Mach, was dir gefällt!

Ein Erzieher spielt mit einem Jungen und einem Mädchen mit Bauklötzen.
Männer und sich kümmern? Frauen und Technik? Klar, denn bei der Berufswahl zählen deine Stärken und Interessen, nicht überholte Klischees.
Foto: Hans-Martin Issler

Typisch Frau, typisch Mann?

Mach, was dir gefällt!

Pflegeberufe sind besser für Frauen, technische Berufe besser für Männer geeignet? Das sind hartnäckige Vorurteile in Sachen Berufswahl. Tatsächlich solltest du dich aber nicht fragen, was typisch oder untypisch ist, sondern welcher Beruf zu deinen persönlichen Stärken und Fähigkeiten passt.

Technik hat Paulina Grant schon früh interessiert. „Mein Vater ist Ingenieur und auch meine Mutter hat Ingenieurwesen studiert. Ich bin in einem offenen Umfeld aufgewachsen“, berichtet die 22-Jährige. Nach der fachgebundenen Hochschulreife stand sie dann vor der persönlichen Wahl: etwas Kaufmännisches oder lieber etwas Technisches? Sie entschied sich für Letzteres, nämlich für die Ausbildung zur Elektronikerin für Informations- und Systemtechnik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).

Öffentliche Verkehrsmittel sind auf jede Menge elektronischer Systeme angewiesen. So lernte Paulina Grant während ihrer Ausbildung zum Beispiel, wie die Videoüberwachung in U-Bahnhöfen gesteuert wird oder wie digitale Anzeigen an Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnstationen funktionieren. Während des Betriebsdurchlaufs im dritten von dreieinhalb Ausbildungsjahren war sie unter anderem in einer Abteilung im Einsatz, die für die Signale in den U-Bahn-Tunneln zuständig ist. „Hier geht es um Wartung, Reinigung, Reparaturen und Notsignalprüfungen. Auch die Weichenprüfung habe ich kennengelernt“, erzählt sie. Eine andere Abteilung, die sie durchlaufen hat, digitalisiert interne Formulare, um den Papierverbrauch zu reduzieren: „Die Formulare werden automatisch an Kostenstellen oder zur Unterzeichnung weitergeleitet“, erklärt sie.

Männer in der Überzahl – noch?

Porträtbild von Paulina Grant

Paulina Grant

Foto: privat

Paulina Grants Ausbildungsberuf ist männerdominiert: Laut dem Berufsbildungsbericht 2018 ist Elektroniker der drittbeliebteste Beruf bei jungen Männern in Deutschland, bei den Frauen taucht er dagegen noch nicht einmal in den Top 25 auf. „Ich habe mich aber schon immer besser mit Jungs und Männern verstanden und mich deshalb bewusst für diesen Ausbildungsberuf entschieden“, sagt sie. Zumal sie jede Menge über technische Zusammenhänge lernen kann.

Vor Schwierigkeiten stellte sie diese Entscheidung nie – im Gegenteil: Ihr Arbeitgeber bemüht sich schon länger um mehr Frauen im Betrieb. „Das ist überall im Unternehmen zu spüren. In meinem Ausbildungsjahrgang sind wir zwei Frauen und zehn Männer, im Vorjahr waren es sogar fünf Frauen“, erzählt die Auszubildende.

Mittlerweile steht sie kurz vor ihrem Abschluss. Ihr Fazit: „Mir gefällt mein Ausbildungsberuf sehr gut. Das Programmieren macht mir viel Spaß, aber auch, Elektronik zu verkabeln.“

Klischees in den Köpfen

Ein Porträtbild von Miguel Diaz

Miguel Diaz

Foto: Bettina Straub

Paulina Grant hat sich nach ihren Interessen und Stärken für einen Beruf entschieden. So frei fühlen sich leider nicht alle jungen Frauen und Männer in Deutschland. Denn noch immer herrschen jede Menge gesellschaftliche Vorstellungen vor, was „typisch“ für das eine oder andere Geschlecht sein soll.
Das weiß auch Miguel Diaz, der die Servicestelle der Initiative Klischeefrei am Kompetenzzentrum „Technik - Diversity - Chancengleichheit“ leitet, aus seiner Arbeit: „Fakt ist, dass wir Geschlechterklischees verinnerlicht haben.

Zum Beispiel die Vermutung, dass Jungen mutiger seien als Mädchen. Experimente mit Kindern belegen allerdings, dass es die Projektionen der Eltern sind, die den Jungen mehr Mut zuschreiben. Und dass Frauen vermeintlich besser zuhören können, ist eine Erwartungshaltung an die Weiblichkeit. Es gibt aber auch Männer, die sehr gut darin sind.“ Diese vermeintlich typischen Eigenschaften sind historisch und kulturell bedingt. Sie werden im gegenseitigen Miteinander, aber auch in Medien wie Filmen, Serien, Werbung und Büchern vermittelt und sind daher „tief in den Köpfen verankert“, erklärt Dr. Stefanie Boulila, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen.

Ein Porträtbild von Dr. Stefanie Boulila

Dr. Stefanie Boulila

Foto: privat

Sie gibt zudem zu bedenken: „Wenn immer davon ausgegangen wird, dass ein Kind aufgrund einer bestimmten Eigenschaft etwas nicht gut kann, dann ist es schwer für das Kind, das Gegenteil zu beweisen.“ Außerdem ist es wesentlich schwieriger, einer Normvorstellung nicht zu entsprechen, als einfach Teil davon zu werden. „Wer möchte schon immer auffallen und anders sein?“, fragt Stefanie Boulila. „Der gesellschaftliche Widerstand gegenüber Menschen, die Geschlechternormen nicht entsprechen, sollte nicht unterschätzt werden.“

Hoher Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften

Und was bedeutet das für die Arbeitswelt? „Auffallend ist nach wie vor die unterschiedliche Repräsentanz in technischen und IT-Berufen (Frauenanteil: 15 Prozent) einerseits und in sozialen Berufen (Männeranteil: 16 Prozent) andererseits“, zeigt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit, auf.

Da derzeit jedoch in beiden Bereichen junge Fachkräfte stark nachgefragt sind, muss man weder bei einer untypischen, noch bei einer typischen Berufswahl Nachteile am Arbeitsmarkt fürchten. „In den technischen Berufen stehen zum Beispiel Softwareentwickler und -entwicklerinnen, Automatisierungsexperten und -expertinnen oder Bauingenieure und -ingenieurinnen besonders hoch im Kurs. Zunehmend zeigt sich auch der Mangel an Fachkräften mit Berufsausbildung oder Meisterqualifikation. Im Handwerk sind beispielsweise Elektroniker und Elektronikerinnen, Baufachleute oder Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker und -technikerinnen gesucht“, betont er. „In sozialen Berufen diskutiert man derzeit vor allem über fehlende Lehrkräfte an Grundschulen oder Berufsschulen oder den steigenden Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern für Kindergärten und Hortbetreuung.“ Auch in der Pflege fehlen Fachkräfte.

Porträtbild von Stephan Schneider

Stephan Schneider

Foto: privat

Ein Nachteil besteht allerdings nach wie vor: die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, der sogenannte Gender Pay Gap. Dem Statistischen Bundesamt zufolge verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt rund 21 Prozent weniger als Männer. Allerdings lassen sich dem Amt zufolge fast drei Viertel des Gender Pay Gap auf strukturelle Unterschiede zurückführen, zum Beispiel auf unterschiedliche Berufe und Branchen oder Arbeiten in Teilzeit. Zuletzt wurde der bereinigte Gender Pay Gap im Jahr 2014 ermittelt. Dabei kam heraus, dass Frauen bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit pro Stunde durchschnittlich sechs Prozent weniger als Männer verdienten. „Im Gleichstellungsgesetz steht, dass Frauen in Bezug auf ihren Verdienst nicht benachteiligt werden dürfen, aber in der Realität gibt es Unterschiede“, weiß auch Stephan Schneider, Berater für akademische Berufe der Jugendberufsagentur Berlin Mitte aus der Praxis.

Sich selbst erfahren und ausprobieren

Es gibt also noch viel zu tun in Sachen Gleichstellung. Neben der Berufsberatung durch die Agenturen für Arbeit setzen sich verschiedene weitere Institutionen dafür ein, Klischees bei der Berufswahl aus dem Weg zu räumen – zum Beispiel das bereits erwähnte Kompetenzzentrum „Technik - Diversity - Chancengleichheit“. „Wir haben den Girls'Day und Boys'Day initiiert, in dem Mädchen und Jungen sich in einem Beruf ausprobieren können, der vom anderen Geschlecht dominiert wird“, berichtet Miguel Diaz vom Kompetenzzentrum. „Für die Jugendlichen ist das immer eine große Bereicherung.“ Auch in sogenannten MINT-Camps, in denen Studiengänge und Berufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich vorgestellt werden, oder bei Freiwilligendiensten im sozialen Bereich können Schülerinnen und Schüler über den Tellerrand schauen – und selbst herausfinden, was ihnen liegt.

Das Bestreben ist dabei nicht, Mädchen allein von Technik und Jungen nur von pflegerischen Berufen zu überzeugen: „Grundsätzlich entwickeln Kinder und Jugendliche für viele Dinge eine Begeisterung und fragen erst mal gar nicht danach, ob das jetzt zu ihrem Geschlecht passt oder nicht. Wir müssen nur aufhören, ihnen dieses Interesse zu vermiesen. Und bestenfalls setzt das schon im Kindergartenalter an“, weiß Miguel Diaz. Die Initiative Klischeefrei spricht nämlich bereits mit Beteiligten in der Frühbildung, die im Alter von zwei Jahren beginnt. Darüber hinaus „haben wir die Schulen und die Eltern im Blick, zudem die Berufsberatung, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Berufswahl der Jugendlichen hat. Und wir gehen auf Betriebe und Hochschulen zu.“

Vorurteile hinterfragen lernen

In der Berufsentscheidung werden junge Frauen und Männer nicht nur mit Geschlechterklischees konfrontiert. „Zum Beispiel sind viele Jugendliche überzeugt, dass ein Arzt übermäßig viel verdient und geregelte Arbeitszeiten hat. Und wenn sie dann hören, dass Ingenieure durchaus ein höheres Einstiegsgehalt haben können und Ärzte nicht zwingend geregelte Arbeitszeiten haben, sind sie oft überrascht“, berichtet Berufsberater Stephan Schneider aus seiner Arbeit. „Solche Informationen bringen Jugendliche dazu, genauer hinzuschauen und sich breiter zu informieren.“

Wichtig ist es also in vielerlei Hinsicht, Klischees zu erkennen und zu entlarven. Die Entscheidung, was man beruflich machen möchte, sollte dann jede und jeder anhand eigener Stärken und Interessen treffen – unabhängig vom (eigenen) Geschlecht.

Mehr Infos

abi>> Berufswahlfahrplan

Schritt für Schritt begleitet dich der Berufswahlfahrplan in deiner Entscheidung für eine Ausbildung, ein Studium und einen Beruf.

www.abi.de/orientieren/berufswahlfahrplan.htm

Berufswelten im Überblick

Das Online-Angebot der Bundesagentur für Arbeit hilft übersichtlich und intuitiv bei der Suche nach einem passenden Studiengang, einer geeigneten Aus- oder Weiterbildung. In der Berufswelt Studium stehen 27 Arbeitsfelder zur Auswahl. Reportagen und Erfahrungsberichte geben Einblicke in den Arbeitsalltag. Informationen zu erforderlichen Kompetenzen, Arbeitsmarktchancen und Berufseinstieg runden das Angebot ab.

www.berufsfeld-info.de

studienwahl.de

Im Portal kannst du im Finder deutschlandweit nach allen Studiengängen an deutschen Hochschulen recherchieren. Außerdem hält die Website Informationen rund um die Themen Studienwahl, Auslandsaufenthalte, Kosten eines Studiums und Fördermöglichkeiten bereit.

www.studienwahl.de

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild

www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE

Über die JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit kannst du nach Jobs und Ausbildungsstellen in deiner Region und darüber hinaus recherchieren.

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen

Die Webwseite bietet unter anderem eine bundesweite Übersicht über MINT-Aktionen. Des Weiteren gibt es Links zu Self-Assessments, in denen man seine Eignung für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium testen kann.

www.komm-mach-mint.de

Klischeefrei

An Schulen, Universitäten und Eltern gerichtet werden hier Inhalte zum Thema klischeefreie und geschlechtergerechte Berufs- und Studienwahl präsentiert.

www.klischee-frei.de

Girls’Day

Jedes Jahr im April können Mädchen bundesweit Unternehmen aus Technik, Handwerk, Naturwissenschaften sowie IT kennenlernen. An Hochschulen besteht die Möglichkeit, sich über entsprechende Studiengänge zu informieren.

www.girls-day.de

Boys’Day

Jedes Jahr im April können sich junge Männer unverbindlich mit Berufen beschäftigen, in denen Jungs bislang unterrepräsentiert sind – vom Altenpfleger bis zum Sozialarbeiter. Bundesweit öffnen Unternehmen beispieslweise aus den Bereichen Soziales, Pflege und Erziehung ihre Türen.

www.boys-day.de

 

Typisch Frau, typisch Mann? Zahlen und Fakten

Schluss mit den Klischees!

Der Berufszweig Informatik ist in Zeiten der Digitalisierung schwer gefragt. Dass sich dahinter nicht nur menschenscheue Nerds verbergen und dass der ebenso zukunftsweisende Ausbildungsberuf Altenpfleger/in nicht technikfremd ist, zeigt sich auf dieser Seite. abi» hat Zahlen und Fakten zur Entwicklung von Frauen und Männern auf „untypischen“ Bildungs- und Berufswegen gesammelt.

Klischee Informatiker/in:

„Informatiker sind menschenscheue und technikversessene Nerds, die im stillen Kämmerlein vor sich hin programmieren.“

Falsch! Informatikerinnen und Informatiker müssen nicht nur mit der IT, sondern auch mit Menschen gut umgehen können. Zum Beispiel erfragen sie in Kundengesprächen deren Anforderungen an Software, geben Schulungen und arbeiten in Projektteams mit Kollegen aus verschiedenen Abteilungen zusammen. Gefragt sind somit neben technischem Verständnis und einer sorgfältigen Arbeitsweise auch Kommunikationsstärke, Kreativität, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, sich über neue Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

Klischee Altenpfleger/in:

„In der Altenpflege geht es einzig und allein darum, hilfsbedürftige ältere Menschen zu versorgen und zu betreuen.“

Weit gefehlt! Die Digitalisierung macht auch vor dem Sozialwesen nicht Halt. Wer sich für den Beruf Altenpfleger/in entscheidet, könnte in Ausbildung und Beruf auch mit Tätigkeiten in den Bereichen E-Health, technische Assistenzsysteme, Telematik, Telecare und anderen medizintechnischen Innovationen konfrontiert werden. Technikaffinität ist somit eine nützliche Qualifikation. Des Weiteren sind Eigenschaften wie eine gute körperliche Konstitution, psychische Stabilität, Einfühlungsvermögen, sowie Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein gefragte Kompetenzen.

 

 

MINT-Camp

Von totaler Ratlosigkeit zur super Studienidee

Eigentlich wollte Lena Dördelmann Lehrerin werden, doch sicher war sie sich nicht. Deshalb probierte sie beim Niedersachsen-Technikum sechs Monate lang aus, ob vielleicht ein MINT-Beruf besser zu ihr passt. Und tatsächlich, jetzt studiert die 20-Jährige Medieninformatik an der Hochschule Osnabrück, wie sie abi>> berichtet.

Das Niedersachsen-Technikum hat mir sehr geholfen. Ich war ziemlich ratlos, was ich studieren sollte. Bis zur 10. Klasse hatte ich fest vor, Lehrerin zu werden. Aber je näher das Abi rückte, umso unsicherer wurde ich mir. In der Schule hat mir Mathe immer ganz gut gefallen und mir fiel es sehr leicht, logisch und strukturiert vorzugehen. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, Informatik zu studieren. Schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung mit Programmieren.

Zufällig erfuhr ich aber bei der Studien- und Berufsberatung der Agentur für Arbeit vom Niedersachsen-Technikum. Das ist ein Berufsorientierungsprogramm für Abiturientinnen, um über ein Praktikum in einen Beruf im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) reinzuschnuppern. Über ein Online-Formular bewarb ich mich direkt bei der Hochschule Osnabrück für das Technikum. Einzige Voraussetzung ist, dass man weiblich ist und die Hochschulreife hat.

Für sechs Monate Informatik auf Probe

Porträtbild von Lena Dördelmann

Lena Dördelmann

Foto: privat

Beim Vorgespräch bekam ich eine Liste von Unternehmen, die am Programm teilnehmen. Drei Favoriten durfte ich angeben. Mich reizte besonders die Symbic GmbH, ein junges Softwareunternehmen, das IT-Anwendungen realisiert. Glücklicherweise wurde ich von Symbic zum Kennenlerngespräch und zu einem Schnuppertag eingeladen. Im September ging’s dann direkt nach dem Abi los.

Von Anfang an bekam ich kleine Aufgaben. Dadurch konnte ich mich in verschiedene Programmiersprachen und Tools einarbeiten, um schließlich selbst Apps und Webseiten zu aktualisieren. Dazu gehörte auch, Logos und Icons mit grafischen Programmen zu gestalten. Zusätzlich war ich einmal in der Woche an der Hochschule und habe eine Drittsemester-Vorlesung für Elektrotechniker zum Thema Software-Engineering besucht. Das alles hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich habe gemerkt: Programmieren kann man lernen, das bekomme ich hin! Am Ende gelang es mir sogar, die Klausur sehr gut zu bestehen.

Damit stand die Entscheidung fest: Ich möchte genau das studieren, eine Kombination aus Informatik und Design, mit einer guten Balance zwischen Kreativität und Logik. Also habe ich mich für den Bachelorstudiengang „Informatik – Medieninformatik“ in Osnabrück eingeschrieben.

Mehr Männer als Frauen

Mittlerweile bin ich im dritten Semester und es gefällt mir sehr gut. Mir ist es ziemlich egal, dass mit mir mehr Männer als Frauen studieren – Rollenstereotypen haben mich noch nie sonderlich interessiert. Dieses ‚Typisch Mann oder Frau‘ war jedenfalls nicht der Grund, warum ich Informatik als Berufsziel so spät für mich entdeckt habe. Ich hatte es einfach nicht auf dem Schirm.

Deshalb: Ich würde es jeder jungen Frau empfehlen, ein Technikum zu machen. Man hat ja nichts zu verlieren, wenn man feststellt, das ist doch nichts – dann macht man halt etwas anderes. Zudem gibt es ein kleines Gehalt zwischen 300 und 500 Euro monatlich. Man ist versichert, wird sehr gut betreut und knüpft wichtige, erste Firmenkontakte.

Mehr Infos

Orientierungsprogramme mit Praxisbezug

www.komm-mach-mint.de/MINT-Studium/Orientierungsstudium

 

FSJ in einem Mehrgenerationentreff

Gelebtes Miteinander

Vor seinem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) hätte sich Josef Irzinger nur schwer vorstellen können, einmal in einem pädagogischen Beruf zu arbeiten. Durch seine Zeit in einem Mehrgenerationentreff in Leipzig denkt der 19-Jährige heute anders.

Nach dem Abitur brauchte ich erstmal eine Auszeit, das stand für mich schon sehr früh fest“, erzählt Josef Irzinger rückblickend. „Das FSJ ist dafür meiner Meinung nach eine der bequemsten und einfachsten Möglichkeiten.“ Für ein FSJ kann sich grundsätzlich jeder bewerben, der zwischen 16 und 26 Jahren alt ist und sich für die Dauer von sechs bis 18 Monaten sozial engagieren möchte.

Durch den Rat eines älteren Freundes wurde der heute 19-Jährige auf das Portal der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. aufmerksam und schickte umgehend seine Bewerbungsunterlagen auf die Reise. „Das war super praktisch, da man sich dort mit nur einer Bewerbung für bis zu sechs Einsatzstellen bewerben kann. Nach dem Bewerbungsgespräch folgte nur ein paar Wochen später die Zusage meiner Wunschstelle“, berichtet Josef Irzinger.

Begegnungsstätte für Jung und Alt

Der Mehrgenerationentreff „nebenan“ mit dem dazugehörigen „Heizhaus“ ist eine selbstverwaltete Mehrgenerationen-Begegnungsstätte. „Das ‚Heizhaus‘ ist eine der größten Skatehallen in Mitteldeutschland und zusammen mit dem ‚nebenan‘ zudem ein offener Treff für Jugendliche und Senioren. Hier werden viele Workshops zu den verschiedensten Themen und Subkulturen angeboten“, beschreibt Josef Irzinger seine Einsatzstelle. Insgesamt arbeiten in der sozialen Einrichtung etwa 20 Mitarbeiter, die sich neben den Festangestellten zu einem Großteil aus Freiwilligen und ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammensetzen.

Der Abiturient kannte die Einrichtung bereits aus seiner Schulzeit und fand sich dementsprechend schnell zurecht. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase durfte er schon bald als ein vollwertiges Teammitglied in den verschiedensten Einsatzfeldern mitarbeiten. „Einen Großteil der Zeit verbrachte ich im Mehrgenerationentreff und gestaltete dort die Unterhaltungsangebote. Diese reichten von Tischtennis oder Karten spielen bis zur Organisation und Durchführung von Tanzveranstaltungen. Im Heizhaus war ich vorwiegend für Tresendienste und verschiedene Workshops eingeteilt, so dass immer für viel Abwechslung gesorgt war. Den einen typischen Arbeitstag gab es so nicht.“

Ungeahnte Erfahrungen auf zwischenmenschlicher Ebene

Ein Porträt-Foto von Josef Irzinger

Josef Irzinger

Foto: privat

Vor allem die Arbeit mit den Menschen machte Josef Irzinger großen Spaß und lag ihm sehr am Herzen. So beschäftigte sich der FSJler in seinem eigenverantwortlichen Projekt, das für jeden Freiwilligen im FSJ Kultur verpflichtend zu leisten ist, mit der Heranführung von Kindern und Jugendlichen an kulturelle Angebote. „Hierfür erstellten wir Trickfilme mit den Kindern, malten oder hörten gemeinsam Musik.“

Im kommenden Jahr möchte Josef Irzinger weiterhin ehrenamtlich in seiner Einsatzstelle mitarbeiten und plant danach ein Work & Travel in Brasilien. „Im Anschluss möchte ich ein Studium aufnehmen. Die Musik war schon immer ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Daher habe ich den Bachelorstudiengang Musikwissenschaften ins Auge gefasst“, blickt der Abiturient in die Zukunft.

Doch die Erfahrungen auf der sozialen Ebene beeinflussten den 19-Jährigen nachhaltig: „Ich hätte mir kaum vorstellen können, später einmal im sozialen oder pädagogischen Bereich zu arbeiten und hätte nicht erwartet, dass diese Arbeit in meinem FSJ einen so großen Teil einnehmen wird. Durch meine Freiwilligenzeit hat sich die Vorstellung von meinem späteren Leben nun komplett gewandelt.“ Mit seinem angestrebten Bachelorabschluss könnte der baldige Student später in einer soziokulturellen Einrichtung arbeiten - für Josef Irzinger inzwischen mehr als nur eine denkbare Option.

Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V.

Das Freiwillige Soziale Jahr wird in Deutschland von den jeweiligen Landesträgern angeboten. Diese sind Mitglied im Trägerverbund Freiwilligendienste Kultur und Bildung der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. Jährlich sind bundesweit etwa 2.700 Freiwilligenstellen zu vergeben.
https://freiwilligendienste-kultur-bildung.de/

 

Mai Thi Nguyen-Kim

„Ich freue mich über jede Unterschätzung“

Warum vertragen Asiaten weniger Alkohol? Ist Kokosöl tatsächlich schädlich und wie funktionieren eigentlich Selbstbräuner? Mai Thi Nguyen-Kim kennt die Antworten auf all diese Fragen. Auf ihrem YouTube Kanal „maiLab“ erklärt die 31-Jährige ihrem Publikum komplexe chemische Vorgänge anschaulich und verständlich. abi>> sprach mit der promovierten Chemikerin über ihren Werdegang und die noch immer vorhandenen Vorurteile gegenüber Frauen in der Wissenschaft.

abi>> Mai, ein Studium der Chemie mit Aufenthalten am Massachusetts Institute of Technology (MIT), später Doktorandin an der Harvard University und schlussendlich die Promotion. Dein Lebenslauf liest sich sehr beeindruckend. Wie kamst du dazu, diesen Weg einzuschlagen?

Mai Thi Nguyen-Kim: Nach der Schule habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich später einmal machen will und fast schon eine kleine Krise durchgemacht. Ich hatte mich schon früh für viele verschiedene Fachgebiete interessiert, angefangen von Jura über Psychologie, bis hin zu Journalismus und den Naturwissenschaften. Nach einiger Überlegung wurde mir aber klar, dass man das Interesse an Naturwissenschaften nur beruflich und nicht als Hobby verfolgen kann. Da auch mein Vater Chemiker ist und ich mit der Chemie schon von früh auf viele Dinge im Alltag verbunden habe, lag dann die Entscheidung für die Chemie nahe.

abi>> Eine Frau in der Wissenschaft ist für viele leider auch heutzutage noch immer etwas Ungewöhnliches. Hattest du nie die Sorge, den falschen Weg eingeschlagen zu haben?

Ein Porträt-Foto von Mai Thi Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim

Foto: Viet Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim: Wenn man sich dieser Vorurteile zu sehr bewusst ist, kann das natürlich ein Hemmnis bei der Berufswahl sein. Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht, denn für mich hat sowas nie eine Rolle gespielt. Dass es diese starken Klischees gibt, ist mir tatsächlich erst dann klar geworden, als ich auch in den Medien präsenter wurde.

abi>> Inzwischen bist du nicht nur eine angesehene Wissenschaftlerin sondern auch erfolgreiche Moderatorin und YouTuberin. Zwei Berufsbilder, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich habe eine Erfahrung gemacht, die ich wohl leider mit den meisten meiner ehemaligen Kommilitonen teile: Man geht sehr idealistisch in die Doktorarbeit hinein und erlebt einen bösen Realitäts-Schock. Anfangs glaubt man hochmotiviert, man könne mit seiner Forschung die Welt verändern. Später muss man sich dann eingestehen, dass Forschung nicht nur aus Laborarbeit, sondern auch viel aus Bürokratie und Politik besteht. Zudem haben mich die Rahmenbedingungen an der Universität ein Stück weit enttäuscht. Durch meine Zeit in den USA kannte ich eine Gesellschaft, in der viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein viel größeres Sendungsbewusstsein an den Tag legen. Mehr oder weniger aus Spaß an der Freude startete ich dann mit meinem ersten YouTube Kanal und zog dadurch das Interesse von „funk“ auf mich. Als ich verstanden habe, dass mir hier die Möglichkeit geboten wird, Wissenschaftsjournalismus für junge Menschen zu betreiben und tolle fachliche Diskussionen anzustoßen, hat es bei mir Klick gemacht. Ich glaube, in meinem jetzigen Beruf kann ich mit meinen Leidenschaften und Fähigkeiten mehr bewegen, als ich es als Einzelperson im Labor tun könnte.

abi>> Zahlreiche Auszeichnungen und hohe Besucherresonanzen geben dir recht. Wie blickst du selbst auf die Entwicklungen in den vergangenen drei Jahren zurück?

Mai Thi Nguyen-Kim: Dass Wissenschaft so unglaublich erfolgreich sein kann, hätte ich mir niemals ausgemalt. Bei der Sache mit „funk“ vertraute ich ein bisschen auf mein Bauchgefühl. Ich merkte, dass sich in der deutschen Wissenschaftskommunikation etwas tut. Nach einem halben Jahr hatte ich ein Angebot aus der chemischen Industrie auf dem Tisch – und lehnte ab. Ich spürte, dass mein Projekt eine gute Sache ist, die ich unbedingt machen will und mit der ich viel erreichen kann. Nach verschiedenen inhaltlichen Anpassungen meines Kanals Anfang des vergangenen Jahres, fingen wir an zu wachsen und räumten Preise ab, die mich unglaublich motivierten.

abi>> Größere Reichweite bedeutet immer auch mehr Feedback, positiv wie negativ. Wie gehst du mit dem negativen Feedback um?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich weiß, was ich kann und bin gut, in dem was ich mache. Ich freue mich über jede Unterschätzung, der ich begegne. Genau das muss passieren! Mit jeder Überraschung weicht das Klischee ein klein wenig auf.
Auf der anderen Seite schreiben mir aber genauso viele junge Mädchen und Frauen, dass ich sie inspiriere, was mich dann unglaublich freut. Wenn man sich für die Wissenschaft begeistert, passiert das in einem sehr frühen Alter. Gut 40 Prozent meiner Zuschauer sind weiblich. Je jünger die Zuschauergruppen sind, desto größer ist der weibliche Anteil. Das liegt nicht etwa an mädchentypischen Inhalten, sondern an mir als weiblichem wissenschaftlichem Vorbild für die junge Generation.

abi>> Du siehst dich also auch durchaus als Vorbild für junge Frauen und Mädchen?

Mai Thi Nguyen-Kim: Wenn man in den neuen Medien unterwegs ist, muss man sich seiner Verantwortung bewusst sein. Auch wenn man kein Vorbild sein möchte, ist man es. In meinem Fall bin ich das gerne. Es ist nicht nur die journalistische Arbeit, die mir Spaß macht. Wenn ich jemanden inspirieren kann, freut mich das natürlich. Andererseits muss man aufpassen, dass die Leute einem nicht blind und fanatisch folgen. Ich will keine Heldin sein, sondern aufgrund meiner Arbeit und der Inhalte meiner Videos geschätzt werden.

abi>> Die Themen deiner Videos treffen immer den Nagel auf den Kopf und sind brandaktuell. Wie läuft die Themenfindung bei dir ab?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich habe von „funk“ die Freiheit, vollkommen autark zu arbeiten. Wir sind aktuell nur ein Zweierteam und dadurch sehr flexibel.
Die Flexibilität kann aber auch unglaublich anstrengend sein. Oft weiß ich bei der Veröffentlichung eines Videos nicht, was als nächstes kommt. Mein Credo: Ich muss mich jede Woche unglaublich auf mein neues Video freuen. Manchmal weiß ich am Montag eben noch nicht, was mich diese Woche freut. Diese Spontanität bringt die große Aktualität.

abi>> Was sind deine Zukunftspläne?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich freue mich erst einmal auf viele weitere maiLab-Folgen und noch mehr Quarks-Sendungen im WDR als bisher. Trotz meiner medialen Arbeit möchte ich aber auf keinen Fall den Kontakt zu den Universitäten verlieren. Auch wenn sie mir anfangs ein wenig das Herz gebrochen haben, liegen sie mir dennoch am Herzen. Ich möchte unabhängig bleiben und weiter dabei helfen, das wissenschaftliche Denken in Politik und Gesellschaft zu verankern.

Über Mai Thi Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim wurde am 07. August 1987 in Heppenheim geboren. Nach dem Abitur im Jahr 2006 studierte sie Chemie an der Universität Mainz und dem Massachusetts Institute of Technology. Später arbeitete sie als Doktorandin unter anderem an der Harvard University, bevor sie 2017 promovierte. Der breiten Öffentlichkeit ist sie heute durch ihren YouTube-Kanal „mailab“ (früher: schönschlau) bekannt, den sie im Auftrag von „funk“, dem Gemeinschaftsangebot von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene, produziert. Beim WDR-Wissensmagazin „Quarks“ ist sie zusammen mit Ralph Caspers die Nachfolgerin von Moderator Ranga Yogeshwar. Zudem ist sie als Moderatorin für „Terra X Lesch & Co.“ aktiv.

 

Im vergangenen Jahr wurde die Wissenschaftlerin unter anderem mit dem Grimme Online Award sowie dem deutschen Webvideopreis ausgezeichnet.

 

Geomatikerin

Informative Karten erstellen

Karten jeglicher Art faszinieren Lisa Schachtschneider. Wie gut, dass sie jetzt in ihrer Ausbildung zur Geomatikerin bei einer Brandenburger Behörde genau damit zu tun hat: Am Computer erstellt die 20-Jährige vor allem Landkarten und thematische Karten.

In einem Jahr wird Lisa Schachtschneider aus Potsdam ihre dreijährige Ausbildung zur Geomatikerin abschließen. Schon jetzt weiß sie genau, wie sie im praktischen Teil ihrer Abschlussprüfung ihr Können unter Beweis stellen wird: „Ich werde eine Karte anfertigen, entweder eine thematische, die zum Druck bestimmt ist, oder eine fürs Internet. In dieses Prüfungsstück fließt dann alles ein, was ich in der Ausbildung gelernt habe“, berichtet die angehende Geomatikerin.

W wie Windkraftanlage – oder Wolf

Ein Porträtbild von Lisa Schachtschneider

Lisa Schachtschneider

Foto: LGB

Die Schritte bis zur fertigen Karte ist die 20-Jährige mit den Kollegen und ihren Ausbildern in den vergangenen zwei Jahren schon oft durchgegangen. Wenn ihr Ausbildungsbetrieb, die Potsdamer Betriebsstelle der Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg (LGB), von einem Kunden den Auftrag erhält, eine Karte zu erstellen, kommen auch die Auszubildenden zum Zug: „Oft gestalten wir Karten mit thematischen Inhalten, zum Beispiel für die Darstellung von Windkraftanlagen, Naturschutzgebieten oder der Wolfsverbreitung im Land Brandenburg. Manchmal erstellen wir hierzu auch einen Flyer oder programmieren eine kleine Anwendung zur Kartendarstellung für das Internet, wie man es von Google Maps kennt“, sagt Lisa Schachtschneider.

Dabei kann sie innerhalb ihrer Dienststelle auf die aktuellsten topografischen Daten zugreifen und gestaltet damit am Computer die Karte: Sie beschriftet beispielsweise die Ortschaften und Gewässer, entscheidet, mit welcher Farbe sie welche Inhalte kennzeichnet, und hebt außerdem den Standort und Teile der Infrastruktur wie Schulen oder Bahnlinien hervor. Alternativ gestaltet die Auszubildende Broschüren oder Infografiken, zum Beispiel über das Berufsbild des Geomatikers oder über die LGB selbst. „Manchmal baue ich dafür vorgegebene Texte ein, manchmal schreibe ich diese selbst“, erläutert sie.

Berufsschule und kleine Praxiskurse

Der Unterricht an der Berufsschule ergänzt wie bei jedem dualen Ausbildungsberuf das praktische Wissen aus dem Ausbildungsbetrieb. „In Vermessungskunde erfahren wir zum Beispiel, wie man Geodaten erfasst“, erzählt Lisa Schachtschneider. Neben den fachbezogenen Fächern stehen auch Wirtschaft, Deutsch, Englisch und Sport auf dem Stundenplan.

Zu fast allen praktischen Inhalten, für die in der Schule nicht genug Zeit zum Üben ist, vermittelt ihr Arbeitgeber Praxisfertigkeiten in kleinen Kursen und Modulen. Diese können auch in anderen Ausbildungsstätten oder Betrieben stattfinden. „Somit lernen wir ganz nebenbei die vielfältigen Einsatzgebiete unseres Berufes kennen“, freut sich die 20-Jährige.

Faszination für Karten und Atlanten

Lisa Schachtschneider interessierte sich bereits in der Schule für Geografie und Mathematik, belegte daher den Mathe-Leistungskurs und machte 2016 im brandenburgischen Schwarzheide das Abitur. „Geografische Karten und Atlanten jeglicher Art fand und finde ich faszinierend. Daher war mir klar, dass mein zukünftiger Beruf damit zu tun haben sollte“, betont die Auszubildende.

Konsequenterweise nennt sie als eine wichtige Voraussetzung für Geomatiker, dass sie mit Karten umgehen können. „Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen braucht man ebenso wie gute Umgangsformen, da man oft mit Kunden zu tun hat. Auch Hilfsbereitschaft innerhalb des Teams finde ich wichtig“, zählt Lisa Schachtschneider auf.
Mit dem Team der LGB wird die junge Frau noch rund ein Jahr arbeiten, bis zu ihren Prüfungen im Juni 2019. Danach möchte sie voraussichtlich studieren. Die Fachrichtung weiß sie noch nicht genau, aber: Mit Mathe oder Geoinformationen wird ihr Studium sicher zu tun haben.

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Pferdewirt

Teamwork zwischen Mensch und Pferd

Als angehender Pferdewirt pflegt und trainiert Nils zur Lage (19) Reitpferde. Beim Umgang mit diesen Tieren ist besondere Umsicht und Einfühlungsvermögen gefragt – denn jedes Tier ist anders.

Nils zur Lage hat schon seit seiner Kindheit mit Pferden zu tun. „Meine Eltern haben einen Pferdezuchtbetrieb im niedersächsischen Bersenbrück. Der Umgang mit Pferden ist daher ganz normal für mich“, sagt der 19-Jährige. Nach dem Abitur zog es Nils zur Lage zunächst für ein halbes Jahr ins Ausland, bevor er sich um eine Ausbildungsstelle als Pferdewirt bewarb. „Ich hatte zwischen einer landwirtschaftlichen und der Ausbildung zum Pferdewirt geschwankt. Jetzt bin ich mit meiner Entscheidung sehr zufrieden“, sagt der angehende Pferdewirt. Derzeit befindet er sich in seinem zweiten Ausbildungsjahr im Reitstall der Böckmann Pferde GmbH im Oldenburger Münsterland. 

In der betrieblichen Ausbildung zum Pferdewirt dreht sich alles rund um die Vierbeiner. Die Auszubildenden wählen zwischen den Schwerpunkten Klassische Reitausbildung, Pferdehaltung und Service, Pferderennen, Pferdezucht oder Spezialreitweisen. „Ich mache die Klassische Reitausbildung und trainiere Pferde im Springreiten“, erzählt Nils zur Lage, den die Teamarbeit mit den Tieren begeistert. „Man macht gemeinsam mit den Pferden Fortschritte. Und da jedes Tier anders ist, lernt man immer dazu.“

Individuelle Trainingspläne

Ein Porträt-Foto von Nils zur Lage.

Nils zur Lage

Foto: Mias König

„Ein Teil der Ausbildung beinhaltet die Vorstellung der Pferde auf Turnieren. Die jungen Pferde werden zunächst in Springpferdeprüfungen präsentiert. Hier werden die Springmanier, das Vermögen und die Eignung als Sportpferd bewertet. In den Prüfungen werden Noten von Null bis Zehn vergeben. Die Note Acht entspricht einem „gut“. Diese Wertung muss erreicht werden, um sich bei Sichtungsturnieren für das Bundeschampionat zu qualifizieren“, erklärt der junge Reiter. Durch eine intensive Ausbildung, gute Platzierungen und Siege kann der Wert eines Springpferdes gesteigert werden.

Nils zur Lage arbeitet schon mit den Pferden, wenn sie noch Fohlen sind. „Ich unterstütze bei Impfungen und Wurmkuren, bringe die Tiere regelmäßig zum Hufschmied und zum Setzen der Brandzeichen.“ Ab einem Alter von etwa drei Jahren kann der angehende Pferdewirt die Tiere dann anreiten. Dabei wird mit jedem Tier nach einem individuellen Trainingsplan gearbeitet. Unter anderem wird auf Kondition, Ausdauer und Muskelaufbau, die sogenannte Gymnastizierung, geachtet. „Erst wenn die Pferde dressurmäßig gut ausgebildet sind, wird mit dem Springtraining begonnen“, berichtet Nils zur Lage, der seinen Schützlingen großen Respekt entgegenbringt. „Man arbeitet nicht mit Maschinen, sondern mit Lebewesen. Jedes Tier hat seinen eigenen Kopf und Charakter und darauf muss man sich einstellen.“

Alles rund ums Pferd

Neben dem betrieblichen Teil auf dem Reithof gehört zur Ausbildung zum Pferdewirt auch der wöchentliche Besuch der Berufsschule. „Hier lernen wir alles rund ums Pferd –die Anatomie, die verschiedenen Reitweisen der Tiere, die Qualität der Grundgangarten sowie die Pferdezucht. Aber auch Politik, Recht und kaufmännisches Wissen werden vermittelt“, erklärt der Auszubildende.
Nach seiner Ausbildung möchte Nils zur Lage weitere Berufserfahrung als Pferdewirt sammeln, um eines Tages den elterlichen Betrieb zu übernehmen. „Unter Umständen will ich noch Agrarwissenschaften studieren – das ist aber noch offen“, sagt der angehende Pferdewirt.

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Automation – Industrie 4.0

Roboter in Bewegung bringen

Lisa Weinbeck studiert seit zwei Semestern „Automation – Industrie 4.0“ an der Hochschule Mittweida in Sachsen. Die technikaffine 22-Jährige lernt dort zum Beispiel wie elektronische Geräte und Anlagen programmiert werden.

Schon als Jugendliche stand Lisa Weinbeck gerne mit ihrem Vater in der Garage und schraubte an Rollern und Autos herum. „Mir war früh klar, dass ein Bürojob nichts für mich sein würde, sondern dass ich etwas Handwerkliches machen möchte“, erinnert sie sich. Tatsächlich absolvierte sie nach ihrem Abitur zunächst eine Ausbildung als Werkzeugmechanikerin – und studiert nun im zweiten Semester an der Hochschule (HS) Mittweida.

„In meinem Ausbildungsbetrieb, in dem unter anderem Chipkarten hergestellt werden, war Industrie 4.0 ein großes Thema. Man versuchte, alles zu digitalisieren und die Fertigungsprozesse zu optimieren“, erzählt Lisa Weinbeck. Diese Entwicklung interessierte die 22-Jährige so sehr, dass sie recherchierte, welche Studiengänge sie auf diesen Berufsbereich vorbereiten würden – dabei stieß sie auf den zulassungsfreien Bachelorstudiengang „Automation – Industrie 4.0“ an der HS Mittweida: „Mich hat gereizt, dass Aspekte von Industrie 4.0 mit praxisnaher Anwendung aus der Produktion kombiniert werden.“

Früh einen Schwerpunkt gewählt

Ein Porträt-Foto von Lisa Weinbeck

Lisa Weinbeck

Foto: Kurt Sauer

Im ersten Semester standen Grundlagen in Elektronik, Mathematik, Informatik und Programmierung auf dem Stundenplan. In Werkstofftechnik bekamen die Studierenden einen Überblick über unterschiedliche Werkstoffe, wie diese aufgebaut sind und wie sie verändert werden können. Im Fach Konstruktion lernten sie, wie Maschinen und Brücken (auf-)gebaut sind.

Mit dem zweiten Semester konnte Lisa Weinbeck bereits einen Schwerpunkt wählen. Sie entschied sich für das Fach Entwicklung: „Dabei steht im Mittelpunkt, wie man Fertigungsprozesse automatisieren und Daten entsprechend verarbeiten kann.“ Neben allgemeineren Fächern wie Betriebswirtschaftslehre, Physik und weiterhin Elektronik belegt sie daher auch schwerpunktspezifische Module. „Digitale Technik ist eine Mischung aus Informatik und Elektronik – da bekommen wir sehr praktisch orientierte Aufgaben und müssen etwa ein Programm für ein kleines Gerät schreiben“, berichtet die Studentin. Weitere Themen sind Robotik und Microcontroller. Letztere sind kleine Chips, mit deren Hilfe Geräte gesteuert werden.

Automobilbranche ist das Ziel

„Der Studiengang verknüpft Elemente aus Informatik, Technik und Elektronik. Das muss einen schon interessieren, man muss sehr technikaffin sein“, findet Lisa Weinbeck. Ihr aber macht genau das viel Spaß: „Ich finde es sehr faszinierend, zu lernen, was hinter der Digitaltechnik steckt. Außerdem ist der Bereich der Automatisierung spannend: Wie bekommt man zum Beispiel Roboter dazu, etwas Bestimmtes zu tun?“

Anfangs wird in dem Studium viel Theorie gelehrt, ab dem vierten Semester wird die Studentin dieses Wissen mehr und mehr in der Praxis anwenden. Für ein Praxismodul müssen die Studierenden in einem Unternehmen arbeiten – und werden ermuntert, ihre Abschlussarbeit ebenfalls dort zu schreiben. Diese steht im sechsten und letzten Semester an.

Was sie nach ihrem Abschluss machen möchte, weiß Lisa Weinbeck noch nicht genau. „Ich würde aber gerne anschließend einen passenden Masterstudiengang anhängen“, sagt die 22-Jährige. Denn ihren Wunschjob hat sie bereits im Auge – zumindest vage: „Ich kann mir gut einen Einstieg in der Automobilbranche vorstellen. Das passt bestens zu meinem Studium und meinen Interessen.“

 

Pädagogik der Kindheit

Erst Bundeswehr, dann Kita

Göran Schmidt hatte nach dem Abi zunächst eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr eingeschlagen und sich für zwölf Jahre verpflichtet. Der Herzenswunsch, beruflich mit Kindern zu arbeiten, kristallisierte sich erst später heraus. Heute studiert der 33-Jährige Pädagogik der Kindheit an der Fachhochschule (FH) Erfurt – inklusive Praxissemester im Kindergarten der Deutschen Schule in Barcelona.

Bereits das siebenwöchige Orientierungspraktikum hatte Göran Schmidt im Ausland absolviert: an der Deutschen Schule in Rom. „Ich liebe es zu reisen und wollte für die Praktika meine Komfortzone verlassen“, erklärt er. Da die FH Erfurt ihre Studierenden zu Auslandserfahrungen ermutigt, nutzte er die Chance, sich die Arbeitsweise von Kindheitspädagogen und Erziehern in anderen Ländern anzusehen. Finanzieren konnte er die Aufenthalte über das Förderprogramm Erasmus+ und eigene Ersparnisse.

Im Kindergarten der Deutschen Schule in Barcelona betreute Göran Schmidt während des Praxissemesters beispielsweise die sprachliche Förderung der Vorschulkinder, legte mit den Kindern einen Garten an, kochte und backte mit ihnen und betätigte sich künstlerisch im hauseigenen Atelier. „Mit den Kindern habe ich viel erlebt, das mich in meinem Berufswunsch bestärkt hat“, erzählt er. Auch schaute er sich einiges von seinen Kolleginnen und Kollegen ab: „Ich habe mir neue Spiele und Lieder angeeignet und aus deren Umgang mit den Kindern neue Ideen für mich abgeleitet.“

Darüber hinaus blickte er der Kindergartenleiterin über die Schulter und gewann Einblicke in organisatorische und konzeptionelle Themen. „Die Leitung einer Kindertagesstätte ist eine der beruflichen Möglichkeiten von Kindheitspädagogen. Daher ist ein Einblick in die Praxis in diesem Bereich enorm wichtig“, schildert er.

1.000 Stunden berufliche Praxis

Porträtbild von Göran Schmidt

Göran Schmidt

Foto: privat

„Überhaupt ist der Studiengang sehr praxisorientiert“, sagt Göran Schmidt, der darüber hinaus zwei semesterbegleitende Praktika in einer Montessori-Schule und einer Montessori-Kindertagesstätte in Erfurt absolvierte. Auf insgesamt 1.000 Stunden berufliche Praxis kommen die Studierenden – am Ende erhalten sie neben dem Bachelor of Arts die staatliche Anerkennung als Kindheitspädagogen und -pädagoginnen.

„Das Besondere ist, dass es sich um angeleitete Praktika handelt, das heißt, es gibt immer Ansprechpartner“, erläutert der Student. „Mit ihnen tauscht man sich aus, diskutiert Fälle und reflektiert das Erlebte. Die Reflexionskompetenz zu stärken, also die Fähigkeit, die eigenen praktischen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verknüpfen und daraus Handlungsoptionen abzuleiten, ist eines der zentralen Anliegen des Studiengangs.“

Sechs Modulbereiche in sieben Semestern

Ebenso spielt Praxisnähe in vielen Lehrveranstaltungen eine Rolle. In „Theorie und Praxis des Spiels“ versetzte sich Göran Schmidt beispielsweise in Spielsituationen von Kindern, um zu erfahren, wie kindliches Spiel abläuft und wie Spielen und Lernen zusammenhängen. „Viel mitgenommen habe ich auch aus ‚Kultur, Ästhetik und Medien‘, wo wir mit unterschiedlichen Materialen gebastelt und gebaut haben, aber auch Theaterstücke eingeübt und vor Kindern gespielt.“

Mit der motorischen und sprachlichen Entwicklung von Kindern befassen sich die Studierenden in „Sprache und Bewegung“, in „Kinder- und Jugendhilfe“ geht es um rechtliche Grundlagen wie das Sorgerecht. Wie man Konzepte für Kitas ausarbeitet, erfahren sie in „Organisation und Management“.

Kinderbetreuung bei der Bundeswehr

Weiß Göran Schmidt heute im sechsten Semester, dass er mit Pädagogik der Kindheit den richtigen Studiengang für sich gefunden hat, war er nach dem Abitur im Jahr 2004 nicht so sicher, was er beruflich machen möchte. „Meine beiden Brüder sind zur Bundeswehr gegangen – und ich dann auch“, berichtet der 33-Jährige. Zwölf Jahre verpflichtete er sich, studierte parallel zur Offiziersausbildung Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München. „Das lief gut, aber ich war nicht mit dem Herzen dabei.“

Als Kind wollte er Lehrer werden. Der Wunsch, Kinder zu betreuen, zu unterstützen und anzuleiten, war auch bei der Bundeswehr präsent. Bei der Organisation von Tagen der offenen Tür legte Göran Schmidt auch Wert auf ein gutes Kinderprogramm oder führte Schulklassen durch die Kaserne. Bereits zwei Jahre vor Ablauf seiner Verpflichtung suchte er nach einem ehrenamtlichen Engagement. Fündig wurde er im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Erfurt, wo sich Paare mit pädagogischer Fachkenntnis um eigene und Pflegekinder kümmern. „Ich habe die Familien unterstützt und merkte, ich komme mit den Ein- bis Siebenjährigen super zurecht“, erinnert er sich.

„Männer werden mit offenen Armen empfangen“

Das Ehrenamt konnte er sich bei der Bewerbung an der FH Erfurt zum Teil als Vorpraktikum anrechnen lassen. Acht Wochen in einer kindheitspädagogischen Einrichtung sind Voraussetzung. Im erweiterten Auswahlverfahren des Studiengangs kommen die Abinote, berufliche Vorerfahrung und ein Motivationsschreiben zum Tragen.

Der Studiengang ist klein: Circa 35 Kommilitonen haben mit ihm angefangen, der Männeranteil liegt bei rund 10 Prozent. „Das kann auch ein Vorteil sein: Bei der Praktikumssuche merkte ich, dass Männer mit offenen Armen empfangen werden. Ich persönlich finde gemischte Teams in Kitas wichtig“, sagt Göran Schmidt. Nach seinem Studienabschluss möchte er am liebsten in einer reformpädagogischen Kindertagesstätte arbeiten. Ob in Deutschland oder im Ausland, ist noch offen.

Aus dem Motivationsschreiben von Göran Schmidt:

„Ich möchte Kindern eine glückliche und wunderbare Zukunft ermöglichen, indem ich all meine Talente, Kraft und Stärken dafür einsetze.“

 

Frauenstudiengänge

Traut euch in das MINT-Studium, Mädels!

Seit 1997 sind deutschlandweit sechs Frauenstudiengänge in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern entstanden. In diesen wird ein Teil oder das komplette Studium monoedukativ gestaltet: Frauen studieren dort nur zusammen mit anderen Frauen. Das soll Hemmschwellen vor der männlichen Konkurrenz senken und der Wirtschaft das Potenzial weiblicher Fachkräfte eröffnen.

Die Wilhelmshavener sind Pioniere in Sachen Frauenstudiengänge. Als erste deutsche Hochschule richtete die Jade Hochschule Wilhelmshaven 1997 das Bachelorstudium „Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen“ ein. „Damals beschäftigte man sich zunehmend mit der Rolle von Frauen in den mathematischen, ingenieurwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen, und technischen Studiengängen, den sogenannten MINT-Fächern“, berichtet Ulrike Schleier, Professorin für Mathematik und Statistik sowie Beauftragte für den Frauenstudiengang an der Hochschule.

Man hatte einerseits festgestellt, dass der Frauenanteil dort sehr niedrig war – „bei uns lag er damals beispielsweise in Wirtschaftsingenieurwesen bei unter fünf Prozent“. Andererseits suchten die Unternehmen nach Absolventen dieser Fächer, männlichen wie weiblichen. „Unser übergeordnetes Ziel war und ist es also, den Frauenanteil in diesem Studiengang zu erhöhen“, sagt die Professorin. Jetzt, zwanzig Jahre später, zeigt sich der Erfolg: Der Anteil der Studentinnen ist tatsächlich gestiegen und das nicht nur in dem Frauenstudiengang selbst, sondern auch im gemischten – koedukativen – Zweig, der parallel dazu läuft.

Sicheres Studienumfeld für Frauen

Porträtbild von Ulrike Schleier

Ulrike Schleier

Foto: Marie Czubinzki

Der Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen für Frauen umfasst sieben Semester. Das letzte absolvieren die Studentinnen als Praxisphase in einem Unternehmen, um dort ihre Bachelorarbeit zu schreiben. An der Jade Hochschule sind allerdings – im Gegensatz etwa zum Frauenstudiengang „Informatik und Wirtschaft für Frauen“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin – nur die ersten drei Semester monoedukativ. „Das hört sich wenig an, ist aber für die Studentinnen sehr bedeutsam“, sagt Ulrike Schleier.

Sie erklärt die Vorteile dieses Systems: „Wir wissen aus den USA und aus Frankreich, dass junge Frauen in reinen Frauenhochschulen zufriedener und selbstbewusster sind, weil sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Lehrkräfte erhalten. Außerdem können wir in einer Frauengruppe männliche und weibliche Rollenbilder aus dem Lehr- und Lernprozess heraushalten.“ So können gewisse Situationen vermieden werden – etwa, dass ein Student seiner Kommilitonin ungefragt seine Hilfe im Praktikum aufdrängt oder umgekehrt, dass sich junge Frauen auf die Hilfe von Männern verlassen.

In den sechs Frauenstudiengängen sollen zudem das Arbeiten in kleinen Gruppen, verstärkt kommunikative Veranstaltungen, Mentoring-Programme, Kooperationen mit der Wirtschaft und Kinderbetreuungsangebote ein sicheres akademisches und soziales Umfeld bilden. (In „Selbstbewusste Fachfrau für die IT-Branche“ erzählt eine Studentin, wie sie die Vorteile des Frauenstudiengangs erlebt hat.)

Gleiche Bedingungen für alle

Ulrike Schleier unterstreicht dabei, dass im Frauenstudiengang in Wilhelmshaven die gleichen Inhalte gelehrt werden wie im koedukativen Studiengang. „Manchmal wird unterstellt, wir würden die Anforderungen dort senken, um Frauen einen Abschluss zu ermöglichen. Das ist falsch.“

Auch die Anforderungen an Studienanfänger sind bei beiden Zweigen gleich, nämlich „Neugier, Lernbereitschaft und ein gutes Schulwissen in den relevanten Fächern. Wir erwarten weder technisch noch wirtschaftlich besondere Vorkenntnisse, sondern fangen bei Null an“, erklärt die Professorin.

„Kein Angriff auf die Gleichberechtigung“

Der Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Jade Hochschule hat in den vergangenen zwanzig Jahren viele Absolventinnen hervorgebracht, die gut ins Berufsleben gestartet sind (Erfahre mehr über einen erfolgreichen Berufseinstieg in „Leichter Berufseinstieg dank Frauenstudiengang“.) Das macht die Organisatoren selbstbewusst.

Es gibt aber auch Kritik an dem Konzept: „Viele Menschen sehen es berechtigterweise als Fortschritt für die Gleichberechtigung, dass – anders als in früheren Jahrhunderten – heutzutage beide Geschlechter gemeinsam lernen“, räumt Ulrike Schleier ein, fügt aber an: „Manche setzen sich jedoch nicht damit auseinander, dass geschlechtergetrenntes Lernen trotzdem in einigen Situationen sinnvoll sein kann. Sie empfinden Monoedukation fälschlich als Angriff auf die Gleichberechtigung, weil sie ihrer Meinung nach Frauen als schutzbedürftig dastehen lässt.“

Ein weiterer Vorwurf ist, dass Frauenstudiengänge Männer diskriminieren würden – ist das Angebot überhaupt rechtmäßig? „Darauf gibt es keine rechtssichere Antwort“, meint die Wilhelmshavener Professorin. Dies wäre erst dann der Fall, wenn dazu ein Gerichtsurteil ergangen wäre. Aus ihrer Sicht seien Frauenstudiengänge zulässig, weil sie die freie Berufswahl der Männer nicht einschränken: „Es existieren ja parallel Studiengänge derselben Fachrichtung auch für Männer. Mit den Frauenstudiengängen nehmen die Hochschulen den Männern also nichts weg, sondern sie bieten zusätzlich etwas für Frauen an.“

Unterstützung aus der Wirtschaft

Rückendeckung für die Hochschulen mit Frauenstudiengängen kommt auch aus der Wirtschaft, etwa vom größten Branchenverband der digitalen Wirtschaft, Bitkom. Dieser untersuchte 2016 in einer Studie, wie sinnvoll das monoedukative Modell ist. Natalie Barkei, Bitkom-Projektmanagerin Smart School/Digital Women, betont aus diesen Erkenntnissen heraus, wie wichtig Frauenstudiengänge sein können: „Vielen jungen Frauen fehlt der Mut, sich zum Beispiel für ein Informatikstudium zu entscheiden. Sie denken, dass man technische Vorkenntnisse mitbringen müsse, oder sie unterschätzen ihre Fähigkeiten. Daher kann ein Studium speziell für Frauen ein sinnvoller Ansatz sein.“

Natalie Barkei ist überzeugt, dass weibliche Absolventen in der IT-Branche die gleichen Chancen haben wie männliche, wenn sie dieselben Abschlüsse mitbringen. „Es fehlen deutschlandweit rund 50 000 Fachkräfte in dieser Branche – gute Aussichten also für Männer wie Frauen.“

Bald sieben Frauenstudiengänge

Neben der Jade Hochschule Wilhelmshaven bieten in Deutschland derzeit noch fünf weitere Hochschulen Frauenstudiengänge an. Dies sind die Fachhochschule Stralsund mit „Wirtschaftsingenieurwesen“, die Hochschule Bremen mit dem „Internationalen Frauenstudiengang Informatik“, die Hochschule Furtwangen mit „Wirtschaftsnetze/eBusiness“, die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit „Informatik und Wirtschaft für Frauen“ und die Ernst-Abbe-Hochschule Jena mit „Elektrotechnik/Informationstechnik“ (Mehr zu den Angeboten erfährst du in „Zahlen und Fakten zu Frauenstudiengängen in Deutschland“.).

Ein weiteres Angebot steht in den Startlöchern: Die Hochschule Ruhr West wird ihren bestehenden Studiengang Maschinenbau ab dem Wintersemester 2018/19 auch im monoedukativen Modell anbieten.

Mehr Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild.

www.berufenet.arbeitsagentur.de

JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.

www.studienwahl.de

Bitkom

Deutscher Branchenverband der digitalen Wirtschaft, der sich für innovative Wirtschaftspolitik, die Modernisierung des Bildungssystems und eine zukunftsorientierte Netzpolitik einsetzt.

www.bitkom.org

Bitkom-Studie zu Frauenstudiengängen (PDF)

www.bitkom.org/noindex/Publikationen/2016/Sonstiges/MINT-Frauenstudiengaenge-in-Deutschland/160419-MINT-Frauenstudiengaenge-Uebersicht.pdf

Scientifica

Portal für Frauen in Wissenschaft und Technik in Baden-Württemberg mit Informationen rund um Frauenstudiengänge

www.scientifica.de/bildungsangebote/frauenstudiengaenge

 

Museologe

Geschichte trifft IT

Als Museologe kümmert sich Alexander Woßeng (31) um die Erschließung und Verwaltung der Bestände des Landesmuseums Koblenz. Dabei läuft jede Menge digital ab.

Der Arbeitsplatz von Alexander Woßeng dürfte wohl der Traum vieler Museologen und Historiker sein: Auf der Festung Ehrenbreitstein, am Rand des Westerwalds gelegen, betreut der 31-Jährige einen Teil des kulturellen Erbes Rheinland-Pfalz. Das technische Landesmuseum Koblenz, in dem er seit fünf Jahren als Museologe arbeitet, beherbergt verschiedene Objekte aus der Wirtschafts- und Technikgeschichte – von der Nähmaschine bis zum Horch-Automobil.

Alexander Woßeng ist für die Erschließung und Inventarisierung der Museumsbestände zuständig. Und wenn ein anderes Museum ein Objekt des Landesmuseums ausleihen will oder umgekehrt, kümmert er sich um die Abwicklung. Auch an der Koordinierung und Betreuung von Ausstellungen ist er beteiligt, wozu die Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen des Museums, zum Beispiel mit der Museumspädagogik oder der Technik, gehört. „Das macht die Arbeit sehr abwechslungsreich. Spannend finde ich auch, dass ich mich durch neue Ausstellungen und Projekte immer wieder in neue Themen vertiefen kann.“

Museum im Netz

Ein Porträt-Foto von Alexander Woßeng

Alexander Woßeng

Foto: U. Pfeuffer

Die Digitalisierung macht auch vor den ehrwürdigen, jahrhundertealten Mauern der Festung nicht halt. Gerade führt das Landesmuseum ein neues Museumsmanagementsystem ein, in dem alle Bestände digital erfasst werden sollen. „Es gibt zwar bereits ein System, das umfasst aber nicht alle Objekte. Deshalb ist eine komplette Reinventarisierung notwendig. Jedes einzelne Objekt wird mit einem Foto und einer Beschreibung dokumentiert. Dazu gehören Informationen wie Hersteller, Maße oder Material.“ Die Digitalisierung des gesamten Bestands soll sowohl die Suche und Recherche nach Objekten als auch den Leihverkehr vereinfachen. „Später soll die Datenbank im Netz nicht nur anderen Museumseinrichtungen, sondern auch allen Bürgern zur Verfügung stehen“, erklärt Alexander Woßeng.

Auch in den Ausstellungen, die das Museum zeigt, steckt jede Menge Technik. „In unserer aktuellen Ausstellung zu Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einem der Begründer der modernen Genossenschaftsidee, gibt es verschiedene digitale Mitmach-Elemente. Zum Beispiel ein digitales Gästebuch, in das sich Besucher eintragen können. Technisch basiert es auf einer Datenbank, um deren Pflege ich mich kümmere.“

Umzug für den Job

Wie Datenbanken funktionieren, damit hat sich der 31-Jährige schon in seinem Museologie-Studium an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig beschäftigt. Neben dem Aufbau und der Konservierung von Sammlungen liegt ein Schwerpunkt des Studiengangs auf der technischen Dokumentation und Verwaltung von Museumsobjekten. „In vielen Praxisprojekten und meinem Praxissemester habe ich einen guten Einblick in den Arbeitsalltag eines Museologen bekommen.“

Nach seinem Bachelorabschluss arbeitete er zunächst im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, wo er im Rahmen des Praxissemesters bereits ein fünfmonatiges Praktikum absolviert hatte. Als der befristete Arbeitsvertrag endete, bewarb sich der gebürtige Leipziger auf ausgeschriebene Museologenstellen in ganz Deutschland. „Mir war klar, dass ich bereit sein muss, für den Job umzuziehen, denn die Anzahl der Stellen im Kultursektor ist begrenzt.“ Als Mitglied in der Fachgruppe Dokumentation im deutschen Museumsbund tauscht sich der Museologe regelmäßig mit Kollegen aus anderen Häusern aus: „Auch hier ist das Topthema die Digitalisierung und welche neuen Möglichkeiten sich dadurch bei der Erschließung und Aufbereitung von historischen Objekten ergeben.“

 

Fluggerätelektronikerin

Jedes Teil ist wichtig

Nach ihrer Ausbildung zur Kommunikationselektronikerin wendete sich Kathrin Hawich den Luftfahrzeugen zu. Heute betreut die 33-Jährige mit ihren Kollegen unter anderem Hubschrauber und Flugzeuge der Bundeswehr.

Naturwissenschaften haben ihr schon in der Schule Spaß gemacht. In einem Schulpraktikum lernte Kathrin Hawich ihren späteren Ausbildungsbetrieb kennen: eine zivile Ausbildungsstätte der Bundeswehr, wo sie die damals noch angebotene Ausbildung zur Kommunikationselektronikerin mit der Fachrichtung Funktechnik durchlief. „Während die anderen Azubis Ferien machten, habe ich ein Praktikum beim Luftfahrtunternehmen Eurowings absolviert – da wurde mein Interesse für Flugzeuge geweckt“, erinnert sich die heute 33-Jährige.

Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie am Heeresfliegerstandort der Bundeswehr im nordrhein-westfälischen Rheine im Bereich Luftfahrzeugelektronik. Weitergebildet hat sie sich währenddessen zur Industriemeisterin im Bereich Luftfahrttechnik sowie zur Industriemeisterin der Fachrichtung Elektrotechnik. Als ihre zwölfjährige Laufzeit als Zeitsoldatin fast vorüber war, wechselte sie zum Unternehmen ESG Elektroniksystem und Logistik GmbH in Fürstenfeldbruck in Bayern. „Wir betreuen unter anderem die Luftfahrzeuge der Bundeswehr – vom Hubschrauber über den Tornado bis zu unbemannten Fluggeräten“, erklärt Kathrin Hawich. Müssen Geräte, die in diesen Luftfahrzeugen verbaut sind, instandgesetzt werden, koordiniert das Unternehmen die anfallenden Aufgaben.

Von der Schraube bis zum Rotorblatt

Ein Porträt-Foto von Kathrin Hawich

Kathrin Hawich

Foto: privat

In den vergangenen zwei Jahren hat sich Kathrin Hawich vor allem um die Stammdaten der Bundeswehr gekümmert, die auf ein SAP-System umgestellt werden sollten. „Stammdaten umfassen alle Informationen zu den Teilen in einem Fluggerät, von der Schraube über das Funkgerät bis zum Rotorblatt“, erklärt sie. Wie teuer ist das Teil, wie muss es bei der Anlieferung verpackt sein, wer ist der Bearbeiter, welche Alternativen gibt es, wenn es nicht mehr verfügbar ist? Für diese Arbeit besucht die Elektronikerin häufig Kunden, um sich die Teile vor Ort anzuschauen und die Informationen in die jeweilige SAP-Datenbank einzupflegen.

Demnächst steht für die 33-Jährige ein neues Projekt an: Die ESG hat entschieden, ganze Gerätepakete für die Instandsetzung zu übernehmen statt wie bisher nur einzelne Teile. „Ich werde mich um das Projekt Radarhöhenmesser kümmern und bin damit wieder näher dran am Thema Elektronik“, berichtet Kathrin Hawich.

In Zukunft wird sie unter anderem Ersatzteile für die Radarhöhenmesser beschaffen, Prüfgeräte für die Instandsetzung besorgen, sie kalibrieren lassen und das gesamte Projekt als Teil des Projektteams betreuen. Ihr Ziel ist es, irgendwann einmal das Projektmanagement für die entwicklungstechnische Betreuung von Luftfahrzeugen der Bundeswehr zu übernehmen. Daher absolviert sie derzeit parallel zu ihrer Arbeit ein Studium in Business Administration, um sich weitere notwendige Kenntnisse in Sachen Projektmanagement anzueignen.

An der Schnittstelle zwischen Technik und Mechanik

Wer im Bereich Fluggerätelektronik arbeiten möchte, sollte laut Kathrin Hawich nicht nur Interesse an Technik, sondern auch an der Mechanik haben. „Die Schnittstellen zwischen den beiden Bereichen werden immer größer“, lautet ihre Einschätzung. Da sich unter den Luftfahrzeugen der Bundeswehr sowohl ältere als auch sehr moderne Geräte befinden, muss man sich mit herkömmlicher Elektronik über Kabel auskennen sowie mit rechnergesteuerter Elektronik.

Hin und wieder macht man sich bei der Arbeit die Finger schmutzig. „Und nicht zuletzt sollte man sich natürlich für Flugzeuge und alles, was fliegt, interessieren“, meint Kathrin Hawich. Bei ihr geht die Liebe zum Fliegen so weit, dass sie mittlerweile passionierte Fallschirmspringerin ist. 

 

Start-up

„Die Angst vor dem Risiko nehmen“

Wer hat das Zeug zum Gründer? Und wie funktioniert ein Start-up? Das hat abi» Veronika Schweighart (30) gefragt, die bereits zwei Start-ups mitgegründet hat und derzeit mit zwei ehemaligen Kommilitonen die Medizin-IT-Firma Climedo Health in München aufbaut.

abi>> Frau Schweighart, was macht Climedo Health?

Veronika Schweighart: Wir entwickeln eine intelligente Forschungsplattform für die schnellere Einführung moderner Krebstherapien. Sie kommt bereits in großen deutschen Unikliniken wie der Charité in Berlin zum Einsatz. Dort wird unter anderem an personalisierten Therapien geforscht. Mit diesen könnten künftig Krebspatienten ganz individuell behandelt werden, um den Therapieerfolg maßgeblich zu erhöhen und Nebenwirkungen zu reduzieren.

abi>> Wie funktioniert Ihre Datenbank?

Veronika Schweighart: Sie ist wie ein digitaler Assistent, der den forschenden Arzt Schritt für Schritt durch den Studien- und Behandlungsprozess begleitet. Zu Beginn stellt der Studienleiter im Baukastenprinzip einen Therapieplan auf. Dieser könnte lauten: Patient in der Klinik aufnehmen, Erstuntersuchung durchführen, Blutprobe entnehmen, Blutprobe im Labor analysieren, individuelle Therapie vorbereiten und so weiter. Dann gibt der Studienleiter den digitalen Plan allen Beteiligten frei, etwa den behandelnden Ärzten, dem Klinikpersonal und dem Labor. Am Computer – bald auch in einer App – wird dann jedem der Beteiligten angezeigt, was er zu tun hat. Anschließend kann er seine jeweiligen Daten direkt in der Datenbank eingeben und verwalten.

abi>> Was sind die Vorteile dieses Systems?

Ein Porträtbild von Veronika Schweighart

Veronika Schweighart

Foto: privat

Veronika Schweighart: Die Beteiligten, allen voran der Studienleiter, haben stets den Überblick über alle Behandlungsschritte und den aktuellen Stand, was die Zusammenarbeit erleichtert. Die Daten werden strukturiert erhoben und direkt von unserem Tool auf Plausibilität gecheckt. Außerdem: Wenn aufgrund der Daten klar ist, dass der Patient zum Beispiel an akuter Blutarmut leidet und dringend einen Blutbeutel erhalten muss, wird sofort eine automatische Warnung ausgelöst.

abi>> Wie kam es zur Idee für die Gründung von Climedo Health?

Veronika Schweighart: Bisher fehlt diese Art der intelligenten und nutzerfreundlichen Behandlungsplattform im medizinischen Bereich. Meine ehemaligen Kommilitonen und jetzigen Mitgründer Dragan Mileski und Sascha Ritz hatten im familiären Umfeld schlechte Erfahrungen mit Fehldiagnosen und ineffektiven Behandlungen gemacht, die durch Tools wie Climedo verringert werden könnten. Ein Jahr nach der ersten Idee waren die beiden auf der Suche nach einem dritten Gründungsmitglied. Ich brachte bereits unternehmerische Erfahrung aus meiner ersten Mitgründung des Software-Start-ups Nuclino mit, das eine Art Wikipedia für Unternehmen anbietet. Außerdem hat mich das Thema persönlich ergriffen: Ein enges Familienmitglied von mir litt als Kind an Leukämie und ich bekam hautnah mit, wie kräftezehrend die Chemotherapie und ihre Nebenwirkungen für den Patienten sind. Wenn ich dazu beitragen kann, solches Leid künftig zu mindern, geht ein lang gehegter Wunsch für mich in Erfüllung: mein Studium der Betriebswirtschaftslehre als Werkzeug zu nutzen, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen.

abi>> Und was sind konkret Ihre Aufgaben im Start-up?

Veronika Schweighart: Ich bin als Chief Operating Officer (COO) für das operative Geschäft und die Organisation des Betriebs zuständig, unter anderem etwa für Finanzen und Personal. Um unsere Datenbank stetig weiterzuentwickeln, suchen wir aktuell nach zwei zusätzlichen Softwareentwicklern; bis Ende 2019 wollen wir 10 bis 15 Mitarbeiter beschäftigen. Bisher arbeiten insgesamt fünf Mitarbeiter bei uns in Vollzeit. Sascha Ritz ist insbesondere für Vertrieb und Business Development zuständig, Dragan Mileski und Benjamin Sauer für die Softwareentwicklung, und Marius Tippkötter für das Produktmanagement. Dazu kommen ein Praktikant und eine Masterandin. In einem so kleinen Team packt aber ohnehin jeder dort an, wo es etwas zu tun gibt. Als Mitgründerin bin ich in alle strategischen Themen eingebunden, etwa die Finanzierung. Wir sind uns gegenseitig Sparringpartner, um neue Ideen zu besprechen, Ziele festzulegen und Entscheidungen zu treffen.

abi>> Kamen im Gründungsprozess auch Schwierigkeiten auf?

Veronika Schweighart: Es wird oft hinterfragt, dass bisher keines unserer Teammitglieder einen medizinischen Hintergrund hat. Doch wir können, weil wir von außen kommen, unvoreingenommen und strukturiert an das Thema rangehen. Wir maßen uns nicht an, etwas „besser zu wissen“, sondern erfragen uns von vielen verschiedenen Experten das Fachwissen. Es ist daher extrem wichtig, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen.

abi>> Wie wichtig ist es dabei aus Ihrer Sicht, in einem geschlechtergemischten Team zu arbeiten?

Veronika Schweighart: Sehr wichtig! Diversität eröffnet unterschiedliche und auch neue Perspektiven. Wenn ich aber bei Veranstaltungen für Hightech-Start-ups die einzige oder eine von nur wenigen Frauen unter lauter Männern bin, finde ich das bedenklich. Ich bin eine Verfechterin für mehr Frauen in Führungspositionen – und das nicht nur der Frauen wegen. Ich hoffe, dass gemischte Teams bald selbstverständlich sind. Bis dahin setze ich mich für dieses Anliegen ein.

abi>> Das tun Sie ja zum Beispiel, indem Sie als Gründerin mit Studierenden netzwerken und sich in Workshops einbringen. Ein solcher Workshop, in dem BWL-Studierende Businesspläne erstellten und Sie sie darin unterstützten, war in eine Studie zu Vorbildeffekten bei der Unternehmungsgründung (siehe Infokasten) eingebunden …

Veronika Schweighart: Ich wusste damals nicht, dass ich Teil dieser Studie bin – was ja wichtig ist, um nicht voreingenommen zu agieren. Später habe ich erfahren, dass die Studierenden je einen Fragebogen vor und nach dem Workshop ausfüllen und unter anderem angeben sollten, wie geneigt sie sind, eine eigene Firma zu gründen.

abi>> Die wichtigste Erkenntnis der Studie war, dass sich Studentinnen eine Gründung eher zutrauen, wenn sie mit einem weiblichen Vorbild zusammengearbeitet hatten – das galt umgekehrt für Studenten und männliche Gründer. Überrascht Sie das?

Veronika Schweighart: Ich dachte mir durchaus, dass die Zusammenarbeit mit Gründern die Studierenden bestärkt – die Erfahrung hatte ich als Studentin selbst gemacht. Ich hätte aber nicht erwartet, dass dieser Einfluss geschlechterspezifisch ist.

abi>> Konnten Sie in diesem Workshop selbst Unterschiede zwischen Studentinnen und Studenten feststellen?

Veronika Schweighart: Ja, in der gemischten Gruppe traten die jungen Frauen zurückhaltender auf als ihre männlichen Kommilitonen – das habe ich bereits in ähnlichen Situationen erlebt. Als es dann aber an die Ausarbeitung des Businessplans ging, haben sie sich genauso ins Zeug gelegt.

abi>> Als Gründer muss man aber nicht nur eine gute Idee haben, sondern auch Mut und Durchsetzungsvermögen. Sind Frauen da im Nachteil?

Veronika Schweighart: Ich habe von einem Treffen zum Thema Unternehmensgründung noch den Satz einer Studentin im Kopf: „Ich bin ein zu großer Schisser, um Gründerin zu werden.“ Der hat mich nachdenklich gestimmt. Klar, es bedeutet viel Verantwortung, zu gründen – und man kann auch scheitern. Aber heutzutage wird diese Risikobereitschaft von Arbeitgebern honoriert, sie stärkt das eigene Profil. Deshalb möchte ich jungen Menschen gerne die Angst vor dem Risiko nehmen – auch unabhängig vom Geschlecht.

abi>> Welche Tipps können Sie Abiturienten geben, die noch mitten in der Berufswahl stecken?

Veronika Schweighart: Lass dich nicht in eine Schublade stecken – und tue das auch selbst nicht! Frage dich lieber, was dir wichtig ist und was du erreichen willst, und lote dazu verschiedene Wege aus. Denn wenn du dich zum Beispiel beruflich für Menschen einsetzen möchtest, ist das nicht nur im sozialen Bereich möglich. Meine Erfahrung zeigt: Auch – oder besonders – als Ingenieurin, Informatikerin oder BWLerin kann man sozialen Impact ausüben.

Steckbrief

Veronika Schweighart (30) hat den Bachelorstudiengang Global Business Management an der Universität Augsburg und den Masterstudiengang Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München absolviert. Außerdem nahm sie am Studienprogramm „Technology Management“ des Center for Digital Technology and Management teil, einer Einrichtung der LMU und der Technischen Universität München – dort lernte sie ihre beiden Gründerkollegen von Climedo Health kennen, wo sie heute Chief Operating Officer ist. Zuvor hatte sie das Start-up Nuclino mitgegründet und war dort knapp zweieinhalb Jahre lang als Chief Operating Officer tätig.


Studie

„Yes I can! – A Field Experiment on Female Role Model Effects in Entrepreneurship“ heißt die 2018 veröffentlichte Studie der Wissenschaftlerinnen Laura Rosendahl Huber und Laura Bechthold. Sie ließen mehr als 500 BWL-Studierende in gemischten Teams und unter Anleitung von Gründerinnen und Gründern eigene Businesspläne erstellen. Es zeigte sich: Arbeitete eine Studentin mit einer Gründerin zusammen, neigt sie eher dazu, sich selbst eine Unternehmungsgründung zuzutrauen – dasselbe galt umgekehrt für die männlichen Kommilitonen, wenn sie mit Gründern kooperierten. Dieser Effekt wurde damit erstmals wissenschaftlich nachgewiesen.
www.journals.aom.org/doi/abs/10.5465/AMBPP.2018.209


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Stand: 22.09.2019