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Tiermediziner

Tierisch viel zu tun

Als Tierarzt für Kleintiere muss Ingo Beyen (33) viele Interessen unter einen Hut bringen: die richtige Therapie für seine Patienten finden, den Wünschen der Besitzer gerecht werden und finanziell erfolgreich arbeiten. Das ist manchmal ein Drahtseilakt.

Das Bild zeigt eingefliestes Behandlungszimmer mit PC und Schaubildern an den Wänden. Am Tisch im Vordergrund sitzt Ingo Beyen im blauen Polohemd und bereitet gerade eine Spritze für den Hund vor, der vor ihm auf dem Behandlungstisch steht und ihn anblickt. Die blonde Besitzerin mit dem Rücken zur Kamera hält ihren Schüztling fest und scheint im Gespräch mit dem Tierarzt.

Auge in Auge mit dem vierbeinigen Patienten: Tierarzt Ingo Beyen bei der Behandlung.

Foto: Spatscheck

Der schwarze Kater Flo, der auf dem Behandlungstisch von Ingo Beyen kauert, ist nur noch Haut und Knochen. Flo fresse viel, leide jedoch oft unter Durchfall und Erbrechen, klagt sein Frauchen. Ingo Beyen redet beruhigend auf das verängstigte Tier ein, streichelt es und tastet es ab. Seine Stimme und Bewegungen sind ruhig und bestimmt. „Vor allem verängstigte und aggressive Tiere kann man nur gut behandeln, wenn man eine ruhige Autorität ausstrahlt", sagt der 33-jährige Tiermediziner. Während er sich um Flo kümmert, plaudert er mit der Besitzerin und erkundigt sich nach Symptomen und möglichen Ursachen. Ingo Beyen ertastet bei Flo harte Stellen im Bauch. Um eine sichere Diagnose zu stellen, will er sich den Darm im Ultraschall anschauen.

Während der Untersuchung erklärt er der Besitzerin genau, was auf dem Ultraschallbild zu sehen ist: krankhafte Veränderungen der Darmwand. Die Besitzerin wird plötzlich ganz still. Krebs? Ingo Beyen bereitet sie behutsam auf diese Möglichkeit vor. Er bespricht mit ihr, welche weiteren Diagnosemöglichkeiten und Therapien sinnvoll wären und was diese kosten. Auch in der Tiermedizin werden immer innovativere Verfahren eingesetzt, die allerdings oft sehr teuer sind.

Nicht nur gute Nachrichten

Die Besitzerin schrickt vor den Kosten zurück. „Würden Sie uns raten, Flo einzuschläfern?", will sie wissen. Die Frage ist für Ingo Beyen Alltag: „Wenn ein Tier unheilbar krank ist, unter starken Schmerzen leidet oder die Besitzer kein Geld für teure Therapien besitzen, ist das Einschläfern des Tiers für alle Beteiligten manchmal die beste Lösung."

Das Gespräch hat ihn belastet, aber im Wartezimmer der Ludwigshafener Tierklinik Dr. Horst Schall,  an der Ingo Beyen seit 2007 als Assistenzarzt angestellt ist, warten noch andere Hunde, Katzen, Hamster und Kaninchen darauf, von ihm und seinen drei Kollegen behandelt zu werden. Eine Katze muss gegen Tollwut geimpft werden, die andere hat ein Ekzem am Ohr, ein Hund hat sich eine Platzwunde zugezogen, ein Kater das Bein gebrochen. Da er in einer Tierklinik arbeitet, operiert Ingo Beyen auch jeden Tag: Er nimmt Kastrationen vor, entfernt Tumore, verschraubt Brüche.

Vielseitige berufliche Perspektiven

Viele Tierärzte spezialisieren sich auf Kleintiere, es stehen ihnen jedoch auch andere berufliche Tätigkeitsfelder offen: Tierärzte behandeln auch Groß- und Nutztiere und beraten Landwirte. Oder sie sind im Tierschutz tätig, bekämpfen Seuchen und überprüfen, ob Tiere artgerecht gehalten werden. Im öffentlichen Veterinärwesen überwachen sie die Tiergesundheit und die Sicherheit von Lebensmitteln tierischer Herkunft. Tierärzte können zudem bei Pharmaunternehmen und Lebensmittelherstellern tätig sein oder sich in Forschung und Lehre engagieren.

Ingo Beyen hat sich für die Arbeit in einer Kleintierklinik entschieden, weil er das breite Behandlungsspektrum dort schätzt. Dafür nimmt der Tierarzt auch lange Arbeitstage und Notdienste in Kauf. Sein beruflicher Werdegang ist für Tiermediziner nicht untypisch: ein Studium der Tiermedizin an der Universität Gießen, ein einjähriges Internship (Praktikum) an der Gießener Veterinärmedizinischen Klinik für Kleintiere, danach zwei Jahre Forschung für seine Doktorarbeit, die er gerade parallel zu seinem prallen Arbeitstag fertigstellt. Jetzt absolviert er bei Dr. Horst Schall eine Weiterbildung zum Fachtierarzt für Klein- und Heimtiere.

Vor Ingo Beyens Behandlungszimmer bellt ein weiterer Patient. Der Mischling  hat ein schwaches Herz. Der Tierarzt hört ihn ab und misst rektal die Temperatur. Während er untersucht, berät er die Besitzerin vorsichtig, wie sie das Übergewicht des Hundes in den Griff bekommen könnte. Aber er stößt bei Frauchen auf taube Ohren. Für heute lässt Ingo Beyen das Thema gut sein, aber nächstes Mal wird er es wieder versuchen. „Ich will das Beste für das Tier, kann es mir allerdings nicht erlauben, die Besitzer vor den Kopf zu stoßen, sonst bleiben die weg. Der Weg zwischen richtiger Therapie und beruflichem Erfolg ist manchmal ein Drahtseilakt."

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