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Träume wahr machen

Ein Zettel mit der Aufschrift "Hörsaal" und einem Pfeil, der auf eine offene Tür zeigt.
Talentförderung und Mentoring-Programme können Jugendlichen den Weg ins Studium ebnen.
Foto: Martin Rehm

Mentoring/Talentförderung – Hintergrund

Träume wahr machen

Talentförderung und Talentscouting-Programme unterstützen engagierte Schülerinnen und Schüler, für die es aufgrund fehlender akademischer Vorbilder oder nicht vorhandener finanzieller Möglichkeiten nicht selbstverständlich ist, zu studieren. Sie machen den steinigen Weg oft überhaupt erst begehbar.

Früher hätte Rebecca Kokemoor (20) im Traum nicht gedacht, dass sie einmal studieren würde. Sie ging auf eine Realschule, hatte eher mittelmäßige Noten – und ihre Eltern hatten schließlich auch keine Universität besucht.

Nach dem Schulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Friseurin. „Ich merkte aber schnell, dass ich in dem Beruf auf keinen Fall 40 Jahre lang arbeiten wollte, und habe die Ausbildung nur aus Pflichtgefühl abgeschlossen“, erzählt sie. „Schon da wusste ich allerdings: Ich will etwas anderes machen – etwas, das mich auch geistig mehr fordert.“

Eine Berufsschullehrerin stellte sie dem Talentscout Cahit Bakir von der Westfälischen Hochschule vor, der sich am NRW-Zentrum für Talentförderung engagiert. Die Talentscouts von insgesamt 17 Hochschulen in Nordrhein-Westfalen treffen dabei die Jugendlichen vor Ort in den Schulen und Berufsschulen. „Er ermutigte mich, über meine Zukunft nachzudenken und mit anderen Lehrern über meine Potenziale zu sprechen“, erinnert sich Rebecca Kokemoor. Nach einem Praktikum in einem Kindergarten war ihr klar, dass sie gern im sozialen Bereich arbeiten wollte. „Mein Talentscout sagte, ich könnte direkt im Anschluss an die duale Berufsausbildung in einem Jahr die Fachhochschulreife machen und Soziale Arbeit studieren. Das hat mich unglaublich gereizt.“

Immer das Ziel vor Augen

Ein Porträtfoto von Rebecca Kokemoor

Rebecca Kokemoor

Foto: privat

Regelmäßige Treffen mit dem Talentscout bereiteten die junge Frau aus Herne darauf vor, das große Wagnis anzugehen. „Plötzlich platzte ein Knoten und ich habe bei der Fachhochschulreife einfach alles gegeben. Ich wusste ja jetzt genau, was ich wollte.“ So ging die ehemals schlechte Schülerin sogar als eine der Besten ihres Jahrgangs hervor und wurde für ein Stipendienprogramm vorgeschlagen. Doch nicht nur das: Die 20-Jährige bekam einen Studienplatz an der Evangelischen Hochschule in Bochum in ihrem Wunschfach Soziale Arbeit. Diesen Weg konnte sie ihrer Meinung nach nur beschreiten, weil sie die nötige Förderung erhielt.

Ihre Mutter, bei der sie lebt, war mit der Hochschullandschaft ebenso wenig vertraut wie Rebecca Kokemoor. „Aber sie war bei den Treffen mit dem Talentscout dabei und hat mir immer die Daumen gedrückt, dass sich meine Träume erfüllen.“

Bildungsgerechtigkeit noch nicht erreicht

Eine so positive Entwicklung wie im Fall von Rebecca Kokemoor sei jedoch nicht die Regel, betont Katja Urbatsch, Gründerin der Berliner Organisation ArbeiterKind.de, die Studierende der ersten Generation coacht und berät. „Gerade in Familien, in denen bisher niemand studiert hat, werden oft Gründe gegen ein Studium genannt“, erläutert sie. „Viele Eltern sind verständlicherweise verunsichert angesichts dieser ihnen unbekannten, akademischen Welt und versuchen daher, ihren Kindern den vermeintlich sicheren Weg der Ausbildung nahezulegen.“

Generell ist die Bildungslaufbahn in Deutschland immer noch eng mit dem Elternhaus verknüpft. Das belegen beispielsweise die Zahlen der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks: So nehmen von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien nur 23 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur erreichen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen immerhin 77.

Förderung trägt Früchte

Und wie funktioniert Talentförderung? Vor allem durch Präsenz und Information. Um Jugendlichen aus weniger privilegierten Familien ohne akademische Tradition mit oder ohne Migrationshintergrund Wege zu einem Studium aufzuzeigen, gehen Organisationen wie ArbeiterKind.de an Schulen. Dort sensibilisieren sie das Lehrpersonal für das Thema Bildungsaufstieg und gehen auf die Schüler zu. Mit Erfolg, wie Katja Urbatsch betont: „Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zur Arbeit und Wirkung von ArbeiterKind.de hat 2016 gezeigt, dass deutlich mehr Studienberechtige aus nicht-akademischen Familien nach der Teilnahme an einer Informationsveranstaltung ihren Studienwunsch beibehalten und auch in die Tat umsetzen.“ Die Organisation verfügt über ein bundesweites Netzwerk aus 6.000 Ehrenamtlichen und 75 Lokalgruppen. Viele der Mentoren vor Ort haben selbst einen ähnlichen Hintergrund wie diejenigen, die sie beraten.

Das NRW-Talentscouting mit mittlerweile 17 Partnerhochschulen und 60 Talentscouts arbeitet mit Lehrern zusammen und spürt motivierte junge Menschen in den kooperierenden Schulen in ganz NRW auf. Die Talentscouts entwickeln gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Visionen für ihre Zukunft, zeigen ihnen ihre Potenziale auf, unterstützen und begleiten sie von der Oberstufe bis zu einem Studium oder einer Ausbildung, bei Bedarf bis zum Eintritt ins Berufsleben (siehe auch „Wir bieten Orientierung und Begleitung“). Fast 300 Schulen in NRW beteiligen sich bereits am Talentscouting. Individuelle Förderung als ein Baustein auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit? Rebecca Kokemoors Geschichte zeigt, wie es funktionieren kann. „Ohne meinen Talentscout wäre ich heute nicht, wo ich bin“, sagt sie.

abi>> 17.11.2017