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„Die Angst vor dem Risiko nehmen“

Die drei Gründer des Start-ups "Climedo Health" Veronika Schweighart, Dragan Mileski und Sascha Ritz.
Mit ihrem Start-up „Climedo Health“ bringen die drei Gründer Dragan Mileski (stehend), Veronika Schweighart und Sascha Ritz eine intelligente Forschungsplattform auf den Markt. Das Arbeiten in gemischten Teams ist aus Sicht von Veronika Schweighart extrem wichtig.
Foto: Bastian Rieder

Start-up

„Die Angst vor dem Risiko nehmen“

Wer hat das Zeug zum Gründer? Und wie funktioniert ein Start-up? Das hat abi» Veronika Schweighart (30) gefragt, die bereits zwei Start-ups mitgegründet hat und derzeit mit zwei ehemaligen Kommilitonen die Medizin-IT-Firma Climedo Health in München aufbaut.

abi>> Frau Schweighart, was macht Climedo Health?

Veronika Schweighart: Wir entwickeln eine intelligente Forschungsplattform für die schnellere Einführung moderner Krebstherapien. Sie kommt bereits in großen deutschen Unikliniken wie der Charité in Berlin zum Einsatz. Dort wird unter anderem an personalisierten Therapien geforscht. Mit diesen könnten künftig Krebspatienten ganz individuell behandelt werden, um den Therapieerfolg maßgeblich zu erhöhen und Nebenwirkungen zu reduzieren.

abi>> Wie funktioniert Ihre Datenbank?

Veronika Schweighart: Sie ist wie ein digitaler Assistent, der den forschenden Arzt Schritt für Schritt durch den Studien- und Behandlungsprozess begleitet. Zu Beginn stellt der Studienleiter im Baukastenprinzip einen Therapieplan auf. Dieser könnte lauten: Patient in der Klinik aufnehmen, Erstuntersuchung durchführen, Blutprobe entnehmen, Blutprobe im Labor analysieren, individuelle Therapie vorbereiten und so weiter. Dann gibt der Studienleiter den digitalen Plan allen Beteiligten frei, etwa den behandelnden Ärzten, dem Klinikpersonal und dem Labor. Am Computer – bald auch in einer App – wird dann jedem der Beteiligten angezeigt, was er zu tun hat. Anschließend kann er seine jeweiligen Daten direkt in der Datenbank eingeben und verwalten.

abi>> Was sind die Vorteile dieses Systems?

Ein Porträtbild von Veronika Schweighart

Veronika Schweighart

Foto: privat

Veronika Schweighart: Die Beteiligten, allen voran der Studienleiter, haben stets den Überblick über alle Behandlungsschritte und den aktuellen Stand, was die Zusammenarbeit erleichtert. Die Daten werden strukturiert erhoben und direkt von unserem Tool auf Plausibilität gecheckt. Außerdem: Wenn aufgrund der Daten klar ist, dass der Patient zum Beispiel an akuter Blutarmut leidet und dringend einen Blutbeutel erhalten muss, wird sofort eine automatische Warnung ausgelöst.

abi>> Wie kam es zur Idee für die Gründung von Climedo Health?

Veronika Schweighart: Bisher fehlt diese Art der intelligenten und nutzerfreundlichen Behandlungsplattform im medizinischen Bereich. Meine ehemaligen Kommilitonen und jetzigen Mitgründer Dragan Mileski und Sascha Ritz hatten im familiären Umfeld schlechte Erfahrungen mit Fehldiagnosen und ineffektiven Behandlungen gemacht, die durch Tools wie Climedo verringert werden könnten. Ein Jahr nach der ersten Idee waren die beiden auf der Suche nach einem dritten Gründungsmitglied. Ich brachte bereits unternehmerische Erfahrung aus meiner ersten Mitgründung des Software-Start-ups Nuclino mit, das eine Art Wikipedia für Unternehmen anbietet. Außerdem hat mich das Thema persönlich ergriffen: Ein enges Familienmitglied von mir litt als Kind an Leukämie und ich bekam hautnah mit, wie kräftezehrend die Chemotherapie und ihre Nebenwirkungen für den Patienten sind. Wenn ich dazu beitragen kann, solches Leid künftig zu mindern, geht ein lang gehegter Wunsch für mich in Erfüllung: mein Studium der Betriebswirtschaftslehre als Werkzeug zu nutzen, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen.

abi>> Und was sind konkret Ihre Aufgaben im Start-up?

Veronika Schweighart: Ich bin als Chief Operating Officer (COO) für das operative Geschäft und die Organisation des Betriebs zuständig, unter anderem etwa für Finanzen und Personal. Um unsere Datenbank stetig weiterzuentwickeln, suchen wir aktuell nach zwei zusätzlichen Softwareentwicklern; bis Ende 2019 wollen wir 10 bis 15 Mitarbeiter beschäftigen. Bisher arbeiten insgesamt fünf Mitarbeiter bei uns in Vollzeit. Sascha Ritz ist insbesondere für Vertrieb und Business Development zuständig, Dragan Mileski und Benjamin Sauer für die Softwareentwicklung, und Marius Tippkötter für das Produktmanagement. Dazu kommen ein Praktikant und eine Masterandin. In einem so kleinen Team packt aber ohnehin jeder dort an, wo es etwas zu tun gibt. Als Mitgründerin bin ich in alle strategischen Themen eingebunden, etwa die Finanzierung. Wir sind uns gegenseitig Sparringpartner, um neue Ideen zu besprechen, Ziele festzulegen und Entscheidungen zu treffen.

abi>> Kamen im Gründungsprozess auch Schwierigkeiten auf?

Veronika Schweighart: Es wird oft hinterfragt, dass bisher keines unserer Teammitglieder einen medizinischen Hintergrund hat. Doch wir können, weil wir von außen kommen, unvoreingenommen und strukturiert an das Thema rangehen. Wir maßen uns nicht an, etwas „besser zu wissen“, sondern erfragen uns von vielen verschiedenen Experten das Fachwissen. Es ist daher extrem wichtig, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen.

abi>> Wie wichtig ist es dabei aus Ihrer Sicht, in einem geschlechtergemischten Team zu arbeiten?

Veronika Schweighart: Sehr wichtig! Diversität eröffnet unterschiedliche und auch neue Perspektiven. Wenn ich aber bei Veranstaltungen für Hightech-Start-ups die einzige oder eine von nur wenigen Frauen unter lauter Männern bin, finde ich das bedenklich. Ich bin eine Verfechterin für mehr Frauen in Führungspositionen – und das nicht nur der Frauen wegen. Ich hoffe, dass gemischte Teams bald selbstverständlich sind. Bis dahin setze ich mich für dieses Anliegen ein.

abi>> Das tun Sie ja zum Beispiel, indem Sie als Gründerin mit Studierenden netzwerken und sich in Workshops einbringen. Ein solcher Workshop, in dem BWL-Studierende Businesspläne erstellten und Sie sie darin unterstützten, war in eine Studie zu Vorbildeffekten bei der Unternehmungsgründung (siehe Infokasten) eingebunden …

Veronika Schweighart: Ich wusste damals nicht, dass ich Teil dieser Studie bin – was ja wichtig ist, um nicht voreingenommen zu agieren. Später habe ich erfahren, dass die Studierenden je einen Fragebogen vor und nach dem Workshop ausfüllen und unter anderem angeben sollten, wie geneigt sie sind, eine eigene Firma zu gründen.

abi>> Die wichtigste Erkenntnis der Studie war, dass sich Studentinnen eine Gründung eher zutrauen, wenn sie mit einem weiblichen Vorbild zusammengearbeitet hatten – das galt umgekehrt für Studenten und männliche Gründer. Überrascht Sie das?

Veronika Schweighart: Ich dachte mir durchaus, dass die Zusammenarbeit mit Gründern die Studierenden bestärkt – die Erfahrung hatte ich als Studentin selbst gemacht. Ich hätte aber nicht erwartet, dass dieser Einfluss geschlechterspezifisch ist.

abi>> Konnten Sie in diesem Workshop selbst Unterschiede zwischen Studentinnen und Studenten feststellen?

Veronika Schweighart: Ja, in der gemischten Gruppe traten die jungen Frauen zurückhaltender auf als ihre männlichen Kommilitonen – das habe ich bereits in ähnlichen Situationen erlebt. Als es dann aber an die Ausarbeitung des Businessplans ging, haben sie sich genauso ins Zeug gelegt.

abi>> Als Gründer muss man aber nicht nur eine gute Idee haben, sondern auch Mut und Durchsetzungsvermögen. Sind Frauen da im Nachteil?

Veronika Schweighart: Ich habe von einem Treffen zum Thema Unternehmensgründung noch den Satz einer Studentin im Kopf: „Ich bin ein zu großer Schisser, um Gründerin zu werden.“ Der hat mich nachdenklich gestimmt. Klar, es bedeutet viel Verantwortung, zu gründen – und man kann auch scheitern. Aber heutzutage wird diese Risikobereitschaft von Arbeitgebern honoriert, sie stärkt das eigene Profil. Deshalb möchte ich jungen Menschen gerne die Angst vor dem Risiko nehmen – auch unabhängig vom Geschlecht.

abi>> Welche Tipps können Sie Abiturienten geben, die noch mitten in der Berufswahl stecken?

Veronika Schweighart: Lass dich nicht in eine Schublade stecken – und tue das auch selbst nicht! Frage dich lieber, was dir wichtig ist und was du erreichen willst, und lote dazu verschiedene Wege aus. Denn wenn du dich zum Beispiel beruflich für Menschen einsetzen möchtest, ist das nicht nur im sozialen Bereich möglich. Meine Erfahrung zeigt: Auch – oder besonders – als Ingenieurin, Informatikerin oder BWLerin kann man sozialen Impact ausüben.

Steckbrief

Veronika Schweighart (30) hat den Bachelorstudiengang Global Business Management an der Universität Augsburg und den Masterstudiengang Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München absolviert. Außerdem nahm sie am Studienprogramm „Technology Management“ des Center for Digital Technology and Management teil, einer Einrichtung der LMU und der Technischen Universität München – dort lernte sie ihre beiden Gründerkollegen von Climedo Health kennen, wo sie heute Chief Operating Officer ist. Zuvor hatte sie das Start-up Nuclino mitgegründet und war dort knapp zweieinhalb Jahre lang als Chief Operating Officer tätig.


Studie

„Yes I can! – A Field Experiment on Female Role Model Effects in Entrepreneurship“ heißt die 2018 veröffentlichte Studie der Wissenschaftlerinnen Laura Rosendahl Huber und Laura Bechthold. Sie ließen mehr als 500 BWL-Studierende in gemischten Teams und unter Anleitung von Gründerinnen und Gründern eigene Businesspläne erstellen. Es zeigte sich: Arbeitete eine Studentin mit einer Gründerin zusammen, neigt sie eher dazu, sich selbst eine Unternehmungsgründung zuzutrauen – dasselbe galt umgekehrt für die männlichen Kommilitonen, wenn sie mit Gründern kooperierten. Dieser Effekt wurde damit erstmals wissenschaftlich nachgewiesen.
www.journals.aom.org/doi/abs/10.5465/AMBPP.2018.209

abi>> 11.03.2019