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„Die Medien könnten ihre Vorbildfunktion stärker nutzen“

Ärztin berät einen Patienten.
Arztserien sind bei Zuschauern beliebt - aber die Einschaltquoten sind nicht der einzige Grund, warum immer wieder die gleichen Berufe im Fernsehen auftauchen.
Foto: Nicole Schwab

Berufsbilder im Fernsehen und in Wirklichkeit: Interview

„Die Medien könnten ihre Vorbildfunktion stärker nutzen“

Aycha Riffi, Medienwissenschaftlerin und Leiterin der Grimme-Akademie, spricht im Interview mit abi» darüber, warum Berufsdarstellungen im Fernsehen häufig von der Realität abweichen.

abi>> Frau Riffi, sehen die Zuschauer so gerne Ärzten bei der Arbeit zu oder trauen sich die Sender nur nicht, andere Berufe darzustellen?

Aycha Riffi: Arzt- und Krankenhausserien waren schon immer sehr erfolgreich, weil sich hier Geschichten mit großer Fallhöhe erzählen lassen – es geht um Leben und Tod. Aber die Einschaltquoten sind nicht der einzige Grund, warum immer wieder die gleichen Berufe im Fernsehen auftauchen. Im Idealfall muss der Zuschauer sofort etwas mit der Berufsbezeichnung verbinden können. Bei Arzt oder Anwalt ist das der Fall. Aber wenn es heißt, sie arbeitet als Medienwissenschaftlerin, da fragt sich jeder: Was kann ich mir darunter vorstellen? Eine Kneipe oder eine Arztpraxis erkennt jeder auf den ersten Blick. Es ist nicht verwunderlich, dass der einfachste Weg gewählt wird, denn der Schwerpunkt der Geschichten liegt ja meist nicht auf dem Beruf, sondern woanders.

abi>> Was stört Sie an der Darstellung?

Aycha Riffi: Dass häufig Stereotypen dargestellt werden, die gängige Klischees bedienen. Nehmen wir als Beispiel Krimi-Serien, die in Deutschland sehr beliebt sind: Während Polizisten, Staatanwälte oder Gerichtsmediziner in der Regel recht gut erzählte Berufe sind, werden die Berufe der Nebenfiguren eher vernachlässigt. Da gibt es dann den von den Ermittlern verdächtigten Architekten, der ein modernes Haus mit kalter Atmosphäre bewohnt. Auf den ersten Blick soll erkennbar sein: Der ist reich. Soll ein ärmeres Milieu dargestellt werden, arbeitet die Mutter beispielsweise als Kassiererin im Supermarkt. Da muss nicht viel erzählt werden, da hat jeder gleich eine Assoziation im Kopf.

abi>> Was wäre Ihr Wunsch an die Sender?

Aycha Riffi: Warum kann es nicht mal eine Serie geben, in der ein Busfahrer die Hauptrolle spielt? Es gibt so viele Berufe, die es lohnen würde, darzustellen. Dafür braucht es aber Autoren und Redaktionen, die sich auf Experimente einlassen. Oder man könnte klassische Berufe entgegen dem Klischee darstellen, also zum Beispiel mehr Frauen in technischen Berufen zeigen. Es gibt sehr viel mehr Möglichkeiten, Berufe darzustellen, als das aktuell im deutschen Fernsehen der Fall ist.

abi>> Mittlerweile finden sich insbesondere im Nachmittagsprogramm der privaten Sender viele Scripted-Reality-Formate. Wie beurteilen Sie diese Sendungen im Hinblick auf die Darstellung von Berufen?

Aycha Riffi: Scripted Reality lebt davon, dass die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion permanent verwischt wird. Das Problem: Viele Zuschauer können das nicht unterscheiden und verstehen nicht, dass es sich um Fiktion handelt. Das betrifft nicht nur Jugendliche.

abi>> Halten Sie es grundsätzlich für kritisch, wenn man sich bei der Berufswahl an TV-Serien oder Filmen orientiert?

Aycha Riffi: Nein, aber ich bin der Meinung, die Medien könnten ihre Vorbildfunktion stärker nutzen. Für mich haben fiktionale Stoffe eine Qualität, wenn sie das darstellen, was auch der Wirklichkeit entspricht. In Serien und Filmen geht es für mich darum, unsere Gesellschaft möglichst repräsentativ wiederzugeben – dazu gehören unterschiedliche Berufe genauso wie Menschen mit Behinderung, die äußerst selten in solchen Formaten auftauchen. Es ist Aufgabe der Sender, insbesondere der öffentlich-rechtlichen, eine gewisse Vielfalt und nicht ausschließlich Stereotypen darzustellen.

abi>> 13.03.2017