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„Da ist noch viel Luft nach oben“

Ein Porträt-Foto von Manuela Schwesig
Manuela Schwesig
Foto: Bundesregierung/Denzel

Interview mit Manuela Schwesig

„Da ist noch viel Luft nach oben“

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das geht Frauen an, aber genauso Männer. abi» sprach mit Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig über Gleichberechtigung im Berufsleben – und zu Hause.

abi>> Frau Schwesig, glauben Sie, dass Frauen es heute noch immer schwerer haben als Männer, in eine führende Position zu gelangen beziehungsweise Karriere zu machen?

Manuela Schwesig: In den größten deutschen Unternehmen ist noch immer nur ein Fünftel der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt. Von Chancengleichheit sind wir leider noch weit entfernt. Hier müssen wir gegensteuern. Seit 1. Mai 2015 ist das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in Kraft. Ich bin überzeugt, dass es einen Kulturwandel in der Arbeitswelt einleiten wird. Klar ist doch: Wenn es an der Spitze eines Unternehmens keine Gleichberechtigung gibt, wird es auch auf den übrigen Ebenen nicht gleichberechtigt zugehen. In den Führungsetagen müssen mehr Frauen vertreten sein. Die Frauenquote in Aufsichtsräten kann da nur der erste Schritt sein. Da ist noch viel Luft nach oben.

abi>> Wie weit sind wir, wenn es um die Chancengleichheit im Berufsleben, in Studium und Ausbildung geht?

Manuela Schwesig: Obwohl das Grundgesetz die Gleichberechtigung von Männern und Frauen garantiert, erleben viele Frauen, dass sie für gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden und dass sie die meisten Nachteile haben, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Zwar stellen Mädchen heute mehr als die Hälfte der Abiturienten, und auch bei den Hochschulabsolventen liegt der Anteil der Frauen bei über 50 Prozent – doch in den Führungsetagen sind Frauen weiterhin eine absolute Minderheit. Kein Wunder also, dass drei Viertel der Frauen die Arbeitswelt als ungerecht empfinden. Das müssen wir ändern, auch im Interesse der Wirtschaft.

abi>> Welche Aspekte könnten dabei konkret eine Rolle spielen?

Manuela Schwesig: Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann es nicht nur darum gehen, Vollzeit arbeitende Frauen zu haben, die zusätzlich noch alle anderen Aufgaben alleine bewältigen müssen: Haushalt, Kinder, Pflege der Eltern. Wir brauchen einen fairen Ausgleich: Wenn die Männer von ihrer Vollzeit ein bisschen runtergehen können, haben sie mehr Zeit für die Familie, können die Frauen entlasten – und die können dann wieder stärker in ihren Beruf einsteigen.

abi>> Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen im Gesamtdurchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Wer ist gefordert, damit dieses Gehaltsgefälle in Zukunft schwindet?

Manuela Schwesig: Grundsätzlich sind hier alle gefragt, und nicht zuletzt der Staat. Er kann sich nicht raushalten, wenn Frauen in allen Bereichen generell weniger verdienen als Männer. Deshalb habe ich ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit auf den Weg gebracht, das die ungerechten Gehaltsstrukturen sichtbar macht. Für die Lohnlücke gibt es verschiedene Ursachen. Zum Beispiel arbeiten Frauen eher in Teilzeit – meistens ungewollt – und bei Frauen hängt eher immer noch die Herausforderung, Zeit zu finden für die Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Aber selbst wenn man all das nicht mitrechnet, bleiben immer noch sieben, acht Prozent Lohnunterschied, für die es keine nachvollziehbare Erklärung gibt. Das Gesetz soll dafür sorgen, dass es mehr Transparenz gibt, dass man nachfragen kann: Warum bin ich eigentlich so eingestuft?

abi>> Was antworten Sie, wenn Ihnen als erfolgreiche Frau die Frage gestellt wird: Sie sind verheiratet und haben einen Sohn. Wie schaffen Sie es, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen?

Manuela Schwesig: Ich frage dann, warum nicht auch Männern diese Frage nach der Vereinbarkeit gestellt wird. Denn das ist oft nicht der Fall. Ein Kind hat Mutter und Vater. Selbst wenn das in der Männerwelt noch nicht selbstverständlich ist, gibt es immer mehr moderne Väter, denen Zeit mit der Familie wichtig ist. Mein Mann und ich erleben den ganz normalen Wahnsinn, den viele Familien aus ihrem Alltag kennen. Man möchte seinen Job gut machen und gleichzeitig auch genug Zeit für seine Familie haben. Da die Balance zu halten, ist nicht immer leicht. Aber es gelingt uns ganz gut, weil mein Mann und ich uns die Erziehungs- und die Hausarbeit partnerschaftlich teilen. Im März erwarte ich unser zweites Kind. Nach dem Mutterschutz wird mein Mann ein Jahr in Elternzeit gehen.

abi>> Sehen Sie hier eine Veränderung bei den alten Rollenstrukturen?

Manuela Schwesig: Er ist da längst keine Ausnahme mehr. Gerade bei den jungen Vätern hat sich in den letzten Jahren einiges bewegt: Sie beteiligen sich deutlich stärker als die eigene Vätergeneration an der Erziehung und Betreuung und wünschen sich mehr Zeit für die Familie. Und die Mütter kehren nach der Geburt eines Kindes schneller und mit mehr Stunden wieder in den Beruf zurück. Das ist gut und wichtig, damit sie auch langfristig berufliche Chancen haben und sich finanziell absichern können.

abi>> Im Jahr 2013 lag die durchschnittliche Kinderzahl bei 1,42 pro Frau. Was kann die Politik dafür tun, dass sich der „Spagat“ zwischen Brotverdienen und Familienplanung künftig besser bewältigen lässt?

Manuela Schwesig: Politik kann diesen Spagat nicht auflösen – aber sie kann die Situation für die Familien leichter machen. Immerhin ist die Geburtenrate 2014 erstmals seit der Wiedervereinigung wieder gestiegen. Ein positives Zeichen. Aber natürlich sehe ich meine Aufgabe weiter darin, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, und Familien darin zu unterstützen, ihr Leben so gestalten zu können, wie sie es sich wünschen.

abi>> Was ist dazu notwendig?

Manuela Schwesig: Erste Schritte haben wir getan durch das neue ElterngeldPlus und dass wir dran bleiben beim Ausbau der Kinderbetreuung. Wir wissen durch eine große wissenschaftliche Untersuchung, die mein Haus durchgeführt hat, dass die einzige Maßnahme, die messbar die Geburtenrate steigert, der Ausbau der Kinderbetreuung ist. Deshalb ist es gut, dass wir diese Infrastrukturen weiter ausbauen. Doch auch die Unternehmen stehen in der Verantwortung. Wenn die Arbeitswelt familienfreundlicher wäre, würden sich mehr junge Männer und Frauen für Kinder entscheiden. Ich halte an meiner Idee der Familienarbeitszeit fest: Es muss möglich sein, dass beide Partner statt 40 Stunden plus X für eine bestimmte Zeit auch 32 oder 35 Stunden in der Woche arbeiten können – und zwar ohne gleich massive Nachteile im Job zu bekommen.

abi>> Welche Ratschläge möchten Sie gerne jungen Frauen und Männern mit auf den Weg geben, die heute über ihre berufliche Zukunft entscheiden?

Manuela Schwesig: Lassen Sie sich nicht verunsichern, wenn Sie beides wollen! Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, ist zwar manchmal anstrengend, aber vieles ist schon möglich. Vor allem den Vätern und solchen, die es werden wollen, rate ich, die Vereinbarkeitsmöglichkeiten, die es jetzt schon gibt, in Anspruch zu nehmen.

abi>> 25.02.2016