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„Sich andere Konstellationen trauen“

Frau vergleicht ihre Handgröße mit der eines Kindergartenkindes.
Organisationstalent ist das A und O, wenn man Beruf und Familie vereinbaren will.
Foto: Axel Jusseit

Steckbriefe

„Sich andere Konstellationen trauen“

Gute Arbeitsleistungen bringen, für die Familie da sein: ein Spagat, den Beschäftigte mit Kindern an jedem Arbeitstag schaffen müssen. Wie es gelingt, eine anspruchsvolle Tätigkeit und Familienzeit unter einen Hut zu bekommen, berichten eine Professorin, ein Erzieher und eine Geschäftsführerin.

Katharina Zweig (40)

Professorin für Graphentheorie und Analyse komplexer Netzwerke an der Technischen Universität Kaiserslautern, Mutter von zwei Kindern (2 und 7 Jahre)

Ein Porträt-Foto von Prof. Katharina Zweig

Prof. Katharina Zweig

Foto: Tobias Schwerdt

Ich arbeite als: Data Scientist. Das ist ein neuer Beruf, bei dem man versucht, in den großen Mengen digitaler Daten nach Mustern zu suchen und diese mit Bedeutung zu füllen. Ich habe zum Beispiel an einem Algorithmus gearbeitet, der Produktempfehlungen ausrechnet. Den gleichen Algorithmus haben wir aber auch zur Identifikation aktiver Biomoleküle verwendet, die eine tödliche Brustkrebsvariante stoppen können. Hier an der Hochschule koordiniere ich den Studiengang Sozioinformatik, der sich mit der Auswirkung von IT-Systemen auf die Gesellschaft, Organisationen und auf das Individuum beschäftigt.

Mein Werdegang: Ich habe eigentlich Biochemie studiert, da ich gerne verstehen wollte, wie der Mensch funktioniert. Nebenbei kamen nach und nach Informatik-Seminare dazu, weil ich dachte, ein bisschen Informatik schadet nie. Als ich dann die theoretische Informatik kennenlernte, wusste ich, das möchte ich auch machen. Schließlich ist ein Doppelstudium daraus geworden.

Für meinen Beruf habe ich mich entschieden, weil: ich mich gerne mit der Entwicklung von Algorithmen und verschiedenen Klassen von mathematischen Systemen und Strukturen beschäftige. Aber ohne Anwendungsbezug wäre das ja ein bisschen schade. Es macht doch viel mehr Spaß, wenn man weiß, wie der Mensch und wie soziales Miteinander funktioniert.

So bringe ich Familie und Beruf unter einen Hut: indem ich den besten Mann der Welt geheiratet habe! Man muss einfach mutig sein und sich andere familiäre Konstellationen trauen. Mein Mann ist mit beiden Kindern anfangs in Vollzeit zu Hause geblieben und ich habe Karriere gemacht. Das war nicht ganz einfach, weil unser Lebenskonzept von anderen immer wieder in Frage gestellt wird. Aber wer es nicht ausprobiert, wird nicht wissen, ob es gangbar ist. Für uns funktioniert es sehr gut, mein Mann ist jetzt wieder auf einer 50-Prozent-Stelle und wird dann langsam mehr einsteigen. Also alles ganz klassisch, nur dass bei uns die Geschlechterrollen vertauscht scheinen. Glücklicherweise gibt es im akademischen Umfeld sehr viel Unterstützung für Familien, zum Beispiel Geld für einen Babysitter, den man mit auf eine Konferenz nehmen kann.

Florian Skrebat (35)

Erzieher in einer Berliner Kindertagesstätte, Vater einer Patchwork-Familie mit vier Kindern (2, 7, 10 und 12 Jahre)

Ein Porträt-Foto von Florian Skrebat

Florian Skrebat

Foto: privat

Ich arbeite als: Erzieher in einer öffentlichen Kindertageseinrichtung. Mit meinen fünf Kolleginnen und Kollegen – wir sind zwei Männer – betreue ich eine Gruppe von 49 Kindern, die zwischen zweieinhalb und sechs Jahre alt sind, manche davon mit besonderem Förderbedarf. Im ganzen Haus sind es insgesamt 140 Kinder und 24 Erzieher.

Mein Werdegang: Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation gemacht. Danach gleich Zivildienst, den es damals ja noch gab. In diesen zehn Monaten war ich in einer Freizeiteinrichtung für geistig beeinträchtige Menschen tätig. Weil mich diese Arbeit so motiviert hat, entschied ich mich für eine zweite Ausbildung zum Erzieher. Dass ich heute mit Kindern arbeite, liegt vor allem an meinem ersten Praktikum während der Ausbildung, bei dem ich drei Monate in einer Kinderkrippe war. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich in Richtung Kita orientiert habe.

Für meinen Beruf habe ich mich entschieden, weil: mir Büroarbeit zu langweilig war und ich merkte, die Arbeit mit Menschen macht mich viel zufriedener. Als Erzieher arbeite ich nun seit mehr als sieben Jahren. Jeder Tag mit den Kindern ist anders, man weiß nie, was einen erwartet und wie sie drauf sind. Die Kinder haben einen ganz anderen Blick auf die Welt, da einzutauchen ist einfach schön.

So bringe ich Familie und Beruf unter einen Hut: Wir sind eine Patchwork-Familie mit vier Kindern, drei gehen schon zur Schule und sind sehr selbstständig. Meine Frau und ich arbeiten beide in Vollzeit. Da meine Frau einen kurzen Arbeitsweg und flexiblere Arbeitszeiten hat, bringt sie morgens meistens die Kinder weg und holt sie nachmittags auch wieder ab. Wenn es mein Dienstplan zulässt, übernehme ich das. Es ist ein großes Glück für uns, dass wir auch die Großeltern haben, mit denen wir seit fünf Jahren in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand wohnen. Sie stehen uns zur Seite und springen immer dann ein, wenn wir mal nicht können. Ohne Großeltern wäre ich nach unserem Umzug auch in eine Kita gewechselt, die näher an unserem Wohnort ist. Als Erzieher hat man meiner Erfahrung nach gute Chancen und Männer werden in Kitas sehr gerne gesehen.

Sarah Maier (39)

Geschäftsführerin der Sarah Maier Handgewerke GmbH in Stuttgart, Mutter von drei Kindern (4, 6, und 11 Jahre)

Ein Porträt-Foto von Sarah Maier

Sarah Maier

Foto: Deniz Saylan

Ich arbeite als: Vollblutunternehmerin und führe eine Familienfirma, die über 100 Jahre alt ist. Meine 25 Mitarbeiter und ich planen Inneneinrichtungen, fertigen Möbelstücke und setzen alles beim Kunden vor Ort um. Als Kopf der Firma mache ich die meisten Entwürfe bei uns. Als Geschäftsführerin bin ich auch noch für Zahlen, Budgets und Probleme verantwortlich und regle Ausnahmesituationen.

Mein Werdegang: Ich habe seit meiner Kindheit Leistungssport gemacht, war später Mitglied in der Nationalmannschaft für Synchronschwimmen und vielfache Deutsche Meisterin. Zeitgleich studierte ich Wirtschaftswissenschaften. Als ich mit dem Sport aufhörte, bin ich auf ein MBA-Studium umgestiegen und war dafür zwei Jahre in Singapur. Mit 24 ging ich für ein Architekturstudium nach Berlin, weil ich unbedingt auch etwas Kreatives machen wollte. Mit Ende 20 übernahm ich dann quasi über Nacht die Geschäftsführung unserer Firma, da wir in eine brenzlige Situation geraten waren. Erst im vergangenen Jahr allerdings habe ich das Unternehmen auch nach mir benannt, davor trug es den Namen meiner Mutter.

Für meinen Beruf habe ich mich entschieden, weil: es keinen anderen Nachfolger gab. Ich bin die vierte Familiengeneration, davor wurde die Firma von meinem Urgroßvater, meinem Großvater und meiner Mutter geführt. Die Firma war nun mal da, und ich fühlte mich verantwortlich. Denn die Dinge, die wir machen, brauchen die persönliche Handschrift eines Inhabers.

So bringe ich Familie und Beruf unter einen Hut: Organisation ist alles, in den Tag hineinleben geht nicht. Ich lebe ohne die beiden Väter meiner drei Jungs und habe jedes Jahr eine neue Au-pair. Sie bringt die Jungs morgens in Kindergarten und Schule und holt sie wieder ab. Außerdem hilft mir mein soziales Netzwerk, und es sind auch alle Großeltern hier in der Stadt, die will ich aber nicht ständig einspannen. Deshalb muss immer jemand zu Hause sein, zum Beispiel wenn die Kinder krank sind. Und das Schöne an der Selbstständigkeit ist ja: ich habe keine festen Arbeitszeiten und bin niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich zwei Stunden Auszeit brauche, weil ich dringend mit meinem großen Sohn Latein lernen will, dann nehme ich mir die auch. Erst lernen musste ich, auf mich zu achten. Nur so kann ich dauerhaft für meine Kinder sorgen und für die Firma da sein.

 

abi>> 02.03.2017