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Tschüss, Klischee!

Auf dem Foto sind zwei angehende Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik zu sehen, eine Frau und ein Mann.
Gemischte Teams: Männer und Frauen ergänzen sich auch im Berufsalltag gut.
Foto: Tom Pingel

Typisch Frau, typisch Mann?

Tschüss, Klischee!

Noch immer lassen sich junge Frauen und Männer von Geschlechterklischees und Rollenerwartungen einschränken und sich dabei in ihrer Berufswahl beeinflussen. Dabei stehen beiden Geschlechtern viel mehr Möglichkeiten offen, die es zu entdecken gilt.

Jahr für Jahr führen dieselben Berufe die Liste der beliebtesten Ausbildungen an. Bei den Männern sind das dem aktuellen Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zufolge etwa Kfz-Mechatroniker, Industriemechaniker oder Elektroniker; bei den Frauen beispielsweise Kauffrau für Büromanagement, Kauffrau im Einzelhandel oder Medizinische Fachangestellte. „Mehr als die Hälfte der Mädchen wählt einen aus nur zehn Berufen im dualen Ausbildungssystem. Dabei ist das Berufswahlspektrum um ein Vielfaches größer: Es gibt in Deutschland weit über 300 duale Ausbildungsberufe“, sagt Jennifer Reker vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V.

Ein Porträt-Foto von Jennifer Reker

Jennifer Reker

Foto: Privat

Bei den Studiengängen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Dem Statistischen Bundesamt zufolge entschieden sich junge Frauen im Wintersemester 2014/15 in erster Linie für Studiengänge wie Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Germanistik, Pädagogik, Psychologie und Soziale Arbeit. Männer hingegen schrieben sich vorrangig für naturwissenschaftlich-technische Studiengänge wie Maschinenbau, Informatik, Elektrotechnik oder Wirtschaftsingenieurwesen ein, wobei die Liste jedoch – wie bei den Frauen – von den Wirtschaftswissenschaften angeführt wurde.

Ein realistischeres Bild der Berufswelt vermitteln

„Junge Menschen lassen sich bei ihrer Berufswahl noch viel zu oft von Stereotypen leiten“, stellt Heidi Holzhauser, Leiterin des Kompetenzzentrums Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit, fest. „Eine wichtige Aufgabe von Initiativen wie dem Girls’Day oder Boys’Day ist es deshalb, den Mädchen und Jungen ein realistischeres und von Rollenklischees unabhängiges Bild der Berufswelt zu vermitteln.“

Ein Porträt-Foto von Heidi Holzhauser

Heidi Holzhauser

Foto: Privat

Image und Realität klaffen häufig weit auseinander. So glauben laut dem MINT-Nachwuchsbarometer 2015 der Körber-Stiftung beispielsweise 61 Prozent der Schülerinnen und Schüler, dass man in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) wenig mit Menschen zu tun hat. Die Erfahrung von MINT-Auszubildenden ist aber eine andere: Lediglich 17 Prozent geben an, dass dies tatsächlich der Fall ist.

„Jungs wiederum erleben häufig erst in der Praxis, dass es auch ihrem Typ entsprechen kann, lieber mit Menschen als mit Maschinen zu arbeiten und sie eigentlich gerne einen Job in der Altenpflege oder Kindererziehung ergreifen möchten“, sagt Heidi Holzhauser. Sie betont, wie wichtig deshalb eine von Rollenklischees unabhängige Berufs- und Studienwahl ist, die sich an den individuellen Fähigkeiten und Interessen orientiert – und zwar von Anfang an: „Die Entstereotypisierung muss schon im Kindergarten beginnen. In den Schulen brauchen wir eine bessere gendersensible Qualifizierung der Lehrerinnen und Lehrer.“ Denn auch die Erzieherinnen und Erzieher sowie die Lehrkräfte tragen oft – unbewusst – dazu bei, dass Rollenklischees weitergetragen und nicht abgebaut werden.

Geschlechtertypisches Verhalten ist erlernt

Ein Porträt-Foto von Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm

Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm

Foto: Privat

Was ist dran an den Rollenklischees? „Vieles, was wir als typisch weiblich oder typisch männlich bezeichnen, hängt ausschließlich davon ab, wie wir es wahrnehmen und bewerten – sprich, in welche Schublade wir jemanden stecken“, erklärt Professorin Dr. Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Das kann man leicht an einem Beispiel verdeutlichen: Während Frauen als sensibel gelten, wird dasselbe Verhalten bei Männern schnell als weinerlich oder zu zartbesaitet bezeichnet, was einen negativen Beigeschmack hat. Häufig sei in diesen Stereotypen zwar ein Funken Wahrheit enthalten, sie seien jedoch völlig überzogen. „Natürlich gibt es biologische Geschlechtsunterschiede und unterschiedliche Hormonausprägungen haben zum Beispiel Einfluss auf das Verhalten. Dieser Einfluss ist aber weit geringer als häufig angenommen. Außerdem sind Geschlechtsunterschiede in Denken, Handeln und Emotionen generell kleiner als stereotypisch vermutet.“

Geschlechtstypisches Verhalten ist meist erlernt. Also etwas, das sich Jungen und Mädchen bei den Erwachsenen abschauen. Eltern und das eigene Umfeld spielen daher eine sehr wichtige Rolle bei der Berufsorientierung. „Wenn Mädchen schon früh mit Frauen in Kontakt kommen, die einen eher ungewöhnlichen Beruf wie Pilotin, Ingenieurin oder Elektronikerin haben, ist es für sie selbstverständlicher, dass sie diesen Beruf auch ausüben können“, erklärt Jennifer Reker. Gleiches gilt für Jungen, die ihre Väter als Sozialarbeiter, Erzieher oder Pflegekräfte erleben. Es ist kein Zufall, dass Berufsorientierungstage wie der Girls’Day und der Boys‘Day bereits in der fünften Klasse stattfinden. „Je jünger die Jungen und Mädchen sind, desto unvoreingenommener und offener sind sie.“

Zwar hat die Strahlkraft überholter Rollenbilder nachgelassen. „Doch auch wenn sie nicht mehr im Vordergrund stehen, sind sie noch immer fest in den Köpfen verankert. Das zeigt sich vor allem daran, dass es immer noch etwas Besonderes ist, wenn Frau Chefingenieurin bei einem Autohersteller ist oder ein DAX-Unternehmen anführt“, sagt Jennifer Reker.

Spaß am Beruf geht vor

Jedoch tut sich etwas, wenn auch langsam. Auch wenn überholte Rollenbilder nach wie vor die Berufswahl beeinflussen, haben sich die Prioritäten verschoben: Die aktuelle Shell-Jugendstudie belegt, dass Jungen und Mädchen heute neben Arbeitsplatzsicherheit vor allem Spaß am Beruf und Flexibilität wichtig sind. „Es hat einen Einstellungswandel gegeben. Leider gilt das häufig noch nicht für die Erwartungen, die das persönliche, soziale und mediale Umfeld an junge Menschen stellt. Hier sind viele nach wie vor traditionell geprägt. Daran muss noch sehr stark gearbeitet werden“, betont Heidi Holzhauser.

Eine besondere Rolle spielen dabei die Eltern. „Für viele Väter ist es noch immer besonders wichtig, dass ihre Söhne auf guten Verdienst, Aufstiegsmöglichkeiten und Ansehen im Beruf achten. Und Mütter betonen gerne den Aspekt der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihrer Töchter“, schildert die Expertin. „Entscheidet sich ein Mädchen für ein Ingenieurstudium, kommt häufig noch immer die Frage: Hast du dir das gut überlegt? Meinst du, die Firma wird dir entgegenkommen, wenn du Mutter wirst?“.

Guter Verdienst und Vereinbarkeit für beide Geschlechter wichtig

Solche Signale führen dazu, dass nach wie vor viele junge Männer glauben, sie seien für die finanzielle Absicherung ihrer Familie zuständig, und Frauen wiederum ihren wichtigsten Part in der Familienarbeit sehen. Wobei auch für Frauen guter Verdienst und Aufstiegsmöglichkeiten eine Rolle spielen – und für Männer die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zunehmend an Bedeutung gewinnt. Soll hier eine Veränderung stattfinden, sind auch der Staat und die Unternehmen gefragt: „Bedarfsgerechte Kinderbetreuungsmöglichkeiten und eine familienorientierte Personalpolitik, die Frauen und Männern flexible Ausbildungs- und Arbeitszeitmodelle ermöglichen, werden die Berufswahlprozesse im Sinne einer zukunftsfähigen Gesellschaft und Wirtschaft positiv beeinflussen“, ist Heidi Holzhauser sicher.

„Wir haben eine Kanzlerin, wir haben eine Verteidigungsministerin und eine Arbeitsministerin – das ist schon ziemlich gut“, führt Jennifer Reker aus. „Es gibt mittlerweile wie selbstverständlich Busfahrerinnen, Pilotinnen und Polizistinnen genauso wie männliche Erzieher, Sozialarbeiter sowie Alten- und Pflegekräfte. Es ist noch gar nicht lange her, da war das noch außergewöhnlich. Wir sind auf einem guten Weg.“ Weitermachen und durchhalten – so laute die Devise. „Jeder kann alles werden – unabhängig vom Geschlecht.“

abi>> 25.02.2016