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„Schreiben ist einsame Kunst“

Nora Gomringer trägt eine Sonnenbrille und betrachtet sich in einem Spiegel.
Nora Gomringer ist Lyrikerin, Rezitatorin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2015.
Foto: Judith Kinitz

Nora Gomringer

„Schreiben ist einsame Kunst“

Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin und Rezitatorin Nora Gomringer gewann 2015 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Im Interview mit abi» erzählt sie, warum sie wegen einer schwarzen Tanne zu schreiben begann, und welche Eigenschaften man braucht, um den Lebensunterhalt mit Schreiben zu verdienen.

abi>> Frau Gomringer, wann und warum haben Sie mit dem Schreiben angefangen?

Nora Gomringer: In einer Freistunde in der Grundschule wurden wir aufgefordert, ein Gedicht zu schreiben, zu irgendetwas, was wir sehen können. Ich habe aus dem Fenster gesehen und hatte eine schwarze Tanne vor Augen. Die habe ich beschrieben. Das war der Kick-start, dann kam das Schreiben, um dem Klavierunterricht zu entgehen, dann das regelmäßigere Schreiben von Gedichten und ihr Vortrag, dann das Erarbeiten von Rezitationsprogrammen.

abi>> War Deutsch Ihr Lieblingsfach in der Schule? Und falls ja, warum?

Ein Portrait-Foto von Nora Gomringer.

Nora Gomringer

Judith Kinitz

Nora Gomringer: Gute Noten waren mir wichtig. Ich mochte die Sprachen wie Latein, Altgriechisch, Deutsch, Englisch und Spanisch sehr gerne, aber auch Religion und Physik gefielen mir gut. Während meiner Schulzeit, die ich an drei verschiedenen Schulen verbracht habe, hatte ich das Glück, von Schülern und Schule begeisterte Lehrerinnen und Lehrer kennen zu lernen. Das hat mir sehr imponiert. Ich hatte einzelne Lehrer, die mir bis heute sehr lieb, sehr wichtig sind.

abi>> Hatten Sie in Ihrer Jugendzeit ein literarisches Vorbild oder einen Lieblingsautor?

Nora Gomringer: Mich hat Janet Frames Lebensgeschichte total gefesselt und diese hat mir gezeigt, dass es möglich ist, sich als Schriftstellerin zu erfinden. Ich habe wahnsinnig viel Stephen King gelesen, Erich Kästner und Gedichte von Heinrich Heine. Deutsche Literatur wurde mir noch einmal besonders wichtig, als ich in den USA gelebt habe.

abi>> Warum haben Sie sich für ein Studium der Germanistik und Anglistik entschieden?

Nora Gomringer: Ich brauchte ein Studium, das ich mochte, ertrug und zügig absolvieren konnte. Dann hab ich doch fünf Jahre studiert, aber quasi nebenher drei Bücher veröffentlicht und zahlreiche Lesereisen in den USA, Kanada und in Europa wahrnehmen können. Durch meine Auftritte und durch HiWi-Tätigkeiten am Lehrstuhl der Anglistik konnte ich das Studium sogar selbst finanzieren.

abi>> Was fasziniert Sie an der deutschen Sprache?

Nora Gomringer: Die Sprache ist elastisch, lässt seit jeher Einflüsse und Strömungen zu. Sie hat eine lange Tradition als Wissenschaftssprache, weil sie sehr genau und doch attraktiv ist, klanglich vielfältig. Die Sprechergruppe wird durch Migranten und Sprachlerner immer größer und die Sprache verliert dadurch ihre Trennschärfe. Das ist eine Herausforderung, aber auch ein Phänomen, das mit Humor und Bereicherung erfühlt werden kann. Je mehr Sprecher, desto begeisternder kann sie sein, die deutsche Sprache in der Welt.

abi>> Wie kommen Sie auf Ideen für Ihre neuen Werke, was inspiriert Sie?

Nora Gomringer: Ich höre zu, lese, schweige und setze um, extrahiere, gleiche ab. Außerdem sehe ich sehr viele Filme. Ich suche nach Dingen, die mich anregen und rühren.

abi>> Welche Eigenschaften sollten junge Menschen mitbringen, die ihr Hobby zum Beruf machen und ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen wollen?

Nora Gomringer: Das Schreiben hört schnell auf, Hobby zu sein. Wer ernsthaft schreibt, arbeitet intensiv. Um sich ein Hobby zu erhalten, muss man etwas ganz anderes tun. Wer das Hobby verlieren und ‚ernst‘ machen will, der muss sich bilden. Durch Lesen, beständiges Schreiben, Durchlässig-Sein. Wirtschaftlich unabhängig ist man nur, wenn man sich einen ‚Brotberuf‘ sucht, was zusätzlich auch sehr beglücken kann, weil das Schreiben einfach keine Sicherheiten bietet und einem auch mal die Ideen ausgehen können. Schreiben ist einsame Kunst. Das muss man wissen.

abi>> Was halten Sie von E-Books?

Nora Gomringer: Alle meine Bücher erscheinen auch als E-Books. Es gibt fast keinen Verlag in Deutschland und der Schweiz, der nicht auch zur Printversion eine E-Book-Version veröffentlicht. Dazu hat der Autor fast nichts mehr zu sagen. Für mich persönlich ist das Buch als Gegenstand nicht wegzudenken, weil es sich als so effektiver, dauerhafter und vielseitiger Gegenstand erwiesen hat, der vom Design lebt.

 

Nora Gomringer über ...

... Erfolg: Köstlich, wenn verdient – also erhofft für eine Leistung, die Erfolg nach der eigenen Vorstellung und den eigenen Maßstäben verdient hat. Verwirrend, wenn unerwartet. Frauen weniger ge- und vergönnt als Männern im Geschäft des Schreibens. Sorgt für eine Verschiebung der Umstände.

... das Schreiben: intimer, selbstgestellter Auftrag, der zunächst keinen Adressaten kennt. Oder Auftrag, bei dem zunächst NUR der Adressat bekannt ist und alles andere noch im Nebel.

... Ideen: kommen und gehen. Oft haben andere bessere.

... Freizeit: Eine unbestimmte Zeit ohne Auftrag. Im Kino zu verbringen.

... ihr Lieblingsbuch: Das Gotteslob der katholischen Kirche hält viel Gutes parat.

 

Über Nora Gomringer

Nach dem Abitur begann Nora Gomringer ein Studium der Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Währenddessen absolvierte sie verschiedene Praktika in New York und in Los Angeles. Im Jahr 2006 schloss sie ihre akademische Ausbildung mit dem Magister ab. Seit 2010 ist Nora Gomringer als Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg tätig. Zahlreiche Lyrikbände und zwei Essay-Sammlungen bei Voland & Quist hat Nora Gomringer seither veröffentlicht. In den Jahren 2001 bis 2006 gestaltete Nora Gomringer die Poetry-Slam-Szene in Deutschland aktiv mit. Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt und oft musikalisch begleitet oder im Duo vor. Zuletzt wurden ihr u.a. der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2011), der Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) und der Ingeborg-Bachmann-Preis (2015) verliehen. Außerdem übernahm sie Poetik-Dozenturen an den Universitäten Sheffield, Koblenz-Landau und Kiel.

 

 

abi>> 12.10.2015