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Klischeefreie Studien- und Berufswahl

Eine junge Frau abeitet an einer Fräsmaschine.
Es ist ein Mythos, dass Frauen angeblich weniger technisches Verständnis mitbringen.
Foto: Armin Weigel

Einführung

Klischeefreie Studien- und Berufswahl

Sind Frauen besser für pflegerisch-fürsorgliche und Männer besser für technische Berufe geeignet? So denken noch immer viele Menschen! Da ist es kein Wunder, dass unter den Kfz-Mechatronikern 2016 nur weniger als drei Prozent Mädchen und Frauen waren. Umgekehrt waren 2016 nur 17 Prozent der Fachkräfte in Pflegeberufen, bei Rettungsdiensten und im Bereich der Geburtshilfe männlich.

Sind Frauen denn wirklich besser für pflegerische Tätigkeiten geeignet als Männer? Und ist das technisch-mathematische Verständnis von Männern tatsächlich stärker ausgeprägt als bei Frauen? Gibt es typisch weibliche und typisch männliche Eigenschaften? Julian Anslinger, Sozialpsychologe im Bereich Angewandte Sozialpsychologie und Geschlechterforschung an der Universität Bielefeld, beantwortet diese Fragen mit einem klaren ‚Nein’: „Meta-Analysen, also Untersuchungen, in denen die Ergebnisse vieler Studien miteinander verglichen werden, zeigen zwar, dass Frauen im Durchschnitt etwas höhere Kompetenzen im Umgang mit Sprache zeigen und Männer etwas bessere Ergebnisse im Umgang mit Zahlen erreichen. Allerdings sind diese Unterschiede so verschwindend gering, dass sie die unterschiedliche Berufswahl nicht erklären können. Tatsächlich ist die Verschiedenheit innerhalb eines Geschlechts um ein Vielfaches größer als jene zwischen Männern und Frauen“, erklärt der Sozialpsychologe.

Woher kommen aber die dennoch vorhandenen Unterschiede zwischen Frauen und Männern? Sie sind in erster Linie kulturell bedingt, sagt Julian Anslinger. „Das Geschlecht ist ein wichtiges Identitätskonzept in unserer Gesellschaft. Ein Kind ist nicht einfach ein Kind, sondern wird in erster Linie meist als Junge oder Mädchen behandelt.“

Blau = Junge = Technik?

Ein Porträt-Foto von Julian Anslinger

Julian Anslinger

Foto: Anne Aselmann

Ein sozialpsychologisches Experiment aus der Reihe der „Baby X-Studies“, bei dem einer Gruppe von Kleinkindern unabhängig von ihrem Geschlecht rosa- und blaufarbene Strampler angezogen wurden, zeigt, wie sehr die Geschlechtszugehörigkeit das Verhalten von Erwachsenen im Umgang mit Kindern beeinflusst. Erwachsene, die die Kinder zum Spielen anleiten sollten, wählten in der Regel Spielzeugautos für blau und Puppenspielzeug für rosa gekleidete Kinder, deren Geschlecht sie aber nicht kannten. „Interessant ist dabei, dass die Probandinnen und Probanden zurückmeldeten, die Kinder hätten das jeweilige Spielzeug selbst gewählt“, erklärt der Wissenschaftler. „Die Erwachsenen gingen unbewusst davon aus, dass rosa gekleidete Kinder Mädchen waren, die gern mit Puppen spielten und die vermeintlichen Jungen mit Autos.“

Das Experiment zeigt: Schon im Kindesalter werden Kindern unbewusst geschlechtsstereotype Eigenschaften vorgelebt und eingeprägt. Das wirkt sich dann auch auf die spätere Berufs- und Studienwahl junger Menschen aus.

Prägung in der Kindheit

Ein Porträt-Foto von Miguel Diaz

Miguel Diaz

Foto: privat

Auch Miguel Diaz vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. in Bielefeld sieht die Ursache der Zuordnung von Berufen zum Geschlecht bereits in der frühen Kindheit. „Die Interaktion mit Jungen und Mädchen wird schon von klein auf unterschiedlich gedeutet“, sagt der Experte. „Es gibt geschlechtsspezifische Symboliken, die den Kindern eine bestimmte Richtung vorgeben. So findet man technische Abbildungen auf Büchern und Taschen für Jungen, aber selten auf solchen für Mädchen. Das spiegelt sich dann auch in der Berufswahl wider.“

Ebenso werden die MINT-Studienfächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – mit Ausnahme der Biologie – typischerweise von Männern studiert. Rechts-, Sozial- und Geisteswissenschaften sind dagegen vornehmlich weibliche Disziplinen. „Interessant ist hierbei, dass dies im internationalen Vergleich nicht so ist. Beispielsweise ist der Frauenanteil in Ingenieursstudiengängen in Ländern des ehemaligen Ostblocks wesentlich höher. Und in Südeuropa und den Niederlanden finden wir mehr Männer in Grundschulen als bei uns“, sagt Miguel Diaz. Historisch gibt es ebenso wenig eine schlüssige Begründung für die geschlechtsspezifische Zuordnung von Berufen und Studiengängen. „Noch bis in die 1960er Jahre hinein war über die Hälfte der Lehrkräfte in der Primarstufe männlich (Anm.: die Primarstufe umfasst die Klassenstufen eins bis vier). Heute ist nur noch jeder zehnte ein Mann“, erklärt der Experte.

Und auf dem Arbeitsmarkt?

Für welches Studium man sich auch immer entscheidet. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind für Akademiker aktuell sowohl in typisch weiblichen als auch typisch männlichen Disziplinen gut. Dies wird nach einem Blick in die Statistiken der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit (BA) deutlich. Beispiel Elektrotechnik: In den vergangenen drei Jahren lag die Arbeitslosenquote hier durchweg bei unter drei Prozent – damit herrscht quasi Vollbeschäftigung. „Die Arbeitsmarktsituation für Experten der Elektrotechnik ist gut. Arbeitslosigkeit spielt kaum eine Rolle“, sagt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte der BA. Ähnlich sieht es bei den Maschinenbauingenieuren aus. „Die 2015 arbeitslos gemeldeten 4.300 Experten entsprechen einer Quote von unter zwei Prozent – sprich: Vollbeschäftigung“, weiß Susanne Lindner, ebenfalls Arbeitsmarktexpertin der BA. Auch unter Mathematikern spielt Arbeitslosigkeit kaum eine Rolle. Hier liegt die Arbeitslosenquote bei 2,9 Prozent.

Ein ähnlich erfreuliches Bild malen die Experten von einer „typisch weiblichen“ Disziplin. „Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler entwickelte sich in den letzten Jahren positiv. Die Zahl der Erwerbstätigen mit einem geisteswissenschaftlichen Studienabschluss nahm zwischen 2005 und 2014 um 36 Prozent zu, auf insgesamt 341.000 Menschen“, berichtet Ralf Beckmann. Er fährt fort: „Im Monatsdurchschnitt verzeichnete die Bundesagentur im Jahr 2015 etwa 4.300 Arbeitslose – sechs Prozent weniger als 2014 und 71 Prozent weniger als 2005. Einschließlich jener, die fachferne Tätigkeiten suchen, gab es 2015 real etwa 10.500 Arbeitslose. Die rechnerische Arbeitslosenquote ist mit unter drei Prozent sehr gering. Problematisch für Berufseinsteiger ist aber unter Umständen, dass es nur wenige Stellenangebote gibt, die sich explizit an Geisteswissenschaftler richten. 2015 gingen bei der BA nur 900 Stellenangebote ein.“

Kampf dem Klischee

Um Mädchen und Jungen schon frühzeitig von einem geschlechtsspezifischen Korsett zu befreien, muss man sie laut Miguel Diaz mit Berufen und Tätigkeiten in Kontakt bringen, die gegengeschlechtlich konnotiert sind. Initiativen wie der Girl’s und Boy’s Day – beide vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. ins Leben gerufen – brechen hierbei stereotype Denkmuster auf. Die große Bedeutung, die einer geschlechtssensiblen Berufs- und Studienwahl mittlerweile zukommt, zeigt die Bundesinitiative klischee-frei.de, die sich an alle am Berufswahlprozess beteiligten Personen wendet. Ziel ist es, Mädchen und Jungen in Berufe zu bringen, die zu ihren individuellen Stärken, Interessen und zu ihrer individuellen Lebensplanung passen. „Um auf diesem Gebiet grundlegend etwas zu ändern, muss Aufklärungsarbeit geleistet werden – das betrifft die großen, internationalen Unternehmen genauso wie die Kitarasselbande um die Ecke“, fordert Miguel Diaz.

Auf einem guten Weg

EIn Porträt-Foto von Judith Böhmann

Judith Böhmann

Foto: privat

Geschlechterstereotype spielten bei der Berufs- und Studienwahl eine immer geringere Rolle, sagt Judith Böhmann, Beraterin für akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit Cloppenburg: „Es studieren nach wie vor mehr Männer als Frauen ingenieurwissenschaftliche Fächer, aber das ändert sich allmählich.“ Bei ihren Beratungsgesprächen geht es in erster Linie um die Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wenn Frauen beispielsweise stark in Mathematik sind und Freude an naturwissenschaftlichen Fächern haben, schlägt die Beraterin ihnen in jedem Fall MINT-Studiengänge vor. „Dabei stoße ich in der Regel auf viel Neugierde und große Offenheit“, erzählt sie. Dennoch schrecke die spätere Arbeitswirklichkeit in einer fast reinen Männerwelt die Abiturientinnen schon noch ab.

Auch in der Prägung durch die Eltern sieht die Studien- und Berufsberaterin eine der möglichen Ursachen für überholte Rollenklischees. „Wenn ich nach den Berufen der Eltern frage, ist die geschlechtstypische Verteilung immer noch auffällig. Da ist der Vater beispielsweise Bauingenieur und die Mutter arbeitet als Bürokraft“, sagt Judith Böhmann.

Praktikum plus Vorlesungsbesuch speziell für Mädchen

„Um noch mehr Frauen für die bisher noch vornehmlich von Männern gewählten MINT-Studiengänge zu begeistern, gibt es etwa das Niedersachsen-Technikum. „Hierbei machen Mädchen und Frauen mit Abitur oder Fachhochschulreife sechs Monate lang in einem Unternehmen ein Praktikum und besuchen parallel Vorlesungen an einer Hochschule in den MINT-Fächern“, erklärt die Beraterin. „Sehr oft fällt dann auch die Studienwahl auf eines dieser Fächer.“

Alles in allem sieht Judith Böhmann die Entwicklung auf einem guten Weg: „Es muss allerdings noch viel dafür getan werden. In den Medien, in den Schulen, in allen Bereichen sind verstärkt Anstrengungen gefordert, Männer für bisher typische Frauenberufe und Frauen für bisher typische Männerberufe zu begeistern.“

Mehr Infos

Schritt für Schritt durch die Berufswahl mit dem abi>> Berufswahlfahrplan

www.abi.de/orientieren/berufswahlfahrplan.htm

abi>> 01.03.2018