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„Nicht durch das Geschlecht einschränken lassen“

Junger Mann macht Wäsche
Mehr Gleichberechtigung auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Immer mehr Männer gehen in Elternzeit.
Foto: Martin Rehm

Gender Shift

„Nicht durch das Geschlecht einschränken lassen“

Der „Gender Shift“ – also der Wandel der sozialen Geschlechterrollen – ist ein Megatrend, der Lebens- und Arbeitswelten verändert, sagt das Zukunftsinstitut, das im Sommer 2015 eine Publikation dazu veröffentlicht hat. Verena Muntschick, eine der Autorinnen dieser Studie, steht abi» Rede und Antwort.

abi>> Frau Muntschick, was steckt hinter dem „Gender Shift“?

Verena Muntschick: Früher hing es in starkem Maße vom Geschlecht ab, welchen Beruf man wählt, welche Karrierewege einem offen stehen, welches Verhalten man in einem Unternehmen an den Tag legt und auf welche Hierarchien man dort stößt. Das wird nach wie vor daran deutlich, dass es einen geschlechtsspezifischen Lohnunterschied gibt und vergleichsweise wenige Frauen in Führungspositionen anzutreffen sind. Das Geschlecht – genauer gesagt die sozialen Rollen, die damit verbunden werden – verlieren aber an Relevanz.

abi>> Woran wird deutlich, dass Geschlechterrollen heute weniger Bedeutung haben als einst?

Ein Porträt-Foto von Verena Muntschick

Verena Muntschick

Foto: Janna Degener

Verena Muntschick: Das lässt sich ganz einfach im Alltag beobachten: Wer wem die Tür aufhält, war früher durch Geschlechterrollen geregelt, spielt heute aber kaum noch eine Rolle. Manchen Menschen ist das zwar nach wie vor wichtig, viele sagen aber auch: „Ob ich ein Mann oder eine Frau bin, ist für mich nicht alltagsrelevant. Ich empfinde mich wie jeder und jede andere auch einfach nur als Individuum und möchte mich nicht durch mein Geschlecht einschränken lassen.“ Auch in Paarstrukturen zeigt sich die Entwicklung: Früher war im Grunde klar geregelt, dass der Mann nach der Geburt eines Kindes weiter arbeiten geht, während sich die Frau um Kinder und Haushalt kümmert. Diese Rollenverteilung wird aufgebrochen. Heute nehmen sich viele Frauen die Freiheit, weiterhin ihrem Beruf nachzugehen. Und viele Männer wollen gerne zu Hause bleiben.

abi>> Wodurch wurde und wird die Bedeutung von Geschlechterrollen aufgebrochen?

Verena Muntschick: Es war vor allem die Emanzipationsbewegung der Frauen, die diese Entwicklung seit den 1960er- und 70er-Jahren angestoßen hat. Damals haben Frauen Dinge eingefordert, die bis dahin nur Männer durften. Denn sie empfanden ihre soziale Rolle als Einschränkung ihres Lebens. Sahen sich Männer dadurch anfangs bedroht, erkennen mittlerweile auch sie ihren Vorteil darin, dass die Geschlechter gleichberechtigt behandelt werden: Wenn ihr Arbeitgeber zum Beispiel akzeptiert, dass sie in Elternzeit gehen und danach in Teilzeit arbeiten, dann haben sie eine größere Wahlfreiheit. Viele Männer und Frauen wollen genau diese Wahlfreiheit – unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer sozialen Stellung. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Megatrend Individualisierung.

abi>> Wie reagieren Politik und Wirtschaft?

Verena Muntschick: Gerade die Politik, aber auch die Unternehmen, haben den Auftrag, die Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Bedürfnisse zu gestalten. Sie sollten gesellschaftliche Trends erkennen und den Menschen entsprechende Strukturen anbieten. Deshalb denkt die Politik etwa darüber nach, ob die Ehe auch für andere Lebensentwürfe geöffnet werden soll, damit jeder so leben kann, wie er möchte – nämlich ohne eine bestimmte Rollenvorgabe und ohne Diskriminierung. Und bei den Unternehmen entsteht eine Sensibilität für das gesamte Thema: In Start-ups passiert sowieso viel, weil die Hierarchien von Anfang an flach sind. Und viele große Unternehmen haben Diversity-Konzepte entwickelt, was der erste Schritt dahin ist, dass eine Person beziehungsweise ein Bewerber gar nicht mehr nach dem Geschlecht beurteilt wird. IBM zum Beispiel ist kürzlich sogar als besonders transsexuellen-freundlich ausgezeichnet worden.

abi>> Was bedeutet das für junge Frauen und Männer, die sich beruflich orientieren?

Verena Muntschick: Sie können damit rechnen, dass sie in den Unternehmen heute nicht mehr auf so starre Strukturen stoßen wie vielleicht noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Vielerorts ist es bereits selbstverständlich, dass kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Bewerbern gemacht wird. Junge Menschen, die sich ins Arbeitsleben begeben, können ihre individuellen Wünsche heute selbstbewusst äußern und im Grunde auf die Akzeptanz des Arbeitgebers bauen.

abi>> 25.02.2016