Anker lichten und Ausguck besetzen
Knarrende Planken, winkende Matrosen, weinende Frauen am Kai: Berufe auf See standen lange für Sehnsucht und Romantik. Heute bieten die schwimmenden Arbeitsplätze vor allem High Technology und beste Perspektiven. Susann Marohl, Berufsberaterin für Seeschifffahrt in Hamburg, skizziert mögliche Wege.
Susann Marohl ist als Funkoffizierin zur See gefahren und arbeitet jetzt als Berufsberaterin für Seeschifffahrt.
Foto: Privat
Es ist eine geschichtsträchtige wie zukunftsweisende Branche. Immer noch wird der Warenverkehr zwischen den Kontinenten größtenteils über die Weltmeere abgewickelt. „Seeleute werden gezielt gesucht, zumal in den nächsten Jahren viele Offiziere in Rente gehen. Insgesamt bieten sich hier gute Beschäftigungsaussichten und exzellente Karrierechancen“, erläutert Susann Marohl, die weiß, wovon sie spricht. Sie ist selbst als Funkoffizierin zur See gefahren und leitet heute die Zentrale Heuerstelle bei der Arbeitsagentur Hamburg. Neben der Fachvermittlung von Seeleuten gehört die Berufsberatung für Seeschifffahrt zu ihren täglichen Aufgaben.
Nautik und Schiffsbetriebstechnik
„Offizier oder Kapitän“, lautet ein Berufswunsch vieler Interessenten. Doch bei den Offizieren gibt es wesentliche Unterschiede: Während Nautiker auf der Brücke stehen, arbeiten Techniker vor allem im Maschinenraum. „Wer noch nicht sicher ist, wohin die Reise langfristig gehen soll, kann sich zunächst für eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker entscheiden“, schlägt Susann Marohl vor. „Sie gewährt Einblicke in alle Bereiche und bildet den Grundstein für viele Karrierewege an Bord.“
Schiffsmechaniker ist ein metallverarbeitender Beruf. Die Azubis erlernen Fertigkeiten wie Gewindeschneiden und Schweißen. Sie stehen aber auch am Ruder, gehen Brückenwache mit dem Nautiker, arbeiten mit Leinen, Ankergeschirr und Winden. Sie erwerben technisches Know-how über die Wartung und Instandhaltung der Maschinenanlage, aber auch nautisches Grundwissen wie Positionslichterführung und Betonnung, also den Einsatz von Tonnen in verschiedenen Farben und Formen als Seezeichen. „Nach dem Abschluss stehen den Azubis beide Bereiche offen: Sie können ein nautisches Offizierspatent (Befähigungsnachweis) erwerben und schließlich Kapitän werden. Oder sie streben ein technisches Patent an, gehen als Technischer Wachoffizier in die Schiffsbetriebstechnik und können sich so bis zum Leiter der Maschinenanlage qualifizieren“, erklärt die Berufsberaterin. (siehe Hintergrundkasten: Karrierewege auf See)
Fachschule oder Fachhochschule?
Eine Alternative zum Schiffsmechaniker ist die bundesweit einheitlich geregelte fachpraktische Ausbildung zum Nautischen oder Technischen Offiziersassistenten. Im Anschluss daran kann ebenfalls das jeweilige Offizierspatent – nautisch oder technisch – erworben werden, das stets eine gewisse Praxiszeit auf See voraussetzt. Viele Interessierte sammeln diese Seefahrtszeit während einer Ausbildung – und schließen dann ein Studium an. „Wer sich für den Weg des Offiziersassistenten entscheidet, legt sich jedoch von Anfang an auf den gewählten Bereich fest. Man ist und bleibt auf der Brücke beziehungsweise im Maschinenraum“, sagt Susann Marohl.
Voraussetzung für das jeweilige Offizierspatent ist der Besuch einer weiterführenden Fachschule oder Fachhochschule (FH). Bei einer Fachschule winkt das Patent zwar bereits nach zwei Jahren, während die Fachhochschule mindestens drei Jahre in Anspruch nimmt. „Aber dafür hat man nach der FH einen höherwertigen Studienabschluss“, gibt die Expertin zu bedenken. „Manche Reedereien legen Wert darauf, dass Nautiker ihr Patent an einer Fachhochschule erworben haben. Manche sagen auch: Wer bei uns als Kapitän ganz oben stehen will, sollte den Job von der Pike auf gelernt haben.“ Und das bedeutet wiederum: Zuerst eine Ausbildung als Schiffsmechaniker.
Studium plus Praxissemester
Interessierte haben auch die Möglichkeit, gleich nach dem Abi mit einem Studium ihren See-Karriereweg einzuschlagen – stets mit den beiden Optionen Nautik oder Technik. Der Studiengang Nautik dauert zum Beispiel acht Semester. Davon sind zwei Praxissemester an Bord Pflicht: Ohne Fahrtzeit kein Patent. Die Nautiker steigen dann als Schiffsoffiziere ins Berufsleben ein und müssen – um schließlich zum Ersten Wachoffizier oder Kapitän aufzusteigen – weitere Seefahrtszeiten sammeln. Für ein Studium der Schiffsbetriebstechnik – mit dem Ziel einer Karriere als Technischer Wachoffizier – ist dagegen eine praktische Ausbildung oder ein Technisches Vorpraktikum in metallverarbeitenden Berufen Voraussetzung.
Eine reine Männerdomäne ist die Seefahrt übrigens schon lange nicht mehr. Heute arbeiten viele Frauen erfolgreich als Schiffsmechanikerinnen, Nautische und Technische Offizierinnen oder Kapitäninnen.

