Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

Studieren probieren

Junge Frau hält Kompass vor ihrem Gesicht.
Orientierungssemester sollen Studieninteressierten als Entscheidungshilfe dienen.
Foto: Martin Rehm

Orientierungssemester

Studieren probieren

Viele Abiturienten fragen sich, was sie studieren sollen. Die immense Auswahl an Hochschulen und Studiengängen sorgt mitunter für Verunsicherung. Nicht jeder schafft es unter diesen Voraussetzungen, eine fundierte Studienwahl zu treffen. Helfen und ans Studium heranführen sollen spezielle Orientierungsangebote.

Für Zora Marks begann alles mit einer Zeitungsanzeige. Darin lud die Universität Witten/Herdecke zum Tag der offenen Tür, an dem auch das Orientierungsstudium Kultur und Gesellschaft vorgestellt wurde. Nichts wie hin, dachte die 17-Jährige. „Ich war sofort begeistert vom breiten Spektrum des Angebots“, erinnert sie sich. Seit Oktober 2015 geht die Abiturientin unter dem Motto „Sei Student für zwei Semester“ mit den Fachgebieten Philosophie, Kunst, Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften auf Tuchfühlung. Aus rund 100 Lehrveranstaltungen pro Semester können die maximal 25 Teilnehmer wählen. Hinzu kommen künstlerische Projekte, Blockseminare am Wochenende und spezielle Zusatzseminare, in denen Experten aus der Berufspraxis zum Beispiel einen Überblick über Beschäftigungsmöglichkeiten und Tipps für den Berufseinstieg geben.

Das Orientierungsstudium, das sich an Studieninteressierte mit Hochschulzugangsberechtigung richtet und mit einem Zertifikat abschließt, kostet monatlich 200 Euro. Die Kosten setzen sich aus dem NRW-Semesterticket und dem an der Uni üblichen Sozialbeitrag zusammen. „Ich bin der Meinung, dass sich die Investition lohnt“, sagt Zora Marks, die von ihren Eltern finanziell unterstützt wird. „Ich kann in den nächsten Monaten die einzelnen Fakultäten und Studiengänge kennenlernen und so am Ende hoffentlich eine fundierte Studienwahl treffen. Schon jetzt nehme ich viele Einblicke in den Unialltag, was mir beim Einstieg ins reguläre Studium helfen wird.“ Zudem kann sie im Orientierungsstudium Leistungsnachweise erwerben, die in einem späteren Studium an der Uni Witten/Herdecke angerechnet werden können – und gegebenenfalls auch an anderen Hochschulen.

Studienabbruch entgegenwirken

So wie Zora Marks geht es vielen Abiturienten. Infoveranstaltungen oder die Studienberatung der Hochschulen können nicht immer Klarheit schaffen. Dann wird ein Studienfach gewählt, das den persönlichen Neigungen und Fähigkeiten nicht entspricht und bei dem Vorstellung und Realität auseinanderklaffen. Laut dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) bricht fast ein Drittel der Studierenden an Universitäten das Studium ab; an den Fachhochschulen ist es etwa jeder Vierte (Stand: 2012).

Ein Studienabbruch ist zwar kein Weltuntergang, bedeutet aber verlorene Zeit und kostet Geld. Daher haben immer mehr Hochschulen der hohen Abbruchrate den Kampf angesagt. Ihre „Waffen“: spezielle Orientierungsangebote, die Studieninteressierten als Entscheidungshilfe dienen und sie optimal auf das anspruchsvolle Hochschulleben vorbereiten sollen. (Lies hierzu das Interview „Erst orientieren, dann studieren“)

Studium generale: überfachlich und interdisziplinär

So können Abiturienten zwischen Schule und regulärem Studium ein Orientierungsstudium absolvieren. Das bedeutet, sie schnuppern ein oder zwei Semester in verschiedene Fachgebiete, um sich auszuprobieren und ihren Weg zu finden. Diese Orientierungsangebote sind meist interdisziplinär ausgerichtet und ermöglichen es den Teilnehmern, ihren Horizont zu erweitern und sich im wissenschaftlichen Arbeiten zu erproben. Bekannt sind sie unter dem Schlagwort „Studium generale“.

Zwischen den Angeboten bestehen aber durchaus Unterschiede. So gibt es solche, die in das Studium einbezogen werden und an einer Hochschule angesiedelt sind, wie das Orientierungsstudium Kultur und Gesellschaft an der Universität Witten/Herdecke. Teilweise ist die Teilnahme sogar verpflichtend: Am Leuphana College der Universität Lüneburg etwa absolvieren alle Studienanfänger zunächst das Leuphana Semester, bevor es fachlich ans Eingemachte geht.

Grundfertigkeiten erwerben

Andere Orientierungssemester wiederum werden nicht von Hochschulen angeboten. Dazu gehören unter anderem das Studium generale am Leibniz Kolleg in Tübingen (Lies hierzu „Selbstbedienung am Fächer-Büfett“, verlinkt wird auf den Text), am Aicher-Scholl-Kolleg in Ulm (Lies hierzu „Probieren geht über Studieren“) oder am Salem Kolleg in Überlingen am Bodensee. Jedoch arbeiten die Träger in der Regel eng mit Hochschulen zusammen. „Das Angebot ist so aufgebaut, dass Grundfertigkeiten zusammen mit der Orientierung – durch das Arbeiten in ganz verschiedenen Fächern – miteinander verzahnt erworben werden. Durch das soziale Umfeld findet zudem eine Reifung der Persönlichkeit statt“, erklärt Michael Behal, Leiter des Leibniz Kollegs.

Besonders viele Studienabbrecher gibt es im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Daher bieten einige Hochschulen speziell darauf zugeschnittene Orientierungssemester an, wie etwa die Technische Universität München mit dem „Studium naturale“ (Lies hierzu „Auf naturwissenschaftlichem Schnupperkurs“) und dem „Studium MINT“. Ein weiteres Beispiel ist „MINT grün“ an der Technischen Universität Berlin.

Nicht zu verwechseln mit Vor- und Komplementärkursen

Orientierungssemester finden nach dem Abitur statt. Darin unterscheiden sie sich von Angeboten, die Studieninteressierte bereits während der Schulzeit wahrnehmen können. Hierzu zählen zum Beispiel das Schnupper- und das Früh- beziehungsweise Juniorstudium. In beiden Fällen nehmen Schüler an ausgewählten Lehrveranstaltungen teil. Beim Frühstudium, das sich an besonders leistungsstarke Schüler richtet, können erbrachte Leistungen gegebenenfalls in einem späteren Studium angerechnet werden, was beim Schnupperstudium nicht der Fall ist.

Nicht zu verwechseln sind Orientierungssemester darüber hinaus mit Vor- beziehungsweise Brückenkursen oder Komplementärveranstaltungen. Vor- und Brückenkurse richten sich an alle, die sich bereits für einen Studiengang entschieden haben und vor Studienbeginn auf den für das Studium erforderlichen Wissensstand gelangen wollen. Häufig werden solche mehrwöchigen Intensivkurse in Mathe angeboten, zum Beispiel für angehende Ingenieure oder Betriebswirte. Komplementärkurse wiederum finden im ersten Semester parallel zu den regulären Vorlesungen statt und helfen ebenfalls dabei, Wissenslücken zu schließen. Ein Beispiel ist MathePlus an der Ruhr-Universität Bochum: In Kleingruppen haben angehende Ingenieure die Möglichkeit, den Stoff aus den Vorlesungen nachzuarbeiten und Aufgaben zu lösen.

Was kostet ein Orientierungssemester?

Wer sich für ein Orientierungssemester interessiert, sollte sich frühzeitig einen Überblick über die Angebote verschaffen, das passende auswählen und sich mit dem Aufnahmeverfahren auseinandersetzen. Natürlich spielt auch die Frage nach der Finanzierung eine Rolle. Hochschulunabhängige Angebote sind nicht selten mit hohen Kosten verbunden; am Leibniz Kolleg werden etwa 4.900 Euro für das Studienjahr fällig. An den Hochschulen variieren die Gebühren. Eine Förderung nach dem BAföG ist nur möglich, wenn das Orientierungssemester als Hochschulsemester angerechnet wird.

Um die Chancen auf ein erfolgreiches Studium zu erhöhen, sind die Orientierungsangebote gerade für Unentschlossene eine feine Sache. „Ich bin mir sicher, dass sich die Abbruchrate so senken lässt. Auf unsere Absolventen trifft das zu“, sagt Michael Behal.

Hinweis

Der Begriff "Studium generale" wird nicht ausschließlich für Orientierungsangebote verwendet. Ursprünglich sind damit Hochschulveranstaltungen und -vorträge zu verschiedenen Themen gemeint, die Hörern aller Fakultäten offen stehen und das Ziel verfolgen, die Allgemeinbildung zu fördern.

 

Weitere Informationen

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im Finder nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen und die Ergebnisse nach deinen Wünschen filtern.
www.studienwahl.de

Orientierungssemester im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich

Studium naturale der Technischen Universität München www.studiumnaturale.wzw.tum.de

Orientierungssemester im MINT-Bereich

„MINT grün“ der Technischen Universität Berlin
www.mintgruen.tu-berlin.de

„Studium MINT“ der Technischen Universität München www.tum.de/studium/studienangebot/studium-mint

Studium generale

Leibniz Kolleg
www.leibniz-kolleg.uni-tuebingen.de

Aicher-Scholl-Kolleg
www.ask-ulm.de

Salem Kolleg
www.salemkolleg.de/studium-generale.html

Leuphana Semester am Leuphana College der Universität Lüneburg www.leuphana.de/college/studienmodell/leuphana-semester.html

Orientierungsstudium Kultur und Gesellschaft an der Universität Witten/Herdecke
www.uni-wh.de/kultur/studiengaenge/orientierungsstudium-kultur-und-gesellschaft

Orientierungssemester für Schüler/innen an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
www.uni-oldenburg.de/c3l/gasthoerstudium/orientierungssemester-fuer-schueler-innen

abi>> 01.02.2016