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Fettnäpfchen oder Volltreffer?

Zwei männliche Modellfiguren schütteln sich die Hände
Die ersten Tage im Betrieb sind gar nicht so ohne. Wie verhält man sich richtig als neuer Mitarbeiter?
Foto: Martin Rehm

Start ins Berufsleben

Fettnäpfchen oder Volltreffer?

Situationen wie die folgenden können in den ersten Tagen im (neuen) Beruf durchaus vorkommen. Wie haben unsere fiktiven Berufseinsteiger sie gelöst – und was könnten sie besser machen? Daniela Wilke, Berufs- und Studienberaterin der Arbeitsagentur Berlin Nord Reinickendorf, gibt Berufsanfängern Tipps.

1. Szenario: Überflüssiger Papierkram?

Violetta kann es kaum glauben: Nun liegt er vor ihr, der Arbeitsvertrag für eine unbefristete Stelle als Industriekauffrau bei einem großen Maschinenbauunternehmen. Sie sitzt zu Hause am Schreibtisch und zückt voller Vorfreude schon den Stift. Ein seriöser Betrieb, da stimmt doch sicher alles mit dem Vertrag und sie kann bedenkenlos unterschreiben. Oder? Die 21-Jährige zögert. Warum steht dort etwas von sechs Monaten Probezeit, war in dem Bewerbungsgespräch davon überhaupt die Rede gewesen? Sie kann sich nicht erinnern und zeigt den Vertrag ihren Eltern. Der Vater bestätigt, ein halbes Jahr Probezeit ist durchaus normal. Wahrscheinlich hatte sie es in der Aufregung überhört. Gemeinsam sehen sie sich den Vertrag noch einmal durch: alles Standard, auch das Gehalt stimmt. Beruhigt unterschreibt Violetta und kehrt an ihren Schreibtisch zurück, um im Internet nach einer Krankenversicherung zu recherchieren. Oder ist das nun übertrieben?

Das sagt die Berufsberaterin:

Ein Porträt-Foto von Daniela Wilke

Daniela Wilke

Foto: Privat

Violetta hat sich absolut richtig verhalten. Auch bei den vertrauenswürdigsten Vertragspartnern sollte man sich Verträge genau ansehen, bevor man sie unterschreibt. Bereits vor Arbeitsbeginn sollte man sich zudem um die wichtigsten Papiere kümmern. Dazu gehören auf jeden Fall der Sozialversicherungsausweis und eine Krankenversicherung, die sich der Arbeitnehmer selbst aussuchen kann und dem Chef dann mitteilen muss, damit sie bei der Gehaltsabrechnung berücksichtigt werden kann – der Arbeitnehmeranteil wird dabei abgezogen.

2. Szenario: Vor dem Kleiderschrank

Hemd oder T-Shirt ...? Grübelnd lässt Niklas (23) seinen Blick über das Innenleben seines Kleiderschranks schweifen. Die T-Shirts sind klar in der Überzahl. Das gestreifte Hemd hat er zuletzt bei der Hochzeit seines Bruders getragen und fühlte sich damit ziemlich verkleidet. Das karierte Hemd sieht nach Holzfäller aus ... und das war es auch schon. Ach was soll’s, als Wirtschaftsingenieur im Backoffice eines Automobilherstellers wird er kaum Kundenkontakt haben. Und es geht doch im Berufsleben auch darum, Persönlichkeit zu zeigen. Er entscheidet sich für ein schon etwas verwaschenes Polo-Shirt zur Jeans, das er gern in seiner Freizeit trägt. Es steht ihm super und hat immerhin einen Kragen. Eine gute Idee für den ersten Arbeitstag?

Das sagt die Berufsberaterin:

Da hat Niklas wahrscheinlich danebengegriffen. In Berufen wie diesem ist Businesslook auch dann angemessen, wenn man keinen direkten Kundenkontakt hat. Grundsätzlich ist es besser, am ersten Tag etwas schicker gekleidet zu kommen. Am besten achtet man bereits beim Bewerbungsgespräch auf die Kleidung der Mitarbeiter oder fragt vor dem ersten Arbeitstag nach. Ein Polo-Shirt kann passen, es sollte aber nicht verwaschen sein. Im Zweifel gilt: Lieber over- als underdressed erscheinen.

3. Szenario: Im Schneckentempo

Mit ihrem exzellenten Masterabschluss in Kommunikationspsychologie hatte Leslie (27) die Personalchefin des Marktforschungsinstituts schnell überzeugt. Auch bei der Planung ihres ersten Arbeitstages überlässt sie nichts dem Zufall: Ihr Auto kommt frisch durchgecheckt aus der Werkstatt, zusätzlich zum Navi liegt ein Stadtplan auf dem Beifahrersitz bereit. Für die etwas verzwickte Route plante sie genau so viel Zeit ein wie für die Fahrt zum Vorstellungstermin: 45 Minuten hatten locker ausgereicht. Und jetzt das: Im Schneckentempo geht es durch die Innenstadt. Alles hat die neue Marktforscherin einkalkuliert, nur den morgendlichen Berufsverkehr nicht. Das Bewerbungsgespräch war am frühen Nachmittag gewesen. Soll sie anrufen? – Lieber nicht, sie hat keine Freisprechanlage und rechts ranfahren kostet extra Zeit. Zwanzig Minuten später als vorgegeben steht Leslie vor der Tür des Instituts. Was soll sie nun bloß sagen?

Das sagt die Berufsberaterin:

Grundsätzlich ist eine gute Planung immer ratsam. Dennoch hätte Leslie den Arbeitsweg vorab zu den regulären Arbeitszeiten einmal abfahren sollen. Ein weiterer Fehler ist, einfach später vor der Tür zu stehen. Das kleinere Übel wäre hier gewesen, die Minuten für ein Telefonat von unterwegs noch in Kauf zu nehmen, die Verspätung rechtzeitig anzukündigen und die Situation ehrlich zu schildern. Zudem sollte Leslie sich bei der Ankunft entschuldigen und in Zukunft mehr Zeit einplanen.

4. Szenario: Begrüßung im Kumpelton

Das fängt ja nett an: Kaum hat Marcel, frisch ausgelernter Immobilienkaufmann, die Tür hinter sich geschlossen, wird er auch schon mit großem Hallo von den Kollegen begrüßt. „Du kannst Dir diesen Schreibtisch einrichten“, zeigt ihm Herr Friedrichs, der älteste Mitarbeiter des Maklerbüros, mit einladender Geste seinen Arbeitsplatz. „Oh danke, das ist nett von D ...“ Marcel hält inne und besinnt sich. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Friedrichs. Oder wäre es in Ordnung, wenn ich auch Du sage?“ – Hat er alles richtig gemacht?

Das sagt die Berufsberaterin:

Marcel hat sich soweit richtig verhalten, da man als Neuer nicht ungefragt zum Du übergehen sollte. Auch am Arbeitsplatz sind die allgemeinen Höflichkeitsregeln zu beachten: Der Ältere oder der Vorgesetzte bietet jeweils das Du an. Den Satz „Oder wäre es in Ordnung, wenn ich auch Du sage?“ hätte Marcel sich sparen sollen. Lieber kommentarlos Siezen und darauf warten, dass Herr Friedrichs ihm antwortet: „Übrigens kannst Du auch gern Du zu mir sagen.“

5. Szenario: „Kreativ wie ein Suppentopf“

Der erste Vormittag ist geschafft und das Team ist klasse. Erleichtert nimmt Leon Platz am gemeinsamen Kantinentisch. Weil er seine Ausbildung zum Kommunikationsdesigner an einer Berufsfachschule absolvierte, ist der Alltag in der Agentur für ihn noch ziemlich ungewohnt. Er ist froh, dass die Kollegen ihn gleich in ihr Gespräch einbeziehen. Nach einigen Scherzen über ein ungewöhnliches Layout, das ein Kunde am Vormittag wünschte, geht es nun um Moritz Müller, einen Quereinsteiger, der als Anwärter auf die neu zu besetzende Position des Art Directors gilt. „Er hat nach seiner Banklehre jahrelang im Vertrieb gearbeitet und kann mit Zahlen umgehen, ist aber kreativ wie ein Suppentopf“, spottet Frank, ein älterer Kollege, der Leon direkt gegenüber sitzt. Leon fühlt sich angesprochen, obwohl er diesen Moritz noch gar nicht kennt. „Also ich finde auch, das klingt merkwürdig“, sagt Leon. „So ganz ohne Abschluss im Designbereich, das ist ja kaum zu glauben.“ – Ist es angemessen, dass Leon sich auf diese Weise in das Gespräch einbringt?

Das sagt die Berufsberaterin:

Auf keinen Fall. In unerwarteten oder kritischen Situationen wie dieser sollte man sich zurückzuhalten, bis man die Firmenkultur oder -strukturen kennt. Und Lästern ist immer gefährlich. Wenn Leon das Gefühl hat, um seine Meinung gefragt worden zu sein, sollte er wahrheitsgemäß antworten und zugeben, dass er den Kollegen selbst noch gar nicht kennt – und gar nicht weiter darauf eingehen.

6. Szenario: Kritik annehmen

„Schauen Sie mal, da müssen Sie wohl noch nachbessern.“ Kollege Müller nickt in Richtung der Bauzeichnung, die vor Anina Schäfer am Monitor prangt. Die 22-Jährige wurde vor zwei Monaten eingestellt und ist mit der CAD-Software durch ihre Ausbildung vertraut. Doch tatsächlich, da hat sich ein Fehler im Grundriss eingeschlichen. „Stimmt, das ist mir gar nicht aufgefallen, vielen Dank!“, antwortet sie. „Das nächste Mal werde ich noch besser aufpassen.“ Oder hätte sie sich lieber eine Ausrede einfallen lassen sollen? Nicht, dass der Chef es auch noch mitbekommt ...

Das sagt die Berufsberaterin:

Anina hat sich richtig verhalten, denn gerade in der Anfangszeit kann man nicht alles wissen. Ausreden kommen grundsätzlich nicht gut an. Kritik annehmen zu können und dabei sachlich zu bleiben, zeugt hingegen von Professionalität.

7. Szenario: Nach den ersten Wochen

Inzwischen sind zehn Wochen vergangen, seit Niklas‘ erstem Arbeitstag im Automobilkonzern. Lässig im Polo-Shirt aufzutauchen war keine gute Idee gewesen, doch Frau Stolten, die Abteilungsleiterin, hatte ihn mit einem gütigen Lächeln darauf aufmerksam gemacht. Seit dem zweiten Tag trägt er Hemden und hat sich auch ansonsten in jeder Hinsicht ins Zeug gelegt. Doch noch ist er in der Probezeit ... Macht er nun wirklich alles richtig? Niklas möchte Gewissheit haben. In einer ruhigen Minute geht er auf seine Vorgesetzte zu. „Frau Stolten, wäre es möglich, ein Gespräch zu meiner bisherigen Leistung zu führen? Ihre Einschätzung würde mir sehr weiterhelfen.“ – Eine gute Idee oder ist es zu dreist, nach Feedback zu fragen?

Das sagt die Berufsberaterin:

Richtig verhalten, da Niklas damit Interesse an der eigenen Leistung und Eigeninitiative zeigt. Seine höflich formulierte Frage ist nicht zu dreist. Es steht Mitarbeitern zu, nach Feedback zu fragen, doch der Ton sollte dabei nicht zu fordernd oder bevormundend Vorgesetzten gegenüber sein – und der Moment sollte passen: in einer ruhigen Minute, nicht zwischen Tür und Angel. Übrigens gibt es in vielen Betrieben auch regelmäßig Beurteilungs- und Mitarbeitergespräche, über die man sich als Neuling informieren sollte – damit erübrigt sich manche Nachfrage.

abi>> 30.05.2016

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