Lernen im zweiten Leben
Was sich vor vielen Jahren noch wie Zukunftsmusik angehört hat, ist heute längst Realität geworden. Virtuelles Lernen in dreidimensionalen Galerien, Universitäten und archäologischen Stätten. Viele Lehrinstitute und Universitäten haben die virtuelle Online-Welt Second Life (SL) als ein Lernmedium der Zukunft entdeckt.
Bequemes Lernen an allen Orten mit Internetanschluss, diesen Komfort bieten virtuelle Lernformen.
Foto: KonzeptQuartier
Ganz bequem von zu Hause aus an Seminaren teilnehmen oder ferne Länder und längst vergangene Welten besuchen: Möglich macht dies die dreidimensionale Online-Welt Second Life, die 2003 von Linden Lab in San Francisco entwickelt wurde. Das Besondere: Gestaltet wird dieses „zweite Leben" von seinen Bewohnern. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt: Weder beim Erschaffen des Avatars, der virtuellen Figur mit der sich der User in SL bewegt, noch beim Bau von Gebäuden oder Landschaften.
15 Millionen Bewohner
„Second Life hat derzeit über 15.500.000 Bewohner, die aus über 100 Ländern stammen, wobei Deutschland die zweitgrößte Community hat", sagt Jean Miller, Head of German Business Development von Linden Lab. Die virtuelle Plattform bietet sowohl für Unternehmen wie auch für private Endanwender neue Möglichkeiten, um Projekte im Bildungsbereich umzusetzen, nach neuen Mitarbeitern zu suchen, Meetings in Second Life abzuhalten oder auch neue Produkte zu entwickeln.
SL entwickelte sich gut, in den vergangenen beiden Jahren erlebte die virtuelle Welt sogar einen regelrechten Boom. Doch inzwischen haben einige Unternehmen wie adidas oder Deutsche Post, ihre „virtuellen Zweigstellen" wieder aufgegeben. Auch die virtuelle Boulevardzeitung „The AvaStar" von bild.de ist im Oktober wieder eingestellt worden. Steht Second Life vor dem Aus? Nein, meint Studentin Tanja Adamus: „Ich glaube, dass einige Unternehmen dachten, sie könnten Second Life für ihre Marketingzwecke nutzen. Doch die 3D-Welt hat viel mehr zu bieten, gerade beim Thema Weiterbildung. Viele Universitäten haben Second Life als interessantes Tool für Lernprozesse entdeckt und experimentieren schon länger auf diesem Feld." Tanja Adamus ist Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen und hält aktuell ein Seminar zu virtuellen Welten. Ihre Universität ist zusammen mit anderen Bildungseinrichtungen auf der SL-Bildungs-Insel „European University Islands" vertreten. Hier wird in geschützter Umgebung geforscht, experimentiert und unterrichtet.
Neue Lernpotenziale
Einmal im Monat lädt Diplom-Pädagoge André Mersch auf den „European University Islands" zum virtuellen Weiterbildungsforum der Universität Bielefeld. Hier halten erfahrene Weiterbildner Gastvorträge zu Themen wie „SL als Teil einer persönlichen Lernumgebung" oder „SL als Popkultur?" „Second Life bildet eine ideale Plattform für Weiterbildung. Ein sehr gutes Beispiel ist die VHS Goslar, deren Teilnehmer in SL unter „realen" Bedingungen verschiedene Kurse belegen können", erzählt Mersch. Zum Angebot der Volkshochschule (VHS) Goslar gehören unter anderem ein Ideenpark mit ägyptischem Museum, Kochkurse oder Geschicklichkeitsspiele. Gemeint sind hier virtuelle Sport-Trainings in den Disziplinen Hindernisreiten oder Windsurfen. Neben dem Forum bietet die Universität Bielefeld eine dreisemestrige Ausbildung zum E-Trainer an und erforscht mit dem Projekt „E-Learning 3D" die Lernpotenziale von 3D-Plattformen.
Dass sich Second Life auch hervorragend für den Sprachunterricht eignet, beweisen Anbieter wie Languagelab oder Avatar Languages, die etwa über das Nachstellen von typischen Situationen am Flughafen oder im Restaurant, Fremdsprachen lehren. Noch gibt es nur Unterricht in den Sprachen Englisch und Spanisch, weitere Sprachen sind jedoch in Planung. Auch soll die Präsenz auf dem deutschen Markt voran getrieben werden.

