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Die Zukunft der Raumfahrt mitgestalten

Matthias Maurer
abi» sprach mit dem angehenden ESA-Astronauten Matthias Maurer über seine anspruchsvolle Ausbildung zum Raumfahrer und seine Faszination fürs Weltall.
Foto: ESA Sabine Grothues

Matthias Maurer

Die Zukunft der Raumfahrt mitgestalten

Matthias Maurer wird als Astronaut der European Space Agency (ESA) ins Weltall fliegen. Mit welcher Mission und wohin genau, steht noch nicht fest, doch seit zehn Jahren bereitet er sich gezielt auf seinen Traum vor. Über seinen Weg zur ESA, seine dortige Ausbildung und die möglichen Missionen hat der 48-Jährige mit abi>> gesprochen.

abi>> Herr Maurer, 2008 bewarben Sie sich beim ESA-Astronautenprogramm. Was hat Sie als Ingenieur der Material- und Werkstoffwissenschaften dazu bewogen?

Matthias Maurer: Astronaut zu sein, ist ein einzigartiger Job. Er verbindet Forschung und Technologie, die sich am Rande des derzeit Machbaren bewegen, mit dem Arbeiten im internationalen Team. Und klar, reizvoll ist auch die gewisse Prise Abenteuer.

abi>> Wie lief das Auswahlverfahren ab?

Ein Porträt-Foto von Matthias Maurer.

Matthias Maurer

Foto: ESA

Matthias Maurer: Über ein Jahr hinweg wurde in einem sechsstufigen Verfahren die Zahl der Bewerber von 8.500 auf zehn heruntergeschraubt. Nach einer Online-Bewerbung fand in Hamburg ein Assessment-Center statt. Meine Kenntnisse in Englisch, Physik, Mathematik und technischer Mechanik wurden ebenso geprüft wie meine Fähigkeit zum Multitasking, mein Hör- und Sehvermögen und meine räumliche Vorstellung. Sehr wichtig ist zudem, unter Stress gut belastbar und psychisch stabil zu sein. Im nächsten Schritt lösten wir verschiedene Aufgaben in Sechserteams und wurden dabei beobachtet. Dann im medizinischen Test hat man uns im wahrsten Sinne auf Herz und Nieren geprüft. Und zum Schluss fanden Gespräche mit Managern, Astronauten, Personalverantwortlichen, Psychologen und mit dem Chef der ESA statt.
Ich schaffte es unter die letzten Zehn. Doch damals gab es nur sechs Plätze für die nächsten Missionen zur International Space Station (ISS) – ich kam auf die Warteliste.

abi>> Wie sind Sie damit umgegangen, so kurz vor dem Ziel nicht zum Zuge zu kommen?

Matthias Maurer: Das war natürlich erst mal eine große Enttäuschung. Aber wer ins Weltall möchte, muss am Ball bleiben. Ich habe deshalb gerne das Angebot der ESA angenommen, im Bodenkontrollzentrum zu arbeiten. Zwei Jahre lang war ich als europäischer Kommunikator tätig und als solcher die einzige Person, die in direktem Kontakt mit den ISS-Astronauten stand. Ich beobachtete sie vom Boden aus und unterstützte sie etwa bei wissenschaftlichen Experimenten oder wenn es ein Problem zu lösen galt.
Anschließend wechselte ich ins Management des ESA-Astronautenzentrums in Köln. Dort sollte ich dessen Weiterentwicklung vorantreiben, weg von der reinen Fokussierung auf die ISS. Diese fliegt im erdnahen Orbit, doch mittlerweile orientiert man sich für bemannte Missionen wieder tiefer in den Weltraum hinein. Wir bereiten das Astronautenzentrum daher für die Raumfahrt zum Mond vor. Außerdem arbeite ich intensiv an einer neuen Kooperation mit der chinesischen Raumfahrtbehörde. Seit 2012 lerne ich deshalb Chinesisch.

abi>> Dann war es aber doch soweit: Sie wurden 2015 zum Astronauten berufen. Wie läuft ihre Ausbildung ab?

Matthias Maurer: Nachdem ich nochmals die medizinischen Tests und Gespräche durchlaufen hatte, begann meine dreijährige Grundausbildung. Zum einen geht es um das Anhäufen von jeder Menge Wissen: Was ist die ESA? Welche Ziele verfolgt eine Raumfahrtmission? Wie funktioniert die Technik, wie bediene und repariere ich sie? Zum anderen erfolgt das praktische Training. Nirgendwo auf der Erde lassen sich alle Bedingungen im Weltall gleichzeitig simulieren, deshalb wird das Training in verschiedene Bausteine gesplittet: Im Astronautenzentrum Köln übten wir in einem zehn Meter tiefen Schwimmbecken an einer 1:1-Nachbildung des Columbus-Moduls der ISS, wie man im Raumanzug außen an der Raumstation Reparaturen ausführt. In Schweden absolvierten wir ein Überlebenstraining: Zwei Kollegen und ich mussten zwei Tage lang bei minus neun Grad ohne Zelt, ohne Schlafsack und ohne Essen klarkommen – das war hart. Im Rahmen der 21. NEEMO-Mission lebten wir zudem 16 Tage lang im Unterwasserlabor Aquarius, das in 20 Metern Tiefe zehn Kilometer vor der Küste Floridas liegt, und absolvierten täglich mehrstündige Außeneinsätze. Und bei einem Parabelflug erlebte ich 31 Mal für je 22 Sekunden Schwerelosigkeit und musste dabei praktische Aufgaben lösen.
Diese Trainings sind sehr spannend, aber auch extrem anstrengend. Doch sie sind existenziell, um später im Weltraum alle lebenswichtigen Handgriffe und Kenntnisse aus dem Effeff heraus abrufen zu können.
abi>> Und wann fliegen Sie tatsächlich ins All?
Matthias Maurer: Im Grunde warte ich nur noch auf den Anruf. Ich freue mich wahnsinnig auf den Flug – noch mehr, weil bald fünf Flugmöglichkeiten bestehen: In den vergangenen Jahren gab es für ESA-Astronauten nur einen Weg nach oben, nämlich mit der russischen Sojus-Rakete zur ISS. 2019/20 wird die US-amerikanische NASA zwei neue Raketen beziehungsweise Kapseln in den erdnahen Orbit schicken – zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit Privatunternehmen, in diesem Fall Space-X und Boeing. 2023 soll voraussichtlich erstmals ein europäischer Raumfahrer auf die chinesische Raumstation reisen, wofür man zwei bis drei Jahre in China ausgebildet werden würde. Zudem plant die NASA, die sogenannte Orion-Kapsel in den Orbit des Mondes zu bringen. Ich habe das große Glück, für all diese hochspannenden Missionen infrage zu kommen.

abi>> Inwiefern Glück? Sie arbeiten ja seit Jahren sehr hart an Ihrer Ausbildung zum Astronauten.

Matthias Maurer: Das schon, doch man kann sich nicht einfach nur vornehmen, Astronaut zu werden. Unter den 8.500 Bewerbern damals waren sicher mehrere Hundert, die genauso geeignet gewesen wären wie ich – man muss auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und eine Portion Glück haben.
Doch ich möchte allen Abiturienten, die Interesse an der Forschung im Weltall haben, Folgendes ans Herz legen: Wir brauchen nicht nur Astronauten, sondern insbesondere engagierte, exzellente Ingenieure und Naturwissenschaftler. Denn der Großteil der Arbeit für jede dieser Missionen wird auf der Erde geleistet. Diese Nachwuchswissenschaftler können helfen, die Raumfahrt der Zukunft mitzugestalten!

abi>> Was fasziniert Sie persönlich an der Weltraumforschung?

Matthias Maurer: Seit es Menschen gibt, blicken sie zu den Sternen und fragen sich: Was ist da draußen? Wie ist alles entstanden? Ich finde es faszinierend, wie viele Informationen wir aus der Distanz ermitteln können. Gleichzeitig braucht es aber bemannte und unbemannte Raumfahrtmissionen. Zum Beispiel möchten wir anhand von Proben anderer Planeten herausfinden, wie sich unser Sonnensystem gebildet hat und wie auf Planeten Bedingungen entstehen, die Leben ermöglichen. Dadurch könnten wir gezielter nach ebensolchen Bedingungen im Weltall suchen – und so womöglich andere Lebensformen finden.

Info

Matthias Maurer (48) stammt aus St. Wendel im Saarland. Nach dem Abitur studierte er Werkstoff- und Materialwissenschaften an der Universität des Saarlandes sowie an Hochschulen in Leeds (England), Barcelona (Spanien) und Nancy (Frankreich). Nach einer halbjährigen Auszeit in Indien und Nepal promovierte er an der RWTH Aachen im Bereich Leichtbauwerkstoffe. Anschließend reiste er für ein Jahr mit seiner Frau um die Welt. Von 2006 bis 2010 arbeitete Matthias Maurer als Projektingenieur in einem medizintechnischen Unternehmen.
Bereits 2008 bewarb er sich für das Astronautenprogramm der European Space Agency (ESA) und wechselte 2010 als Projektingenieur zur ESA. Seit Juli 2015 ist er Mitglied des Europäischen Astronautenkorps in Köln.

abi>> 28.05.2018