Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

„Es war mein Traum, meine Kreativität weiterzuentwickeln“

Eine junge Frau arbeitet an einer Holzskulptur.
Kunst studieren, auch ohne Abitur? Eine vorherige Ausbildung, Berufserfahrung oder eine besondere Begabung können hierfür den Zugang ernöglichen.
Foto: Philipp Guelland

Wege ins Studium ohne Abitur: Reportage

„Es war mein Traum, meine Kreativität weiterzuentwickeln“

Nach seiner Ausbildung zum Holzbildhauer wollte Martin Pöll (26) unbedingt Bildhauerei studieren – auch ohne Abitur. Jetzt steht er kurz vor seinem Abschluss. Für das Berufsleben als selbstständiger Künstler fühlt er sich bereit.

„Ich bin eher der praktische Typ“, beschreibt Martin Pöll sich selbst. So begann er nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Holzbildhauer. Als er diese 2011 abschloss, wollte der gebürtige Südtiroler den Meisterabschluss erwerben. Dafür hätte er zwei Jahre Berufspraxis benötigt, doch sein Ausbildungsbetrieb meldete Konkurs an – sein Ziel geriet ins Wanken.

Ein Porträtbild von Martin Pöll

Martin Pöll

Foto: Benjamin Pfitscher

„Mein Traum war es, neben der Bildhauerei noch ein weiteres Umfeld kennenzulernen, um meine Kreativität weiterzuentwickeln“, erinnert sich der heute 26-Jährige. Noch während der Ausbildung informierte sich Martin Pöll daher bei Klassenkameraden, Lehrkräften und im Internet über weitere Möglichkeiten. Dabei stieß er darauf, auch ohne Abitur Kunst studieren zu können.

Zugang über eine Zulassungsprüfung

Er entschied sich für eine Bewerbung auf den Diplomstudiengang Freie Kunst, Schwerpunkt Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Dort müssen Studieninteressierte entweder eine formelle Hochschulzugangsberechtigung oder eine vergleichbare berufliche Vorbildung nachweisen.

Ohne Abi führt der Weg entweder über die Begabtenprüfung, in der die Hochschule eine besondere künstlerische Begabung und hinreichende Allgemeinbildung beim Bewerber attestiert, oder über eine Zulassungsprüfung. Martin Pöll nahm an der Zulassungsprüfung teil. Dazu musste er – wie auch die Bewerber mit Abitur – eine Kunstmappe und eine kleine praktische Arbeit einreichen, wofür er eine Skulptur anfertigte. Daraufhin wurde er zur mündlichen Prüfung eingeladen – einem Gespräch, bei dem es um künstlerisch-fachliche Fragen ging. Auch diese Hürde nahm er.

Vorteil durch praktische Erfahrung

Doch „der Anfang war nicht einfach“, räumt er ein. Zum Beispiel fehlte ihm manches Mal das Allgemeinwissen, das seine Kommilitonen mit Abitur bereits mitbrachten. Dafür konnte er dank seines handwerklichen Geschicks von Anfang an mit den Maschinen sehr gut umgehen, an denen die Studierenden für ihre Projekte arbeiteten. „Und da ich schon vor dem Studium einige Aufträge privat abgewickelt hatte, war ich kontinuierliches Arbeiten gewohnt und in der Lage, ein Projekt praktisch umzusetzen“, erzählt Martin Pöll.

Das freie Arbeiten als Kunststudierender war für ihn nach dem vorher gewohnten, durchstrukturierten Schulsystem „ein Sprung ins kalte Wasser“. Zu den Inhalten seines Studiums gehörten „einige Kurse und Prüfungen, zum Beispiel am Anfang ein Malkurs“. Ansonsten setzten die Studierenden eigene Projekte um. Im zweiten Semester stand eine Zwischenprüfung an, vom fünften bis zum siebten Semester absolvierte er das Vordiplom. Etwa alle zwei Monate stellte er seinem Professor den aktuellen Stand seiner Arbeiten vor. Der 26-Jährige lernte im Studium außerdem, eine Homepage zu gestalten, mit Programmen für Bildbearbeitung umzugehen und ein eigenes Portfolio zusammenzustellen. Auch ein Auslandssemester in Island brachte ihn fachlich weiter.

Mehr Möglichkeiten dank Studium

Nun hat er sein neuntes und damit letztes Semester erreicht und die mündliche Prüfung bereits erfolgreich gemeistert. Für den praktischen Teil seines Diplomabschlusses wird er eine Einzelausstellung vorbereiten, bei der Jurymitglieder mit ihm über seine Arbeiten diskutieren werden.

Seine Bilanz zum Studium ohne Abitur fällt positiv aus: „Es hat mich sehr weitergebracht. Ich habe gemerkt, wo meine Stärken liegen, weil wir Studierenden frei arbeiten konnten und viele Möglichkeiten hatten, die Werkstätten zu nutzen.“ Außerdem könnte er sich künstlerisch nun besser verständigen, versteht die Fachsprache der Kunstbranche und hat gelernt, sich darin auszudrücken.

Mut gefasst für die Selbstständigkeit

Während seiner Ausbildung hatte Martin Pöll keine Gelegenheit, mit verschiedenen Materialien oder Maschinen zu arbeiten: „Ich habe immer nur Kundenwünsche realisiert.“ Durch das Studium konnte er eigene künstlerische Ziele verfolgen. Das hat ihn in seinem Wunsch bestärkt, sich als Künstler selbstständig zu machen. „Ich habe im Studium an verschiedenen Projekten gearbeitet, bin auf diverse Probleme gestoßen und habe diese eigenständig gelöst. Außerdem habe ich mir durch Auftragsarbeiten das Studium selbst finanziert, kann also mit Geld umgehen.“

abi>> 07.04.2017