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„Zur Not ein Semester länger studieren“

Eine Dolmetscherin in einer Kabine
Wer als Dolmetscher oder Übersetzer arbeiten möchte, benötigt ein Gespür für die Feinheiten der Sprache.
Foto: Alex Becker

Interview

„Zur Not ein Semester länger studieren“

Im Interview berichtet Fachübersetzerin Lisa Rüth, Bundesreferentin für Ausbildung vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), welche Rolle Fremdsprachenkenntnisse heute in der Berufswelt spielen und wie wichtig Auslanderfahrung ist.

abi>> Warum sind Fremdsprachenkenntnisse heute in vielen Bereichen unentbehrlich?

Lisa Rüth: Deutschland ist eine Exportnation. Wir leben davon, dass wir mit anderen Ländern Handel betreiben – da gehört es dazu, dass man in einer fremden Sprache kommuniziert. Und dann ist da natürlich noch ganz allgemein die Globalisierung in allen Bereichen, durch die wir mit anderen Ländern und Kulturen in Kontakt treten.

abi>> Welche Fremdsprachenkenntnisse sind derzeit besonders gefragt?

Lisa Rüth: Die Nachfrage nach ‚großen‘ Sprachen ist nach wie vor ungebrochen, allen voran Englisch. Danach richten sich natürlich auch die Universitäten und Fachakademien bei ihrem Ausbildungsangebot. Die Kombination einer Weltsprache wie Englisch mit einer ‚kleinen‘ Sprache ist aber durchaus auch attraktiv.

abi>> Für wen ist ein Beruf mit Fremdsprachen das Richtige?

Ein Porträt-Foto von Lisa Rüth

Lisa Rüth

Foto: CSFdesign.de

Lisa Rüth: Man sollte ein Gespür für und ein Interesse an den Feinheiten einer Sprache haben, sowohl der Mutter- als auch der Fremdsprache. Außerdem sollte man anderen Ländern und Kulturen gegenüber offen sein. Und ganz grundsätzlich sollte man Neugierde mitbringen – als Dolmetscher oder Übersetzer beispielsweise muss man viel recherchieren und lernt jeden Tag etwas Neues. Das macht den Beruf ja so spannend.

abi>> Welche Möglichkeiten gibt es, Auslandserfahrung und Fremdsprachenpraxis zu sammeln?

Lisa Rüth: Wenn man vor dem Studium nicht bereits längere Zeit im Ausland war, kann ich jedem nur dringend zu einem Auslandssemester raten. Das kann man entweder selbst oder über die Hochschule organisieren. Ich denke da zum Beispiel an das Erasmus-Programm der EU. Man kann auch ein Praktikum im Ausland machen, dann sammelt man gleich Berufserfahrung. Dafür würde ich zur Not auch ein Semester länger studieren – Auslandserfahrung ist bei Fremdsprachenberufen immer gut und auf gar keinen Fall verlorene Zeit.

abi>> Ist es sinnvoll, gleich im Ausland zu studieren?

Lisa Rüth: Für Übersetzer und Dolmetscher ganz klar: Nein. Wichtig ist, wie in anderen Berufen mit Fremdsprachen auch, zuerst eine solide Grundlage in der Muttersprache zu schaffen. Im Studium lernt man seine Muttersprache noch einmal ganz neu kennen. Im Ausland ist das in der Intensität nicht möglich. Ich kann Interessenten deshalb nur raten, erst einmal ihre Muttersprache zu pflegen – und dann vielleicht für den Master ins Ausland zu gehen.

abi>> Haben Muttersprachler in Fremdsprachenberufen immer einen Vorteil?

Lisa Rüth: Nein, aber oft. Das hängt davon ab, woran genau man arbeitet. Manchmal kommt es auch primär auf das Fachwissen an.

abi>> Das Berufsfeld von Dolmetschern und Übersetzern ist breit gefächert. In welchen Bereichen sind sie tätig?

Lisa Rüth: Zunächst einmal sind Übersetzen und Dolmetschen ja zwei unterschiedliche Berufe. Als Übersetzer übertrage ich Texte schriftlich von einer Sprache in die andere, als Dolmetscher mache ich das mündlich. Das Bachelorstudium ist trotzdem vergleichbar, erst im Master entscheidet man sich, welchen Weg man einschlagen möchte. Danach gibt es viele Möglichkeiten. Dolmetscher beispielsweise arbeiten unter anderem bei Gericht, andere dolmetschen bei Konferenzen oder sind bei politischen Institutionen angestellt. Grundsätzlich muss man jedoch sagen, dass die Mehrzahl der Übersetzer und Dolmetscher nicht angestellt ist, sondern freiberuflich arbeitet. Und um als Selbstständiger am Markt bestehen zu können, hilft es, sich zu spezialisieren. Ich übersetze beispielsweise ausschließlich Texte aus dem Finanzbereich für Banken und Börsen.

abi>> 21.09.2015