Bei uns könnten es 42 Prozent sein. Dies hieße aber nicht, dass die Arbeitsplätze komplett wegfielen, merken die Studienverfasser an. Eine ganz neue Studie des McKinsey Global Institut (Dezember 2017) prognostiziert, dass etwa 24 Prozent der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland bis 2020 automatisiert werden.

Ein Porträt-Foto von Britta Matthes

Britta Matthes

Foto: Wolfram Murr

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) relativiert ebenfalls. „Frey und Osborne haben mit Roboterspezialisten darüber philosophiert, was technisch machbar sein könnte. Ob das alles so kommt, ist unklar. Wir haben stattdessen untersucht, welche Tätigkeiten in welchen Berufen heute schon automatisierbar sind“, sagt Britta Matthes vom IAB. Ihr Ergebnis: 15 Prozent der Beschäftigten könnten ersetzt werden. Berufe in sozialen und kulturellen, Sicherheits-, Reinigungs- und Gesundheitsberufen sind aber kaum betroffen (Weitere Ergebnisse findest du im Interview „Gute Bildung schützt auch in Zukunft"). „Der technische Fortschritt ist auch eine Offenbarung für das Bauhandwerk“, ergänzt KI-Forscher Reinhard Karger. „Treppenstufen einpassen, abschleifen, Rehling montieren – da benötigt man eine solche Fülle an komplexen, sensomotorischen Fähigkeiten. Das wird innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre nicht automatisiert werden können.“

Mensch und Roboter können sich wunderbar ergänzen

Ein Porträt-Foto von Reinhard Karger

Reinhard Karger

Foto: Christian Krinning

Beide Forscher gehen davon aus, dass durch intelligente Maschinen mehr neue Arbeitsplätze entstehen als wegfallen. „Die Mensch-Maschine-Interaktion wird an Bedeutung gewinnen. Hier könnten neue Berufe und Arbeitsplätze entstehen“, sagt Britta Matthes und Reinhard Karger ergänzt: „Es besteht kein Grund für ökonomische Horrorszenarien. Wir müssen nicht beleidigt sein, weil eine Maschine besser Schach spielen kann als wir. Mensch und Roboter können sich wunderbar ergänzen. Das wird hoffentlich ein Erfolgsmodell werden. Er macht für uns die ermüdende Arbeit, assistiert uns und wir konzentrieren uns auf unsere Stärken: Emotionale und soziale Intelligenz – das hat Kollege Roboter so schnell nicht drauf.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Wort und Bild (Suchworte z. B. Robotik oder Automatisierung)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen.
https://kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JobFuturomat vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

http://job-futuromat.iab.de/

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

www.dfki.de

abi>> 15.01.2018

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