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Mit Herzblut und einer klaren Strategie

Auf dem Bild ist eine Kreidezeichnung von Europa zu sehen. Die einzelnen Länder sind durch Verbindungspfeile verbunden.
Weltweit über 20.000 NGOs bieten zahlreiche Jobmöglichkeiten - sei es in den Bereichen Entwicklungspolitik, Menschenrechte, in der Humanitären Hilfe oder in Natur und Ökologie.
Foto: Rehm

Arbeiten bei NGOs

Mit Herzblut und einer klaren Strategie

Sie engagieren sich für Menschenrechte, gegen Atomkraftwerke oder arbeiten in Krisengebieten. Menschen, die für NGOs arbeiten, verfolgen nicht das schnelle Geld, sondern höhere Ideale. Die Glaubwürdigkeit, die den Organisationen zugeschrieben wird, macht sie auch als Arbeitgeber attraktiv.

Tobias Riedl (35) wollte nie Campaigner werden. Und heute ist er der Greenpeace-Experte für – oder besser gegen – Atomkraft. Er gibt Fernseh-Interviews, bloggt die neuesten Studien zu Fukushima und organisiert öffentlichen Protest. „Ich glaube, dass sich fast nirgendwo so viel bewegen lässt“, sagt Tobias Riedl und weiß doch, dass die Arbeit bei Nichtregierungsorganisationen einen langen Atem braucht. Es wird Jahre dauern, bis alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet sein werden. So gesehen war die Katastrophe in Fukushima ein Wende-, aber kein Endpunkt. Tobias Riedl hat noch viel zu tun.

Passionierter Müßiggänger

Auf dem Bild ist ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren zu sehen.

Tobias Riedl

Foto: Privat

Wie er zum Campaigner wurde? Schon als Schüler war er politisch interessiert, empörte sich, dass für Umweltprobleme clevere Lösungen existierten – die Regierung aber die Belange der Wirtschaft vor jene von Natur und Lebensbedingungen stellte. Das musste anders werden! Die „Ochsentour“ durch eine Partei, sagt Tobias Riedl, wäre jedoch nichts für ihn gewesen. Er wollte gleich aktiv werden, trat der Esslinger Greenpeace-Gruppe bei und nahm bald nach einem Kennenlern-Seminar schon an der ersten Protestaktion teil: Vor dem EU-Parlament demonstrierte Tobias Riedl gegen „Patente auf Leben“.

Er studierte Landschaftsplanung, schrieb seine Diplomarbeit über Windkraft und lokalen Naturschutz und war danach „monatelang nur auf Aktionen“. Es folgte ein Jahr als Trainee bei Greenpeace. Vor drei Jahren trat er, nach dem Umweg über einen Biobauernhof, die Stelle als Campaigner an. Zu seinen Aufgaben gehören strategische Planung und die Vorbereitung von Kampagnen, er diskutiert mit Journalisten, Politikern und Interessensvertretern. Häufig reist er, besucht Ortsgruppen und ist als Experte bei öffentlichen Veranstaltungen gefragt. Wie anstrengend solche Überzeugungsarbeit ist, weiß der passionierte Müßiggänger. Er leistet sie gern – für die gute Sache.

Solches Engagement ist für die Arbeit bei Nichtregierungsorganisationen unerlässlich. „Die Bezahlung ist es nicht. Man muss schon mit Herzblut dabei sein“, sagt Kathrin Voss. Die Sozialwissenschaftlerin und NGO-Organisationsberaterin hat über Nichtregierungsorganisationen (Englisch: non-governmental organisations (NGOs)) promoviert. Dazu werden Organisationen oder Vereine gezählt, die auf Basis privater Initiative politische, gesellschaftliche, soziale oder ökonomische Ziele vertreten. Weltweit gibt es über 20.000 solcher Organisationen. Sie unterscheiden sich von Regierungsorganisationen, da sie nicht durch ein öffentliches Mandat legitimiert sind, und engagieren sich vor allem auf den Feldern Entwicklungspolitik, Menschenrechte, Humanitäre Hilfe sowie Natur und Ökologie – darunter fallen Gewerkschaften und Kirchen genauso wie Sportvereine, Umweltschutzorganisationen, Menschenrechtsaktivisten und Globalisierungsgegner, Entwicklungsdienste und Kindernothilfe. Nur zum Beispiel.

„Sauerteig für eine bessere Welt“

Sie sind der „Sauerteig für eine bessere Welt“ und sind zum wichtigen Akteur der globalen Politik aufgestiegen, heißt es in der Dokumentation „Ein bunter Haufen namens NGO“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Die hohe Glaubwürdigkeit und Integrität, die den unabhängigen Organisationen zugeschrieben werden, machen sie auch als Arbeitgeber attraktiv. Anfang 2011 arbeiteten rund eine halbe Million Menschen in Deutschland laut Angaben der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit sozialversicherungspflichtig in diesem Bereich. Nimmt man zu Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-verbänden, Berufsorganisationen, kirchlichen, politischen, kulturellen und ökologischen Organisationen noch die paritätischen Wohlfahrtsverbände sowie weitere karitative und soziale Institutionen hinzu, wäre die Beschäftigtenzahl noch deutlich höher.

„So breit wie das Spektrum der Organisationen ist das der Berufsfelder“, sagt Judith Wüllerich vom Team Arbeitsmarktberichterstattung. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, Kinderpflege- und Lehrkräfte arbeiten in diesem Feld. Zudem findet sich eine große Zahl an Verwaltungs- und Leitungskräften, die die häufig durch Ehrenamtliche getragene Arbeit unterstützen. Darüber hinaus bieten NGOs – je nach fachlicher oder inhaltlicher Ausrichtung – auch Jobchancen für Geistes- und Naturwissenschaftler etwa im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Sprungbrett Ehrenamt oder Praktika

Auf dem Bild ist eine Frau mit Brille zu sehen.

Kathrin Voss

Foto: Privat

Doch mit welchem Studium bringt man die besten Voraussetzungen für die Arbeit bei einer NGO mit? Politikwissenschaftler sind beispielsweise als wissenschaftliche Berater in Verbänden oder politischen Stiftungen gefragt, wo sie für die Erwachsenenbildung zuständig sind. Sie konzipieren Seminare und Tagungen und führen diese auch durch. Häufig gehört die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit zu ihrem Tätigkeitsfeld. Auch in Menschenrechtsorganisationen sind Politologen mit ihrem Wissen über staatliche Strukturen und politische Meinungsbildung gefragt. Die fachliche Qualifikation eines abgeschlossenen Studiums ist Voraussetzung, der Zugang zu den jeweiligen Organisationen findet über ehrenamtliches Engagement oder Praktika statt. „Referentenstellen werden auch gerne mit Geisteswissenschaftlern oder Absolventen mit einem entwicklungsspezifischen Studium besetzt“, erklärt Astrid Lohbeck von VENRO, dem Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen. Gleich im Studium stellt etwa der Masterstudiengang „Non-Profit-Management and Governance“ die Weichen in Richtung NGO.

Auch technisch Interessierte finden Beschäftigungsmöglichkeiten: Agraringenieure können ihre Fähigkeiten einbringen, wenn sie innerhalb von Projekten Bauern in Ländern Asiens oder Südamerikas zum Beispiel über den Anbau von Reis, Obst und Gemüse beraten. Oder mit ihnen zusammen wassersparende Bewirtschaftungsmethoden entwickeln. Agraringenieure sind häufig auch beratend in Umweltorganisationen tätig, wo sie sich mit Themen wie Biodiversität oder Energie-Pflanzen beschäftigen. Sie speisen ihr Wissen in die Organisation ein, verfassen Berichte und halten auch Fachvorträge über ihre Themen. Ein Studium im Bereich Landwirtschaft/Agrarwissenschaften bildet die Basis, das Engagement in einer Umwelt¬schutzorganisation oder das Interesse für die Entwicklungszusammenarbeit ebnen den Weg.

Aber auch für Naturwissenschaftler gibt es Tätigkeitsbereiche: Chemiker und Lebens-mitteltechnologen untersuchen beispielsweise Kosmetika oder frischen Fisch auf ihre Bestandteile und beurteilen eine mögliche Gesundheitsgefährdung. Sie beraten Verbraucherschutz- und Umweltorganisationen, sind aber häufig nicht fest angestellt, sondern arbeiten freiberuflich oder in den beauftragten Labors. Physiker hingegen können als Atom¬energieexperten, aber auch als Referenten oder Campaigner bei den Organisationen tätig werden. Auch IT-Kräfte, landwirtschaftliche Fachkräfte oder Tierpfleger sind gefragt. „Wir haben unsere Mitarbeiterzahl in den vergangenen fünf Jahren auf 120 verdoppelt und wachsen weiter. Für den administrativen Bereich stellen wir Sachbearbeiter und IT-Fachleute ein“, erklärt Volker Pohl, stellvertretender Geschäftsführer der Patenschaftsorganisation Plan International Deutschland.

Häufig gibt nicht allein der Berufs- oder Studienabschluss den Ausschlag, sondern das vorangegangene Engagement – und für rund 6.000 Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit, die 2010 unter Vertrag standen, ist es auch Berufserfahrung. Hartwig Euler vom Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee fasst zusammen: „Entwicklungshelfer ist kein Beruf, Entwicklungshelfer haben einen Beruf.“ Mindestens zehn Jahre Erfahrung setzt etwa der evangelische Entwicklungsdienst voraus. „Nur wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, kann loslaufen“, sagt Sprecher Michael Flacke. Dazu kommt, dass die Partnerländer in der dritten Welt inzwischen ausgewiesene Experten mit Führungserfahrung anfordern. Im Schnitt sind – wie eine Umfrage unter 62 Organisationen belegt – die Fachkräfte Mitte 40.

„Auch innerhalb der NGOs haben sich die Strukturen deutlich professionalisiert“, beobachtet Kathrin Voss. Rekrutierten kleine und mittlere Organisationen ihre Angestellten unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern, suchen NGOs ihr Personal heute über Stellenausschreibungen und die eigene Homepage. Knackpunkte sind Interesse und fachliche Qualifikation. „Pressesprecher, Verwaltungsleute, Geschäftsführer – das sind Jobs, bei denen sich NGOs kaum mehr von anderen Arbeitgebern unterscheiden“, sagt Kathrin Voss.

Erfolgsfaktor soziale Netzwerke

Eine entscheidende Gruppe sind die Fundraiser. Sie spielen eine so wichtige Rolle wie die Campaigner. Statt öffentlichem Gehör verschaffen sie ihren Organisationen das nötige Geld. Häufig sind NGOs als Vereine organisiert, die über den Grundstock der Mitgliederbeiträge auf Spenden angewiesen sind. So hat beispielsweise das katholische Hilfswerk Misereor 2010 über 52 Millionen Euro Spenden eingenommen, dazu 20 Millionen Euro aus Kollekten. Der größte Teil der Mittel für die Entwicklungshilfe aber kommt mit 102,5 Millionen Euro aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Beim Werben um Spenden und anderweitige Unterstützung werden das Internet und soziale Netzwerke immer bedeutsamer. Die Selbstdarstellung auf der Homepage und die Berichte über die eigene, erfolgreiche Arbeit binden die Ehrenamtlichen ein und informieren Interessierte. Plattformen können sogar politisch sein. So fordert zum Beispiel „Campact – Demokratie in Aktion“ zur Diskussion über Themen wie Finanzkrise, Steuerflucht oder Castortransporte auf. Binnen weniger Stunden können sie über die Netzwerke tausende Unterschriften sammeln oder zu Demonstrationen aufrufen. So schaffen sie eine neue und noch ungewohnte Form der demokratischen Partizipation.

abi>> 09.01.2012