Von Menschen und Maschinen

Junger Mann arbeitet an einer Herz-Lungen-Maschine
Bildschirm statt OP-Tisch: Moderne Roboter präzisieren die Arbeit von Chirurgen bei verschiedenen Operationsvorgängen.
Foto: Jessica Braun

Nehmen Roboter mir den Job weg?

Von Menschen und Maschinen

Fabriken, die sich selbst erneuern. Software, die Alzheimer frühzeitig diagnostiziert. Und Online-Plattformen, die auf Knopfdruck Texte schreiben. Das alles ist keine Zukunftsvision mehr, sondern technisch machbar. Was heißt das für uns? Wenn immer mehr Tätigkeiten von Robotern übernommen werden, braucht man dann überhaupt noch menschliche Arbeitskräfte? abi>> hat sich umgehört.

Konzentriert schaut der Chirurg auf die Prostata des Patienten. Sie ist von Krebs befallen und muss komplett entfernt werden. Der Patient liegt in Vollnarkose auf dem Operationstisch, Alexander Fichte (32) reicht die Instrumente – aber nicht dem Chirurgen, sondern einem Roboter. „Der DaVinci-Roboter ist quasi der verlängerte Arm des Operateurs. Er sitzt nicht mehr am OP-Tisch, sondern in einer Ecke des Saals, hat sein Gesicht in eine Konsole gesteckt und blickt auf ein 3-D-Bild. Seine Hände sind in zwei Schlaufen eingefädelt. Mit diesen steuert er die Roboterarme“, erklärt der junge Arzt, der an der Uniklinik Erlangen arbeitet.

Vier Arme für die Operation

Ein Porträt-Foto von Alexander Fichte

Alexander Fichte

Foto: Uniklinik Erlangen

Der Roboter darf nur von sehr erfahrenen Oberärzten bedient werden. Als Assistenzarzt kennt der 32-Jährige aber die Abläufe gut. „Man sitzt bequem, kann seine Hände ablegen, das System rechnet das Zittern der Hand heraus. So können wir länger operieren“, sagt er. „Ich hebe meine rechte Hand und zeitgleich hebt der Roboter seine Hand. Diese ist so gelenkig wie die menschliche Hand und führt die Instrumente wie Schere oder Nadel. Was auch gut ist: Der Roboter hat immer eine zusätzliche Hand frei. Ein Arm hält die Kamera, aber die anderen drei kann der Operateur nutzen. Chirurgen müssen permanent etwas weg- oder aufhalten, dann ist ein dritter Arm sehr hilfreich.“

Der Roboter lässt sich intuitiv bedienen, zusätzliches Technik- oder IT-Wissen ist nicht erforderlich. „Klar, man braucht so etwas wie einen Führerschein, aber da geht es eher um das Einstudieren von Handbewegungen und wie sich diese auf den Roboterarm übertragen. Im Prinzip ist das also nichts anderes, als einen Bewegungsablauf zu verinnerlichen“, sagt Alexander Fichte. Das Know-how im Operationssaal habe sich deshalb nicht verändert, allein die Krankenschwestern müssten mehr vorbereiten. „Nicht nur die Instrumente, sondern der ganze Roboter muss komplett steril sein. Das dauert in der Vorbereitung schon länger“, räumt der Arzt ein.

Was Maschinen schon können

Alexander Fichte kann sich nicht vorstellen, dass Roboter in Zukunft völlig autark operieren: „Der DaVinci-Roboter ist für uns ein Hilfsmittel, er kann nicht den Operateur ersetzen. Schließlich kann er nicht wie wir schnell auf ganz unterschiedliche, vollkommen neue Begebenheiten reagieren.“ Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gibt dem jungen Arzt Recht. „Wir arbeiten an Systemen, die den Menschen bei ganz konkreten Aufgaben unterstützen. Wir nennen das schwache künstliche Intelligenz. Die komplette Bandbreite menschlicher Fähigkeiten in einem künstlichen Menschlein, dem Homunkulus, ist pure Science Fiction“, sagt der KI-Forscher. „Klar, wir könnten viele schwache KI-Systeme in Reihe schalten und so eine Art ‚Terminator‘ erschaffen. Ihm würde trotzdem das Wichtigste fehlen: Das Bewusstsein, die ordnende Instanz. Da sind wir noch vollkommen blank.“

Nichtsdestotrotz können Maschinen heute schon, was noch vor 20 Jahren undenkbar war. Sie ersetzen längst nicht mehr nur die menschliche Muskelkraft, sondern übernehmen auch kognitive Aufgaben. Sie durchforsten Gerichtsfälle, analysieren Aktienkurse, werten Reiseangebote aus, diagnostizieren Krankheiten, erfassen, übersetzen und schreiben Texte – und das viel schneller und besser als der Mensch. „Große Datenmengen sammeln und analysieren, darin sind uns Maschinen überlegen. Auch was die sensormotorischen Fähigkeiten betrifft, sind Roboter schon weit. Mikrofone, Kameras, Sensoren: Sie erkennen Objekte, Bilder, Schrift, Gesichter und Sprache immer besser. Allerdings kombiniert ein Mensch all das zu einer gesamtsinnlichen Wahrnehmung. Das können Maschinen noch nicht.“

Was Software aber schon gelingt: kontinuierlich lernen. „Durch die Digitalisierung liegen in Echtzeit riesige Datenmengen vor, anhand derer sich die Systeme selber optimieren. Das kommt Erfahrungen gleich, die der Mensch sammelt und auf dessen Grundlage er intuitiv handelt“, erklärt Reinhard Karger.

Jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet?

Also wird er uns doch bald ersetzen, der Kollege Roboter? Für Aufregung sorgte in diesem Zusammenhang eine Studie aus Oxford: Carl Frey und Michael Osborne analysierten 2013 den amerikanischen Arbeitsmarkt. Insgesamt haben sie Tätigkeitsbeschreibungen von 702 Berufen erstellt und mit Robotik- und Computerforschern darüber diskutiert, wie viele Tätigkeiten automatisierbar wären. Ihr Ergebnis: 47 Prozent der Beschäftigungen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, automatisiert zu werden.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW) hat die Studie auf Deutschland übertragen und errechnet: Bei uns könnten es 42 Prozent sein. Dies hieße aber nicht, dass die Arbeitsplätze komplett wegfielen, merken die Studienverfasser an. Eine ganz neue Studie des McKinsey Global Institut (Dezember 2017) prognostiziert, dass etwa 24 Prozent der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland bis 2020 automatisiert werden.

Ein Porträt-Foto von Britta Matthes

Britta Matthes

Foto: Wolfram Murr

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) relativiert ebenfalls. „Frey und Osborne haben mit Roboterspezialisten darüber philosophiert, was technisch machbar sein könnte. Ob das alles so kommt, ist unklar. Wir haben stattdessen untersucht, welche Tätigkeiten in welchen Berufen heute schon automatisierbar sind“, sagt Britta Matthes vom IAB. Ihr Ergebnis: 15 Prozent der Beschäftigten könnten ersetzt werden. Berufe in sozialen und kulturellen, Sicherheits-, Reinigungs- und Gesundheitsberufen sind aber kaum betroffen (Weitere Ergebnisse findest du im Interview „Gute Bildung schützt auch in Zukunft"). „Der technische Fortschritt ist auch eine Offenbarung für das Bauhandwerk“, ergänzt KI-Forscher Reinhard Karger. „Treppenstufen einpassen, abschleifen, Rehling montieren – da benötigt man eine solche Fülle an komplexen, sensomotorischen Fähigkeiten. Das wird innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre nicht automatisiert werden können.“

Mensch und Roboter können sich wunderbar ergänzen

Ein Porträt-Foto von Reinhard Karger

Reinhard Karger

Foto: Christian Krinning

Beide Forscher gehen davon aus, dass durch intelligente Maschinen mehr neue Arbeitsplätze entstehen als wegfallen. „Die Mensch-Maschine-Interaktion wird an Bedeutung gewinnen. Hier könnten neue Berufe und Arbeitsplätze entstehen“, sagt Britta Matthes und Reinhard Karger ergänzt: „Es besteht kein Grund für ökonomische Horrorszenarien. Wir müssen nicht beleidigt sein, weil eine Maschine besser Schach spielen kann als wir. Mensch und Roboter können sich wunderbar ergänzen. Das wird hoffentlich ein Erfolgsmodell werden. Er macht für uns die ermüdende Arbeit, assistiert uns und wir konzentrieren uns auf unsere Stärken: Emotionale und soziale Intelligenz – das hat Kollege Roboter so schnell nicht drauf.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Wort und Bild (Suchworte z. B. Robotik oder Automatisierung)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

KURSNET

Portal für Aus- und Weiterbildung der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du insbesondere nach schulischen Berufsausbildungen suchen.
https://kursnet-finden.arbeitsagentur.de

JobFuturomat vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

http://job-futuromat.iab.de/

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

www.dfki.de

 

Sportredakteur (automatisierte Texterstellung)

Berichte auf Knopfdruck

Der leidenschaftliche Fußballer Dennis Kormanjos hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Der 30-Jährige arbeitet als Sportredakteur bei der Online-Plattform „FussiFreunde“ und freut sich darüber, dass er dank eines so genannten Textroboters auch Spielberichte für die Fans von ganz kleinen Amateurvereinen veröffentlichen kann.

Die Artikel über Fußballspiele aus Norddeutschland werden in den sozialen Netzwerken mit viel Freude geteilt und ich erlebe immer wieder, wie stolz gerade die kleinen Vereine sind, dass wir auch über sie berichten“, sagt Dennis Kormanjos. Seit zwei Jahren arbeitet er mit der Text-Engine, einem Gemeinschaftsprojekt von Retresco und Sportplatz Media, die anhand von Statistiken faktenbasierte Berichte erzeugt. „Das sind richtig gute Texte. Da merkt keiner, dass diese nicht von einem Redakteur geschrieben worden sind.“ Etwa 220 Berichte veröffentlicht seine Redaktion seitdem pro Woche, früher waren es nicht einmal 30.

Neue Arbeitsplätze dank Textroboter

Ein Porträt-Foto von Dennis Kormanjos

Dennis Kormanjos

Foto: Mathias Merk / Christian Küch

Als das System in seiner Redaktion implementiert wurde, machten sich der 30-Jährige und seine Kollegen keine Gedanken darüber, ob sie zukünftig ersetzt werden könnten. „Durch die Textengine sind bei uns sogar neue Arbeitsplätze entstanden. Denn je mehr Berichte wir veröffentlichen können, desto attraktiver ist unsere Plattform für User und Werber. Für uns bedeutet dies mehr Geld, um mehr Leute zu den wichtigen Spielen zu schicken, die dann vor Ort berichten.“

In seinem Arbeitsalltag hat sich seit der Implementierung des Textroboters nichts verändert, sagt Dennis Kormanjos. Die Statistiken hätten sie auch schon vorher in ein System eingepflegt. „Statt langweiliger Tabellen bieten wir nun informative Texte, die gerne gelesen werden“, sagt er.

Textfutter fürs System

Die Einführung des Systems war allerdings aufwendig: „Unsere Chefs hatten sich dazu entschieden, den Hersteller bei der Entwicklung zu unterstützen“, erinnert sich der Sportredakteur. Er und seine Kollegen mussten also helfen, das System mit vielen Standardformulierungen zu füttern. „Wir haben uns intensiv Gedanken darüber gemacht, wie wir Berichte schreiben, welche Satzkonstruktionen wir häufig verwenden und wie sich ein Sachverhalt auf viele unterschiedliche Arten ausdrücken lässt.“

Seine Redaktion war eine der ersten in Deutschland, die mit automatisierten Texten arbeitet. „Auch für rein sachliche Wetterberichte, Finanznachrichten oder Veranstaltungshinweise eignet sich das System. Nicht ersetzen kann es Hochemotionales. So eine Maschine kann keine packenden Texte erzeugen, die mitreißen, zum Beispiel bei kritischen Spielsituationen, wenn die Nerven blank liegen“, betont Dennis Kormanjos.

Keine neuen Fähigkeiten notwendig

Zusätzliches Technikwissen braucht der Sportredakteur nicht. „Ich drücke auf ein Knöpfchen, fertig. Am Anfang haben wir noch mal kurz drüber gelesen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass die Texte echt gut sind. Eine Kontrolle ist nicht notwendig. Es sei denn, man will diese noch mit zusätzlichen Informationen oder Zitaten füttern“, erzählt er.

Auf seinen Redakteursjob vorbereitet haben den 30-Jährigen mehrere Praktika nach der Fachhochschulreife und ein zweijähriges Volontariat. „Ich hatte das große Glück, in eine Nische reinzurutschen, die im Kommen ist: die Berichterstattung über den Hobbyfußball.“ Es sei nämlich alles andere als einfach, Sportredakteur zu werden. „Viele haben den Wunsch, es gibt aber nur wenige Stellen.“

Hobbyliga als Leidenschaft

Wie andere Jungs auch, hat Dennis Kormanjos schon in jungen Jahren jede freie Minute genutzt, um zu kicken, und davon geträumt, selbst Profifußballer zu werden. „Auch wegen einer Verletzung ist der Traum zerplatzt. Ich wollte aber trotzdem so viel Zeit wie möglich auf dem Fußballplatz verbringen.“

Als Sportredakteur kann und muss er das. Jedes Wochenende, Samstag und Sonntag, von morgens bis abends ist er in den Hamburger Ligen unterwegs. „Das ist genau mein Ding. Ich muss nicht unbedingt über die Bundesliga berichten. Ich finde es stattdessen super, ungefiltert mit den Spielern reden zu können. Man kennt sich, man schätzt sich. Der persönliche Kontakt ist immens wichtig, um das Live-Feeling rüberzubringen“, sagt er. „Und das wird auch so bleiben, ob mit oder ohne Textroboter.“

 

Forscherin im Bereich Anwendung von Robotik

Spielwiese für die Fertigung von morgen

Wo ist es sinnvoll, Handgriffe zu automatisieren? Wie kann es gelingen, dass Mensch und Roboter sicher zusammenarbeiten? Und wie mache ich ganze Fabriken intelligent? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigen sich Eva Bogner (28) und ihre Forschungskollegen an der Uni Erlangen-Nürnberg. Die studierte Maschinenbauingenieurin arbeitet dabei eng mit der Industrie zusammen.

Auf dem Boden kleben kryptische Codes als Wegweiser für selbstfahrende Transportsysteme, ein 3-D-Drucker surrt in einer Ecke, ein intelligentes Schraubwerkzeug pausiert auf einer Werkbank, genauso wie eine Mixed-Reality-Brille und ein moderner Leichtroboter mit zwei Greifarmen, aber ohne Gesicht. Stattdessen thront auf seinem „Hals“ ein Bildschirm. „Der soll den Menschen, die mit dem Roboter arbeiten, die Berührungsängste nehmen“, sagt Eva Bogner.

Die 28-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Produktionssystematik (FAPS) der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und führt Besucher gerne durch die beeindruckende Versuchshalle. Gezielt wird hier zum Beispiel branchenorientiert untersucht, wie Menschen und Roboter zukünftig zusammenarbeiten können. „Ein Roboter in der Automobilfertigung ist ein Kraftpaket, der nietet dich um, wenn du dich ihm in den Weg stellst. Der spürt nichts, der hört nichts. Sobald ein Mensch in deren Nähe kommt, müssen deshalb alle Systeme sofort anhalten. Leichtroboter dagegen weisen weniger Gefahren für den Menschen auf“, erklärt sie.

Digitalen Alltag auf Industrie übertragen

Ein Porträt-Foto von Eva Bogner

Eva Bogner

Foto: Kurt Fuchs

Ihr Fachbereich ist allerdings ein ganz anderer. Er nennt sich effiziente Systeme. „Um in einem Hochlohnland wie Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die Unternehmen alte Denkmuster über Bord werden. Da kommen wir ins Spiel.“ Denn was im privaten Bereich mittlerweile gang und gäbe wäre, sei in der Industrie noch eine Zukunftsvision. „Wenn ich online etwas bestelle, dann kann ich quasi live verfolgen, wo meine Bestellung gerade ist. Und noch bevor der Postbote an meiner Tür klingelt, weiß ich, dass das Paket gerade bei mir eintrifft.“

Dieses Prinzip auf industrielle Abläufe zu übertragen, treibt sie in ihrer Forschungsarbeit an. „Zu wissen, was gerade wo und in welchem Zustand ist, ist ein Riesenvorteil. In einer Fertigung sind aber ganz verschiedene automatisierte Montagestationen, Roboter und Softwaretools sowie natürlich Menschen am Werk. Und die können meist nicht miteinander kommunizieren – noch nicht“, merkt sie an. Hier am Lehrstuhl habe sie alle Freiheiten, ganz unterschiedliche Ansätze bei der Lösung dieses Problems zu verfolgen. „Das Motto unseres Professors lautet: Nutzt die Spielwiese. Und wenn’s nicht klappt, geht die Welt nicht unter.“

Gemeinschaftliches Forschen

Woran sie im Detail forscht, darf Eva Bogner nicht verraten. Ihre Stelle am Lehrstuhl ist mit Drittmitteln finanziert. „Ich kann nur so viel sagen, dass ich für einen großen Elektronikkonzern untersuche, ob man automatisierte Wertschöpfungsketten so strukturieren kann, dass es möglich ist, kundenindividuelle Produkte herzustellen.“

Um ihre Forschungsarbeit voranzutreiben, verteilt sie kleinere Aufgabenpakete an Studierende, koordiniert und unterstützt sie in der Umsetzung und führt die Ergebnisse im Anschluss wieder zusammen. Nicht selten grübelt sie auch abends noch stundenlang über mögliche, neue Herangehensweisen. „Man kann eigentlich nie sagen, dass man die perfekte Lösung gefunden hat. Sich mit einer Lösung zufrieden zu geben, fällt mir häufig unglaublich schwer.“

IT-Kenntnisse im Selbststudium

Dass sie sich so intensiv mit Softwareplattformen, Robotern und Co. beschäftigen würde, hatte sie zu Beginn ihres Studiums nicht gedacht. „Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau studiert. Begriffe wie Industrie 4.0 oder Digitalisierung waren kein Thema.“ Nach dem Bachelor folgte ein Master in Maschinenbau. „Das ganze Informatikwissen, das ich jetzt brauche, habe ich im Selbststudium erworben. Ich brauche vor allem sehr gute Kenntnisse über Systemarchitektur, Schnittstellen und Kommunikationsprotokolle.“

Die Grenzen zwischen den Disziplinen Informatik, Mechatronik, Elektrotechnik und Maschinenbau seien generell fließender geworden. „Während sich die einen anschauen, wie man intelligente Produkte entwickelt, schauen wir Fertigungstechniker, wie man sie herstellen kann, zum Beispiel mit Hilfe von intelligenten Systemen.“

Eva Bogner wird noch ein Jahr lang in ihrem Projekt forschen, dann läuft ihr befristeter Vertrag aus und sie wird höchstwahrscheinlich mit einem Doktor in der Tasche die Uni verlassen. „Ich möchte in jedem Fall im Anschluss ein paar Jahre lang in der Industrie arbeiten und Berufserfahrung sammeln. Ob in der Fertigungsplanung, im Vertrieb oder beratend, das wird sich noch zeigen.“ 

 

Nehmen Roboter mir den Job weg? – Interview

Gute Bildung schützt auch in Zukunft

Fast die Hälfte aller Jobs könnten zukünftig von Maschinen übernommen werden, rechneten 2013 britische Wissenschaftler aus – und sorgten mit ihrer Prognose für helle Aufregung. Folgestudien konnten die Zahlen relativieren, aber auch Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarktforschung (IAB) belegen: Roboter werden in vielen Bereichen unseren Arbeitsalltag verändern. Wie genau, erklärt die Britta Matthes, die sich beim IAB in verschiedenen Forschungs- und Arbeitsgruppen engagiert und die an der Studie mitgearbeitet hat, im Interview.

abi>> Frau Matthes, nehmen uns Roboter bald den Job weg?

Britta Matthes: Wie stark die einzelnen Berufe betroffen sind, kann man über unseren Job-Futuromat abrufen. Auf Basis der gegenwärtigen Zahlen gehen wir davon aus, dass 15 Prozent der heute Beschäftigten von Robotern ersetzt werden könnten. Ich sage bewusst könnten, denn ob dies wirklich so kommt, hängt nicht allein vom technologischen Fortschritt ab, sondern auch von den wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

abi>> Was meinen Sie damit?

Ein Porträt-Foto von Britta Matthes

Britta Matthes

Foto: Wolfram Murr

Britta Matthes: Der Bäcker ist ersetzbar. Maschinen können Backmischungen herstellen, den Teig kneten und formen, das Brot backen. Allerdings entscheiden wir Konsumenten, ob wir Brot aus einer Fabrik essen wollen oder doch lieber vom Handwerksbäcker an der Ecke. Oder nehmen Sie das autonome Fahren. Hier ist noch nicht geklärt, wer bei einem Unfall zur Verantwortung gezogen wird. Der Lkw-Fahrer oder der Bordcomputerhersteller? Anderes Beispiel: die Kassiererin. Sie ist ersetzbar, schon heute. Aber wir Deutschen schätzen wohl beim Einkaufen den sozialen Kontakt. Also gibt es sie noch, die freundlichen Damen und Herren an der Kasse. Trotzdem, es zeichnet sich Folgendes ab: Überall da, wo Roboter weniger Fehler machen als der Mensch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie wichtige Aufgaben übernehmen werden.

abi>> Was sind das für Aufgaben?

Britta Matthes: Sich permanent wiederholende Tätigkeiten zum Beispiel oder auch Aufgaben, die einem bestimmten Muster folgen. Menschen ermüden, Maschinen nicht. Damit meine ich nicht nur die physische Kraft, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit. Demnach werden Roboter in allen Fertigungs- und fertigungstechnischen Berufen eine große Rolle spielen, aber auch in der Unternehmensführung und -organisation, etwa bei der Dateneingabe und Finanzanalyse. Selbst IT-Berufe ändern sich durch die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und der Digitalisierung. Das wurde bis vor kurzem noch unterschätzt: Programmierer entwickeln nicht mehr nur Algorithmen, also mathematische Regeln, die einfachen wenn-dann-Zusammenhängen folgen, sondern schreiben Codes, die permanent lernen. Das erreichen sie, indem sie unendliche Datenmengen in der Cloud miteinander vergleichen und in einer Art Schleifenlogik hinterfragen, ob ein Ergebnis wirklich die beste Lösung für das Problem ist.

abi>> Müssen also auch Höherqualifizierte um ihren Job bangen?

Britta Matthes: Nein, die Prämisse „gute Bildung schützt“, gilt immer noch. Es wird vielmehr so kommen, dass Roboter in allen möglichen Bereichen unterstützend bestimmte Tätigkeiten übernehmen. Dies verändert die Berufsbilder – nicht nur in der Fabrik. Komplett wegfallen werden Berufe aber nicht. Bestimmte menschliche Fähigkeiten sind nicht ersetzbar. Kreativität zum Beispiel. Künstliche Intelligenz ist nicht kreativ, sie erfindet nichts Neues, sondern sucht nur die bisher beste vorhandene Lösung. Oder auch Intuition, Empathie, überhaupt alle sozialen Kompetenzen, die Fähigkeit, Probleme kreativ zu lösen. Das halte ich sogar für noch viel wichtiger als technisches Know-how.

abi>> Wir müssen also nicht alle IT-Experten werden?

Britta Matthes: Nein, das wäre der falsche Weg. Es bringt nichts, sich mit etwas abzuquälen, was einem nicht liegt. Mit höherer Bildung meine ich definitiv nicht, sich nur auf Roboter, Computer, Tablets, Internet und Co. zu fokussieren. Es muss auch nicht unbedingt ein Studium sein. Auf Basis einer dualen Ausbildung kann ich mich sehr gut kontinuierlich weiterentwickeln und Spezialist in einem Themenfeld werden. Allerdings muss man hierfür eigenverantwortlich am Ball bleiben. Ein hoher Grad an Selbstorganisation, über den Tellerrand schauen, mitdenken, Probleme mal anders angehen, Verbesserungsvorschläge einbringen: So macht man sich unersetzbar.

 

Nehmen Roboter mir den Job weg? – Übersicht

Was Roboter schon können

Die Forscher und Entwickler rund um den Globus sind fleißig. Fast wöchentlich vermelden die Medien neue Errungenschaften aus der Welt der intelligenten Maschinen. Doch was davon ist anwendungsreif und überhaupt relevant für die Arbeitswelt? abi >> stellt beispielhaft einige Roboter vor.

Medizin und Gesundheit

Der Pflegebot

Technologie: interagierendes Assistenzsystem, etwa Care-o-Bot vom Fraunhofer Institut IPA oder Robear von Tokai Rubber Industries

Seine Aufgabe: einfache Befehle ausführen, etwa Getränke servieren, Tisch decken, Medikamente holen, Blumen gießen oder Menschen aus dem Bett anheben

Seine Vorgehensweise: über Sensoren Umgebung und Sprachbefehle erfassen, über Lautsprecher Rückfragen stellen, mit zwei Armen greifen

Sein Einsatzbereich: als Pilotprojekt in Altersheimen in Deutschland und Pflegeheimen in Asien bereits im Einsatz

 

Der Therapieroboter

Technologie: Computertiere wie Robbe Paro, JustoCat, Beagle-Bot und andere

Seine Aufgabe: Interaktion trainieren, Einsamkeit lindern

Seine Vorgehensweise: auf Streicheln und Ansprache reagieren, etwa Schwanz wedeln, Augen schließen, Laut geben

Sein Einsatzbereich: Demenztherapie in Japan, Korea und Norwegen, als Pilotprojekt in Deutschland

 

Der Diagnostiker

Technologie: künstliche Intelligenz zur Früherkennung von Alzheimer

Seine Aufgabe: kleinste strukturelle Veränderungen im Gehirn aufspüren

Seine Vorgehensweise: MRT-Bilder von Gehirnen gesunder Menschen und Alzheimer-Patienten miteinander vergleichen

Sein Einsatzbereich: Forschungsprojekt in Italien

 

Handel, Recht und Finanzen

Der Verkaufsbot

Technologie: Assistentensystem Paul, basierend auf dem Care-o-Bot vom Fraunhofer Institut IPA

Seine Aufgabe: Kundenanfragen im Laden entgegennehmen und zum gesuchten Produkt führen

Seine Vorgehensweise: über Sensorik Umgebung, Kunden und Produktanfragen erfassen, Rückfragen stellen und auf Rollen zum entsprechenden Regal fahren

Sein Einsatzbereich: im Testbetrieb in wenigen Media-Märkten

 

Der Robo-Anwalt

Die Technologie: Softwareprogramm Ross, basierend auf der künstlichen Intelligenz Watson von IBM

Seine Aufgabe: Recherche und Zuarbeit bei juristischen Fällen

Seine Vorgehensweise: auf konkrete Fragen antworten, in dem er Gesetze und Urteile durchforstet und auf ihre Relevanz checkt

Sein Einsatzbereich: in etwa 20 US-Anwaltskanzleien

 

Der Finanzberater

Die Technologie: Robo-Advisor-Systeme, diverse Anbieter

Seine Aufgabe: Vermögen automatisiert verwalten

Seine Vorgehensweise: laufend börsengehandelte Fonds (ETF) checken, mit der Risikobereitschaft des Kunden abgleichen, Fonds kaufen und verkaufen

Sein Einsatzbereich: auf Finanz-Online-Portalen, in Banken, beim Vermögensverwalter

 

Handwerk und Technik

Der Katastrophenhelfer

Die Technologie: humanoider Roboter Atlas von Boston Dynamics oder ASIMO von Honda, beide mit komplexen sensormotorischen Fähigkeiten

Seine Aufgabe: eigenständig reparieren, aufräumen und assistieren, zum Beispiel in Katastrophengebieten oder havarierten Atomkraftwerken

Seine Vorgehensweise: intelligente Verhaltensweisen von Lebewesen nachvollziehen und menschenähnlich reagieren

Sein Einsatzbereich: befindet sich noch in der Entwicklungsphase

 

Der Montage-Helfer

Die Technologie: mehrarmige MRK-Leichtbauroboter, diverse Hersteller

Seine Aufgabe: komplexe Handgriffe ausführen, dabei mit dem Mensch Hand in Hand zusammenzuarbeiten (Mensch-Roboter-Kollaboration = MRK)

Seine Vorgehensweise: mithilfe integrierter, intelligenter Sicherheitstechnik und Sensorik Umgebung und Kollegen wahrnehmen und Bewegungen nach programmierten Befehlen ausführen

Sein Einsatzbereich: bei Auto- und Maschinenbauern


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Stand: 21.09.2019