Den eigenen Weg finden

Ein junger Mann steht an einer Weggabelung und kann sich noch nicht für eine Richtung entscheiden.
Den Fußstapfen der Eltern folgen oder etwas ganz anderes machen? Egal, wie du dich entscheidest, wichtig ist, dass du deinen eigenen Weg gehst.
Foto: Julien Fertl

In die Fußstapfen meiner Eltern

Den eigenen Weg finden

Wenn die Eltern Erfolg im Beruf haben, zufrieden sind und ein gutes Einkommen erzielen, wollen Abiturienten oft denselben Beruf ergreifen. Damit sich diese Entscheidung auch im Nachhinein als richtig erweist, ist es sinnvoll, sich im Vorfeld aus den Fußstapfen zu lösen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Ergreift man den Beruf der Eltern, ist es von Vorteil, dass einen der Beruf schon immer begleitet hat“, erklärt Petra Cämmerer, Berufsberaterin für Abiturienten und Hochschüler der Agentur für Arbeit in Berlin-Neukölln. „Man hat beim Abendessen davon gehört und hat eine Ahnung, wo die Belastungen liegen und was Freude macht. Dadurch weiß man, worauf man sich einlässt und kann die Netzwerke der Eltern nutzen.“
Aber nicht nur der Beruf selbst ist es, der Abiturienten dazu bewegt, dasselbe zu machen wie die Eltern: „Häufig ist es ein Gesamtpaket aus der beruflichen Tätigkeit und den Begleitumständen wie Ansehen, die eigene Zufriedenheit oder eine gute finanzielle Basis“, weiß die Expertin.

Sich aus den richtigen Gründen entscheiden

Ein Porträt-Foto von Petra Cämmerer

Petra Cämmerer

Foto: privat

Leider passt der Beruf der Eltern doch nicht immer so gut zu jedem wie erwartet. Deshalb rät Petra Cämmerer Abiturienten, ihre Vorstellung im Vorfeld kritisch zu hinterfragen: „Mein Tipp ist, sich unabhängig von den Eltern mit den Inhalten des Berufs zu befassen und zum Beispiel woanders ein Praktikum zu machen. Denn es sei wichtig, die Entscheidung aufgrund eigener Erfahrungen treffen zu können.

„Manchmal ist es auch der bequemere Weg, den Beruf der Eltern zu ergreifen. Man muss sich mit der eigenen Berufswahl nicht auseinandersetzen und hat eine schnelle Lösung“, berichtet Petra Cämmerer. „Wenn ich mit Abiturienten arbeite, dann erlebe ich aber nicht selten, dass sie abspringen und sich für einen anderen Beruf entscheiden.“

Es gibt Abiturienten, die den Pfaden der Eltern folgen und sehr reflektiert im Umgang mit ihrer Berufswahl umgehen: „Manche haben sich zum Beispiel schon über Zustände im Krankenhaus informiert und sie wissen auch, dass sie wirklich helfen wollen.“

In jedem Fall: Freischwimmen

Petra Cämmerers Erfahrung nach drängen Eltern ihre Kinder selten, denselben Beruf zu ergreifen wie sie: „Ich habe eher erlebt, dass Eltern auch negative Seiten aufzeigen und ein realistisches Bild von dem Beruf geben wollen“, erzählt sie. „Aber wenn die Kinder tatsächlich das machen wollen, was sie selbst machen, erfüllt sie das mit Stolz. Dann stehen sie ihnen mit Rat und Tat zur Seite und ermuntern sie trotzdem, ihren eigenen Weg zu gehen.“

Oft ist es am Ende nicht der Beruf an sich, der den jungen Berufstätigen Probleme bereitet, sondern der Erfolg der Eltern, an dem sie gemessen werden oder an dem sie sich selbst messen: „Wenn jemand ständig das Gefühl hat, im Schatten der Eltern zu stehen und nicht an deren Erfolg heranzukommen, ist das schwierig.“ In diesem Fall sollten die Berufsanfänger beachten, dass auch ihre Eltern einmal klein angefangen haben: „Zu Beginn einer beruflichen Karriere kann man gar nicht so erfolgreich sein wie die Eltern, die den Beruf seit 30 oder 40 Jahren ausüben. Da muss man sich freischwimmen“, betont Petra Cämmerer.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

JÖBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

 

In die Fußstapfen meiner Eltern – Erfahrungsbericht

Auf elterlicher Erfahrung aufbauen

Fast hätten die Erfahrungen ihrer Eltern mit der Selbständigkeit Alexa Bartsch (26) davon abgehalten, wie diese Architektin zu werden. Aber jetzt ist sie glücklich über ihre Entscheidung, Architektur zu studieren.

„Nach dem Abitur wusste ich gar nicht, was ich machen wollte“, erzählt Alexa Bartsch. „Meine Eltern haben gesagt, ich soll mir damit Zeit lassen.“ Das hat die heute 26-Jährige auch gemacht und nach dem Abitur gejobbt, Studienratgeber gelesen und ein Schnupperstudium gemacht. „Dieses eine Jahr war für mich superwichtig“, erzählt sie. „Ich wollte nicht einfach das machen, was meine Eltern gemacht haben, sondern etwas Eigenes finden.“

Da Alexa Bartsch im Abitur Biologie als Leistungskurs hatte, probierte sie sich innerhalb eines Schnupperstudiums an der Universität in Freiburg in diesem Fach aus. Dabei stellte sie jedoch fest, dass die Studienschwerpunkte Physik und Chemie sie nicht glücklich machen würden.

Darauf entschied sie sich, ein Praktikum bei einem Bauunternehmen zu machen, um einschätzen zu können, ob Architektur etwas für sie wäre. Ihr Vater hat ihr einen Kontakt nach Potsdam vermittelt, wo sie drei Monate auf der Baustelle des Potsdamer Stadtschlosses arbeiten konnte. Das Praktikum gab den Ausschlag: Die junge Frau war begeistert und entschied sich doch für das Architekturstudium.

Selbständigkeit: Freiheit und Risiko zugleich

Ein Porträt-Foto von Alexa Bartsch

Alexa Bartsch

Foto: Thomas Bögel

Alexa Bartsch’ Eltern haben ein Architekturbüro in Aachen, das auf Ausschreibungen und Bauausführungen für größere Projekte spezialisiert ist. Sie haben sich nach finanziell schwierigen Anfangszeiten der Selbständigkeit auf diese Phasen des architektonischen Bauprozesses konzentriert. Die 26-Jährige kann sich noch gut an harte Zeiten erinnern, die für ihre Eltern mit vielen Überstunden und vergleichsweise geringem Verdienst verbunden waren: „Meine Schwester sagt heute noch, dass sie sich deshalb nicht getraut hat, Architektur zu studieren“, erzählt sie.

Aber auch die andere Seite der Selbstständigkeit, die relative Freiheit, hat Alexa Bartsch durch ihre Eltern kennen gelernt: „Ich merke, dass es mich weniger stresst, für mich zu arbeiten und mir meine Arbeit selbst einzuteilen.“

Im Studium zeigt sich, wie sehr sie sich die Welt der Architektur in der Kindheit unbewusst einverleibt hat: „Ich habe festgestellt, dass ich bereits wusste, wie ein Grundriss aussieht oder wie dort Türen eingezeichnet werden. Bei meinen Eltern lagen ja immer Pläne herum. Viele meiner Kommilitonen mussten sich das hingegen erst aneignen.“ Auf Baustellen geht sie mit ihren Eltern allerdings erst seit sie studiert. Dann heißt es: „Ich habe gerade eine superinteressante Baustelle, die ich dir zeigen kann.“

Bis nachts im Studio

Da sie selbst Architektur studiert haben, können sich die Eltern von Alexa Bartsch gut in sie hineinversetzen und ihr auch den einen oder anderen Ratschlag geben: „Architektur ist eine Branche, in der man oft Deadlines einhalten muss und dementsprechend auch viele Überstunden macht. Schon an der Uni arbeiten wir bis in die Nacht an Plänen – das ist manchmal ziemlich stressig. Weil meine Mutter das auch kennt, sagt sie dann zu mir, ich solle darauf achten, einen guten Ausgleich zu finden.“

Für ihr Architekturstudium musste Alexa Bartsch ein Praktikum vorweisen, das sie in einem Berliner Architekturbüro absolvierte. Dort bot man ihr im Anschluss eine Teilzeitstelle an, der sie seitdem nachgeht. Unter anderem dadurch ist ihr bewusst geworden, dass Architekten im Alltag viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. „Eigentlich ist es ein Bürojob“, sagt sie. „In späteren Phasen des Projektes ist man aber durchaus auch auf der Baustelle.“ Es macht ihr Spaß, ein Projekt von der Entwurfsphase bis hin zur Fertigstellung zu gestalten.

Noch etwas Zeit für den nächsten Sprung

Die 26-Jährige ist froh, dass sie noch ein Jahr Zeit hat, bis
sie ihr Studium abschließt. „Ich weiß noch nicht, welche Nische mich besonders reizt“, sagt sie. Sie könnte sich auch vorstellen, irgendwann im Büro der Eltern zu arbeiten und dort einen kreativen Teil der Architektur aufzubauen. „Wenn ich ihr Büro übernehmen würde, fänden sie das bestimmt toll. Aber sie erwarten es nicht von mir.“

Alexa Bartsch weiß: „Ich habe großes Glück mit meinen
Eltern und hatte nie das Gefühl, dass sie wollten, dass ich das Gleiche mache wie sie. Sie wollten vielmehr, dass ich das mache, was mir am meisten Spaß macht.“


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Stand: 22.09.2019